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Interview: Vettels erster Meistermacher

Unter Peter Mücke hat Sebastian Vettel die Formel BMW dominiert und den Sprung in die Formel 3 gewagt - Erinnerungen an die Anfänge des Dreifach-Champions

Peter Mücke und Sebastian Vettel
Der erste Meistermacher: Peter Mücke war Teamchef in Formel BMW und Formel 3
© xpbimages.com

(Motorsport-Total.com) - Jeder fängt mal klein an: Sebastian Vettel, mit 25 der jüngste Dreifach-Weltmeister aller Zeiten, ist vor gerade mal zehn Jahren mit Vater Norbert im Wohnmobil quer durch Deutschland getingelt, um ein Kartrennen nach dem anderen zu gewinnen. 2003 riskierte er den Einstieg in den Formelsport, gewann fünf Rennen in der Formel BMW und wurde Vizemeister hinter Maximilian Götz.

Es war in jenem Jahr, dass Helmut Marko auf den jungen Heppenheimer mit Zahnspange aufmerksam gemacht wurde, und nach der Aufnahme in das Red-Bull-Juniorteam wurde Vettel im Formel-BMW-Team von Peter Mücke untergebracht. Mücke (66) hat Rennteams in der DTM, der Formel-3-Euroserie und dem Formel-Masters, damals eben auch in der Formel BMW. Und er war der Erste, der es geschafft hat, aus einem leidenschaftlichen Hobby von Vater und Sohn eine professionelle Karriere mit dem konkreten Ziel Formel 1 zu machen.

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Im Interview mit 'Motorsport-Total.com' beschreibt er seine zweijährige Beziehung zu Vettel nicht nur als besonders erfolgreich, sondern vor allem als besonders unterhaltsam und menschlich. Mücke führt aus, warum damals schon absehbar war, dass aus dem Jungen mit Zahnspange mal ein Formel-1-Star wird, und erklärt, wie er die "Nabelschnur" zwischen Vettel und seinem Vater Norbert der Karriere wegen durchtrennen musste.

2003 noch beim Eifelland-Team

Frage: "Herr Mücke, können Sie sich noch daran erinnern, wie und wann Ihnen Sebastian zum ersten Mal aufgefallen ist? Haben Sie ihn im Kart schon gesehen, wurde er Ihnen vorgestellt?"
Peter Mücke: "Sebastian war zur damaligen Zeit schon mit einem eigenen Auto unterwegs und wir haben ihn schon das eine oder andere Mal an der Rennstrecke gesehen."

"Wir haben gemerkt, da ist jemand, der sich vorbereitet, der in die Formel BMW kommen will, und wir haben auch gesehen, dass er das eine oder andere Mal recht gut unterwegs war. Er ist dann im Folgejahr aber erstmal für ein anderes Team gefahren, Eifelland, und war da nicht zufrieden - wir haben ihn um Welten geschlagen. Daraus resultierend kam er dann zu uns und wir sind übereingekommen, dass er bei uns fährt. Es war dann auch eine überaus erfolgreiche Saison."

Frage: "Aber wie war denn das allererste Gespräch mit Sebastian, an das Sie sich erinnern können? Welchen Eindruck hatten Sie da von dem jungen Kerl?"
Mücke: "Da stand ein junger Bursche vor mir, der noch Zahnspange getragen hat! Er war extrem jung, wusste aber durchaus, was er wollte. Für uns war das zu dem Zeitpunkt aber noch nichts Besonderes."

"Es war zu erkennen, dass sein Umfeld einen Plan hat und er selbst auch, aber wie gesagt: Er war noch sehr, sehr jung - und da muss man ganz anders rangehen als dann später in der Formel 3, wo er ja auch für uns gefahren ist."

Mit Zuckerbrot und Peitsche

"In der Formel BMW spielen ganz andere Dinge eine Rolle, man muss den Jungs zum Beispiel mehr oder weniger eine Familie bieten. Sie müssen eingebunden sein, brauchen auch ab und zu ein paar Streicheleinheiten. Ich glaube, dieses Klima hat gestimmt und er hat gemerkt, dass es nicht nur ums Fahren geht, sondern dass man auch menschlich zueinander passt. So sind wir zueinander gekommen."

