• 03.03.2013 15:45

  • von Michael Noir Trawniczek

Binder: "...Sonst ist der Sprung in die Formel 1 nicht möglich"

Im Interview erklärt GP2-Pilot Rene Binder, dass man im Formel-1-Unterhaus sofort vorne mitfahren muss und zu welchen F1-Teams er bereits Kontakt hat

(Motorsport-Total.com) - Rene Binder, der 21-jährige Neffe des früheren Formel-1-Piloten Hans Binder, wechselte bereits im Vorjahr von der deutschen Formel 3 in die GP2, bei Lazarus bestritt er die letzten drei Rennwochenenden der Saison 2012. Der von Tancredi Pagiaro geleitete Rennstall konnte im Vorjahr nur den letzten Platz in der Teamwertung erringen. Im Gespräch zeigt sich Rene Binder davon überzeugt, dass Lazarus über das Potenzial verfügt, das Maximum aus dem 612 PS starken Einheitsboliden herauszuholen.

Titel-Bild zur News: Rene Binder

Rene Binder geht mit Lazarus in seine erste vollständige GP2-Saison Zoom

Frage: "Rene, du fährst jetzt deine erste volle GP2-Saison, im Vorjahr hast du bereits drei Rennwochenenden in der GP2 absolviert - was kann man 2013 erwarten?"
Rene Binder: "Ich glaube, dass es am Anfang eine schwierige Saison werden wird - es sind einige Strecken neu für mich, vor allem bei den Überseerennen in Malaysia und Bahrain. Diese Strecken sind komplett neu für mich, es wird dort auch sehr heiß sein. Ich glaube, dass es am Anfang eher schwierig sein wird, aber mein Ziel ist es, ab Mitte der Saison regelmäßig in die Punkte zu fahren."

"Es gibt ja zwei Rennen pro Rennwochenende. Im zweiten Rennen starten die Top acht des ersten Laufs in umgekehrter Reihenfolge. Das heißt: Wenn man im Qualifying für das erste Rennen einen Startplatz zwischen zehn und 13 erzielt, gibt es eine relativ gute Chance, im ersten Lauf auf Platz acht vorzufahren und dann eventuell im zweiten Rennen von der Poleposition aus zu starten."

Lazarus: Das HRT der GP2?

Frage: "Das Lazarus Team wurde 2012 Letzter in der Teamwertung, mit nur einem Punkt auf dem Konto. Manche bezeichneten das Team als das 'HRT-Team der GP2'. Was für die Fans nicht so leicht zu verstehen ist: Die GP2 fährt mit Einheitsautos - und trotzdem gibt es massive Unterschiede."
Binder: "2012 ist an den ersten neun Wochenenden ein Pilot aus Venezuela (Giancarlo Serenelli; Anm. d. Red.) gefahren, der schon über 30 Jahre alt ist, der vom Speed her nicht wirklich schnell war - das hat das Team natürlich auch nicht weitergebracht. Denn im Grunde sind sie da mit nur einem Fahrer unterwegs gewesen, denn der zweite Fahrer war ohnehin immer Letzter. Dann ist das natürlich sehr schwierig. Aber man hat bei den Testfahrten am Ende der Saison gesehen, dass wir da vom Auto her schon relativ gut aufgestellt sind."

Frage: "Bei einem Einheitsauto sind die Ingenieure wohl sehr wichtig sind - gab es diesbezüglich Veränderungen im Team?"
Binder: "Es stimmt, die Ingenieure sind sicher die wichtigsten Elemente in einem GP2-Rennstall. Wir haben für 2013 wieder einen neuen Techniker aus einem bestehenden GP2-Team bekommen. Ich glaube, dass wir da eine sehr gute Kombination zusammengestellt haben, bestehend aus den Ingenieuren und unserem Teamchef. Ich denke, dass wir in diesem Bereich sehr gut aufgestellt sind."

Frage: "Arbeitest du immer mit dem gleichen Renningenieur?"
Binder: "Ja, ich habe vom ersten Test am kommenden Wochenende an den gleichen Ingenieur, mit dem ich das ganze Jahr über arbeiten werde."

