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Dale Earnhardt: Der Unfall, der so harmlos aussah

Nur ein minimaler Zusammenstoß reichte aus, um das Undenkbare Wirklichkeit werden zu lassen - Was beim Daytona 500 2001 und in den Wochen danach geschah

(Motorsport-Total.com) - Es war ein Festtag, der zur Tragödie wurde. In der letzten Runde des Saisonauftakts zur ersten NASCAR-Saison des 21. Jahrhunderts geschah das Undenkbare: Dale Earnhardt verunglückte tödlich. Nicht in einem spektakulären Feuerwerk, sondern mit einem Einschlag, der für den Beobachter wie ein harmloser Unfall aussah. Doch Earnhardt wurde schon kurz nach dem Unfall für tot erklärt. Wie konnte es dazu kommen? (Erinnerungen an den Intimidator)

Dale Earnhardt, Ken Schrader, Unfall

Der Unfall von Dale Earnhardt wirkte zunächst nicht furchteinflößend Zoom

Daytona und Dale Earnhardt war lange Zeit eine zwiespältige Beziehung: Der "Intimidator" hatte auf dem Tri-Oval so ziemlich alles gewonnen, was es zu gewinnen gab, nur das prestigeträchtige Daytona 500 schien es ihm einfach nicht zu gönnen. Alleine viermal wurde er bis 1998 Zweiter, 14 Mal kam er in den Top 10 an. Earnhardt, der alles gewonnen hatte, schien es beim Daytona 500 einfach nicht fertig zu bringen. Umso überraschender kam sein Triumph in jenem Jahr, das sich an die sieglose Saison 1997 anschloss - einer von nur zweien, in denen Dale Earnhardt keine Victory Lane gesehen hat.

Es war ein Triumph, der größer war als alle seine sieben Titel zusammen. Dale Earnhardt hatte sich endlich in die Siegerliste des prestigeträchtigsten NASCAR-Rennens eingetragen. Und er wollte es wieder gewinnen. Die Voraussetzungen dafür waren bestens.

In der Saison 2000 war er nach einer Operation, in der ein bei einer Vielzahl von Unfällen seit 1996 eingeklemmter Nerv befreit wurde, endlich wieder konkurrenzfähig. Er wurde Vizemeister und zeigte wieder seine alte Stärke. Sein Sohn Dale Earnhardt jun. hatte bereits zwei Rennen gewonnen, dazu hatte er ein perfekt aufgestelltes Team Dale Earnhardt Inc. (DEI), während er selbst bei seinem langjährigen Partner Richard Childress fuhr.


Dale Earnhardts Sieg beim Daytona 500

20 Jahre musste Dale Earnhardt warten, bis er das Daytona 500 gewinnen durfte - 1998 war es endlich soweit Weitere Tourenwagen-Videos

Sein Körper wieder intakt, der Junior in den Fußstapfen, das Team perfekt vorbereitet - Dale Earnhardt strebte nach dem achten Titel und einem Eintrag in die Geschichtsbücher, denn noch teilte er sich mit sieben Titeln den Spitzenplatz mit Richard Petty. Er zeigte sich entspannt wie lange nicht mehr: "Ich bin so glücklich wie nie zuvor. Ich habe eine tolle Familie, ich liebe den Rennsport und ich bin auch ein besserer Mensch geworden."

Für das Rennen kam eine spezielle Aerodynamik zum Einsatz, mit der er im Jahr zuvor in Talladega 17 Plätze in vier Runden gutmachte und das Rennen gewann. Pack Racing war sein Metier. Im Fahrerlager hielt sich das Gerücht, Earnhardt könne den Luftstrom beim Fahren sehen. Er selbst sagte, dass er ihn zwar nicht sehe, aber spüre.

Ein Rennunfall mit bösen Folgen

Das Rennen selbst verlief lange unspektakulär, bis in Runde 173 ein Massencrash 18 Autos aus dem Rennen riss und die rote Flagge herauskam. Obwohl bei dem Unfall niemand ernsthaft zu Schaden kam, plagten Earnhardt Zweifel. Drei Fahrer waren in der vorangegangenen Saison in den drei großen NASCAR-Ligen ums Leben gekommen, so viele wie seit 1989 nicht mehr. "Wenn nicht etwas mit diesen Fahrzeugen passiert, wird noch jemand sterben", funkte Earnhardt in der Pause an seinen Teamchef Childress.

