Aktuelles Top-Video

Red Bull auf dem Rückblick-Sofa

Aktuelle Bildergalerien
 
ANZEIGE
 
 
Formel-1-Quiz
 
ANZEIGE
 
 
Apps zu Formel 1, MotoGP, DTM und Co. für Android, iOS und Windows Phone
Tests: Zeiten, Termine, Statistik

Exklusives "Testcenter"

Im "Testcenter" finden Sie Zeiten, Termine und unzählige Statistiken zu den Testfahrten in der Formel 1!
Zum Testcenter
Formel-1-Newsletter

Formel-1-News in Ihr E-Mail-Fach!

Abonnieren Sie jetzt den kostenlosen täglichen und/oder wöchentlichen Formel-1-Newsletter von Motorsport-Total.com!
Jetzt Newsletter abonnieren
Die aktuelle Umfrage

Nach Niki Laudas Rücktritt: Wer soll neuer RTL-Experte werden?

Gerhard Berger
Timo Glock
Alex Hofmann
Nico Rosberg
ein anderer
Sie sind hier: Home > Formel 1 > Newsübersicht > History

1994: Ein Japan-Grand-Prix für die Ewigkeit

Husarenritt des Damon Hill: Der Williams-Pilot triumphiert in Suzukas Monsun über Michael Schumacher und hat davon keine Ahnung - Die Formel 1 muss kopfrechnen

Michael Schumacher, Damon Hill
Schumacher gratuliert Hill - nachdem er sich das Ergebnis ausgerechnen musste
© LAT

(Motorsport-Total.com) - In der Saison 1994 gastiert die Formel 1 zweimal in Japan. Der so genannte Pazifik-Grand-Prix im April in Aida ist zu früher Morgenstunde in Europa noch Grund, sich vor Langeweile wieder in die Federn zu hauen, doch sieben Monate später werden Fans für das Weckerklingeln entschädigt. Das vorletzte Saisonrennen in Suzuka bedeutet für Michael Schumacher die erste Chance, den WM-Titel einzutüten, doch sintflutartiger Regen macht Sonntag, den 6. November 1994 für Damon Hill zum denkwürdigen Datum.

Als der Zirkus in Japan anreist, führt der junge Deutsche mit 86:81 WM-Zählern und hat mehr Saisonsiege auf dem Konto, was angesichts des alten Punkteschlüssels bedeutet: Ein Sieg reicht zum Titel, wenn Hill nicht Zweiter wird. Mindestens muss Schumacher aber auf den Silberrang fahren, der dann genug ist, wenn der Brite maximal Sechster wird. Deutlich wird der Druck auf Williams dadurch, dass die Nerven blank liegen. Aus einem Spaß des TV-Experten Jochen Mass wird eine Farce.

ANZEIGE

Weil der deutsche Ex-Rennfahrer als Reaktion auf Nigel Mansells Forderung, David Coulthard als Nebenbuhler um sein Cockpit den Zutritt zur Box zu untersagen, eine Fotomontage angeklebt hat, wird die Teamführung unwirsch. Der Gag muss auf der Stelle verschwinden. Es trägt nicht zur Seelenruhe der Briten bei, dass Schumacher nach einer Bestzeit im Freien Training am Samstag die Pole-Position holt - und Hill um 0,487 Sekunden distanziert. Doch zu diesem Zeitpunkt ist es noch trocken.

Trügersiche Siegessicherheit bei Benetton

Das Benetton-Lager platzt vor Zuversicht. Schumacher-Manager Willi Weber erklärt als Anspielung auf einen Crash der Titelkandidaten im Vorjahr, dass sein Schützling Hill gar nicht ins Heck krachen könnte, "weil er schon viel zu weit vorne sein" würde. Technische Defekte bereiten der Flavio-Briatore-Mannschaft ebenfalls keine Bedenken, schließlich ist mit Ausnahme eines Motorschadens in Hockenheim 1994 noch nichts zu Bruch gegangen. Dazu wurden für Japan alle (!) Teile am Auto vorsichtshalber gewechselt.

Der als ewiger Weltmeister-Sohn verschriene Hill hingegen sieht seine Felle davonschwimmen und äußert sich nach dem Qualifying nicht vor der Presse. "Ich habe euch nichts zu sagen", lässt er die Journalisten mit tiefer Enttäuschung auf dem Gesicht wissen - und stehen. Doch in der Nacht öffnet der Himmel über Suzuka seine Schleusen und stellt die Vorzeichen komplett auf den Kopf. Kurz vor dem Start ist der Regen schon so stark, dass das Wasser kaum noch von der Strecke abfließt und sich Rinnsale bilden.

Brundle überrrollt einen Streckenposten

Als die Ampel auf Grün springt, hat Schumacher den Vorteil, ohne Gischt in Führung liegend vom Feld wegzuziehen. Hill folgt ihm, doch dahinter bricht das Chaos aus. Aquaplaning und Boliden, die aufschwimmen, sorgen für neun Ausfälle binnen 13 Runden. Dass sich die japanischen Pirouettenkönige Ukyo Katayama und Taki Inoue (Tyrrell und Simtek) drehen, kommt nicht überraschend.

Dass Martin Brundle (McLaren), der trotz gelber Flaggen fast ungebremst in die Unfallstelle des Gianni Morbidelli (Footwork) kracht, einem bei der Bergung befindlichen Streckenposten nur das Bein bricht, grenzt an ein Wunder. Dass alles von den TV-Kameras festgehalten wird, macht die Schrecksekunde nur größer.