Zwei Jahre bis zur Formel 1

Frage: "Weil die Kontinuität auch wichtig ist?"
Binder: "Ja, genau. Man lernt einander dann immer besser kennen und man wechselt daher normalerweise nicht die Ingenieure in der laufenden Saison."

Rene Binder

In Jerez war der Österreicher wieder im Testeinsatz für sein Team Zoom

Frage: "Stimmt es, dass du ein Zweijahresprogramm mit Lazarus bestreitest?"
Binder: "Ja, unser Plan sind zwei Jahre, denn ist sehr unrealistisch, dass man im ersten Jahr gleich die Serie gewinnt. Das wird keiner schaffen, weil die Leistungsdichte sehr hoch ist. Konkret haben wir einen Einjahresvertrag mit einer Option auf eine Verlängerung für ein zweites Jahr. Ich glaube, dass wir mit diesem Team sehr gut aufgestellt sind für das erste Jahr - weil auch die Erwartungshaltung für das Team nicht hoch ist und ich aber trotzdem glaube, dass man mit diesem Team sehr viel erreichen kann."

Frage: "Ist dein Ziel die Formel 1?"
Binder: "Das Ziel ist natürlich die Formel 1, sonst würde man nicht in der GP2, der Vorstufe zur Formel 1 fahren. Natürlich muss man für einen Aufstieg in die Formel 1 in der GP2 ganz vorne mitfahren, im zweiten Jahr - denn sonst ist der Sprung in die Formel 1 einfach nicht möglich."

Onkel Hans gibt keine Tipps

Frage: "Deinem Onkel Hans Binder ist vor vielen Jahren dieser Sprung gelungen. War das der Auslöser für dich, ebenfalls eine Rennfahrerkarriere anzustreben?"
Binder: "Mein Vater hat mir mit sieben oder acht Jahren das erste Kart gekauft. Danach hat sich das einfach so entwickelt, aus dem Kartsport heraus. Ich bin dann immer professioneller geworden. Zuerst die Tiroler Meisterschaft, dann die Österreichische Staatsmeisterschaft und die Europameisterschaft. Danach bin ich in die Formel 3 eingestiegen. Dieser Verlauf hat sich einfach schon von klein an so entwickelt."

"...weil die Erwartungshaltung für das Team nicht so hoch ist." Rene Binder, warum er mit Lazarus gut aufgestellt sein wird

Frage: "Inwiefern kann dir dein Onkel überhaupt noch Tipps geben? Es sind ja doch komplett verschiedene Epochen."
Binder: "Er kann in Wirklichkeit gar nichts mehr sagen, denn das ist jetzt gute 30 Jahre her, dass mein Onkel gefahren ist. Das waren gänzlich andere Zeiten, die Technik war eine ganz andere. Da braucht man sich nur einen normalen Straßen-PKW ansehen, welche Unterschiede es da zwischen damals und heute gibt."

Frage: "Du bist im Vorjahr vom Formel-3- auf den GP2-Boliden umgestiegen. Wie würdest du den Unterschied zwischen diesen beiden Autos beschreiben?"
Binder: "Der Leistungsunterschied ist enorm, der GP2-Motor hat mehr als doppelt so viel PS als jener der Formel 3. Der GP2-Bolide hat zirka 612 PS, das Formel-3-Auto rund 240. Das ist schon ein enormer Sprung, schon allein vom Topspeed her. Aber auch vom Auto selber her, von den Bremsen zum Beispiel, da ist der Unterschied ebenfalls gewaltig."

Überholproblemzone GP2

Frage: "Ist das ein Moment der Freude, wenn man sich reinsetzt und das Ding ist doppelt so stark?"
Binder: "Ja, es macht einem schon eine Freude, wenn man sieht, dass da etwas weitergeht. Wenn man im Straßenverkehr von einem schwachen Auto in einen Ferrari steigt, ist es auch nicht anders, da hat man auch schnell eine Freude."

