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  • 02.08.2022 · 15:23

  • von German Garcia Casanova, Übersetzung: Gerald Dirnbeck

Analyse: Wie die Formel 1 die MotoGP-Entwicklung verändert hat

Immer mehr Formel-1-Technologie hält in der MotoGP Einzug - Warum das so ist und wie das die Königsklasse der Motorräder verändert hat

(Motorsport-Total.com) - Die Verpflichtung von Technikern aus der Formel 1 hat zur Veränderung der MotoGP beigetragen. Denn die Rolle der Ingenieure wird im Vergleich zum Einfluss des Fahrers immer wichtiger. Das trifft vor allem auf die drei europäischen Marken zu.

Valentino Rossi, Lewis Hamilton

Valentino Rossi im F1-Mercedes und Lewis Hamilton auf der MotoGP-Yamaha Zoom

Die letzte große Erfindung einer japanischen Marke war das Seamless-Getriebe. Dieses Getriebe, mit dem ohne Zugkraftunterbrechung geschaltet werden kann, wurde im Jahr 2011 in der MotoGP eingeführt. Damals war das eine grundlegende Innovation.

So ein Getriebe wurde prinzipiell in der Formel 1 schon Jahre zuvor verwendet. Die Honda-Ingenieure haben das System für ein MotoGP-Getriebe angepasst. Damals im Jahr 2011 konnte Ducati so ein System ebenso adaptieren, aber es war noch nicht perfekt.

Ducati hat mehr als ein Jahr gebraucht, um das Getriebe zu optimieren. Yamaha wechselte erst im Laufe der Saison 2013 auf so ein System. Mittlerweile ist das seit einigen Jahren bei allen sechs Marken Standard.

Die Synergien, die damals HRC zwischen dem Know-how aus der Formel 1 und der MotoGP nutzen konnte, waren der Startschuss für Formel-1-Elemente. Seither haben die Motorradingenieure immer mehr Augen auf das "andere" Fahrerlager geworfen.

Maverick Vinales, Aleix Espargaro

Aprilia hat in den vergangenen drei Jahren große Fortschritte erzielt Zoom

Das trifft vor allem auf die Aerodynamik zu, bei der Ducati seit Jahren führend ist. Gleichzeitig sind die drei japanischen Hersteller hinter die Europäer zurückgefallen und haben ihre Technologieführerschaft verloren.

Zusätzlich zu Ideen haben manche Motorsportabteilungen direkt Talente und Wissen aus der Formel 1 rekrutiert. Das deutlichste Beispiel ist Aprilia. Ende 2018 wurde Massimo Rivola als Motorsportchef verpflichtet, der davor bei Toro Rosso und Ferrari gearbeitet hat.

Seither hat sich Aprilia vom schlechtesten Team im Feld zu einem WM-Anwärter entwickelt. Ein Zufall? Nein. Mit der Ankunft von Rivola konnte sich Technikdirektor Romano Albesiano komplett auf die Entwicklung konzentrieren und musste sich nicht mehr um das Management kümmern.

Außerdem hat Rivola bei Aprilia strukturelle und personelle Änderungen vorgenommen. Es sind Ingenieure mit Formel-1-Erfahrung gekommen. Ein Beispiel dafür ist der ehemalige Ferrari-Motorenchef Luca Marmorini.

Nachdem er Maranello 2014 verlassen hat, baute Marmorini ein Büro auf und unterstützte die Entwicklung von Automobilrennmotoren. Sein größter Erfolg war aber sein Einfluss auf die Verbesserung der Aprilia RS-GP.

Fahrer sind unterschiedlicher Meinung

Nun hat sich Yamaha die Expertise von Marmorini gesichert. Er soll dabei helfen, dem M1-Motor mehr Leistung zu entlocken, nach der Fabio Quartararo verlangt. Ist es gut, dass sich die MotoGP aus technischer Sicht mehr an der Formel 1 orientiert?

