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Stefan Heinrich: "Dale Earnhardt ist wie Elvis"

NASCAR-Kommentator Stefan Heinrich im Interview: Erinnerungen an den "Intimidator", die Vertuschung der Serienchefs und das Erbe von Dale Earnhardt

(Motorsport-Total.com) - Vor genau 15 Jahren hat die nordamerikanische Motorsportszene einen unfassbaren Schock erlitten. Bei einem Unfall in der letzten Runde des berühmten Daytona 500 kam die US-Ikone Dale Earnhardt ums Leben. Der langjährige 'Eurosport'-Kommentator Stefan "The Voice" Heinrich, der mit 'Motorvision TV' in der Saison 2016 alle NASCAR-Cup-Rennen live übertragen wird, war damals vor Ort. Im Interview mit 'Motorsport-Total.com' erinnert sich Heinrich an jenen schwarzen Sonntag.

Dale Earnhardt Sr.

Dale Earnhardt wird für immer eine Legende bleiben Zoom

Frage: "Stefan, du warst am 18. Februar 2001 live beim Daytona 500 vor Ort. Wo hast du das Rennen verfolgt?"
Stefan "The Voice" Heinrich: "Ich saß damals zwischen den Kurven drei und vier von Daytona, war also gar nicht mal weit weg vom dramatischen Geschehen. Es war damals die Zeit, in der wir bei 'Eurosport' nicht die Live-Senderechte hatten, sondern nur Zusammenfassungen zeigten - und zwar immer Donnerstags. So konnte ich mir das Rennen von der Tribüne aus anschauen und dann später diese Eindrücke in die Zusammenfassung mit aufnehmen."

Frage: "Lag an diesem Tag etwas Besonderes in der Florida-Luft?"
Heinrich: "Nein, zumindest überhaupt nichts Negatives. Es war der Saisonauftakt, und dort herrscht immer eine Art Karnevalsstimmung. Auch während des Rennens war nichts in der Luft. Als die Schlussphase begann, lagen vorn beide Earnhardts aussichtsreich im Feld. Der Junior war ein Jahr zuvor als zweimaliger Champion der Busch-Series, also der zweiten Liga, in die Topliga aufgestiegen - und der Papa hat seinen Filius im Jahr 2001 noch weiter unterstützen wollen."

"Und so fuhren also fünf Runden vor Schluss ganz vorne der Earnhardt-Inc-Pilot Michael Waltrip, dahinter Junior und auf Rang drei Dale Earnhardt. Es war eine eigentlich nette 'Familienzusammenkunft' an der Spitze. Und dann passierte es: In der letzten Runde bekommt Dale hinten einen Kick, biegt ab und landet in der Mauer. Aber auch in diesem Moment ahnte niemand etwas Böses. Alle dachten, dass er gleich aus dem Auto steigen und sich den Staub abklopfen wird..."


Dale Earnhardts Unfall beim Daytona 500

Am 18. Februar 2001 ließ Dale Earnhardt beim Daytona 500 sein Leben - Der harmlos wirkende Unfall in der Liveübertragung Weitere Tourenwagen-Videos

Frage: "Aber das passierte nicht - obwohl es doch ein Allerwelts-Unfall in der NASCAR war, der dort fast in jedem Rennen passiert..."
Heinrich: "Ganz genau, es sah überhaupt nicht spektakulär aus. In der Anfangsphase des damaligen Daytona 500 hatte es einen viel heftiger aussehenden Crash gegeben. Dort war Tony Stewart abgehoben und mit seinem Auto mit großer Wucht auf anderen Fahrzeugen gelandet. Das war ein echter 'Big One', aber es kamen alle glimpflich davon. Leider war das Glück in der letzten Runde aufgebraucht."

"Solche Unfälle, wie den von Dale Earnhardt, sieht man in den NASCAR-Rennen immer wieder. Vor allem in den großen Rennen passieren solche Zwischenfälle regelmäßig. Daytona war ein sogenanntes Restrictor-Plate-Rennen, es war die Leistung aller Fahrzeuge also über Luftmengenbegrenzer auf rund 450 PS nivelliert. Da ist es logisch, dass immer im Pulk gefahren wird, und es ist ebenso logisch, dass es zu Kontakten und Abflügen kommt."

Frage: "Dann siehst du nach dem Unfall, wie der ebenfalls beteiligte Ken Schrader aussteigt, Dale Earnhardt aber nicht. Ab welchem Punkt war dir klar, dass dort Schlimmeres passiert ist?"
Heinrich: "Schrader ist ausgestiegen, hat gewunken und ist zum Auto von Earnhardt gegangen. Dann tauchten immer mehr Rettungsfahrzeuge auf, es gab immer mehr Blinklichter. Dale stieg einfach nicht aus, es war bizarr. Der Streckensprecher verkündete Durchhalteparolen und war sehr positiv, aber nach einigen Minuten wurde durch die Körperhaltung der Helfer klar, dass nicht alles gut ist."

