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Whitmarsh: "Wir haben einen guten Schwung"

Teamchef Martin Whitmarsh im ausführlichen Interview: Wie Lewis Hamilton das Rennen in Monza dominierte und wie dessen Zukunft aussieht

(Motorsport-Total.com) - So stellt sich ein Teamchef ein erfolgreiches Wochenende vor: Seine beiden Fahrer stellen die Autos am Samstag geschlossen in die erste Startreihe, am Sonntag wird der Rennsieg eingefahren. Wie das geht, hat McLaren beim Großen Preis von Italien gezeigt. Mit einem kleinen Schönheitsfehler: Jenson Button kam beim Sieg seines Teamkollegen Lewis Hamilton nicht über die Distanz. Im Interview zieht McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh trotzdem ein sehr positives Wochenend-Fazit.

Martin Whitmarsh (Teamchef, McLaren)

Martin Whitmarsh darf mit dem Rennen in Monza zufrieden sein: Sieg für Hamilton

Frage: "Martin, wie war das Rennen aus deiner Sicht?"
Martin Whitmarsh: "Es lief fast perfekt. Lewis fuhr super, gestern und auch heute. Er kontrollierte das Tempo. Wir hätten am Ende auch noch Reserven gehabt, um den heranstürmenden Sergio Perez abzuwehren. Lewis hatte das Rennen im Griff."

"Er leistete tolle Arbeit. Das war wichtig für ihn und für die Fahrer-WM. Er weiß, dass er ein gutes Auto hat. Und Lewis ist gut in Form. In der Konstrukteurs-WM belegen wir nach wie vor den zweiten Platz. Wir haben einen Schritt nach vorn gemacht. Nur halt nicht so sehr, wie wir es hätten tun können."

"Zwei Red-Bull-Autos sind ausgefallen, aber auch eines unserer Fahrzeuge. Es stehen allerdings noch ein paar Rennen aus. Jenson hat ebenfalls klasse Arbeit geleistet - schon am Samstag. Im Rennen fiel bei ihm leider der Benzindruck. Wir wissen aber noch nicht genau, was da los war. Das ist eine kleine Enttäuschung. Alles in allem dürfen wir allerdings zufrieden sein und feiern."

Frage: "Was war an diesem Wochenende der Schlüssel zum Erfolg?"
Whitmarsh: "Nun, ich denke, wir wissen jetzt, wie man mit diesen Reifen umgehen muss. Es ist natürlich noch immer eine große Herausforderung. Bei uns scheint es nun aber zu passen. Wir kommen gut mit den Reifen aus. Da hatten wir heute keine Probleme."

"Wir dürfen jetzt aber nicht selbstgefällig werden." Martin Whitmarsh

"Wir haben hart daran gearbeitet, das Auto in den vergangenen Rennen zu verbessern. Dass wir die drei jüngsten Grands Prix gewonnen haben, bringt natürlich Selbstvertrauen mit sich. Wir dürfen jetzt aber nicht selbstgefällig werden uns sagen: 'Jetzt fahren wir durch bis zur WM.' In dieser Meisterschaft wird dir nichts geschenkt. Die Konkurrenz ist sehr hart."

"Fernando (Alonso; Anm. d. Red.) hat trotz der Umstände gut gepunktet und Sebastian (Vettel; Anm. d. Red.) macht auch viel Druck. Mercedes sah hier auch stark aus. Sie haben uns ein paar Sorgen gemacht. Es ist schön, sie wieder weiter vorn zu sehen. Sie sind auch konkurrenzfähig. Es ist wirklich eine tolle Formel-1-Saison. Niemand kann vorhersehen, was passiert. Genau so sollte es sein. Das ist spannend."

Frage: "Was genau war das Problem bei Jenson Button?"
Whitmarsh: "Das Problem war: Es war Sprit im Tank, aber das Benzin kam nicht mehr zum Motor. Der Benzindruck ging in den Keller. Ich nehme einmal an, eine der Pumpen hat versagt. Was es genau war, werden wir sehen. Irgendetwas in diesem ungeheuer komplizierten Benzintank."


"Drei Pole-Positions und drei Siege in Folge. McLaren hat gerade einen ziemlich guten Lauf ..."

