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59 Punkte Rückstand: Geht da noch was für Sebastian Vettel?

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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

"Tourette-Momente": Der Versuch einer Ursachenforschung, warum Sebastian Vettel 2017 wieder nicht Formel-1-Weltmeister wird

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Jetzt wird's für Sebastian Vettel richtig schwierig: Lewis Hamilton gewinnt den Grand Prix von Japan und baut seinen Vorsprung in der WM auf 59 Punkte aus. Bei 100 noch zu vergebenden Punkten "ein Riesenschritt", wie Niki Lauda sagt.
Jetzt wird's für Sebastian Vettel richtig schwierig: Lewis Hamilton gewinnt den Grand Prix von Japan und baut seinen Vorsprung in der WM auf 59 Punkte aus. Bei 100 noch zu vergebenden Punkten "ein Riesenschritt", wie Niki Lauda sagt.

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leser,

wer diese Kolumne regelmäßig liest, der weiß, dass ich für Sebastian Vettel viel übrig habe. Ich halte ihn für einen begnadeten Rennfahrer. Und ich mag ihn menschlich. Dass er sich aus Facebook & Co. raushält und sein Privatleben schützt, mag zwar für mich als Journalisten kontraproduktiv sein. Mir als Mensch ist diese Haltung hingegen sympathisch. Und auch wenn ich nicht über jeden seiner Witze lachen muss (die mich im Übrigen frappierend an jemanden aus meinem Umfeld erinnern), finde ich es gut, dass er sich dank seines ausgeprägten Sinns für Humor nicht ganz so ernst nimmt wie manche seiner Superstar-Kollegen.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil einem Kritik an Menschen immer dann besonders schwer fällt, wenn man Sympathie für sie empfindet. Aber die heutige Montags-Kolumne wird wohl auf Vettel-Kritik hinauslaufen.

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Dass er derjenige sein muss, der im übertragenen Sinn letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat, liegt nahe. 59 Punkte Rückstand bei 100 noch zu vergebenden Punkten, das bedeutet: Lewis Hamilton muss in den letzten vier Rennen nur noch zweimal Zweiter und einmal Dritter werden, dann ist er zum vierten Mal Weltmeister. Und zwar selbst dann, wenn Vettel alle vier Rennen gewinnen sollte.

Das zeigt schon: Die Nummer ist durch. Denn es ist unwahrscheinlich, dass Hamilton plötzlich in eine Pechsträhne läuft, und es ist ebenso unwahrscheinlich, dass Vettel vier Rennen hintereinander gewinnt. Dass beides gleichzeitig passiert, hat die Wahrscheinlichkeit eines Lottosechsers.

Aber darum soll es heute gar nicht primär gehen. Sondern vielmehr um eine Theorie, die Martin Brundle kürzlich in seiner Kolumne auf 'SkySports.com' niedergeschrieben hat. Und zwar unter dem Titel: "Einstellung und Verärgerung könnten Sebastian Vettel den WM-Titel kosten". Brundle stellt darin fest: "Er fährt brillant, aber sein Verhalten und seine Einstellung machen ihm das Leben unnötig schwer."

Warum ich das in der Ursachenforschung jetzt aufgreife? Dazu muss ich kurz ausholen.

Für unsere redaktionelle Arbeit gibt es eine Art Schwarzes Brett, auf dem wir mögliche Themen (und dazu passende Zitate) sammeln. Geschichten also, die wir nicht sofort veröffentlichen, sondern für die wir Material anhäufen. Diese Geschichten werden irgendwann gemacht oder auch nicht.

Eine solche Geschichte ist bei uns notiert unter dem Arbeitstitel: "Nach Baku-Rammstoß: Persönlichkeitsstörung bei Sebastian Vettel?"

Auch das muss ich in den richtigen Kontext setzen. Jemandem eine "Persönlichkeitsstörung" zu attestieren, ist harter Tobak. Aber Arbeitstitel haben es so an sich, dass sie nicht zur Veröffentlichung bestimmt sind. Warum ich Ihnen das trotzdem erkläre: Weil es denke ich ganz gut die Richtung zeigt, in die ich mit dieser Kolumne gehen möchte.