Dale Earnhardt, Ken Schrader, Unfall

Auch Stefan Heinrich schwante beim Unfall zunächst nichts Schlimmes Zoom

"Obwohl sehr viele Rettungskräfte vor Ort waren, rührte sich dort wenig. Im ersten Moment denkst du, dass er vielleicht einen Schlag auf die Wirbelsäule bekommen hat, oder er eine gewisse Zeit braucht, weil ihm kurz mal die Luft weggeblieben ist. Ich ging wirklich davon aus, dass er noch aussteigen würde. Aber es tat sich einfach nichts - über Minuten. Und dann war es zumindest eine schreckliche Ahnung, dass dort Schlimmeres passiert sein könnte..."

Frage: "Irgendwann musstest du das Rennen für 'Eurosport' zusammenfassen. Wie hast du das bewerkstelligt? Welche Informationen gab es zu jenem Zeitpunkt überhaupt?"
Heinrich: "Wir konnten im Prinzip auch nur die traurige Nachricht vermitteln, dass der große 'Intimidator' Dale Earnhardt bei einem Allerweltsunfall im Rahmen des Daytona 500 ums Leben gekommen ist. Mehr konnten wir nicht tun, denn es lagen zu jenem Zeitpunkt nicht die Informationen darüber vor, was wirklich passiert war."

"Später stellte sich nämlich heraus, dass Earnhardt nicht nur - wie immer - an seinem offenen Jet-Helm festgehalten, sondern statt eines Sechs-Punkt-Gurtes einen mit nur fünf Aufhängungen genutzt hatte. Earnhardt hatte sich bei dem Unfall schwere Kopfverletzungen und unter anderem mehrere Rippenbrüche zugezogen. Die Tatsache, dass einer der Fixpunkte des Gurtes gerissen war, wurde erst viel später bekannt - unter anderem, weil NASCAR das lange Zeit zu vertuschen versucht hatte."

Frage: "Michael Waltrip gewinnt damals im 463. Anlauf sein erstes Sprint-Cup-Rennen bei seinem ersten Einsatz für das Team von Dale Earnhardt, der Junior sichert sich Rang zwei und die Legende Dale Earnhardt kommt ums Leben - alles an einem Tag, sogar alles in einem einzigen Moment! Das erinnert fast an das Schicksal der Kennedy-Familie in der US-Politik..."
Heinrich: "Ja, das stimmt absolut. Und die amerikanische Öffentlichkeit hat einen Hang zu Verschwörungstheorien. Da gab es unzählige Leute, die sofort gesagt haben, dass daran etwas nicht stimmen kann. Solche Zufälle gibt es doch gar nicht."


Dale Earnhardts Sieg beim Daytona 500

20 Jahre musste Dale Earnhardt warten, bis er das Daytona 500 gewinnen durfte - 1998 war es endlich soweit Weitere Tourenwagen-Videos

"Ist John F. Kennedy von der Mafia getötet worden? Waren die Amerikaner wirklich auf dem Mond? Diese Fragen halten sich bis heute hartnäckig. Es ist tatsächlich so, dass im Falle des tragischen Tods von Dale Earnhardt sehr viele merkwürdige Umstände zusammenkamen. Die Familie feiert einen Doppelerfolg während der Teamboss/Fahrer stirbt. Das hat in Amerika zu einem Erdbeben geführt. Dieser Unfall hat gewisse Entwicklungen beschleunigt, zum Beispiel bei den Safer-Barriers oder beim Car-of-Tommorrow (CoT)."

Frage: "Das klingt nach erheblichen Parallelen zum schwarzen Formel-1-Wochenende in Imola 1994. Siehst du diese auch?"
Heinrich: "Ja, ganz eindeutig. Es gab in der NASCAR damals eine schwarze Serie mit vier Toten in neun Monaten, ähnlich war es in der Formel 1 1994, als zunächst Roland Ratzenberger und Ayrton Senna starben und das Drama in Monaco anschließend mit dem Unfall von Karl Wendlinger seine Fortsetzung fand. Sowohl in Formel 1 als auch in NASCAR waren diese dunklen Phasen Auslöser für wichtige Sicherheitskampagnen, die relativ schnell umgesetzt wurden."