"Er kann in Wirklichkeit gar nichts mehr sagen." Rene Binder über Onkel Hans

Frage: "Zugleich ist die Aerodynamik der GP2 sehr ausgereizt - ist das Überholen in der GP2 schwieriger als in der Formel 3?"
Binder: "Überholen ist auch in der Formel 3 schwierig. Wo es jetzt schwieriger ist, kann ich nicht wirklich sagen."

Frage: "In der Formel 1 hingegen gab es 2012 so viele Überholmanöver wie schon lange nicht, wahrscheinlich gab es mehr Manöver als je zuvor..."
Binder: "In der Formel 1 wurde es etwas leichter, durch das Drag Reduction System, das DRS. Es ist zwar immer noch schwierig, aber vielleicht ist es im Vergleich zu den letzten Jahren ein bisschen einfacher geworden. In der GP2 gibt es das DRS noch nicht - deshalb ist es so schwierig, in der GP2 zu überholen."

Wie in der Formel 1: Pirellireifen bereiten Probleme

Frage: "Wie kann man sich dieses instabile Fahrverhalten im Windschatten des Vordermanns vorstellen?"
Binder: "Wenn man direkt hinter ihm fährt, fühlt es sich so an, als ob an meinem Auto etwas kaputt wäre. Man spürt dann einfach, dass sich die Autos, die aufgrund ihrer Aerodynamik sehr sensibel sind, im Windschatten eines anderen ein bisschen schwammig anfühlen. Man rutscht halt einfach mehr. In Kurven über 200 km/h kann man einfach nicht so nah heranfahren, wie man es gerne möchte, denn dort würde man beinhart abfliegen."

Rene Binder

Auch Boxenstopps wollen vor der neuen Saison geprobt werden Zoom

Frage: "Pirelli beliefert auch die GP2 mit dem 'schwarzen Gold'. Auch in der GP2 versucht man, die Spannung mittels schnell abbauender Reifen zu steigern..."
Binder: "Ja, der Reifen wird 2013 sogar noch ein bisschen weicher werden. Ich glaube, dass es in Malaysia oder in Rennen, wo es richtig heiß ist, schon schwierig sein wird, den Reifen über die Distanz zu halten. Da wird es strategisch durchaus Unterschiede zwischen den Teams geben."

Frage: "Als Andreas Zuber (der bis dato letzte Österreicher in der Serie; Anm. d. Red.) GP2 fuhr, konnte man auch immer wieder Formel-1-Piloten im Fahrerlager der GP2 antreffen, die es sich im Verpflegungszelt der Rennserie gemütlich machten, abseits des großen Hypes. Hast du im Vorjahr Formel 1-Piloten in der GP2-Hospitality angetroffen?"
Binder: "Bei den drei Rennen, die ich gefahren bin, habe ich keinen Formel-1-Fahrer bei uns im Servicepark gesehen. Aber was ich beobachtet habe, ist, dass die meisten Formel-1-Fahrer das GP2-Rennen auch wirklich anschauen. Weil es einfach sehr interessant ist."

Kontakte zu Sauber und Toro Rosso

Frage: "Hast du sonst Kontakt zur Formel 1?"
Binder: "Ich habe Kontakt zu Sauber, durch den Josef Leberer, der dort als Physiotrainer arbeitet - mit ihm trainiere ich sehr viel. Den Esteban Gutierrez kenne ich auch sehr gut, weil ich viel trainiert habe mit ihm. Außerdem habe ich im Vorjahr mit Franz Tost (Toro-Rosso-Teamchef; Anm. d. Red.) gesprochen. Der Kontakt kam durch meinen Vater und durch meinen Manager zustande."

Frage: "Die GP2 fährt zwar im Rahmenprogramm der Formel 1, doch der Zeitplan ist eng gestrickt: Nur 30 Minuten Freies Training, 30 Minuten Qualifying und dann bereits die beiden Rennen. Leidest du als Rennfahrer unter dieser zeitlichen Einschränkung?"
Binder: "In der Formel 3 kann man auch einmal weniger gut vorbereitet antreten, weil man an den Rennwochenenden mehr Trainingszeit zur Verfügung hat. In der GP2 muss schon vor dem Freien Training von den Daten her alles im Kopf sitzen. Denn eine halbe Stunde ist nicht lange, da fährt man vielleicht etwas mehr als 15 Runden. Das ist sehr wenig, um beispielsweise eine Strecke zu lernen. Da muss man schon im Vorfeld im Simulator testen und schon sehr gut vorbereitet zu den Rennen kommen.