"Wir reden hier sicherlich über einen positiven Lauf. Wir haben einen guten Schwung, das ist klar. Derzeit belegen wir in beiden Gesamtwertungen den zweiten Platz. Und in beiden Wertungen sind wir noch im Titelrennen. Wenn wir diesen Schwung wahren können, dann gibt es keinen Grund, weshalb wir nicht beide WM-Titel gewinnen können."

Whitmarsh sieht McLaren auf dem Vormarsch

Frage: "Bist du zuversichtlich, dass das Tempo in Spa-Francorchamps und Monza nicht streckenspezifisch war, sondern auch in Singapur und auch auf anderen Strecken erneut abrufbar sein wird?"
Whitmarsh: "Nun, in dieser Aufzählung fehlt noch Ungarn. Auch dort haben wir uns sehr gut präsentiert. Und dabei handelt es sich doch um eine ganz andere Strecke. Die Antwort lautet daher: Ja, ich bin zuversichtlich."

"Wir müssen weiter Druck machen, dürfen uns keine Fehler leisten." Martin Whitmarsh

"Budapest, Spa und Monza sind ganz unterschiedliche Kurse. Wir hoffen, es setzt sich für uns so fort. Garantien gibt es in diesem Jahr aber keine. Das liegt an den Reifen, den Umständen und an großartigen Gegnern. Wir müssen weiter Druck machen, dürfen uns keine Fehler leisten und müssen zusehen, zwei Autos ins Ziel zu bringen."

"Das gelingt uns - offen gestanden - noch nicht gut genug, doch daran arbeiten wir. Es geht aber schon einmal in die richtige Richtung, dass wir hier als WM-Zweite in beiden Gesamtwertungen abreisen. Wir konnten uns von unseren Rivalen distanzieren. Wir müssen jedoch noch sieben oder acht weitere Schritte in diese Richtung machen."

Frage: "Wird dieser verschärfte Titelkampf Auswirkungen auf das Auto für 2013 haben?"
Whitmarsh: "Nein, das werden wir balancieren. Wir sind da ziemlich erfahren und auch gut darin, solche Dinge zu balancieren. Wir sind Kämpfer und geben ungern auf. Das heißt: Wir entwickeln immer sehr lange am Auto. Wir haben bisher aber nicht das Maximum aus unseren Möglichkeiten gemacht. Eigentlich sollten wir uns jetzt in einer besseren Position befinden. Das ist enttäuschend, aber da ist noch Luft nach oben."

Frage: "Ist Fernando Alonso vielleicht ein bisschen stärker, als ihr das für den weiteren Verlauf dieser Saison erwartet hattet?"
Whitmarsh: "Nun, ich denke, Fernando hat fantastische Arbeit geleistet. Er hat die Fähigkeit, so viele Punkte wie möglich mitzunehmen, wie auch immer die Umstände sein mögen. Er leistet klasse Arbeit und sammelt Punkte. Dadurch dauert es etwas länger, ihn abzufangen. Er ist aber einholbar. Und genau darauf haben wir es abgesehen."


"Ferrari hat angekündigt, in Singapur zahlreiche Neuentwicklungen einführen zu wollen. Verändert das die Technikstrategie bei McLaren?"

"Wir haben das Auto auch bei diesem Rennen hier weiterentwickelt. Ich rechne damit, dass wir in Singapur ein schnelleres Auto haben werden als in Monza. Wir haben die Ingenieure, die Ressourcen und das entsprechende Netzwerk. Ich freue mich schon auf Singapur. Wir haben gute Pläne dafür. Schauen wir einmal, wie wir uns dort schlagen."

Und wieder die Fragen nach dem Vertrag

Frage: "Lewis Hamilton wurde an diesem Wochenende hinter den Kulissen immer wieder mit Fragen nach seiner sportlichen Zukunft bombardiert. An diesem Wochenende war er aber richtig stark, nicht wahr?"
Whitmarsh: "Da gibt es natürlich viele Spekulationen. Solche Dinge ist er aber gewöhnt. Er kam hierher und realisierte rasch, dass er eine Siegchance haben würde."

