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Wie geht es weiter mit Alpine und Oscar Piastri?

Im Tauziehen um Oscar Piastri ist das letzte Wort noch längst nicht gesprochen - Was der Streit für das Ansehen des Youngsters und die Formel 1 an sich bedeuten könnte

(Motorsport-Total.com) - 2006 traf ich Lewis Hamilton und seinen Vater Anthony bei den offiziellen Feierlichkeiten nach dem Formel-1-Rennen in Silverstone. Damals war Hamilton der Star der GP2. Er hatte an diesem Wochenende einen denkwürdigen Doppelsieg im Hauptrennen und im Sprintrennen errungen.

Oscar Piastri

Bei Alpine ist Oscar Piastri in Ungnade gefallen - mit welchen Folgen? Zoom

Ich hatte Lewis ein paar Jahre zuvor in Macau getroffen, aber kannte weder ihn noch seinen Vater besonders gut. Und doch war Anthony so aufgewühlt über die Situation bei McLaren, dass er das Bedürfnis hatte, mir seine Gedanken mitzuteilen.

Im Wesentlichen ging es darum, dass er und Lewis frustriert waren, weil McLaren ihnen keine Informationen über die Zukunft gab. Natürlich war Hamiltons Vater der Meinung, dass sein Sohn mehr als bereit für die Formel 1 war, und er wollte, dass McLaren ihn befördert. Sonst werde man woanders hingehen.

Nur wenige Wochen später gab McLaren bekannt, dass Hamilton 2007 tatsächlich in der Formel 1 an der Seite von Fernando Alonso an den Start gehen würde.

16 Jahre danach wiederholt sich die Geschichte. Wieder einmal scheinen ein Fahrer und sein Management von dem Team, das seine Karriere bis dato gefördert hat, bitter enttäuscht zu sein. Und seltsamerweise spielen Alonso und McLaren wieder eine Rolle.

Der große Unterschied besteht darin, dass der junge Mann, der es eilig hat, sich dieses Mal wirklich umorientiert und seine Mentoren im Stich gelassen hat. Das Gras ist anderswo eben grüner.

Mark Webber zieht im Hintergrund die Fäden

Die Geschichte von Oscar Piastri und Alpine ist noch lange nicht zu Ende, und es bleibt abzuwarten, wie sie rechtlich ausgeht. Beide Parteien haben jedoch ihre Positionen deutlich gemacht. Alpine ist überzeugt, den Youngster bis 2023 vertraglich an sich binden zu können. Piastri und sein Management sind der Meinung, dass sie die Freiheit hatten, bei McLaren zu unterschreiben.

Zur Erinnerung: Im Januar 2020 wurde Piastri als Mitglied der damaligen Renault Driver Academy bestätigt. Seine Verpflichtung war das Ergebnis seines Sieges in der Eurocup-Serie. Denn die Möglichkeit, in das Formel-1-Team aufgenommen zu werden, war einer der Preise, falls der Fahrer dies auch wollte.

Mark Webber half dabei, den Deal zu besiegeln. Aber erst einige Wochen später wurde der ehemalige Red-Bull-Fahrer in einer Pressemitteilung seiner Firma JAM Sports Management öffentlich als Piastris Manager bestätigt.

JAM ist keine Ein-Mann-Firma. Webber arbeitet mit einem Team zusammen, das von seiner Frau Ann geleitet wird. CEO ist der australische Unternehmer Jason Allen. JAM betreut auch den Formel-E-Rennfahrer Mitch Evans, den Speerwurf-Weltmeister Kelsey-Lee Barber und mehrere aufstrebende Motorrad-Stars.

Auf der Website des Unternehmens heißt es, dass "unser Geschäftsansatz auf einfachen Grundwerten beruht: Integrität, Ehrlichkeit, Loyalität, Respekt, Verantwortung und Engagement".


Die Wahrheit über "Piastrigate"

Alpine bestätigt Piastri als Alonso-Nachfolger. Dann twittert Piastri, dass er nicht für Alpine fahren wird. Weil er bei McLaren unterschrieben hat? Weitere Formel-1-Videos

In den Jahren 2020 und 2021 unterstützten Renault und dann Alpine Piastri bei seinen Siegen in der Formel-3- und Formel-2-Meisterschaft - Erfolge, die ihm die Tür zur Formel 1 vielleicht schneller öffneten als erwartet.

Piastri flirtete schon länger mit McLaren

Daraus ergab sich ein Problem. Da Alonso und Esteban Ocon für 2022 verpflichtet wurden, hatte Alpine keine andere Wahl, als Piastri als Reservefahrer abzustellen. Er sollte sich mit privaten Tests in einem alten Auto, gelegentlichen FT1-Session und diversen Einsätzen im Simulator auf die Formel 1 vorbereiten.