"Es ist gut und schlecht", antwortet Quartararo auf diese Frage der spanischen Edition von 'Motorsport.com'. "Auf der einen Seite machen uns diese Komponenten schneller und schneller. Aber andererseits macht es unseren Sport immer komplizierter."

Francesco Bagnaia, Fabio Quartararo, Joan Mir

Sinkt die Bedeutung der Fahrer im Vergleich zu früher? Zoom

Der Weltmeister von 2021 gibt aber zu, dass die japanischen Marken auf der Entwicklungsfront gegenüber den Europäern verloren haben: "Die italienischen Marken, die diese Gadgets einführen, versuchen immer das Limit der Regeln auszuloten."

Ducati hat mit der Verpflichtung von Gigi Dall'Igna 2014 als Technikdirektor große Entwicklungsschritte gemacht. Aber schon davor hat man in Borgo Panigale auf die Formel 1 geschielt, in dem zum Beispiel der ehemalige Ferrari-Ingenieur Max Bartolini verpflichtet worden ist.

"Ich denke, es ist gut auf die Formel 1 zu schauen", findet Ducati-Fahrer Francesco Bagnaia. "Alles was uns hilft, das Potenzial zu verbessern und Performance zu finden, ist positiv. Deshalb denke ich, dass das gut ist."

Bagnaia glaubt im Gegensatz zu Quartararo aber nicht, dass die japanischen Marken die Entwicklung "verschlafen" haben: "Yamaha führt die Weltmeisterschaft an. Sie haben gewonnen. 2020 hat Suzuki gewonnen. Also gewinnen die japanischen Marken."

"Die Europäer verbessern sich, aber uns fehlt immer noch etwas", verweist Bagnaia auf die Statistik. Denn im Jahr 2007 hat mit Ducati erst einmal eine europäische Marke in der modernen MotoGP (seit 2002) die Fahrerweltmeisterschaft gewonnen.

Dovizioso: Die Ingenieure werden immer wichtiger

Als analytischer und nachdenklicher Fahrer ist die Meinung von Andrea Dovizioso immer interessant. Der Routinier findet: "In den vergangenen Jahren sind die Ingenieure wichtiger geworden als sie es in der Vergangenheit waren."

Andrea Dovizioso, Ramon Forcada

Laut Andrea Dovizioso hat sich die MotoGP verändert Zoom

"Und in diesem Kontext ist es eine große Hilfe, wenn man Techniker vom Kaliber der Formel 1 holt. Das ist die Richtung, in die wir seit Jahren gehen", sagt Dovizioso dem Autor dieser Zeilen. "Die Motorräder sind jetzt komplett anders."

"Es wurden viele Aspekte eingeführt, die dem Fahrer helfen, weil die Ingenieure die komplette Initiative über die Projekte übernommen haben. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass diese Änderung funktioniert. Egal ob einem das gefällt oder nicht. So ist es eben."

MotoGP-Feld jetzt enger beisammen als früher

Vielleicht liegt es auch an Umständen, aber es gibt Beweise, dass die MotoGP unvorhersehbarer wurde, je größer der Einfluss der Ingenieure geworden ist. In den vergangenen drei Jahren haben drei Fahrer auf drei unterschiedlichen Motorrädern die Fahrerweltmeisterschaft gewonnen.

Das waren Marc Marquez (Honda) 2019, Joan Mir (Suzuki) 2020 und Fabio Quartararo (Yamaha) 2021. Das ist nicht mehr zwischen 2006 und 2008 passiert, als Nicky Hayden (Honda), Casey Stoner (Ducati) und Valentino Rossi (Yamaha) die Titel gewonnen haben.

Jorge Lorenzo, Daniel Pedrosa

Vor 10 Jahren gab es deutlich weniger verschiedene Rennsieger Zoom

Noch nie haben in der Königsklasse vier verschiedene Fahrer mit vier verschiedenen Marken hintereinander die Weltmeisterschaft geholt. Das könnte passieren, falls Aleix Espargaro mit Aprilia tatsächlich den WM-Titel gewinnt.

