Interview: Hintergründe zum Hypercar-Projekt von Isotta Fraschini

Claudio Berro, Leiter des LMH-Programms von Isotta Fraschini, spricht ausführlich über das geplante Rennsport-Comeback einer glorreichen italienischen Marke

(Motorsport-Total.com) - Das Hypercar-Projekt von Isotta Fraschini schreitet zügig voran. Trotz aller Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der kurzen Vorbereitungszeit ist es das Ziel, an der Saison 2023 der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) und beim 100-jährigen Jubiläum der 24 Stunden von Le Mans teilzunehmen.

Titel-Bild zur News: Hypercar: Isotta Fraschini Tipo 6 LMH-C für die LMH-Klasse der WEC 2023

Modell: Isotta Fraschini Tipo 6 LMH-C für die Hypercar-Klasse der WEC 2023 Zoom

Im Oktober kündigte die ruhmreiche italienische Marke den Bau eines Hypercars auf Basis des LMH-Reglements in Zusammenarbeit mit Sportwagenbauer Michelotto an. Seither arbeitet man auf Hochtouren.

Claudio Berro, ein erfahrener Manager, der bereits zahlreiche Funktionen im Motorsport für viele wichtige Marken innehatte, wurde mit der Leitung des LMH-Programms von Isotta Fraschini beauftragt. Im Interview für die italienischsprachige Ausgabe von 'Motorsport.com' spricht er ausführlich über das Projekt.

Frage: Herr Berro, woher kam die Idee zum Hypercar-Projekt?

Claudio Berro: "Bereits Ende 2021 wollten einige Investoren die Marke Isotta Fraschini in Zusammenarbeit mit einem Unternehmen, das sie übernommen hatte, wiederaufleben lassen. Die ursprüngliche Idee war, ein Serienfahrzeug zu bauen. Als Zeichen für die Wiederbelebung der Marke fiel die Wahl auf den Rennsport."

"Sie wendeten sich an Michelotto und vertrauten ihm dieses Projekt an, mussten aber gleichzeitig das Straßenwagen-Projekt vorantreiben. Das führte zu einer Reihe von Verzögerungen, sodass Michelotto schließlich in Absprache mit den ehemaligen Partnern selbst neue Geldgeber aufgetrieben hat."

Frage: Wer sind diese neuen Geldgeber?

Berro: "Es handelt sich um Industrielle, die in dieses Programm investieren und 80 Prozent der Unternehmensanteile erwerben wollten. Auf Anraten kompetenter Leute wandten sie sich dann an BHK Racing. So wurden Alessandro Fassina und ich für den sportlichen Teil kontaktiert."

Claudio Berro, Projektleiter des LMH-Programms von Isotta Fraschini

Claudio Berro, Projektleiter des LMH-Programms von Isotta Fraschini Zoom

Frage: Die Zeit wird knapp und Sie haben ja gerade erst angefangen, nicht wahr?

Berro: "Ja, wir wurden am 20. Oktober ernannt. Also haben wir innerhalb von zwei Monaten die Dinge selbst in die Hand genommen und im Einvernehmen mit den Gesellschaftern beschlossen, ein anderes Straßenprojekt zu entwickeln als das, das auf den Weg gebracht worden war."

"Ein Auto wie das Hypercar steht heutzutage einfach mehr im Blickpunkt. Da wir den Rennwagen bauen, ist die Entwicklung eines Straßenfahrzeugs weniger kompliziert als in anderen Fällen."

Frage: Die Regeln für diejenigen, die sich für ein LMH-Auto entscheiden, sehen vor, dass es ein Serienauto geben muss. Wie weit sind Sie damit?

Berro: "Das Rennprojekt schreitet sehr gut voran und das Straßenprojekt ziemlich gut, wenn man bedenkt, dass es erst vor einem Monat gestartet wurde. Es gibt bereits ein erstes Modell des Fahrzeugs. Jetzt sprechen wir mit den Zulassungsbehörden, um die Genehmigung der EU zu bekommen."

"Es könnte sein, dass das Auto je nach Vorschriften noch einige geringfügige Änderungen gegenüber den Vorstellungen erfährt. Für ein straßentaugliches Hypercar gelten besondere Anforderungen, aber da es in einer Kleinserie homologiert wird, gibt es auch Ausnahmen."

Isotta Fraschini Tipo 6 LMH-C

Modell: Isotta Fraschini Tipo 6 LMH-C für die Hypercar-Klasse der WEC 2023 Zoom

Frage: Wann werden wir das Auto sehen?

Berro: "Wir glauben, dass wir um den Monat April herum mit den Entwicklungstests beginnen können und dann zur Homologation kommen. Die Frage der Emissionen ist sehr wichtig und muss streng beachtet werden. Es gibt bereits einige Kunden, die interessiert sind, obwohl sie bislang nur die Skizze gesehen haben."