Doch das zweite Problem war für 2023 schon lange absehbar. Ocon hatte immer noch einen Vertrag, und es war offensichtlich, dass Alonso seinen Vertrag verlängern wollte.

Deshalb begann Alpine vor ein paar Monaten, mit Williams über ein zeitlich begrenztes Leihgeschäft zu sprechen, ähnlich dem, das mit George Russell so gut funktioniert hat. Doch irgendwann in den letzten Wochen kam McLaren ins Spiel.

Teamchef Andreas Seidl hat in der Porsche WEC eng mit Webber zusammengearbeitet, und die beiden stehen sich weiterhin nahe. Außerdem wurde Piastri im März mit Zustimmung von Alpine zum McLaren-Reservefahrer ernannt.

So war es für McLaren nicht schwer, Webber die einfache Frage zu stellen: Würde Oscar zu uns kommen, wenn wir Daniel Ricciardo loswerden können?

Natürlich waren Webber und Piastri interessiert, denn McLaren wäre eindeutig ein Schritt nach oben gegenüber Williams. Der große Unterschied bestand darin, dass Zak Brown und seine Kollegen vollen Anspruch auf den Youngster erheben wollten - ohne bleibende Verbindung zu Alpine, die es dem Team aus Enstone ermöglicht hätte, ihn für 2024 oder 2025 wieder zurückzuholen.

Verpflichtung und Dementi: Wer ist im Recht?

Webber bestätigte, dass Piastri seiner Meinung nach tatsächlich vertraglich in der Lage war, bei McLaren zu unterschreiben, ohne jegliche Bindung an Alpine.

Man einigte sich auf einen Deal, der ursprünglich vorsah, dass Piastri bis zu einer Einigung mit Ricciardo eine Reservistenrolle für 2023 übernehmen sollte. Doch dann überraschte Alonso Alpine mit seiner Unterschrift bei Aston Martin - ohne die Gespräche über 2023 und darüber hinaus formell zu beenden.

Das bedeutete, dass sein Platz bei Alpine plötzlich für Piastri frei war. Doch der Zug war bereits abgefahren. Als sich die Saga Anfang vergangener Woche entfaltete, wussten Alpine-Teamchef Otmar Szafnauer und CEO Laurent Rossi bereits, dass Piastri von McLaren umworben worden war.

Sie kündigten an, dass er nächstes Jahr für Alpine fahren würde, wohl wissend, dass die wahrscheinliche Antwort lauten würde: "Nein, das tue ich nicht." Und genau das ist passiert.

Das McLaren-Lager besteht darauf, dass Piastri nicht an Alpine gebunden ist und dass das entsprechende Stück Papier einfach nicht unterschrieben wurde. Dabei gab es keinen 31. Juli als Stichtag für eine Option oder Ähnliches.

Die Schlussfolgerung ist, dass das Alpine-Management das Ziel aus den Augen verloren und den Fahrermarkt falsch eingeschätzt hat. Man sah nicht voraus, dass sowohl Alonso als auch Piastri andere Möglichkeiten finden würden und dass das Team plötzlich nicht mehr drei, sondern nur noch einen Fahrer haben würde.

Alpine-Quellen widersprechen dem und weisen darauf hin, dass die dem Team vorliegenden Unterlagen sicherstellen, dass es noch bis zum 31. Dezember entscheiden kann, was mit Piastri im nächsten Jahr geschehen soll.

Das kann bedeuten, dass er bei Alpine fährt oder bei Williams geparkt wird. Denn für 2024 gibt es wiederum eine Option, die bis Mitte September 2023 läuft.

Piastri setzt damit einiges aufs Spiel

Wie auch immer die rechtliche Situation wirklich aussieht, es stellt sich die Frage: Haben Webber und Piastri die richtige Entscheidung getroffen? Natürlich möchte jeder Fahrer so schnell wie möglich im bestmöglichen Auto sitzen.

Doch ein oder sogar zwei Jahre an der Seite von Alex Albon bei Williams wären ein guter Ort zum Lernen gewesen. Es hat Russell nicht geschadet, nicht direkt in ein großes Team zu wechseln, ebenso wenig wie Alonso bei Minardi, Max Verstappen bei Toro Rosso oder Kimi Räikkönen und Charles Leclerc bei Sauber.

Doch Piastri kehrt nicht nur Williams den Rücken, sondern verwirkt damit auch die Chance, seine Karriere bei Alpine zu beginnen - einem Werksteam. Esteban Ocon ist bereits seit einiger Zeit dort und hat sich gut etabliert. Piastri selbst ist seit drei Jahren im Team. Er hätte die volle Unterstützung eines Teams erfahren, das in ihn investiert hat und ihm Zeit gibt, sich zurechtzufinden und zu lernen.