Frage: "Wenn Sie sagen 'Umfeld', dann meinen Sie konkret welche Personen? War damals nur sein Vater Norbert dabei oder auch noch andere?"
Vettel: "Damals war noch Gerhard Noack dabei, der ihn aus der Kartszene begleitet hat. Norbert und er haben mehr oder weniger die Basis gestellt, und die haben Sebastians damaliges Rennauto gekauft und waren mit ihm auf den Rennstrecken unterwegs."

"Das konnte auf Dauer nicht funktionieren, weil man ihm eine andere Basis liefern musste - es musste viel mehr Datenauswertung, viel mehr Vergleich mit anderen Fahrern da sein, um ihn Stück für Stück auszubilden."

Frage: "War Sebastian damals, als er bei Ihnen ankam, schon anders als andere junge Fahrer in seinem Alter, oder war das zu dem Zeitpunkt noch nicht absehbar?"
Vettel: "Er war davor schon auf den gleichen Strecken wie wir unterwegs und ich konnte anhand der Zeiten sehen, wo er steht und wie er sich entwickelt. Das war auf jeden Fall schon nicht der Durchschnitt, sondern schon mehr - aber er war zu dem Zeitpunkt ganz am Anfang, das darf man nicht vergessen."

Schon damals ein Fitnessfreak

Frage: "Gab es, bevor er bei Ihnen unterschrieben hat, ein Schlüsselerlebnis, bei dem Sie ihn beobachtet haben und dachten, das ist ein herausragender Fahrer?"
Mücke: "Nein. Ich glaube, die wirklich großen Schritte sind dann erst bei uns gekommen, ohne dass ich uns da selbst hochloben möchte. Nachdem er eine Basis mit einem Ausbildungsprogramm, richtigen Daten und Vergleichen zu anderen Fahrern hatte, hat man's dann schon gemerkt."

"Aber was hat ihn damals von anderen unterschieden? Die Masse der Fahrer kommt früh morgens halb verschlafen an, weil sie bis zur letzten Minute im Bett bleiben, bevor der Test oder das Rennwochenende anfängt. Bei Seppi war es anders: Er ist früh morgens um 5:30 oder 6:00 Uhr aufgestanden und ist schon mal eine Runde gejoggt, hatte dadurch den Kreislauf und seinen Körper in Bewegung."

Sebastian Vettel
Mücke-Weihnachtsfeier 2004: Sebastian Vettel feiert 18 Siege in 20 Rennen
© Mücke

"Er war von der ersten Minute des Tests oder des Rennwochenendes hellwach. Das war schon mal ein ganz klarer Unterschied. Das musste man ihm auch nicht sagen, sondern das hat er von sich aus gemacht. Das war so ein Kriterium, wo man gesagt hat: Aha, den musst du nicht antreiben, sondern der weiß selbst genau, wie er sich einstellen muss, um richtig Leistung zu bringen."

Frage: "Was in diesen Klassen sehr ungewöhnlich, aber wohl genau das Kriterium ist, wo sich die Spreu vom Weizen trennt, nicht wahr?"
Mücke: "Das ist richtig. Ungewöhnlich ist in dem Alter vor allem, dass es von sich aus kommt, denn den meisten Fahrern muss so etwas durch das Coaching zugetragen werden. Das brauchte man bei ihm nicht. Er war ohne Mentaltrainer und all diesen Schnickschnack unterwegs, was, wie ich finde, für junge Leute im Normalfall sowieso nicht wichtig ist - die müssen nicht Druck von außen kriegen, sondern sich selbst Druck aufbauen."

180.000 Euro für eine Saison

Frage: "Die Formel BMW und die Formel 3 sind Klassen, in denen man als junger Fahrer Sponsoren mitbringen und das Cockpit finanzieren muss. Kamen denn diese Gelder immer zuverlässig? Hat der kommerzielle Aspekt auch hingehauen?"
Mücke: "Das war relativ schnell geklärt, denn es passiert sowieso alles immer nur über Leistung. Als wir mit ihm zusammengearbeitet haben, konnten wir Leistung zeigen - und in dem Moment wurde auch Red Bull aufmerksam. Das ging damals über Dr. Marko, dass man sagen konnte: Hier ist einer, der scheint besser zu sein als die anderen."

Sebastian Vettel
Im Team war Sebastian Vettel wegen seines Humors immer besonders beliebt
© Mücke

Frage: "Wann war das? Im erfolgreichen Formel-BMW-Jahr?"
Mücke: "In der Formel BMW war Red Bull schon sein Begleiter. Als er in der Formel BMW zu uns kam, war Red Bull schon da. Daraus resultierend liefen die Verträge sowieso mit Red Bull, und die waren natürlich auch immer korrekt."