"Die meisten Formel-1-Fahrer schauen GP2 wirklich." Rene Binder

Frage: "Hast du Zugang zu einem Simulator? Bist du in Kontakt mit Walter Penker, bei dem viele junge Piloten wie Andreas Zuber oder Klaus Bachler im Simulator trainiert haben?"
Binder: "Bei Walter Penker war ich vor ein paar Jahren. Jetzt fahre ich nicht mehr zu ihm, weil das Team eine gute Kooperation, einen guten Zugang zu einem Simulator in Italien hat."

Noch keine Simulatortests

Frage: "Wie oft bist du im Simulator tätig?"
Binder: "Bis jetzt war ich noch gar nicht im Simulator, weil der Ingenieur wollte, dass wir uns zunächst auf die Testfahrten in Jerez und Barcelona konzentrieren und dann erst auf Malaysia; dass man also nicht alles zugleich in Angriff nimmt. Aber vor den Rennen sitze ich immer im Simulator."

Frage: "Wie lange sitzt du an einem Tag im Simulator?"
Binder: "Nicht länger als drei, vier Stunden, denn das wird dann auch von den Augen her sehr anstrengend."

"Sich ein bestimmtes Team zu wünschen, funktioniert nicht." Rene Binder

Frage: "Du hast Sauber und Toro Rosso als Kontakte genannt: Teams wie Marussia oder Caterham kommen für dich nicht in Frage?"
Binder: "Es ist zunächst einmal überhaupt sehr schwierig, in die Formel 1 reinzukommen. Da geht es darum, welche Möglichkeiten sich ergeben. Sich hier ein bestimmtes Team zu wünschen, das funktioniert in dem Geschäft nicht wirklich. Ich konzentriere mich jetzt einmal auf die nächsten beiden Jahre und versuche, in der GP2 einen guten Job zu machen. Und dann sieht man weiter."

Gleicher Weg wie Vettel?

Frage: "Aber du kannst dir vorstellen, einmal Formel 1-Weltmeister zu werden?"
Binder: "Vorstellen kann ich es mir schon, denn im Grunde ist es nicht mehr weit entfernt, es ist eine Stufe höher, von den Autos her ist auch kein allzu großer Unterschied. Ein Sebastian Vettel hat im Grunde die gleichen Rennserien absolviert, die auch ich gefahren bin, vom Kart weg. Warum sollte ich dann nicht auch Weltmeister werden können?"

Rene Binder

Rene Binder war 2012 bereits für drei Rennwochenenden dabei Zoom

Frage: "Es gibt neben dir auch den Lucas Auer, ihr habt die Formel 3 quasi im 'Paarlauf' erobert, wobei er nun nicht GP2 fährt, sondern die neue Formel-3-Europameisterschaft. Auer ist ja der Neffe von Gerhard Berger: Gab es auch für dich ein paar Tipps von Berger oder blieben die Lucas Auer vorbehalten?"
Binder: "Ich hatte bislang noch gar nichts mit dem Gerhard Berger zu tun, auch im letzten Jahr nicht, als Lucas und ich gemeinsam in der Formel 3 gefahren sind. Der Gerhard Berger war nicht so oft an der Rennstrecke. Ich glaube, er macht für den Lucas eher das Management, aber direkt an der Strecke redet er ihm nicht rein."

Frage: "Ist Gerhard Berger ein Vorbild für dich? Oder ein anderer Österreicher?"
Binder: "Ich habe eher andere Vorbilder, zum Beispiel den Michael Schumacher. Weil er sich in einem Team wie Ferrari immer richtig positioniert hat. Er ist nicht umsonst siebenmal Weltmeister geworden."

Frage: "Ist das auch eine Stärke von dir? Ein Team nach vorne bringen?"
Binder: "Ja, ich hoffe, dass ich das kann. Ich denke schon, dass ich das kann."

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