Bei McLaren wird er sich in einem ungewohnten Umfeld befinden und gegen Lando Norris, den Schützling von Zak Brown, antreten, der in seinem fünften Jahr im Team ist. Norris ist ernsthaft gut und fühlt sich im Lager von Woking pudelwohl, nachdem er als McLaren-Junior nach oben gekämpft hat.

Piastri, so talentiert er auch sein mag, wird der Außenseiter sein. Der Mann, der sich vor der Welt rechtfertigen muss, dass es sich gelohnt hat, Ricciardo zu entlassen. Die Geschichte könnte zeigen, dass er genau das tut, aber es ist eine schwierige Aufgabe.

Es bleibt eine offensichtliche Frage: Wird McLaren in den nächsten drei oder vier Jahren wettbewerbsfähiger sein als Alpine? Das kann noch niemand beantworten, und so ist der Wechsel zu McLaren in gewisser Weise ein Münzwurf.

Es geht um mehr als vertragliche Verpflichtungen

Es ist unvermeidlich, dass der Streit nun vor den Ausschuss für Vertragsbestätigungen CRB kommt. Das ist jenes Gremium, auf das sich die Formel-1-Teams vor vielen Jahren geeinigt haben, um über solche Angelegenheiten zu urteilen.

Es könnte sich durchaus herausstellen, dass Piastri und Webber aufgrund einer juristischen Formalität im Recht sind und dass Alpine tatsächlich etwas übersehen hat oder vergessen hat, ein Kästchen anzukreuzen, sodass der junge Australier von allen Verpflichtungen befreit ist.

Andreas Seidl, Otmar Szafnauer

Otmar Szafnauer (rechts) und Andreas Seidl: Beide wollen Piastri Zoom

Alpine hat jedoch deutlich gemacht, dass es hier um etwas geht, das über den juristischen Jargon in einem Vertrag hinausgeht, nämlich um Loyalität und die anderen Grundwerte, die auch auf der Website von JAM hervorgehoben werden.

Manchmal befinden sich junge Fahrer, die an ein Formel-1-Team gebunden sind, in einer Sackgasse, und man kann ihnen nicht verübeln, dass sie sich befreien wollen.

Renault/Alpine hatte jedoch die ehrliche Absicht, Piastri von der Formel Renault in die Formel 1 zu bringen. Und das Team hat alles getan, um dies möglich zu machen, ungeachtet des Alonso/Ocon-Problems, für das mit Williams eine Zwischenlösung gegeben war.

Man sollte bedenken, was Alpine allein im Jahr 2022 in Piastris Karriere investiert hat. Bislang hat er etwa 3500 Kilometer von insgesamt geplanten 5000 Kilometern privater Testfahrten absolviert, darunter eine Fahrt mit dem RS18 in Paul Ricard im Februar.

Zudem gab es Testfahrten mit dem A521 in Austin, in Doha, auf dem Red Bull Ring, in Silverstone und Monza. Zwei FT1-Einsätze waren für die Zeit nach der Sommerpause geplant.

Folgen für die Formel-1-Nachwuchsförderung

Das Team hat Millionen von Dollar für diese Tests ausgegeben, damit er so gut wie möglich vorbereitet in die Formel 1 kommt. Im Gegenzug haben Piastri und Webber Alpine den sprichwörtlichen Mittelfinger gezeigt und sich bildlich gesprochen in den Sonnenuntergang von Woking verabschiedet.

Damit haben sie nicht nur Alpine und die gesamte Renault-Gruppe verärgert, sondern auch Williams, das zugunsten von McLaren brüskiert wurde.

Natürlich könnte sich Piastri als so gut und gefragt erweisen, dass McLaren schon bald die Avancen von Ferrari, Mercedes und sogar Red Bull abwehren muss. Dann muss er sich keine Sorgen darüber machen, dass er Teams weiter unten in der Startaufstellung verprellt.

Doch die Formel 1 ist eine kleine Welt. Man weiß nie, wann Piastri in Zukunft einen Gefallen braucht. Man könnte auch spekulieren, dass es für Webber beim nächsten Mal, wenn er einen jungen Fahrer im Schlepptau hat, nicht ganz so einfach sein könnte, Unterstützung zu bekommen.

Und was könnte dieser Fall für die Nachwuchsprogramme bedeuten? Ein Unternehmen wie Renault, das Vorstandsmitgliedern und Aktionären gegenüber Rechenschaft ablegen muss, wird es sich vielleicht zweimal überlegen, wenn es von seinem Formel-1-Team wieder gebeten wird, einen jungen Fahrer zu unterstützen. Warum Millionen investieren, wenn er so einfach abspringen kann?

Es ist gut möglich, dass Alpine als Nächstes nicht nur den CRB, sondern auch die Zivilgerichte anruft, wenn das Team beschließt, seine Ausgaben für die Vorbereitung von Piastri auf die Formel 1 zurückzufordern. Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende.

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