Frage: "Was war denn damals ein übliches Budget für eine Formel-3-Saison, das man als junger Fahrer mitbringen musste?"
Mücke: "Ich glaube, ungefähr 180.000 Euro. Das ist heute übrigens noch ähnlich. Zwischendurch war die Euroserie mal ein bisschen teurer, als die internationalen Rennen kamen."

Helmut Marko als großer Fürsprecher

Frage: "Sie haben Helmut Marko erwähnt, der bis heute eine Schlüsselfigur in Sebastians Karriere ist. Wie stark hat er sich damals schon eingebracht, auch Ihnen und Sebastian selbst gegenüber?"
Mücke: "So, wie er das immer gemacht hat. Er stand voll dahinter, wollte Leistung sehen, hat aber auch die Voraussetzungen geschaffen, dass Leistung gebracht werden kann - und wenn's nur um die finanzielle Abdeckung ging."

"Bei Sebastian lief auch nicht alles schnurgerade und immer schön."
Peter Mücke

"Es war ihm nie gleichgültig, und ich glaube, dass Sebastian auch aufgrund dessen, dass Dr. Marko immer an ihn geglaubt hat, so weit gekommen ist - es lief ja bei Sebastian auch nicht alles schnurgerade und immer schön. Aber Dr. Marko hat immer an ihn geglaubt und ihm den Rücken freigehalten, und das war sicherlich ein Grund dafür, dass der Weg zu Ende gegangen werden konnte."

Frage: "Das würde ich gern ein bisschen konkreter wissen. Bei wie vielen Rennen war Marko zum Beispiel selbst vor Ort, wie oft haben Sie mit ihm telefoniert nach den Rennen?"
Mücke: "Wir haben grundsätzlich alles abgeklärt, was abzuklären war. Er war bei einigen Rennen auch selbst vor Ort, weil der Doktor jemand ist, der alles immer ganz genau wissen möchte."

"Er hat ihn also schon recht intensiv begleitet, aber zur damaligen Zeit war Sebastian einer unter mehreren Junioren. Sebastian hat sich immer mehr herauskristallisiert - und wie gesagt: Der Doktor hat das auch in schlechten Zeiten weitergemacht. Deswegen hat's dann auch funktioniert."

18 Smileys nach 20 Saisonrennen

Frage: "Sebastian hat 2004 in der Formel BMW 18 von 20 Rennen gewonnen. Für jeden Sieg hat er einen Smiley auf sein Auto geklebt. Wie kam das zustande?"
Mücke: "Das kam ganz zufällig. Ein Mechaniker hat ihm den Sticker mal draufgeklebt, und daraufhin hat Sebastian gesagt, dass jedes Mal einer dazukommt, wenn er gewinnt. Am Ende der Saison mussten wir schon die andere Seite der Motorhaube benutzen!"

"Dass er selbst das Auto weggeschmissen oder einen Crash verursacht hat, das war nie der Fall."
Peter Mücke

Frage: "18 Aufkleber waren's dann, nur zwei Rennen hat er verloren. Wenn jemand 18 von 20 Rennen gewinnt, können Sie sich sicher nicht mehr an alle Siege erinnern, aber vielleicht an die zwei Rennen, die er nicht gewonnen hat..."
Mücke: "Nein, kann ich nicht mehr. Seither waren zu viele Fahrer bei uns und es waren zu viele Rennen, als dass ich das jetzt im Detail sagen könnte. Wenn so etwas war, hatte es meistens mit einer Kollision zu tun, dass ihn irgendjemand abgeschossen hat, oder ein äußeres Ereignis. Aber dass er selbst das Auto weggeschmissen oder einen Crash verursacht hat, das war nie der Fall."

Frage: "Gerhard Berger hat einmal beschrieben, dass er während seiner McLaren-Zeit in manchen Kurven schneller war als Ayrton Senna, aber während er zwischen 90 und 105 Prozent schwankte, soll Senna immer bei 99 gewesen sein, konstant und ohne den geringsten Fehler. Haben Sie das bei Sebastian ähnlich beobachtet?"
Mücke: "Sehr fokussiert, das Beste rauszuholen, gar keine Frage, und er hatte immer den Kopf eingeschaltet."