Grundsätzlich: Vettel ist der netteste und höflichste Mensch, den man sich vorstellen kann. Aber im Rennauto kommt gelegentlich eine ganz andere Seite seiner Persönlichkeit zum Vorschein. Der Egomane, dem in der Hitze des Gefechts schnell mal die Sicherungen durchbrennen. Der "eingebildete Bengel", wie es Eddie Irvine einmal formuliert hat.

Mich erinnert Vettel in solchen Situationen immer ein bisschen an meine beiden Patenkinder - wenn sie nämlich bockig sind, weil sie irgendetwas nicht bekommen, was sie unbedingt wollen.

Was Sebastian Vettel unbedingt will und 2017 wieder nicht bekommt, ist der WM-Titel.

Wir erinnern uns: In Mexiko 2016 hinterließ er FIA-Rennleiter Charlie Whiting eine Nachricht. "Fuck off! Ehrlich jetzt. Fuck off!" Das fand der Weltverband gar nicht witzig und drohte dem Ferrari-Star damit, bei einer Wiederholung eines solchen Verhaltens härter einzugreifen.

In Baku fuhr er Lewis Hamilton absichtlich ins Auto, weil er meinte, sein WM-Rivale habe ihn hinter dem Safety-Car absichtlich in einen "Brake-Test" laufen lassen. Vettel verlor daraufhin jede Beherrschung und sah auch Stunden später nicht ein, sich falsch verhalten zu haben. Dabei würde er im besonnenen Zustand sofort erkennen, dass es dazu keine zwei Meinungen geben kann.

Gerade nach Baku zeigte sich eindrucksvoll, wie Gelassenheit dabei helfen kann, den Erfolg zu maximieren. Der angehende Weltmeister Hamilton positionierte sich in den Interviews als souveräner Siegertyp, von dem alles abprallt. Der geschlagene Vettel begab sich in die Welt der Realitätsverweigerung und des Frusts. In seiner subjektiven Wahrnehmung war das, was da gerade passiert war, einfach zu viel, um die Klappe zu halten und in sich zu gehen.

In Malaysia leistete er sich gleich drei Schwächemomente. "Komm schon, Alonso! Ich dachte, du bist besser als das", kam ihm einmal über die Lippen, als er sich vom McLaren aufgehalten fühlte. Dann war er zumindest nicht schuldlos an der bizarren Kollision mit Lance Stroll in der Auslaufrunde, wie ein später veröffentlichtes Video inzwischen bewiesen hat. Und in der Situation auch noch das Lenkrad mitzunehmen und nicht wieder ins Cockpit zu stecken, wie es die FIA vorschreibt, spricht auch nicht für einen kühlen Kopf in einer aufgeladenen Situation. Das hätte ihm bei weniger Fingerspitzengefühl der Rennkommissare durchaus eine (Geld-)Strafe einbringen können.

Oder nehmen wir das Fernbleiben von der Nationalhymne am Sonntag in Japan. Eine Kleinigkeit, gewiss, und höchst verständlich in einer Stresssituation, in der ihm der Sieg aus den Händen zu gleiten droht, bevor das Rennen überhaupt begonnen hat. Aber Tatsache ist: Die dafür kassierte Verwarnung führt dazu, dass er beim nächsten kleinen Vergehen eine Strafe kassieren wird. Unnötig.

Ich möchte gar nicht auf jeder Kleinigkeit rumreiten, und sind wir mal ehrlich: Das Lenkrad in Malaysia wird ihn nicht die WM kosten. Aber all diese Vorfälle - und die gab es ja auch früher schon, man denke nur an "Get him out of the way!" oder seine emotionale Reaktion nach der Istanbul-Kollision mit Mark Webber, als er im Streckenposten-Fahrzeug mit quietschenden Reifen abhaute - zeichnen ein Persönlichkeitsbild, das für einen Spitzensportler möglicherweise kontraproduktiv sein könnte.

