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Michael & Damon: Wisst ihr noch?

Kolumnist Pit Lane erklärt, warum die Entscheidung der Rennleitung, eine Strafe gegen Michael Schumacher zu verhängen, völlig regelkonform war

Michael Schumacher und Damon Hill

Aufgesetztes Lächeln: Michael Schumacher und Damon in Jerez 1994 Zoom

Liebe Freunde hitziger Diskussionen,

ich erinnere mich noch gut an Adelaide 1994. Ich hatte damals eine kleine Wohnung in der Nähe der Mundsburg-Türme in Hamburg und schaute mir dort das Rennen an, das die WM entscheiden würde. Für einen Trip nach Australien reichte mein Gehalt als Gelegenheitskellner nicht, obwohl ich nach der Galavorstellung meines Heros Damon Hill in Suzuka schon Lust gehabt hätte. Was dann in Adelaide passiert ist, muss ich euch ja wohl nicht erzählen. Shit happens!

Es war die erste von vielen Begegnungen zwischen "meinem" Damon und "eurem" Michael. 1995 sind sie innerhalb weniger Wochen in Silverstone und Monza kollidiert - und man muss wohl zugeben, dass es beide Male Damons Schuld war. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ihm Michael in Monza beinahe an die Gurgel gegangen wäre. Im Laufe der Jahre sind sie sich noch viel öfter in die Quere gekommen. Richtig grün waren sich die beiden nie, auch wenn sie irgendwann mal ein versöhnliches Interview für 'F1 Racing' gemacht haben. Damon hat Michael interviewt, wenn ich mich recht erinnere.#w1#

Damon entscheidet über Michael

Als Schumacher am Sonntag in der letzten Kurve Fernando Alonso überholt hat, musste ich sofort ein bisschen grinsen. Mir fiel gleich ein, dass Damon am vergangenen Wochenende einer der vier FIA-Stewards war. Damit hatte er Mitspracherecht bei allen wichtigen Entscheidungen der Rennleitung. Und, wie könnte es auch anders sein: Gegen den Mercedes-Piloten wurde eine 20-Sekunden-Zeitstrafe verhängt. Ob gerecht oder ungerecht, daran scheiden sich die Geister. Viele meinen, er hat Michael ein Ei gelegt. Späte Rache.

Ich meine: Es war gerecht! Nicht weil ich Damon, dessen Hass auf Michael längst einem gesunden Respekt gewichen ist, für unfehlbar halte. Nein. Er ist ein echter Racer und als solcher liegt ihm die Fairness im Motorsport am Herzen - gäbe es daran auch nur den geringsten Zweifel, hätte ihn die FIA sicher nicht als Steward nominiert. Aber das Reglement lässt eigentlich nicht allzu viele Fragen offen, wenn man sich sorgfältig damit auseinandersetzt.

Michael Schumacher und Damon Hill

Nach dem Crash in Silverstone 1995 wollte "Schuey" Damon an die Gurgel Zoom

Zur Anwendung kam Artikel 40.13 des Sportlichen Reglements, in dem es wörtlich heißt: "Wenn das Rennen zu Ende geht, während das Safety-Car eingesetzt ist, wird es (das Safety-Car) am Ende der letzten Runde in die Boxengasse fahren und die Autos werden die Zielflagge nehmen, ohne zu überholen." Was die Masterminds der FIA damit bezwecken wollten, als das Reglement geschrieben wurde (wir Brits nennen das "Spirit of the Rules"), ist klar: dass in Situationen wie gestern vor der Zieldurchfahrt nicht mehr überholt werden darf.

Über das genaue Wording kann man jedoch - zumindest auf den ersten Blick - streiten. Der springende Punkt ist: Ist das Rennen wirklich hinter dem Safety-Car zu Ende gegangen, wie die Entscheidung von Damon und den anderen drei Kommissaren suggeriert, oder wurde es in der letzten Kurve wieder freigegeben? In letzterem Fall würde Artikel 40.13 nicht zur Anwendung kommen, weil der ja nur gilt, "wenn das Rennen zu Ende geht, während das Safety-Car eingesetzt ist".

Die Mercedes-Argumentation wird untermauert durch die Tatsache, dass Rennleiter Charlie Whiting die Nachricht "Track clear" auf die Monitore der Teams geschickt hat und grüne Flaggen geschwenkt wurden. Daraus könnte man schließen: Das Rennen geht nicht während einer Safety-Car-Phase zu Ende, sondern unter grünen Flaggen, also darf folgerichtig überholt werden. Das ist seit dieser Saison ja schon ab der ersten Safety-Car-Linie erlaubt und nicht wie früher erst ab der Ziellinie.