Michael Waltrip

Der schönste Tag seines Lebens nahm für Michael Waltrip eine verheerende Wendung Zoom

Ein 20-Runden-Sprint sollte das Daytona 500 entscheiden: An der Spitze lagen Michael Waltrip und Dale jun., beide in Fahrzeugen von DEI. Earnhardt selbst entschloss sich bereits wenige Runden vor Schluss, nicht selbst auf Sieg zu gehen, sondern Michael Waltrip, der sein erstes Rennen für DEI fuhr und zuvor in 462 Rennen keinen Sieg geholt hatte, oder seinen Sohn das Rennen gewinnen zu lassen. Also verteidigte er nach hinten und gab den beiden Führenden einen Vorsprung - ein ungewöhnlicher Move des sonst so erfolgshungrigen Superstars.

In der letzten Runde fiel schließlich das Pack, das er so lange aufhielt, über ihn her: Auf der Außenbahn attackierte Ken Schrader, innen Sterling Marlin. Earnhardt fuhr in der Mitte, hinter ihm drückte sein Kumpel Rusty Wallace. Es kam zu einem leichten Kontakt mit Marlin, Earnhardt drehte sich nach innen weg, bekam im flachen Teil einen Gegenpendler, wurde auf die Strecke zurückgeschleudert, nahm Schrader mit und schlug mit rund 250 km/h in einem Winkel von knapp 60 Grad in die Wand ein. Ein Rennunfall.

Der Aufprall selbst sah unspektakulär aus, sodass niemand etwas Böses ahnte. Michael Waltrip bejubelte seinen ersten Karrieresieg, sein Spotter und Bruder Darrell fragte noch beiläufig: "Dale ist doch okay, oder?" Die meisten Leute dachten dasselbe. "Alle dachten, dass er gleich aus dem Auto steigen und sich den Staub abklopfen wird", erinnert sich NASCAR-Kommentator Stefan Heinrich im Interview mit 'Motorsport-Total.com'. So hatte es Earnhardt schon Dutzende Male getan. (Zum kompletten Interview)

Das Undenkbare wird Wirklichkeit

Doch schon die amerikanischen TV-Kommentatoren merkten an: "Die Bilder werden diesem Einschlag überhaupt nicht gerecht." Earnhardt krachte im ungünstigsten denkbaren Winkel in die Mauer, weil er zuvor das Fahrzeug von Schrader touchierte, das seinen Winkel abfälschte und noch einmal steiler werden ließ. Auf ihn wirkten Kräfte, die einem Sturz aus 19 Metern Höhe gleichkommen. Der siebenfache Champion verweigerte das Tragen eines HANS, sodass sein Kopf nach vorn geschleudert wurde, aufgrund des Aufprallwinkels aber nicht auf das Lenkrad, sondern daneben. Dadurch wurde sein Hals überdehnt. Todesursache: Schädelbasisbruch.


Dale Earnhardts Unfall beim Daytona 500

Am 18. Februar 2001 ließ Dale Earnhardt beim Daytona 500 sein Leben - Der harmlos wirkende Unfall in der Liveübertragung Weitere Tourenwagen-Videos

In der Victory Lane gingen die Feierlichkeiten erst einmal ungezwungen weiter. Waltrip konnte den größten Tag seiner Karriere noch für eine halbe Stunde genießen. Erst nach Ende der offiziellen Zeremonie informierte ihn Ken Schrader über den Zustand von Dale Earnhardt. Auf einen Schlag schlug die Stimmung um. "In diesen Moment wurde der schönste Tag meines Lebens urplötzlich zum schlimmsten aller Zeiten", erinnert sich der heute 52-Jährige.

Währenddessen war Earnhardt im Halifax Hospital angekommen. Dale jun. war als einer der Ersten noch im Rennoverall ins Krankenhaus gestürmt, mit ihm zahlreiche Teammitglieder. Die Ärzte konnten für seinen Vater nichts mehr tun. Earnhardt wurde um 17:16 Uhr Ortszeit für tot erklärt, wenig später verkündete NASCAR-Präsident Mike Helton, der selbst den Tränen nahe war, das Undenkbare: "Das ist das schwierigste Statement, das ich je in meinem Leben machen musste: Beim Unfall in Kurve vier im heutigen Daytona 500 haben wir Dale Earnhardt verloren."