Es gibt einen weiteren Trend der Veränderung. Zwischen 2019 und 2022 haben 15 Fahrer einen Grand Prix gewonnen. Vor einigen Jahren war das noch undenkbar. Zum Beispiel haben von 2013 bis weit ins Jahr 2016 nur Marquez, Rossi, Jorge Lorenzo und Dani Pedrosa gewonnen.

Die Stoppuhr zeigt den Rest, denn die Trainingsergebnisse sind immer sehr eng beisammen. Auch die Abstände im Rennen werden immer geringer. Dazu werden neue Pole-Rekorde und Rennrekorde aufgestellt.

Was die MotoGP von der Formel 1 lernen kann

Wie denkt man also von der anderen Seite über diesen Trend? Wir haben mit einem sehr erfahrenen Formel-1-Ingenieur darüber gesprochen: "In der Formel 1 gibt es einige Bereiche, die deutlich weiterentwickelt sind als in der MotoGP."

"Von der Aerodynamik, den Motoren, den Getrieben, den Radaufhängungen oder auch das Management der Arbeitsgruppen mit den Ingenieuren von den verschiedenen Bereichen. In der MotoGP sind die Teams viel kleiner."

In der MotoGP sind die Budgets deutlich kleiner als in der Formel 1. Und das gilt auch für die Teams selbst. Es gibt weniger Spezialisierung. Manche Teammitglieder müssen mehrere Aufgaben übernehmen.

Charles Leclerc, Sergio Perez

Die Aerodynamik bestimmt in der Formel 1 zum Großteil die Performance Zoom

"Ein Formel-1-Team besteht aus 1.500 Leuten, während die MotoGP-Teams viel kleiner sind. Man muss wissen, wie man diese Leute managt und sie in Bereichen einsetzt, wo sie gebraucht werden. Niemand darf sich gegenseitig auf den Zehen stehen."

"Das ist in der Formel 1 wichtig und wird auch in der MotoGP notwendig, wenn die Teams wachsen. Alle Formel-1-Teams haben solche Phasen während ihres Wachstums durchgemacht", erklärt der Formel-1-Ingenieur.

MotoGP-Prototypen sind technisch extrem hochgestochen. Aber: "Die MotoGP hat in den vergangenen Jahren Formel-1-Technologien adaptiert. Seamless-Getriebe gibt es in der Formel 1 seit 2005. Pneumatische Ventile gibt es in der Formel 1 seit mehr als 30 Jahren."

"Als es vor 20 Jahren noch Saugmotoren gab, hat man in der Formel 1 schon mehr als 300 PS pro Liter herausgeholt. Es gibt viel Technologie, die von der einen Seite zur anderen weitergegeben werden kann."

Ein großer Bereich ist dabei die Aerodynamik. In den Augen vieler Formel-1-Experten steckt dieser Aspekt in der MotoGP noch in den Kinderschuhen. "In der MotoGP ist dieser Bereich klein, aber entscheidend in der Formel 1", weiß der Ferrari-Ingenieur.

"Der Technologietransfer kann enorm sein. Wie man CFD benutzt und wie man im Windkanal arbeitet. In einem Formel-1-Team arbeiten 120 Leute an der Aerodynamik. Sie sind in Arbeitsgruppen unterteilt."

"In der MotoGP sind es viel weniger Leute, die sich um das gesamte Motorrad kümmern. Die Erfahrungen und die Fehler, die bereits in der Formel 1 gemacht wurden, können entscheidend sein, um in der MotoGP Zeit zu sparen."

Es geht nicht darum, die Formel 1 zu kopieren oder die MotoGP in die Formel 1 auf zwei Rädern zu verwandeln. Sondern es geht um die Erfahrung, die Organisation und die Technologie, die die Formel 1 hat. Die MotoGP-Teams können die gleichen Fehler vermeiden und Zeit sparen.

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