Qualifying: Immer auf den letzten Drücker

"Zum Beispiel Qualifying: Im Qualifying waren wir manchmal schon angespannt, weil wir dachten: 'Mein Gott, jetzt mach es doch mal!' Wir hatten über die damaligen Reifen herausgefunden, dass die einen sehr langsamen Aufbau brauchen, um dann wirklich einen astreinen Peak zu liefern. Um den Vorteil der benutzten Strecke zu nutzen, weil dann mehr Gummi lag, aber auch um den Reifen ganz sauber anzufahren, ist Sebastian in den ersten sechs, sieben Runden extrem vorsichtig gefahren. Die anderen waren alle schon bei Topzeiten, da waren wir noch nicht einmal auf der ersten Seite des Monitors."

"Da hat man manchmal schon die Geduld verloren: 'Jetzt aber!' Er hat's dann grundsätzlich in den letzten zwei Runden gemacht. Da ist auch immer die Rot-Gefahr, von daher haben wir dann auch immer kräftig durchgeatmet, aber in den letzten zwei Runden konnte man sich wirklich drauf verlassen, dass er auf den ersten Platz fährt. Das war sehr spät, aber wenn ein junger Bursche den Nerv schon hat und im Kopf so weit ist, das so exakt abzupassen, dann ist das schon eine Ausnahme. Das hat wirklich hundertprozentig funktioniert."

Frage: "2005 hat er mit Ihnen den Schritt in die Formel-3-Euroserie gemacht, wo er erst einmal lernen musste, Rennen zu verlieren. Er hat in der Saison kein einziges Rennen gewonnen und wurde Gesamtfünfter. Das ist für einen Jungen, der im Jahr zuvor 18 von 20 Rennen gewonnen hatte, psychologisch sicher schwierig. Wie ist er damit umgegangen, dass auch noch andere Autofahren können, und wie haben Sie ihn durch diese Situation geführt?"
Mücke: "Für mich war das nichts Neues, ich erlebe das immer wieder - ich weiß, was passiert, wenn einer aus einer unteren Formelklasse in die Formel 3 kommt."

Schwieriger Schritt in die Formel 3

"Man muss professionell an die ganze Sache herangehen. Für die Jungs ist das ein riesengroßer Schritt. Plötzlich haben sie ein ganz anderes Auto mit viel mehr Downforce, das schwieriger zu fahren ist. Die Arbeitsweise ist auch anders, Händchenhalten ist natürlich nicht mehr so da. Wir haben eine Ausbildung, die da hinführen soll, aber es war für Sebastian nicht leicht. Er hat die Welt plötzlich nicht mehr verstanden! Er hat damit gerechnet, wieder auf Anhieb ganz vorne und mit dem Auto genauso schnell zu sein wie mit dem Formel BMW."

"Das hat schon viel Arbeit erfordert, auch in seinem Umfeld, denn Norbert hat das auch nicht verstanden. Er war immer der Meinung, es liegt am Auto, aber wir hatten das ja schon lange genug gemacht und wussten, dass es nicht am Auto liegt. Wir wussten genau, was zu tun ist, um Sebastian da hinzukriegen. Daran haben wir erstmal eine Weile arbeiten müssen, und erst in der zweiten Saisonhälfte waren wir dazu in der Lage, um vordere Plätze zu fahren. Dann hatte er das Auto und die Arbeitsweise begriffen. Von da an ging's - und dann kamen auch wieder Erfolge."

Sebastian Vettel
Erinnerungen an die Saison 2004, in der alle Rekorde gesprengt wurden
© Mücke

Frage: "Gab's ein bestimmtes Schlüsselerlebnis, bei dem ein Schalter gefallen ist, einen bestimmten Anlass?"
Mücke: "Ein ganz normaler Punkt: Der Vater musste sich zurückziehen und nicht dem Jungen sagen, wie und wann und wo er etwas richtig oder falsch macht, sondern nur das Team und der Ingenieur dürfen dem Fahrer sagen, was er zu tun hat."

"Dieser Punkt kam dann auch, dass Norbert gesagt hat: 'Okay, ich komme nicht mehr in die Box. Wenn ich komme, gucke ich es mir von draußen an.' Das war auch in Übereinstimmung mit Red Bull so, dass man gesagt hat, Sebastian ist jetzt auf dem Weg zum Profi - und dazu gehört natürlich auch ein professionelles Umfeld. Von da an hat es dann auch funktioniert."

