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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Zwei Fahrer in Top-Teams, doch beide sind nur Wasserträger: Nach dem gestrigen Rennen werden finnische Formel-1-Fans eine unruhige Nacht gehabt haben

Kimi Räikkönen

Wirklich zufrieden können die Fan der finnischen Formel-1-Piloten nicht sein Zoom

Liebe Formel-1-Fans,

wahrscheinlich hatten nicht wenige von Ihnen erwartet, dass wir in unserer Montagskolumne nach dem Deutschland-Grand-Prix Sebastian Vettel schlecht schlafen lassen. Heimsieg weggeworfen, WM-Führung verloren - Gründe dafür hätte es sicherlich gegeben. Doch so aufgeräumt wie Vettel kurz nach seinem Unfall am Sonntagnachmittag bei den TV-Interviews schon wieder wirkte, glaube ich nicht, dass er allzu schlecht geschlafen haben wird. Denn er weiß, dass er ein Auto hat, mit dem er die WM gewinnen kann.

Unruhiger dürfte die Nacht aber, wenn sie ehrlich sind, bei den finnischen Formel-1-Fans gewesen sein. Und das obwohl es für ihre beiden Fahrer Valtteri Bottas und Kimi Räikkönen in Hockenheim (auf den ersten Blick) viele gute Nachrichten gab.

Gute Neuigkeiten für die Zukunft von Bottas und Räikkönen

Als Zweiter und Dritter standen beide auf dem Podium, während die deutschen Fans im Motordrom von Hockenheim nach Vettels Ausfall nur den (starken) fünften Platz von Nico Hülkenberg feiern durften. Setzt man die knapp 5,5 Millionen Einwohner Finnlands in Relation zu den 82 Millionen der Automobil-Nation Deutschland, ist das eine ziemlich gute Quote.

Lewis Hamilton, Valtteri Bottas

Lewis Hamilton dankt seinem "Adjutanten" Valtteri Bottas Zoom

Und auch für die Zukunft der beiden Finnen gab es in Hockenheim positive Neuigkeiten. Bottas' Vertag mit Mercedes wurde bis Ende 2019 verlängert (inklusive Option für 2020), und auch Räikkönens Chancen auf ein weiteres Jahr bei Ferrari sind am Wochenende deutlich gestiegen. Denn mit dem krankheitsbedingten Aus von Ferrari-Präsident Sergio Marchionne ist der größte Fürsprecher von Charles Leclerc von der Bühne abgetreten. Seine Nachfolger könnten zu dem Entschluss kommen, dass der Schritt zu Ferrari für den jungen Monegassen doch noch ein Jahr zu früh kommt.

Zwei finnische Fahrer also wahrscheinlich auch 2019 in den beiden besten Teams der Formel 1, wo ist also der Haken?

Beide Finnen fügen sich der Stallregie

Sowohl Bottas als auch Räikkönen wurde beim Rennen in Hockenheim mehr als deutlich klar gemacht, welche Rolle sie in ihren Teams spielen: Die der Nummer zwei, des Wasserträgers, der sich im Zweifelsfall für den Star im Team opfern muss.


Fotos: Grand Prix von Deutschland, Sonntag


Und ernüchternd muss für ihre Fans auch sein, wie sehr sich sowohl Bottas als auch Räikkönen in Hockenheim in diese Rolle gefügt haben. Wobei ich da Bottas noch weniger einen Vorwurf machen mag.

Er weiß sicherlich selbst nur zu gut, dass er nach dem Rücktritt von Nico Rosberg mit ein wenig Glück zu seinem Mercedes-Cockpit gekommen ist. Auch wird Bottas mittlerweile erkannt haben, dass er Hamilton von der puren Performance her bei den meisten Rennen nicht das Wasser reichen kann.

Kimi Räikkönen "bettelt" fast um Teamorder

Dass sich ein sicherlich schneller, aber meiner Meinung nach nicht herausragender Fahrer mit dieser Situation arrangiert, kann ich ein Stück weit nachvollziehen. Auch weil Bottas sicherlich weiß, dass er sein Cockpit ziemlich schnell wieder los wäre, wenn er gegenüber Hamilton "aufmuckt".

Bei Räikkönen liegt der Fall aber anders. Der "Iceman" ist aus anderem Holz geschnitzt - oder war es zumindest. Er ist mit der Erfahrung von gerade einmal 23 Rennen in die Formel 1 gekommen, hat sich dort rasch als Top-Fahrer etabliert, war Weltmeister und blickt auf 20 Grand-Prix-Siege zurück. Vor diesem Hintergrund bereitete es mir (und sicherlich vielen seiner Fans) fast schon körperliche Schmerzen, wie willfährig sich Räikkönen gestern in sein Schicksal ergab.

"Wenn ich ihn vorbeilassen soll, müsst ihr es mir sagen", bettelte Räikkönen fast schon um eine Teamorder, damit er Vettel ruhigen Gewissens vorbeilassen kann. Da möchte man ihn am liebsten an den Schultern packen und ihm mit den Worten des niederländischen TV-Reporters Jack Plooji zurufen: "Come on, you are Kimi fucking Räikkönen!" Doch vom Racer, der 2012 und 2013 im unterlegenen Lotus noch Rennen gewann, scheint Mitte 2018 nur noch ein zahnloser Tiger übrig zu sein. Dessen Sieg in Australien 2013 im schwarz-goldenen Renner bis heute auch sein letzter war.

Auch finnische Medien verlieren die Hoffnung auf einen Sieg

Und so scheint in Finnland die Hoffnung auf Erfolge der eigenen Fahrer zu schwinden. "Wie lange müssen wir Finnen auf einen finnischen Sieg warten? Oder ist der zweite Platz das Maximum?", wollte der finnischen Journalist Heikki Kulta bei der Pressekonferenz nach dem Rennen von Bottas und Räikkönen wissen.

Doch die Antworten der beiden dürften die Fans in ihrer Heimat nicht beruhigt in den Schlaf haben sinken lassen. "Hoffentlich passiert es irgendwann", meinte Bottas. "Ich werde es weiter versuchen. Wer weiß? Vielleicht, vielleicht nicht", erwiderte Räikkönen. Die Kampfansage eines Fahrer, der einen Sieg will und daran glaubt, klingt für mich irgendwie anders.

Viel besser als die finnischen Fans dürfte hingegen Daimler-Boss Dieter Zetsche geschlafen haben - meint zumindest mein Kollege Stefan Ehlen in der Schwesterkolumne "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat" auf de.motorsport.com.

Ihr

Markus Lüttgens

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