Erinnern wir uns an das legendäre Fußball-WM-Halbfinale in Belo Horizonte, bei dem Deutschland Brasilien mit 7:1 aus dem Turnier geschossen hat. Während die Deutschen kühl und trocken ihr Programm abgespielt haben, so die Analyse der Experten später, zerbrachen die Brasilianer unter ihren eigenen Emotionen. Schon beim Abspielen der Nationalhymne fingen einige aus der Selecao vor eigenem Publikum beinahe an zu weinen. Das hilft nicht dabei, das persönliche Maximum abzurufen.

"Seb hat seine Tourette-Momente."
Christian Horner

Ein bisschen was Brasilianisches steckt wohl auch in Vettel. "Er hat seine Tourette-Momente", sagt zum Beispiel einer, der es wissen muss, weil er lange mit ihm zusammengearbeitet hat: Christian Horner. "Seb trägt sein Herz auf der Zunge und ist extrem leidenschaftlich. Das ist Teil seines Charakters. Aber so gut er auch sein mag: Das ist eine Schwäche."

Daniel Ricciardo, 2014 Vettels Teamkollege bei Red Bull, formuliert es ähnlich: "Er sagt, was er denkt. Manchmal bevor er denkt." Gleichzeitig sagt der Sonnyboy, selbst (zumindest bisher) die Gelassenheit in Person: "Ich bewundere diese Leidenschaft zu gewinnen, die er in sich trägt."

"Seine Leidenschaft", ergänzt Horner, "hat ihm vier Weltmeisterschaften gebracht. Aber an einem Tag wie in Aserbaidschan muss er versuchen, diese Leidenschaft unter Kontrolle zu halten." Und er grinst: "Normalerweise werden die Menschen gelassener, wenn sie älter werden. Das kann man von Sebastian nicht behaupten!"

Vettels Leben war von klein auf darauf ausgerichtet, Formel-1-Weltmeister zu werden. Es gibt eine TV-Doku, die ihn als kleinen Jungen zeigt, der das Kamerateam durch sein Kinderzimmer führt und stolz seine Bambini-Pokale zeigt. In der Formel 1 zu gewinnen, ist sein Kindheitstraum. Und es liegt auch ein bisschen in der Natur der Sache, dass Menschen negativ darauf reagieren, wenn ihre Kindheitsträume platzen.

Nur um das klarzustellen: Vettels gesamte Karriere ist ein einziger Kindheitstraum. Aber jeder einzelne WM-Titel, jeder einzelne Grand-Prix-Sieg für sich genommen auch. Es tut ihm weh, wenn er nicht Weltmeister wird oder ein Rennen nicht gewinnt.

Gegenüber der 'Auto Bild motorsport' hat er kürzlich ein "Geständnis" abgelegt: "Wenn einem Dinge zu Herzen gehen und man viel Ehrgeiz entwickelt, dann gibt es vielleicht mal den Moment, wo man nicht zu 100 Prozent Herr über sich selbst ist. Jeder hat seinen Ehrgeiz, egal ob man den im Sport auslebt oder woanders. Wenn das nicht passieren würde, wäre das Leben dann immer so lebenswert? Für mich nicht. Wenn ich danach was auf die Mütze bekomme, dann muss ich damit leben."

Es fällt mir heute besonders schwer, zu einem abschließenden Fazit zu kommen. Lassen Sie es mich so probieren:

Hat Sebastian Vettel das, was Otto Normalverbraucher von der Couch aus - überspitzt formuliert - als "Persönlichkeitsstörung" bezeichnen würde? Vielleicht. Aber er ist schließlich auch nicht Otto Normalverbraucher, sondern einer der erfolgreichsten und besten Fahrer in der Geschichte der Formel 1. Genau deswegen.

Ihr

Christian Nimmervoll

PS: Folgen Sie mir oder meinen Kollegen auf Twitter unter @MST_ChristianN!

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