Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

McLaren knochentief in der Krise: Warum ein Frosch in "Schoko-Gate" eine wichtige Rolle spielt und die Tage von Eric Boullier gezählt sind (sein sollten)

Liebe Leser,

Titel-Bild zur News: Zak Brown, Eric Boullier

B&B: Sind das zwei der Gründe, warum McLaren derzeit in der Krise steckt? Zoom

ich war gerade mal acht Jahre alt, als mein damaliger Hero Gerhard Berger 1990 von Ferrari zu McLaren gewechselt ist. Zwei Jahre zuvor, 1988, war ich mit sechs noch etwas zu jung, um die legendären Fights zwischen Ayrton Senna und Alain Prost wirklich zu realisieren und dauerhaft abzuspeichern. Aber Berger-Senna, die frühen 1990er-Jahre, das hat sich bei mir eingebrannt.

Die rot-weißen Marlboro-Zigarettenschachteln, ebenso ikonisch wie erfolgreich, prägten die späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre wie kein anderes Team. Senna trug viel zu diesem Mythos bei, aber auch Ron Dennis mit seiner unterkühlten, aber effizienten Art und Weise, McLaren zu führen. Es war sein Team. Nicht jeder mochte seinen Führungsstil mit den Blüten, die "Ronspeak" eben manchmal so trieb. Aber zumindest gab es einen klaren Leader mit klarer Kante.

Das ist 28 Jahre später anders. Eric Boullier lässt für geleistete Überstunden offenbar Schokoriegel an seine Mitarbeiter verteilen. Und die Arroganz von McLaren, die auch in der Dennis-Ära immer ein bisschen mitgeschwungen hat, ist in Zeiten der Erfolglosigkeit leider ebenso omnipräsent wie unerträglich geworden.

Der Trainer muss Verantwortung übernehmen

Es steht mir nicht zu, aus der Ferne Diagnosen anzustellen, was bei McLaren schiefgelaufen ist, seit Lewis Hamilton Ende 2012 in Richtung Mercedes abgehauen ist. (Oder vielleicht schon davor.) Aber klar ist: Genau wie im Fußball muss letztendlich der Trainer die Verantwortung übernehmen. Und der Trainer, das ist in diesem Fall Boullier.

"Schoko-Gate" hat eine sekundäre Dimension, die vielen noch gar nicht bewusst ist. Auf den Freddo-Schokoriegeln, die es bei Amazon übrigens auch in Deutschland zu kaufen gibt (um 7,99 Euro für sechs Stück), ist ein Frosch abgebildet. Und für die Engländer - ob das nun politisch korrekt ist oder nicht, sei dahingestellt - sind die Franzosen abschätzig Frösche. Boullier wahrscheinlich ganz besonders.

Ob der ehemalige Lotus-Teamchef nun einer der Gründe für die McLaren-Misere ist oder nicht, wie die 'Daily Mail' behauptet, sei dahingestellt. Aber es ist Zeit für einen Wechsel. Das scheint auch Zak Brown erkannt zu haben. Auf Nachfrage, ob alle McLaren-Mitarbeiter in Silverstone noch dabei sein werden, antwortet er mit Ja. Für Abu Dhabi legt er sich allerdings nicht hundertprozentig fest.

McLaren ist am Tiefpunkt, und das erfüllt viele im Paddock mit Schadenfreude. Drei Jahre lang hat man das eigene Ego verteidigt, die Nase hochgehalten und trotz der ernüchternden Plätze neun, sechs und neun in der Konstrukteurs-WM beharrlich behauptet, man habe das wahrscheinlich beste Chassis im Feld. Nur der Honda-Motor sei so schlecht.

Honda-Ausreden: Man kann sie nicht mehr hören!

Ach ja, der Honda-Motor! Jener Motor also, mit dem Toro Rosso trotz schlechterer Fahrer fast so viele Punkte gesammelt hat wie zum gleichen Zeitpunkt 2017. Und den Red Bull in Kenntnis der relevanten Leistungsdaten als gut genug empfindet, um 2019 und 2020 damit auf Titeljagd zu gehen. Dieser Honda-Motor war an allem schuld.

Boulliers größtes Problem ist: Der Wechsel von Honda zu Renault hat McLaren alle Ausreden weggenommen, denn Red Bull gewinnt mit dem Renault-Motor Rennen. Also kann man McLaren nun seriös an der eigenen Leistung messen. Und da ist die Realität: Die war in der 53-jährigen Geschichte des Teams noch nie so schlecht.