Nachdem NASCAR mit Earnhardt den vierten Toten innerhalb eines Jahres zu vermelden hatte, wurden neue Sicherheitsmaßnahmen ergriffen: HANS wurde noch während der laufenden Saison Pflicht, die SAFER Barrier wurde auf allen Strecken installiert und die Daten des Unfalls für die Entwicklung des "Car of Tomorrow" herangezogen.

"Alle dachten, dass er gleich aus dem Auto steigen und sich den Staub abklopfen wird." Stefan Heinrich

Die gesamte Saison 2001 hindurch wurde die Runde 3 zur Schweigerunde erklärt. Die TV-Kommentatoren sagten kein Wort und alle Fans hielten drei Finger zu Ehren von Dale Earnhardt in die Luft. Dieses Prozedere wurde für zehn Jahre bei jedem Daytona 500 wiederholt. Earnhardt selbst wurde von einem jungen, noch unbekannten Fahrer namens Kevin Harvick ersetzt.

Ein bemerkenswerter Saisonverlauf

Die Startnummer 3, Earnhardts Markenzeichen, wurde für 13 Jahre aus dem Verkehr gezogen. Als Austin Dillon mit eben dieser Startnummer im Jahre 2014 zurückkehrte, wurde dies heftig debattiert. Dass er in seinem ersten Rennen, dem Daytona 500 2014, gleich die Pole holte, befeuerte Verschwörungstheorien. Doch dies war nicht das einzige mysteriöse Ereignis, das in der Folge in Verbindung zum tödlichen Unfall von Dale Earnhardt steht.

In den Wochen danach kam es zu einer Reihe bemerkenswerter Ereignisse in der NASCAR-Welt. Nur eine Woche nach dem Daytona 500 später stand in North Carolina das nächste Rennen auf dem Programm. In der ersten Runde wurde Dale Earnhardt jun. von Ron Hornaday gerammt und knallte nahezu im selben Winkel in die Mauer wie sein Vater zuvor, jedoch mit viel geringerer Geschwindigkeit, weshalb er unverletzt blieb. Es wirkte wie eine Miniatur-Ausgabe des Unfalls eine Woche zuvor.

Dale Earnhardt Jun.

Dale Earnhardt jun. emotionaler Sieg beim Pepsi 400 im Sommer 2001 Zoom

Das Rennen selbst gewann DEI-Pilot Steve Park. Es war sein zweiter von nur zwei Karrieresiegen, die der Earnhardt-Pilot holte. In der Victory Lane kämpfte er beim anschließenden Interview mit den Tränen und nahm einen emotionalen Anruf von Earnhardts Witwe Teresa entgegen, die ihm einen guten Job bescheinigte. Fahrer wie Mechaniker deuteten nach oben, um zu zeigen, wer da mitgewirkt hat.

Genau 3 Wochen nach Earnhardts Unfall holte Earnhardts Ersatzmann Kevin Harvick in Atlanta seinen ersten Sieg. Er besiegte dabei Jeff Gordon um 0,006 Sekunden. Ein Jahr zuvor siegte Earnhardt in einem Abziehbild des Finishs mit nur 0,010 Sekunden gegen Bobby Labonte. Nur 3 Rennen bis zum ersten Sieg zu benötigen war NASCAR-Rekord.

Am 29. April 2001 wäre Dale Earnhardt 50 Jahre alt geworden. Da dieser Tag auf einen Sonntag fiel, fand ebenfalls ein Rennen statt, das in Fontana abgehalten wurde. Der Sieg ging an Earnhardts Langzeitfreund Rusty Wallace. Als NASCAR in der Saison 2001 erstmals wieder nach Daytona zurückkehrte, zum Pepsi 400, schlug die Stunde von Dale Earnhardt jun. Er siegte vor Michael Waltrip - das Ergebnis des Daytona 500 in umgekehrter Reihenfolge. Die beiden DEI-Piloten fielen sich in einer emotionalen Szene in den Arm, die Mechaniker taten es ihnen gleich. Für Dale jun. war es Karrieresieg Nummer 3.

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