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Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat

Eine Verneigung vor dem neuen Formel-1-Weltmeister: Warum es völlig okay ist, dass Nico Rosberg Lewis Hamilton 2016 zum ersten Mal geschlagen hat

Vivian und Nico Rosberg

Vivian und Nico Rosberg feiern den WM-Titel beim Saisonfinale in Abu Dhabi Zoom

Liebe Leser,

ich muss in die heutige Kolumne mit dem Eingeständnis eines Irrtums einsteigen, auf den ich mich im Übrigen, wie die treueren Leser wissen, nicht zum ersten Mal beziehe. Denn in der Montags-Kolumne nach dem Grand Prix der USA in Austin 2014 habe ich geschrieben: "Wetten würde ich auf einen Weltmeister Rosberg jetzt allerdings nicht mehr. Nie mehr, um genau zu sein. Denn eine WM-Niederlage 2014 gegen Hamilton könnte ihn ein für alle Mal brechen. So, wie sie 2010 Mark Webber gegen Sebastian Vettel gebrochen hat."

Genau das ist die große Leistung dieses WM-Titels für Nico Rosberg: dass er sich vom (laut Toto Wolff) talentiertesten Formel-1-Fahrer der Gegenwart, Lewis Hamilton, nicht hat brechen lassen. Dass er nach den schmerzlichen Niederlagen 2014 und 2015 nicht hat hängen lassen, wie das viele andere vor ihm gemacht haben, sondern dass er 2016 stärker denn je zurückgeschlagen hat. Und jetzt ein verdienter Weltmeister ist.

Ich habe Nico zum ersten Mal bei einem Test in Jerez im Januar 2006 getroffen, vor seiner ersten Formel-1-Saison auf Williams. Die Erinnerung ist noch frisch. Ich selbst, damals ziemlich unbeholfen und mit den Abläufen im Fahrerlager nicht vertraut, stand zum vereinbarten Termin vor dem improvisierten Zelt des Teams. Nico lief zunächst an mir vorbei und meinte: "Passt in zehn Minuten? Ich esse nur schnell was."

Er setzte sich zu den Mechanikern, holte sich einen Teller - und kam prompt wieder raus: "Weißt du was, komm doch rein, machen wir's gleich." Wunderte sich noch über das viel zu lange Mikrofonkabel an meinem Diktiergerät und beantwortete geduldig alle Fragen, die ein Internetportal in seinen Anfängen damals eben so hatte. Wohlerzogen, bodenständig und intelligent, das war schon damals der erste Eindruck, der haften blieb.

2012 dann das nächste Interview, das mir in Erinnerung geblieben ist, diesmal über Telefon. Für unseren Jahresrückblick interviewten wir alle deutschen Fahrer, und Rosberg kam unmittelbar vor Beginn der Mercedes-Weihnachtsfeier in Brackley dran. Als Evander-Holyfield-Verschnitt mit Boxerhose und -handschuhen saß er da, als ihm sein Medienbetreuer Georg Nolte das Handy reichte. Aus dem Jungen von 2006 war inzwischen ein Grand-Prix-Sieger geworden.

Aber Nico hat nicht nur Freunde. Unter den deutschen Fahrern in der Formel 1 (das waren schon mal mehr als 2016) galt er eine Zeit lang als isoliert. Vielleicht ein bisschen aus Neid. Sohn von Keke Rosberg zu sein, das bedeutete eine wohlhabende Kindheit in Monaco, das bedeutete sich quasi von selbst öffnende Türen im Motorsport. Da hatten es andere schwerer. Und wenn der Beneidete dann auch noch über Talent und Intelligenz verfügt, macht das den Neid nur größer.


Fotostrecke: Nico Rosberg: Die schönsten Jubelfotos

Nico war noch nie ein arroganter Typ. Wer ihn so wahrnimmt, missversteht ihn. Sich gewählt ausdrücken zu können heißt nicht, abgehoben zu sein. Selbst klug zu sein heißt nicht, alle anderen für Idioten zu halten. Und in Monaco zu leben heißt nicht, von den Realitäten des Lebens keine Ahnung zu haben. Aber es schafft Angriffsfläche für Neider, die gar nicht erst versuchen, seine Persönlichkeit zu verstehen.

Oder, wie es die Generation Facebook ausdrücken würde: Niveau schaut nur von unten wie Arroganz aus.

Das große Pech von Nico Rosberg ist, dass er 2012 Lewis Hamilton als Teamkollegen bekommen hat. Bis dahin hatte er der Reihe nach die Formel-1-Karrieren von Alexander Wurz und Kazuki Nakajima beendet, und zwischen 2010 und 2012 hatte der beste Rennfahrer der Geschichte, Michael Schumacher, nur selten eine Chance gegen ihn. Im Nachhinein betrachtet muss man sagen: Schumacher war in seiner zweiten Karriere nicht so schlecht, wie er von vielen gemacht wurde.

Und wäre nicht Hamilton zu Mercedes gekommen, sondern ein anderer Fahrer, dann wäre Nico jetzt vielleicht dreimaliger Weltmeister und unumstrittener Teamleader im besten Rennstall der Formel 1. Er würde sich womöglich gerade anschicken, Schumachers sagenhaften Rekorden nach und nach näher zu rücken, und er wäre der unumstrittene Regent der Königsklasse. So wie es Sebastian Vettel zwischen 2010 und 2013 mit Red Bull war.

Aber so ist das eben mit hätte, wäre und wenn in der Formel 1. Ist nicht. Nico hat die Herausforderung Hamilton angenommen. Nach Abu Dhabi 2016 kann man schreiben: erfolgreich.

Ich habe an anderer Stelle einmal behauptet: "Hamilton ist der talentiertere Mercedes-Fahrer, aber wenn er dreimal Weltmeister wird und Rosberg gar nie, würde das keiner gerechten Bewertung der sportlichen Leistungen in gemeinsamen Jahren der Mercedes-Dominanz entsprechen. 2:1 WM-Titel hingegen, das kommt ganz gut hin."

Die Statistik der gemeinsamen Mercedes-Jahre belegt das. 1.195 zu 1.334 Punkte (90 Prozent), 36 zu 42 gewonnene Qualifyings (86 Prozent), 22 zu 32 Siege (69 Prozent) - dass nach zwei Jahren Hamilton jetzt mal Nico dran war, ist mehr als gerechtfertigt. Und den Kritikern, die nun mit Hamiltons Zuverlässigkeit daherkommen, halte ich entgegen: Das war 2014 und 2015 genau umgekehrt. Die Mechaniker-Crews, über die von Hamilton verschwörerisch gejammert wurde, übrigens auch.

Vielleicht wird 2016 Nico Rosbergs einziger WM-Titel bleiben. Ich persönlich gehe davon aus. Denn Lewis Hamilton wird diese Niederlage so sehr kitzeln, dass er sich 2017 von nichts und niemandem mehr aufhalten lässt. Aber ich würde mich durchaus freuen, auch diese Ansage wieder korrigieren zu müssen. In der Kolumne "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat" nach dem Saisonfinale im nächsten Jahr.

Übrigens: Was für ein guter Typ Nico über all die Jahre geblieben ist, beweist mir persönlich immer wieder sein ehemaliger Formel-BMW-Schrauber Peter Sieber. Der schwärmt heute noch bei jeder Gelegenheit in den höchsten Tönen von Kekes sympathischem Kleinen - und dürfte letzte Nacht ebenfalls ganz gut geschlafen haben. Mit den allerliebsten Grüßen! ;-)

Ihr

Christian Nimmervoll

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