Die Rennleitung hat genug gesehen und zeigt die rote Flagge: Das heißt nach 1994er Reglement, dass alle Autos auf der Start- und Zielgeraden parken müssen - Schumacher direkt neben Hill. Die beiden sehen sich durch die ungetönten Regenvisiere an, doch auf Augenhöhe sind sie nicht mehr. Nachdem der Williams-Pilot im Laufe der ersten Runden vorsichtiger geworden war, hatte sein Rivale aufgedreht und zuletzt vier Sekunden pro Umlauf an Vorsprung herausgefahren. Und der Abstand zählt weiter.

Hill riskiert für die WM-Chance Kopf und Kragen

Denn die Vorschriften besagen, dass bei Unterbrechung ein virtuelles Klassement als Addition beider Rennteile erstellt wird, bei dem die vorherigen Differenzen mit denen nach Wiederbeginn aufsummiert werden. 6,8 Sekunden Vorsprung verschafft das Schumacher, als das große Warten vor Suzukas Riesenrad beginnt. Ferrari-Pilot Gerhard Berger ist froh, eine Pause einzulegen, schließlich hat er nach eigener Aussage "richtig Angst" auf der Strecke. Als es nach über zwei Stunden Pause wieder losgeht, sind die Bedingungen annehmbar, doch die Zeit drängt: Es bleibt eine Stunde bis zum Zeitlimit.

Hill erkennt die Gunst der Stunde: Im Gegensatz zu Schumacher, der zweimal nachtankt, um ein leichteres Auto zu haben, steuert der Brite nur einmal die Box an. Der WM-Führende kann seinen Vorteil auf nasser Fahrbahn nicht wie erhofft nutzen und hat nach dem zweiten Halt gewaltigen Rückstand. Hill riskiert an der Spitze Kopf und Kragen, er fährt nach Ansicht zahlreicher Experten das beste Rennen seiner Karriere. Nicht Rad an Rad mit Schumacher, was er später ausdrücklich bedauert, sondern in einem Fernduell.

Es geht um die Größe des Vorsprungs. Hill muss die 6,8 Sekunden Rückstand aus Rennteil eins egalisieren. "Sogar auf die Gefahr hin abzufliegen", erklärt er. Wird er Zweiter ist die WM so gut wie gelaufen. Schumacher, der "Regengott", läuft ebenfalls zur Hochform auf, doch er verkürzt die Lücke aber nur auf 10,1 Sekunden. Am Ende reicht es nicht, um einen wie entfesselt fahrenden Hill auf dem Rechenbrett abzufangen. "Schumacher zu besiegen ist ein verdammt hartes Kommando! Er war das ganze Jahr das Maß der Dinge und meistens hat er uns geschlagen", weiß Hill.

Siegesfeier ganz bodenständig: Dosenbier und Karaoke

Nicht in Suzuka. Zunächst muss er darüber aufgeklärt werden, dass er den Japan-Grand-Prix für sich entschieden hat. Beim Überfahren der Ziellinie hat er keine Ahnung und zeigt keine Reaktion. Was im Stimmengewirr des Teamfunks gesagt wird, versteht er nicht. "Ruhig, haltet den Mund!", schreit er seinem Ingenieur an. "Sagt mir einfach, ob ich gewonnen habe." Irgendwann erreicht seine Ohren der erlösende Satz: "Ja, du hast gewonnen." Ein lachender Frank Williams auf der Videoleinwand ist die letzte Bestätigung, die es braucht.

Schumacher, nach eigener Aussage "sicher zu gewinnen", hadert mit der Benetton-Strategie und meint zerknirscht, dass Hill "vielleicht zu gratulieren" sei, weil er ihn "in diesem Jahr zum ersten Mal auf der Strecke geschlagen" hätte. Eine Ansicht, über die sich streiten lässt, doch Schumachers Nervenkostüm hat Schaden genommen. In der WM-Gesamtwertung steht es nur noch 92:91 zu seinen Gunsten und die Entscheidung fällt erstmals seit acht Jahren wieder in einem Saisonfinale, nämlich in Adelaide. "Mir wäre viel lieber gewesen, es wäre schon in Japan alles vorbei gewesen", bedauert Schumacher.

Auch auf den weiteren Positionen üben die Piloten das Kopfrechnen. Wenn die Kameras mehr als Gischt einfangen und die Onboard-Aufnahmen nicht mit dem charakteristischen Neunzigerjahre-Rauschen aufwarten, ist zu erkennen, dass Jean Alesi (Ferrari) den anstürmenden Nigel Mansell einfach durchwinkt. Kurios: Der wohlbeleibte Altmeister mit Schnäuzer ist des Regelwerks nicht ganz mächtig und glaubt, er sei tatsächlich Dritter und dürfe auf das Podium - tatsächlich ist er das aber nur auf der Strecke. Alesi fährt hinterher und profitiert von seinen vier Sekunden Polster aus Teil eins.

Mindestens genauso denkwürdig wie die kontroverse WM-Entscheidung in Australien, die eine Woche später zugunsten Schumachers fällt, ist Hills Siegesfeier. Pragmatiker Frank Williams hat nichts vorbereitet und im Hotelrestaurant an der Strecke stehen die Gäste Schlange. Doch Damon Hill wäre nicht Damon Hill, wenn er sich darum scheren würde, ob Stoffservietten auf dem Tisch liegen. Er geht zum Jordan-Team, spendiert einige Runden Bier und verbringt auch mit vielen Fans einen feucht-fröhlichen Karaoke-Abend. Eine Siegesfeier für die Ewigkeit. Und natürlich auch ein Grand Prix für die Ewigkeit, denn die Additionsregel bei Rennunterbrechung verschwindet in der Formel-1-Asservatenkammer.

Artikeloptionen
Artikel bewerten