Profi werden muss man ohne Papa

Frage: "Wer hat das angestoßen? Helmut Marko, Sie, vielleicht sogar Sebastian selbst?"
Mücke: "Wir zusammen. Die Initialzündung musste natürlich ich liefern, ganz klar, weil ich ja wusste, woran es liegt. Das meine ich gar nicht negativ Norbert gegenüber, sondern das ist ein normaler Punkt - man muss irgendwann loslassen. Die Jungs wollen Profi werden, und so muss man sie auch behandeln. Das musste bei Sebastian auch erfolgen, und von da an ging's dann auch, denn plötzlich hatte er Vertrauen zum Auto, Vertrauen zum Ingenieur. Dann hat es funktioniert."

Heike und Sebastian Vettel
Mama Heike war in den ersten Jahren noch häufig im Wohnmobil dabei
© xpbimages.com

Frage: "Sebastian hat in der Zeit auch sein Abi gemacht, parallel zur Rennfahrer-Karriere. Musste ihn das Team unterstützen beziehungsweise hat das die Arbeit mit dem Team beeinträchtigt?"
Mücke: "Ja, natürlich. Wir haben toleriert, dass er manchmal später kam und nicht jeden Test wahrnehmen konnte. Das gehört einfach dazu. Er ist ein Mensch, der immer versucht, das Maximum zu machen - das hat er da auch gezeigt. Am Ende hat es ja auch funktioniert, er hat ein sehr gutes Abi abgelegt. Das gehört dazu - solche Leute sind so!"

Frage: "Wie oft erleben Sie es, dass ein junger Rennfahrer noch ans Abi und an eine andere berufliche Karriere denkt?"
Mücke: "Da gibt's gewaltige Unterschiede. Wir hatten parallel dazu Sebastien Buemi, bei dem es ganz andersrum war. Der wollte nur noch fahren und ließ seine anderen Sachen erstmal sein - er hat gesagt: 'Das kann ich immer noch machen.' Da ist Sebastian schon eher die Ausnahme."

"Ich finde das aber völlig richtig, denn man muss immer einen Plan B haben und sollte sich nicht darauf verlassen, dass Red Bull hinter einem steht und schon alles gutgehen wird. Man muss auch daran denken, dass man vielleicht etwas anderes machen muss."

Freundin damals schon abgeschirmt

Frage: "Wenn ich richtig zurückgerechnet habe, müsste Sebastian ungefähr in der Zeit auch seine Freundin Hanna Sprater kennengelernt haben. Die schirmt er heute komplett von der Öffentlichkeit ab. Hatte er Sie damals noch gelegentlich an der Rennstrecke dabei?"
Mücke: "Nein, absolut nicht. Das wäre genau wieder der falsche Weg gewesen, ähnlich wie das Festhalten an der Familie. Das wäre ihm nur im Weg gestanden, aber das hat er auch begriffen und nie gemacht. Ich habe sie vielleicht einmal gesehen, aber das war's. Ich glaube schon, dass er damals schon eine Freundin hatte, aber das sind Dinge, die hat er völlig getrennt."

Sebastian Vettel vor Sebastien Buemi
Sebastian Vettel beim Rennen zur Formel BMW 2004 in Adria vor Sebastien Buemi
© xpbimages.com

Frage: "Er ist damals immer mit Vater Norbert im Wohnmobil gereist. Wer war da sonst noch dabei?"
Mücke: "Also ab dem Punkt der Lösung von der Familie, von dem wir gesprochen haben, gehörte natürlich auch dazu, dass er nicht mehr im Wohnmobil schläft, sondern ins Hotel geht, wie jeder andere Fahrer, wie das Team auch."

"Genau die Wohnmobil-Geschichte passt zum jungen Burschen mit 14, 15 Jahren - da muss man das machen, da gehört das familiäre Umfeld einfach dazu. Aber zu dem, der Profi werden will, passt das nicht mehr. Es war dann auch nicht mehr der Fall, sondern in der Formel 3 hat er dann mit dem Team im Hotel geschlafen."

Frage: "Sebastian war also im Hotel, Norbert im Wohnmobil?"
Mücke: "Inwieweit Norbert dann noch bei allen Rennen war, kann ich nicht beurteilen, aber davor war es so, dass Sebastians kleiner Bruder immer mit dabei war, die Mutter und eben Norbert."

