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WTCR-Kolumne: Eine Liga der Sonntagsfahrer?

Die Entscheidung, das WTCR-Rennen in Budapest wegen ein paar Regentropfen abzubrechen, sorgt nicht nur bei unserem Redakteur für Kopfschütteln

rote Flagge

Der WTCR sieht Rot - nur wegen eines leichten Regenschauers Zoom

Liebe Freunde des Frontantriebs,

auf den Trümmern der Tourenwagen-WM ist in den vergangenen Monaten ein neues zartes Pflänzchen gewachsen, das vielversprechende Ansätze zeigt: der Tourenwagen-Weltcup WTCR. Das kostengünstige TCR-Reglement sorgte für ein volles Starterfeld mit vielen großen Namen der Tourenwagen-Szene, die robusten Autos erlauben wieder echte Zweikämpfe Tür an Tür, welche die Vorgängerserie WTCC einst so populär gemacht hatten. "Real cars, real racing", der alte Werbespruch der WTCC schien 2018 wieder den Status Quo zu beschreiben.

Am gestrigen Sonntag bekam das zarte Pflänzchen WTCR allerdings einen kräftigen Fußtritt verpasst: Von der Rennleitung am Hungaroring, die das dritte Rennen mit der roten Flagge unterbrach, nur weil es über der Strecke leicht zu regnen begann. "Warum haben sie die rote Flagge gezeigt, es wurde gerade interessant", wunderte sich nicht nur Rob Huff über diese Entscheidung. Auch TV-Experte und Nordschleifen-Veteran Christian Menzel konnte sich am Eurosport-Mikrofon herrlich darüber echauffieren.

WTCR im NASCAR-Modus

Denn der leichte Regen, der ab der sechsten Runde über dem Hungaroring runter ging, war nicht zu vergleichen mit den Starkregen- und Hagelschauern, wie sie nach Rennende tobten. Bei diesen Bedingungen wäre ein Rennabbruch die einzig richtige Entscheidung gewesen, denn das wäre wirklich unfahrbar und gefährlich gewesen. Doch 20 Minuten vorher war die Strecke allenfalls leicht feucht. Bei solchen Bedingungen habe ich bisher nur in der NASCAR-Serie rote Flaggen gesehen. Aber die haben im Gegensatz zum WTCR weder Regenreifen noch Scheibenwischer.


WTCR Budapest: Die Highlights des dritten Rennens

Die offizielle Begründung für den Rennabbruch lautete: Man habe den Teams die Möglichkeit geben wollen, in der Startaufstellung in Ruhe die Reifen zu wechseln. Zugegeben: Hätte man das während des Rennens in der Boxengasse machen wollen, wäre es etwas chaotisch geworden. Denn im Gegensatz zu DTM- oder GT-Autos haben die Räder der WTCR-Boliden keinen Zentralverschluss, sondern werden klassisch mittels fünf Radmuttern befestigt.

Und wären bei einem Team wie Münnich, das drei Fahrzeuge einsetzt, alle Fahrer gleichzeitig zum Reifenwechsel an die Box gekommen, dann wäre es sicherlich eng geworden - räumlich und personell. Auch hat niemand, auch nicht der Verfasser dieser Zeilen, ein Interesse daran, dass die Autos in einem wüsten Knäuel in der Streckenbegrenzung landen und die zu Beginn der Saison vielleicht noch nicht üppig gefüllten Ersatzteillager über Gebühr strapaziert werden.

Traut die Rennleitung den Fahrern nichts zu?

Aber kann all das wirklich ein Argument sein, um ein Rennen wegen ein paar Regentropfen abzubrechen? Haben wir es im WTCR mit einer Truppe von Sonntagsfahrern zu tun oder mit den (angeblich) besten Tourenwagen-Fahrern der Welt, zu denen vier Weltmeister mit sieben Titeln, drei britische Tourenwagen-Meister und viele weitere Seriensieger gehören?

Norbert Michelisz

Fahrern wie Norbert Michelisz sollte man zutrauen, bei Regen zu fahren Zoom

Traut man Fahrern wie einem Gabriele Tarquini, Yvan Muller oder James Thompson nicht zu, das Risiko auf feuchter Strecke zu kontrollieren und zusammen mit ihren professionellen Teams zu entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt für einen Reifenwechsel gekommen ist? Seit gestern muss die Antwort lauten: Offensichtlich nicht.

Auffällig war, wie bedeckt sich die Fahrer nach dem Rennen zu der Entscheidung der Rennleitung hielten. Als auf der Pressekonferenz nach dem Rennen Tarquini, Muller, Rob Huff und Norbert Michelisz dazu vom serbischen Kollegen Aleskandar Babic befragt wurden, hatte nur der italienische Rennsieger etwas zu sagen.

Das Schweigen der Piloten

"Für mich war es eine sichere Entscheidung", sagte Tarquini. "Bei Regen weiß man nie, was passiert. Wenn man das Rennen unterbricht und anschließend hinter dem Safety-Car neu startet, ändert sich an der Reihenfolge nichts." Ach was! Dass Tarquini als Rennführender kein Interesse an einer Regenlotterie hatte, verwundert kaum. Schade, dass seine Verfolger dazu nichts zu sagen hatten.

Gabriele Tarquini

Sieger Gabriele Tarquini fand den Rennabbruch vollkommen okay Zoom

Mit einem weiteren Argument machte Tarquini den WTCR dann auch noch kleiner, als er ist. "Wir sind hier nicht in der Formel 1 und haben ein Radar oder Satelliten, durch die wir wissen, was in fünf oder zehn Sekunden oder in einer Minute passiert", meinte er. Ich halte dagegen und behaupte, dass jeder Teammanager auf seinem Laptop für jede Rennstrecke Bookmarks zu den passenden Regenradar-Seiten gespeichert hat. Und wenn das nicht hilft: Einfach mal wie früher die Hand unter dem Kommandostand hervor halten.

Um das noch einmal klar zu sagen: Ich sage nicht: "Fahrt gefälligst auf Teufel komm' heraus, egal wie das Wetter ist!" Rennabbrüche bei Regen können geboten sein. Gestern am Hungaroring war das meiner Meinung nach nicht der Fall, sondern eine überzogene, geradezu ängstliche Entscheidung.

WTCR sieht im Vergleich alt aus

Und zwar eine, die den WTCR im direkten Konkurrenzvergleich schlecht aussehen ließ. Während die Formel 1 in Baku ein spektakuläres Rennen bot, während die Rallycross-WM in Portugal ihr Finale im dichten Schneetreiben austrug, werfen die besten Tourenwagen-Fahrer der Welt bei ein paar Regentropfen das Handtuch?


Fotos: WTCR in Budapest 2018


Wenn dem so wäre, dann müsste man den Verantwortlichen des WTCR fast schon davon abraten, in zwei Wochen auf der Nürburgring-Nordschleife zu fahren. Denn in der Eifel soll das Wetter Mitte Mai auch unbeständig sein. Und wenn der WTCR dann bei ein paar Regentropfen am Adenauer Forst die rote Flagge rausholt, fliegt ihm der Zeitplan ruckzuck um die Ohren.

Aber keine Sorge, diesen Ratschlag gebe ich dem WTCR natürlich nicht. Denn dafür freue ich mich viel zu sehr darauf, das Feld der 27 TCR-Autos auf der Nordschleife zu sehen - egal ob bei Regen oder Sonnenschein.

Ihr

Markus Lüttgens

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