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  • 25.06.2017 · 23:38

  • von Dominik Sharaf

Räikkönen attackiert Bottas: "Wieder komplett seine Schuld"

Die Kollision der Finnen sorgte für böses Blut, beide sehen sich als Opfer - Wie Bottas es schaffte, trotz Rundenrückstand und einem Autowrack Zweiter zu werden

(Motorsport-Total.com) - Es waren 3,904 Sekunden Rückstand auf Sieger Daniel Ricciardo, die für den Zweiten Valtteri Bottas am Ende des turbulenten Aserbaidschan-Grand-Prix notiert wurden. Zwei Stunden zuvor hatte er keinen Gedanken an einen Podiumsplatz verschwendet. Er jagte dem Feld mit einer Runde Rückstand hinterher. Der Grund: Eine Startkollision mit Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen hatte ihm einen Reifenschaden beschert und ihn scheinbar aussichtslos auf die 20. und letzte Position zurückgeworfen.

Valtteri Bottas

Valtteri Bottas' Auto war nach der ersten Runde ein einziges Wrack Zoom

Bottas musste zunächst eine Bestrafung durch die Rennleitung fürchten, kam jedoch ungeschoren davon. Zum Unmut Räikkönens, der im Funk fluchte wie ein Rohrspatz: "Es kann doch nicht der gleiche verf***** Kerl sein, der mich gerammt hat! Er hat mich einfach total gerammt!", schrie er.

Wieder? Hintergrund ist, dass die beiden Finnen bereits beim Spanien-Grand-Prix in einer ähnlichen Startszene aneinander geraten waren, als Bottas Räikkönen in Max Verstappen hineinschob. Der Ex-Weltmeister, der auch nach dem Rennen in Baku über Bottas ablederte, erkennt Parallelen: "Er hat wieder früh gebremst. Und er wusste wohl, dass es viel zu früh war. Ich war auf der Außenbahn ordentlich unterwegs. Plötzlich kam der Schlag", schildert Räikkönen seine Sicht der Dinge.

In der Tat versuchte Bottas, sich in Kurve 2 neben den Ferrari zu pressen. Er glaubt aber, dass Räikkönens Einlenken den Crash erst provoziert hätte: "Ich war innen und normal gehört einem die Kurve, wenn man innen ist", wehrt sich der Mercedes-Neuzugang und behauptet, dass ihm kein Platz gelassen worden sei: "Er hat eingelenkt. Ich konnte nirgendwo anders hin als auf den Randstein. Ich bin draufgefahren und das Auto ist gesprungen. Es hat ihn getroffen und ich hatte einen Plattfuß."

Bottas spricht von Rennunfall, Räikkönen von Alleinschuld

Bottas also nur noch Passagier, weil Räikkönen ihm die Tür zugeworfen hat? Mitnichten, sagt der "Iceman" und glaubt an einen verzweifelten Versuch, ein gescheitertes Überholmanöver zu retten: "Ich denke, er hat erkannt, dass er zu früh gebremst hat und die Bremse wieder losgelassen." Das wäre fahrlässig, ist auf den Fernsehbildern aber nicht zu erkennen und offenbar auch von der FIA (die über die Telemetriedaten aller Fahrzeuge verfügt) nicht festgestellt und bestraft worden.

Bottas schiebt den Schwarzen Peter nicht Räikkönen zu. Er spricht von einem "Rennunfall" sowie "Pech, dass es wieder Kimi war". Er glaubt aber, dass sich sein neuer Lieblingsgegner ins eigene Fleisch geschnitten hätte: "Es war keine Option zurückzustecken. Es hätte genug Platz für zwei Autos geben sollen. Er war weiter vorne und hätte seine Position vielleicht sowieso gehalten." Ganz anders Räikkönen: "Es war komplett seine Schuld. Ich habe natürlich den Preis dafür gezahlt."

Denn im Anschluss war der Ferrari stark havarierte Ferrari kaum noch konkurrenzfähig. Als Räikkönen über ein Trümmerteil von einem der Force India fuhr, zerschnitt er sich noch den rechten Hinterreifen, dessen Fetzen auf dem Weg zur Box den Unterboden und den Heckflügel zerstörten. Die Scuderia hatte den Ausfall bereits akzeptiert, als die Rennunterbrechung die Chance bot, eine größere Reparatur durchzuführen und Räikkönen mit Rundenrückstand wieder fahren zu lassen.

Pannenserie bei Ferrari: Plattfuß, Trümmerhaufen, Strafe für Boxenarbeit

Doch das nächste Malheur passierte: Die Mechaniker hatten unerlaubterweise in der sogenannten Fast Lane der Boxengasse am Auto gearbeitet. Es hagelte eine Durchfahrtstrafe, die Räikkönen längst herzlich egal war: "Ich weiß gar nicht, worum es dabei überhaupt ging", winkt er genervt ab.


Fotostrecke: GP Aserbaidschan, Highlights 2017

Bottas war zu diesem Zeitpunkt schon wieder Kandidat auf die Punkteränge, obwohl er nach dem Crash "gefühlt eine Stunde" mit seinem Reifenschaden zurück an die Box getuckert war und es dem Mercedes wegen diverser Schäden an Tempo mangelte. Er spricht von "einem riesigen Loch im Diffusor" und Untersteuern. Den Rundenrückstand hatte er in der Safety-Car-Phase egalisiert.

Die Erlaubnis der Rennleitung, Bernd Mayländer zu überholen, kam aber sehr spät. Er hatte kaum Zeit, um wieder zum Feld aufzuschließen, ehe die Wiederfreigabe erfolgte. Vom zu diesem Zeitpunkt Letzten Pascal Wehrlein trennten ihn noch rund 18 Sekunden. "Aber danach kam das Safety-Car nochmals, was es mir erlaubt hat, die Lücke zu schließen", erklärt Bottas sein Glück.

Bottas demonstriert Kampfgeist: "Man darf nie aufgeben"

Auch an seinem Boliden legten die Mechaniker während der Rotphase Hand an. "Danach fühlte sich das Auto gut an", lobt Bottas seine Crew. Er pflügte durch das Feld und überholte Hamilton sowie Vettel aufgrund des Reparaturstopps respektive der Stop-and-Go-Strafe. Kurios: Bottas verstand einen Funkspruch falsch und war überzeugt, es würde sich nicht um den Teamkollegen, sondern um Vettel handeln, der sich einen neuen Kopfschutz abholen musste. "Ich war überrascht, als Lewis irgendwann hinter mir war", wundert sich Bottas, der das Rennen noch gewinnen wollte.

"Man darf nie aufgeben, denn man weiß nie, was passiert", demonstriert der Finne seinen Kampfgeist und denkt an die Jagd auf Ricciardo - mit einer schnellsten Rennrunde nach der anderen. "Daniel war nicht mehr allzu weit weg. Aber nach allem, was passiert ist, ist es ein gutes Resultat", resümiert Bottas. Da hatte Räikkönen schon mit mehreren Runden Rückstand aufgegeben.