Goldene Generation in der Formel 3

Frage: "Beim Formel-3-Klassiker in Macao 2005 hat Lucas di Grassi vor Robert Kubica und Sebastian gewonnen. Alle drei haben es später in die Formel 1 geschafft. Manchmal ist es so, dass Fahrer in den Nachwuchsklassen mit der Masse schwimmen und erst in der Formel 1 explodieren. Gab es damals jemanden, den man für begabter halten musste als Sebastian?"
Mücke: "Nein. Ich war mir ziemlich sicher, dass Sebastian einer von den wenigen Fahrern ist, die das schaffen können. Zu der Zeit war Sebastian für mich der Einzige, der richtig unterwegs war."

Sebastian Vettel
In der Formel 3 musste Sebastian Vettel zum ersten Mal verlieren lernen
© xpbimages.com

Frage: "Wen hatte man dann hinter ihm noch am ehesten auf dem Zettel aus der Generation? Im Nachhinein betrachtet war das ja eigentlich eine goldene Generation..."
Mücke: "Kubica ist für uns gefahren, war aber ein ganz anderer Typ als Sebastian. Danach kam bei uns Buemi, und in der Generation auch Hülkenberg, aber nicht bei uns. Buemi und Sebastian waren auch nicht vergleichbar. Sebastian ist eher der absolute Analytiker, sehr professionell, und Buemi hat immer eher aus dem Bauch heraus entschieden."

Frage: "Gibt es eine Geschichte, die Sie besonders gern erzählen, wenn Sie auf Sebastian angesprochen werden?"
Mücke: "Da gibt's viele! Normalerweise behält man diese Sachen für sich, wenn jemand in späteren Jahren so einen Berühmtheitsgrad erreicht. Aber Seppi war immer sehr beliebt im Team, hatte einen Humor, über den wir uns manchmal dumm und dämlich gelacht haben. Er konnte zum Beispiel Leute von seiner Sprachart her kopieren, dass man geglaubt hat, da steht das Original, wenn man ihn hinter einer Tür sprechen hörte. Wir hatten viel Spaß mit ihm."

Tränenreicher Abschied in Hockenheim

Frage: "Können Sie sich noch an den Abschied von Sebastian erinnern?"
Mücke: "Natürlich. Da hatten viele eine ziemliche Träne im Auge. Das ist uns recht schwer gefallen, weil er uns sehr ans Herz gewachsen war. Ich glaube, das war von seiner Seite auch so. Aber gut, es ist halt so: Irgendwann muss man loslassen. Es war nicht leicht, aber es war zu einem Zeitpunkt, als alles im grünen Bereich war, nachdem sich die Formel 3 positiv entwickelt hatte und der nächste Schritt für ihn kam. Den hat ja Red Bull bestimmt. War wirklich nicht leicht."

Sebastian Vettel, Robert Kubica
2006: Aufstieg zum Testfahrer des BMW-Sauber-Teams in der Formel 1
© xpbimages.com

Frage: "Wo hat dieser Abschied denn stattgefunden? Direkt nach dem letzten Rennen?"
Mücke: "In Hockenheim, beim letzten Rennen. Da war uns klar: Das war's jetzt. Ich kam aus der Box ins Motorhome, Seppi war schon am Zelt. Da war uns klar, dass das jetzt das Ende war. Ich habe mich bei ihm bedankt und habe ihm für den weiteren Weg alles Gute gewünscht. Das war wirklich nicht leicht."

Frage: "Wann hatten Sie denn das letzte Mal mit Sebastian Kontakt?"
Mücke: "Ich habe ihm zu seinem dritten Weltmeister-Titel eine SMS geschickt. Er antwortet auf so etwas heute noch. Wir stehen immer wieder in Kontakt. Eine Geschichte, die bei uns und seinem damaligen Ingenieur immer noch gut in Erinnerung ist, ist der erste Grand-Prix-Sieg in Monza."

"Beim offiziellen Fernsehinterview hat er sich bei uns und seinem Ingenieur für die Zeit bedankt. Das ist Größe, das machen nicht viele. Für die meisten - was ich durchaus verstehen kann - ist das Thema erledigt, sobald sie weg sind. Es ist ja nur eine Vorstufe, an die nicht viel gedacht wird. Aber dass er sich in dem Moment, bei seinem ersten großen Erfolg, bei uns bedankt, das hat schon Eindruck hinterlassen. Da waren wir angenehm überrascht."

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