"Da gibt es natürlich viele Spekulationen." Martin Whitmarsh

"Ab diesem Zeitpunkt dürfte es für ihn nicht so schwierig gewesen sein, sich nur darauf zu konzentrieren. Man konnte sehen, wie sehr er sich konzentrierte. So war es das gesamte Wochenende über. Das trifft übrigens auch auf Jenson zu. Er leistete sich ebenfalls keinen Fehler. Und wahrscheinlich kostete ihn ein technischer Fehler den sicheren zweiten Platz."

Frage: "Am Samstag meintest du, dieses Wochenende wäre nicht der richtige Zeitpunkt, um Vertragsgespräche mit Lewis Hamilton zu führen. Werdet ihr die Zeit bis Singapur dazu nutzen?"
Whitmarsh: "Nein, das werden wir nicht tun. Wie ihr vielleicht wisst, haben wir es nicht direkt mit den Fahrern, sondern mit Management-Unternehmen zu tun. Letztendlich wird es aber Gespräche geben, ganz klar."

Frage: "Siehst du, dass sich bei diesen Gesprächen vielleicht etwas tun wird?"
Whitmarsh: "Ich könnte mir denken, wir haben ein paar Unterredungen, bevor wir nach Singapur reisen."


Fotos: McLaren, Großer Preis von Italien


"Du willst Lewis Hamilton natürlich gern behalten. Gibt es aber auch einen Plan B?"

"Du musst deine Zeit so aufteilen, dass du alles abdecken kannst. Ein Thema ist, das Auto schneller und besser zu machen. Ein anderes Thema ist die Optimierung deiner Leistung und deiner Punkteausbeute. Wir denken auf jeden Fall zuerst an unsere eigenen Fahrer. Zur Frage: Nein, daran habe ich noch nicht gedacht."

Was Eddie Jordan zu wissen glaubt ...

Frage: "Eddie Jordan trat am Mittwoch mit seiner Enthüllung an die Öffentlichkeit ..."
Whitmarsh: "Ich denke nicht, dass es eine Enthüllung war. Es war wohl mehr ein Hirngespinst ..."

Frage: "Was auch immer: Mittlerweile ist klar, dass das Management von Lewis Hamilton mit Mercedes spricht. War euch das schon vor der Jordan-Geschichte klar?"
Whitmarsh: "Wir sind uns ziemlich vieler Dinge bewusst. Es ist ja ein kleines Fahrerlager. Sie schauen sich halt um, wie man sich das halt vorstellt. Das überrascht mich nicht. Wir waren ein bisschen darüber im Bilde."

"Es gibt täglich auch noch viele andere Dinge, die mich beschäftigen." Martin Whitmarsh

"Stehst du unter Druck, den Deal unter Dach und Fach zu kriegen?"

Frage: "Inwiefern spielt es für dich eine Rolle, dass ein Abgang von Lewis Hamilton auch den Abgang des Titelsponsors in naher Zukunft nach sich ziehen könnte?"
Whitmarsh: "Überhaupt nicht. Ich sehe nicht, dass das ein ernstes Problem für uns darstellt."

Frage: "Weißt du etwas, das wir nicht wissen?"
Whitmarsh: "Das hoffe ich doch!"

Frage: "Je länger sich die Vertragsverhandlungen mit Lewis Hamilton hinziehen, umso mehr musst du dich fragen: 'Kann ich ihn überhaupt in die Entwicklung des nächstjährigen Autos mit einbeziehen?' Und, wenn ja, wie sehr kann das passieren?"
Whitmarsh: "Ich sage es erneut: Das meiste, was Lewis und das Technische verbindet, findet hier und jetzt an der Strecke statt."

"Natürlich entwickeln wir bereits das Fahrzeug für 2013. Daran arbeiten unsere Techniker und Ingenieure. Die Fahrer sind noch nicht so sehr darin involviert. Da gibt es keine Beeinträchtigung."

Frage: "Wird der Vertragsvorschlag für Lewis Hamilton eine Klausel über die Nutzung von Twitter beinhalten?"
Whitmarsh: "(lacht; Anm. d. Red.) Nun, ich denke, am vergangenen Wochenende wurden viele Lektionen gelernt."

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