Fernando Alonso

Wie lange tut sich Fernando Alonso dieses McLaren-Team noch an? Zoom

Wenn ein Superstar wie Fernando Alonso, der gerade noch Le Mans gewonnen hat, in Le Castellet in Q1 ausscheidet, muss man davon ausgehen, dass McLaren nicht eines der besten, sondern eines der schlechtesten Chassis im Feld hat.

Ron Dennis wird zu Hause sitzen und sich ein Lächeln der Rache nicht verkneifen können, wenn er sieht, wie seine Nachfolger mit ihren Plänen gnadenlos scheitern. Jene Nachfolger nämlich, die ihn einst ausgehebelt und verdrängt haben, und das noch mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht.

Nach dem Saisonauftakt in Melbourne vertröstete Boullier: Der Grand Prix von Australien werde das schlechteste Wochenende des Jahres bleiben, von jetzt an werde es nur noch aufwärts gehen. In großen Schritten.

Die Realität ist: Melbourne war das erfolgreichste Wochenende des McLaren-Teams in dieser Saison. Seither ging es nur noch abwärts.

Hochmut nicht vor dem, sondern mitten im Fall

Hochmut kommt bei McLaren nicht vor dem Fall, sondern mittendrin. Es entbehrt nicht einer unappetitlichen Überheblichkeit, wenn der umstrittene Zeitungsbericht der 'Daily Mail' von Zak Brown als glatte Lüge abgetan wird, als Hirngespinst eines einzelnen frustrierten Mitarbeiters, der mit seinem Leben nicht klarkommt und in Racheabsicht zu einem Journalisten gelaufen ist, um sich auszuheulen.

McLaren stellt die Unzufriedenen im Team als Einzelfälle dar. Unweigerlich bei mehr als 800 Mitarbeitern, dass es sowas gibt. Aber liest man sich anonyme Bewertungen des Unternehmens durch seine Mitarbeiter durch, wird ein ganz anderes Bild gezeichnet. Die Atmosphäre in Woking muss fürchterlich sein, ein Klima der Angst scheint sich auszubreiten.


Fotostrecke: GP Frankreich: Fahrernoten der Redaktion

Und wenn B&B (Brown und Boullier) davon tatsächlich nichts mitbekommen, dann bestätigt das nur die Theorie ihrer Kritiker, dass sie völlig entkoppelt von jeder Realität durch die Flure schreiten.

Es ist an der Zeit, dass sich bei McLaren etwas ändert. Und diesmal bitte nicht nur die Farbe!

Wer sonst noch schlecht geschlafen hat:

Sebastian Vettel: Auch wenn er sich nach dem Rennen nachvollziehbar verteidigt hat: Die Aktion gegen Valtteri Bottas in der ersten Kurve war völlig daneben. Vettel will Weltmeister werden, und dann sollte er wissen, dass er Grands Prix nicht in der ersten Kurve gewinnt. Schon gar nicht gegen den Teamkollegen seines schärfsten Rivalen. Max Verstappen hat darum gebeten, dass die Medien nun auch mit Vettel scharf ins Gericht gehen. Bitte, gern geschehen!

Paddy Lowe: Genau wie bei McLaren müssen sich langsam auch bei Williams die handelnden Personen fragen, ob die anhaltende Erfolglosigkeit nicht an ihnen selbst liegt. Es war ein Fehler, dem Ruf des Geldes zu folgen und die schlechtesten Fahrer der Formel 1 zu verpflichten. Aber Lowes Team hat auch eine Gurke sondergleichen gebaut, mit der man in Wahrheit keinen Blumentopf gewinnen kann. Wäre Frank Williams noch am Ruder, wäre er seinen Job schon längst wieder los.

Christian Estrosi: Der Chefveranstalter des Grand Prix von Frankreich muss sich nach dem heillosen Verkehrschaos des vergangenen Wochenendes unangenehme Fragen stellen lassen. Sollte man meinen! Denn die "Pressekonferenz" nach dem Event bestand im Wesentlichen aus einer glorifizierenden Selbstdarstellung, wie toll das Frankreich-Comeback nicht gelaufen sei, und zwei, drei Alibi-Fragen hinterher. Wir haben inzwischen ein ausgeklügeltes Verkehrskonzept für 2019 erarbeitet, das wir Estrosi gern kostenlos zur Verfügung stellen: Wie wär's vielleicht mit Shuttlebussen?

Übrigens: Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat, nämlich Sauber-Rookie Charles Leclerc, das können Sie jetzt in der Schwesternkolumne meines Kollegen Stefan Ehlen auf de.motorsport.com nachlesen.

Ihr

Christian Nimmervoll

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