"Der Böse, der 'Intimidator', das war nur das Image, das er sich gegeben hat." Stefan Heinrich

Frage: "Es gibt noch eine Parallele: Senna hatte am 1. Mai 1994 eine böse Vorahnung, er hat damals gemahnt und intensiv mit dem damaligen Rennarzt Sid Watkins über seine Sicherheitsbedenken gesprochen. Als in Daytona 2001 die Unterbrechung wegen des Stewart-Unfalls war, soll Earnhardt an seinen Teamchef Richard Childress gefunkt haben: 'Mit den Autos muss ganz dringend etwas passieren!' Auch er hatte eine Ahnung..."
Heinrich: "Ja, das habe ich auch so vernommen. Beide hatten ein ungutes Gefühl, sie waren wohl der Ansicht, dass eine Grenze erreicht war. Leider haben beide nicht mehr erleben dürfen, wie sich die Sicherheit im Motorsport anschließend umfassend verbessert hat."

Frage: "Du bist Dale Earnhardt mehrfach persönlich begegnet. Was war er für ein Mensch?"
Heinrich: "Ich habe oft mit ihm gesprochen. Das lag auch daran, dass er sehr interessiert an Europa war. Der Böse, der 'Intimidator', das war nur das Image, das er sich gegeben hat - und das er im Zusammenspiel mit 'Schwiegermutters Liebling' Jeff Gordon bestens gepflegt hat. Feinstes Marketing! Die beiden, die eng befreundet waren, haben das Spiel perfekt durchgezogen. Hier der Gute, dort der Böse. Auf der einen Seite der gut aussehende Kalifornier, auf der anderen Seite der harte Kerl aus den Südstaaten. So mögen das die US-Fans."


Der brillante letzte Sieg von Dale Earnhardt

17 Plätze in vier Runden: Dale Earnhardt schrieb 2000 in Talladega Geschichte - Es sollte sein letzter Sieg werden Weitere Tourenwagen-Videos

"Auf der Strecke war er aber tatsächlich hart und unnachgiebig. Dort eilte ihm ein entsprechender Ruf voraus. Wenn er mal im Mittelfeld von hinten kam, dann haben ihn einige tatsächlich ohne Gegenwehr ziehen lassen. Lieber ein bisschen zurückhalten, bevor Earnhardt zum Abschuss ansetzt. So war das Motto. Da kannte er keine Gnade. Wenn ich bei ihm im Wohnmobil war und wir geredet haben, dann war er ultra freundlich."

"Earnhardt hat mich über die DTM ausgefragt, er wusste über die Formel 1 sehr viel. Er war auch mehrfach in Europa - inkognito hat er sich Rennen angeschaut. Er war beispielsweise bei den 24 Stunden von Spa, fand die Eau Rouge sehr geil. Eines ist klar, und das trotz des Image: Wer sieben Mal eine solche Meisterschaft gewinnt, der muss etwas in der Birne haben. Da reicht ein schwerer Gasfuß nicht. Ich habe Dale als sehr intelligenten Menschen kennengelernt. Ich bin sicher, dass er auch in europäischen Serien gut unterwegs gewesen wäre."

Frage: "Blicken wir 15 Jahre nach dem Tod von Dale Earnhardt auf die heutige Situation: Wie geht deiner Ansicht nach der Junior mit dieser Situation um?"
Heinrich: "Junior ist der populärste Fahrer der Serie, aber - das wissen nicht nur wir Fachjournalisten - er ist in dieser Position nicht, weil er der große sportliche Überflieger ist. Er hat einzelne Rennen gewonnen, aber er konnte nie auch nur annähernd in die Fußstapfen des Vaters treten. Dafür war der Schatten wohl auch viel zu groß. Stell dir vor, du heißt Beckenbauer, bist der Sohn vom Kaiser und willst Profifußballer werden - das ist nicht so einfach. Alle schauen genau hin, du musst mehr leisten als normal."


Fotostrecke: NASCAR-Idol Dale Earnhardt Jr.

"Dale Earnhardt jun. hat den tragischen Tod seines Vater beeindruckend gut wegsteckt. Dabei hat ihm sein Umfeld sicherlich sehr viel geholfen. Das liegt aber auch an der gesamten amerikanischen Szene. Durch die dort verbreitete Hemdsärmlichkeit gehört es quasi dazu, dass mal etwas passiert. Geholfen haben aber auch die Maßnahmen der NASCAR. Die France-Familie hat teils gegen den Druck von Herstellern und Sponsoren schnelle Maßnahmen durchgedrückt."

"Außerdem darf man nicht vergessen, wie intensiv Dale Earnhardt in den Herzen der Fans weiterlebt. Der Junior mag der populärste Fahrer der NASCAR sein, aber der vor 15 Jahren verstorbene Daddy ist in den Merchandising-Umsatzlisten jetzt immer noch auf Rang drei! Diese Ikone lebt nicht nur in den USA weiter, sondern auch bei den Fans in Europa. Selbst bei der DTM sieht man immer mal wieder Fans mit einer NASCAR-Jacke, darauf die Startnummer 3. Dale Earnhardt ist diesbezüglich wie Elvis!"

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