Erklärt: Warum die 24h Nürburgring vorzeitig beendet wurden

Erklärt: Wie die 24h Nürburgring 2024 gewertet wurden, warum nicht bei Nebel gefahren wurde und warum es keine Freigabe mehr nach dem Safety-Car gab

(Motorsport-Total.com) - Riesenfrust bei den 240.000 Zuschauern - und bei einigen Fahrern und Teams. Denn kaum war die Entscheidung gegen einen Neustart verkündet, verzog sich bei der 52. Ausgabe der 24 Stunden vom Nürburgring der Nebel, der zuvor für mehr als 14 Stunden Unterbrechung gesorgt hatte.

Titel-Bild zur News: Just als das Rennen beendet wurde, verzog sich der Nebel plötzlich

Just als das Rennen beendet wurde, verzog sich der Nebel plötzlich Zoom

Künstlerpech für Renndirektor Walter Hornung, der trotz all seiner Erfahrung eines der härtesten Rennen seiner Karriere als Verantwortlicher des 24-Stunden-Rennens erlebte. Denn gerade als zu Beginn der fünften Runde hinter dem Safety-Car beim Abbiegen auf die Nordschleife die Entscheidung verkündet wurde, dass es keinen Restart geben würde, lichtete sich der Nebel zum ersten Mal nach mehr als 15 Stunden.

Hornung erklärt gegenüber Motorsport-Total.com die Hintergründe seiner Entscheidung: "Unsere ursprüngliche Absicht war, das Rennen nach dem Restart wieder aufzunehmen. Ich habe vor dem Restart mit einer Wetterstation telefoniert, die mir ein Zeitfenster von 14 bis 14.15 Uhr in Aussicht gestellt hat, dass es besser wird."

Das Rennen wurde hinter dem Safety-Car gestartet. Da ein Safety-Car auf der Nürburgring-Nordschleife normalerweise nicht zum Einsatz kommt, sind die Regeln dafür nicht in der Ausschreibung festgelegt. So wurde das Führungsfahrzeug als "Leading-Car" bezeichnet, das aber die Funktion eines Safety-Cars nach DMSB-Rundstreckenreglement einnahm.

"Wir sind fünf Runden hinter dem Leading-Car gefahren und in dieser Zeit hat sich das Wetter nicht wesentlich verändert. Was die Wetterstation vorhergesagt hatte, ist nicht eingetroffen und es war schon 14:30 Uhr", so Hornung weiter.

"Ebenso war uns eine Lücke um 8 Uhr und dann noch einmal um 12 Uhr versprochen worden, die beide nicht eingetreten sind. Mein Vertrauen in diese Wetterstation wurde dadurch noch kleiner". So fiel die Entscheidung, das Rennen vorzeitig zu beenden. Wenige Minuten später löste sich der Nebel auf.


24h Nürburgring 2024: Rennhighlights

Walter Hornung sieht es philosophisch: "Es ist wie immer: Wie man es macht, man macht es falsch. Hätten wir sie noch sieben oder acht Runden fahren lassen, wäre der Nebel wahrscheinlich geblieben. Wir haben es nicht gemacht, also ist es aufgeklart."

Warum kein Code 60/120 in den Nebelzonen?

Mehrere Fahrer sagten gegenüber Motorsport-Total.com, dass man eigentlich hätte fahren können, da über 90 Prozent der Strecke problemlos befahrbar waren und nur die höchsten Stellen, unter anderem auf dem Grand-Prix-Kurs, vom Nebel betroffen waren.

Warum also nicht an diesen Stellen Code 120 (doppelt gelb) oder sogar Code 60 ausrufen? Hornung verweist auf das Rennen 2021, bei dem der bisherige Unterbrechungsrekord gebrochen wurde.

"Damals haben wir vor der Unterbrechung genau das ausprobiert. Dann kamen die Fahrer zu mir und haben sich beschwert, dass die Reifen zu kalt werden und es nicht funktioniert. Damals haben sie ganz klar gesagt, dass sie das nicht wollen."