"Wir arbeiten zweigleisig. Eine Schiene ist das Straßenauto, die andere das Rennauto, von dem wir dann ein 98-Prozent-Modell für Track-Days ableiten werden. Auch das Straßenauto wird einen Hybridantrieb haben, aber mit einer etwas anderen Ästhetik daherkommen. Die Skizzen sind meiner Meinung nach schon sehr schön. Wir werden sie bald veröffentlichen."

Frage: Wie sieht der Fahrplan für die WEC aus?

Berro: "Wir sind auf einem guten Weg. Wir werden die Bewerbung einreichen, indem wir die für LMH-Konstrukteure erforderliche Gebühr in Höhe von 450.000 Euro zahlen und dabei alle Richtlinien der FIA und des ACO beachten. Wir sind zuversichtlich, dass wir an der Rennserie teilnehmen können. Die Priorität liegt natürlich auf der Homologation des Autos."

"Wir werden nach Weihnachten mit dem Zusammenbau beginnen und gegen Ende Januar werden wir das Auto ohne Karosserie auf den Prüfstand stellen, um die Feinabstimmung der Elektronik und des Hybrids vorzunehmen. Das wird eine große Aufgabe. Dann werden wir die Karosserie montieren und Tests in Geradeausfahrt und im Windkanal durchführen."

Partner Isotta Fraschini Tipo 6 LMH-C

Modell: Isotta Fraschini Tipo 6 LMH-C für die Hypercar-Klasse der WEC 2023 Zoom

Frage: Ursprünglich wurde das Debüt für die 6 Stunden von Spa im Mai angekündigt. Lässt sich dieser Plan halten?

Berro: "Wir werden uns für die gesamte Saison anmelden, also für alle Rennen. Wenn wir bei einem Rennen nicht an den Start gehen können, werden wir es mitteilen."

Frage: Warum haben Sie sich nicht für die im Reglement vorhandene Einschreibeformel von Rennen zu Rennen entschieden?
Berro: "Weil wir offiziell zu den Herstellern gehören wollen, die sich bekennen. Das wurde bei den jüngsten Meetings in den vergangenen Wochen von uns erwartet. Also wollen wir den Zeitplan einhalten."

Frage: Welches Team wird für LMH-Programm zuständig sein?

Berro: "Das werden wir wahrscheinlich bald wissen. Wir haben mit einer Reihe sehr professioneller, seriöser und moderner Teams gesprochen. Sie haben Interesse gezeigt und sie verfügen über beträchtliche finanzielle Mittel."

"Mit einigen von ihnen wurde in gegenseitigem Einvernehmen beschlossen, die Verhandlungen nicht fortzusetzen, weil es Dinge gab, die wir nicht rechtzeitig abschließen konnten. Das betraf beispielsweise die FIA-Dokumente für Homologation und Registrierung."

"Jetzt nähern wir uns einigen Teams an und ich glaube, dass wir bald etwas abschließen werden. Zwischen Weihnachten und Neujahr werden wir sehr beschäftigt sein, die Formulare auszufüllen und die bürokratischen Angelegenheiten bis zum 5. Januar einzureichen."

Hypercar: Isotta Fraschini Tipo 6 LMH-C für die LMH-Klasse der WEC 2023

Modell: Isotta Fraschini Tipo 6 LMH-C für die Hypercar-Klasse der WEC 2023 Zoom

Frage: Michelotto wird sich um das Auto kümmern. Wer arbeitet sonst noch an dem Projekt?

Berro: "Michelotto führt das Projekt an und Isotta Fraschini hat zugestimmt. Das wurde von den früheren Aktionären beschlossen und von den neuen bestätigt."

"Der Motor wurde von der HWA AG exklusiv für uns hergestellt. Es ist ein schöner und kompakter V6 mit 90 Grad Zylinderwinkel und 3.000 Kubikzentimeter Hubraum. Er ist schon mehrere 24-Stunden-Distanzen auf dem Prüfstand gelaufen. Wir sind sehr zufrieden."

"Die Frontpartie, das Differenzial und das Siebenganggetriebe kommen genau wie bei anderen Herstellern [in der WEC] von Xtrac. Die Bremsen kommen von Brembo. Die Elektrik und die Batterie stammen von Williams Advanced Engineering, die sich auch um die Aerodynamik und die Windkanaltests kümmern. Die Karosserie wurde von ARS Technologies gefertigt."

Frage: Wie werden die Arbeiten im Windkanal weitergehen?

Berro: "Zuerst testen wir auf der Straße. Dann gehen wir zur Kontrolle in den Windkanal von Williams. Zum Schluss gehen wir noch in den Windkanal von Sauber, um die FIA-Homologation abzuschließen."

Frage: Wer kümmert sich außer Ihnen um all diese Dinge?

Berro: "Ich bin der Generaldirektor. Der Verwaltungsrat besteht aus drei Personen. Neben mir selbst sind es Alessandro Fassina, der Sohn des Rallyefahrers Antonio, als der Präsident, und Enzo Panacci, der ehemalige Geschäftsführer des Helmherstellers Nola, als der Vizepräsident."

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