Wertung des Rennens: Abbruch vs. vorzeitige Zielflagge

Was manchen Beobachter verwundern mag: Warum wurde das Rennen mit der schwarz-weiß karierten Flagge beendet und nicht mit der Roten Flagge abgebrochen, obwohl die Rennzeit noch nicht abgelaufen war?

Tatsächlich handelt es sich um zwei unterschiedliche Vorgänge, die in der Wertung große Unterschiede mit sich bringen. Die Möglichkeit eines vorzeitigen Rennabbruchs ist im DMSB-Rundstreckenreglement unter Artikel 17.2 (Beendigung des Rennens) geregelt:

"Der Veranstalter kann festlegen, dass das Rennen nach Ablauf einer bestimmten Zeit endet, auch wenn die vorgesehene Distanz nicht erreicht wird. Nach Beginn der Veranstaltung bedarf eine derartige Entscheidung der Genehmigung der Sportkommissare."


Fotos: 24h Nürburgring 2024, Rennen


Das Rennen wurde also vorzeitig beendet und nicht abgebrochen. Denn bei einem Rennabbruch würden ganz andere Regeln gelten. So würde zunächst zwei Runden zurückgerechnet werden, wie es auch bei der Rennunterbrechung in der Nacht der Fall war.

Darüber hinaus käme ein weiterer Passus des Reglements zur Anwendung, der das gesamte Klassement auf den Kopf stellen würde. In diesem Fall käme Artikel 35.1 zur Anwendung: "Die zu dem Zeitpunkt der Wertung gültigen Mindestboxenstandzeiten (inklusiv etwaiger Zeitstrafen) werden den Fahrzeugen, im Anschluss als Zeitersatzstrafe auf die Gesamtfahrzeit (des Unterbrochenen Rennabschnitts, zur Bestimmung der Startaufstellung für die Wiederaufnahme) aufaddiert."

Und das hätte zu einigen Verschiebungen geführt, da einige Fahrzeuge hinter dem Safety-Car clever zu sein versuchten und die Box ansteuerten - zum einen, weil sie sich dadurch Vorteile beim Restart erhofften, zum anderen aber auch für den Fall eines Rennabbruchs mit Roter Flagge. Rowe Racing legte deshalb Protest gegen die Wertung ein.

Warum nicht "einfach fahren"?

"Damals ist man doch auch bei Nebel gefahren!" - Diese Meinung war nach dem Rennabbruch vor allem in den sozialen Medien immer wieder zu hören. Tatsächlich wurde in der ferneren Vergangenheit bei vergleichbaren Bedingungen gefahren. Die Fahrer mussten ihr Tempo entsprechend anpassen.

Das ist heute so nicht mehr möglich. Weil sich die Mentalität allgemein geändert hat, muss heute abgebrochen werden, sobald die Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden kann.

Hornung trägt persönlich die Verantwortung für Leib und Leben von Fahrern, Marshalls und Zuschauern. Schwere Unfälle bei schlechtem Wetter werden heute auch gesellschaftlich nicht mehr so einfach hingenommen, das zeigte bereits die Großkrise nach dem tödlichen VLN-Unfall von 2015.

Nebel bei den 24h Nürburgring 2024

Die Dichte des Nebels veränderte sich immer wieder Zoom

Dabei geht es auch um die finanzielle Seite, etwa Regressansprüche von Versicherungen. Hier spielen Ereignisse wie die Klage der Familie Bianchi nach dem tödlichen Unfall von Jules Bianchi beim Formel-1-Grand-Prix von Japan 2014 eine Rolle.

Und schließlich ist da der Charakter des Rennens selbst, der sich komplett gewandelt hat. Während bis Anfang der 2000er-Jahre in der Regel das Auto mit den wenigsten Problemen im Rennen gewann, geht es heute nur noch um das schiere Tempo auf der Strecke, da alle anderen Faktoren wie Benzinverbrauch und Boxenstoppzeiten gleichgeschaltet sind und die Zuverlässigkeit kaum noch ein limitierender Faktor ist.

Dadurch wird ein erhöhtes Risiko bei kritischen Bedingungen stärker belohnt als in der Vergangenheit, als die Performance der Fahrzeuge deutlich weiter auseinander lag und mehr Sicherheitspuffer einkalkuliert werden konnte. Daher war die Rote Flagge die beste Option.