Eben kein Präzedenzfall: Melbourne 2009

Für Schumacher und Mercedes spricht auch der Präzedenzfall Australien 2009. Das Rennen damals ging während einer Safety-Car-Phase zu Ende. Das Safety-Car bog in der letzten Runde an die Box ab, es wurden aber weiterhin gelbe Flaggen geschwenkt - anders als in Monte Carlo. Daraus könnte man schließen: Melbourne 2009 endete während einer Safety-Car-Phase, Monte Carlo 2010 wurde freigegeben - wenn auch erst auf den letzten Metern. Das widerspricht dem "Spirit of the Rules", erscheint aber oberflächlich betrachtet plausibel.

Pit Lane

Ich habe lange nachgedacht und glaube: Michaels Manöver war illegal! Zoom

Aber eben nur oberflächlich. Denn was bei diesem Argumentationsstrang übersehen wird, ist Artikel 40.11, der in diesem Jahr ebenfalls neu ist. Der letzte Absatz darin erklärt, warum in Monte Carlo "Track clear" signalisiert und grüne Flaggen geschwenkt wurden, 2009 in Melbourne, als es diese Regel noch nicht gab, aber nicht. In Artikel 40.11 steht wörtlich: "Sobald das Safety-Car die Boxeneinfahrt erreicht, werden die gelben Flaggen und die Safety-Car-Schilder eingeholt und durch grüne Flaggen und ein grünes Ampelsignal bei der Ziellinie ersetzt. Diese werden angezeigt, bis das letzte Auto die Ziellinie überquert hat."

Sprich: Die Streckenposten in Monte Carlo haben sich völlig korrekt verhalten und mussten die Strecke freigeben, als das Safety-Car die Boxeneinfahrt erreicht hatte. Das ändert jedoch nichts daran, dass das Rennen rein formell gesehen während einer Safety-Car-Phase beendet wurde. Daran zweifelt ohnehin niemand, schließlich waren die Aufräumarbeiten in der Rascasse-Kurve noch nicht abgeschlossen. Gefährlich war die ganze Sache also obendrein...

Mercedes hat bereits einen Appeal eingereicht. Übrigens nicht gegen die Strafe an sich, sondern gegen die Entscheidung von Damon und Co. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied, denn ein Berufungsverfahren gegen die Strafe an sich hätte nicht den Funken einer Chance. Rein formell gesehen wurde nämlich keine Zeitstrafe, sondern eine Drivethrough verhängt. Kann ein Fahrer eine solche jedoch nicht mehr antreten, weil sich das Rennen bereits in den letzten fünf Runden befindet, dann werden Drivethroughs automatisch in nachträgliche Zeitstrafen umgewandelt.

Appeal hat wohl keine Chance

Das ist insofern entscheidend, weil im International Sporting Code der FIA unter Artikel 152 steht, dass gegen Drivethroughs nicht protestiert werden kann. Lewis Hamilton kann ein Liedchen davon singen, denn der McLaren-Protest nach Spa-Francorchamps 2008 wurde vom International Court of Appeal aus eben diesem Grund für unzulässig erklärt. Das war damals eine Riesensache, die Norbert Haug noch wochenlang beschäftigt hat. Ich hoffe nur, dass wir jetzt nicht wieder hören werden: "Mit den Punkten aus Spa (pardon, Monte Carlo) wären wir schon längst Weltmeister..."

Ihr erinnert euch doch noch dran, oder? Lewis hat damals Kimi Räikkönen beim Bus-Stop überholt, musste die Schikane aber abkürzen. Also ließ er sich zurückfallen. Vor La Source ging er erneut an Kimi vorbei. Die Rennkommissare fanden aber, er hatte trotzdem einen Vorteil durch das Abschneiden des Bus-Stops, also wurde er nachträglich mit einer Drivethrough belegt. Die wurde dann in eine 25-Sekunden-Strafe umgewandelt, was ihn im Klassement vom ersten auf den dritten Platz zurückwarf. Der Appeal von McLaren wurde dann wie gesagt abgeschmettert.

Fernando Alonso

Kurz nach diesem Foto wollte Michael Schumacher an Alonso vorbeigehen... Zoom

Ich halte fest: Dass Michael gegen den "Spirit of the Rules" verstoßen hat, steht sowieso außer Frage. Ob er damit tatsächlich auch das Wording des Reglements verletzt hat, müssen nun die Juristen klären. Ich glaube schon. Eines ist aber klar: Wäre das Reglement besser geschrieben, dann müssten wir diese Diskussion gar nicht erst führen. So gesehen ist der Hauptschuldige von "Rascasse '10" (genau, da war ja auch 2006 schon was!) weder Schumacher noch Hill noch Alonso, der überhaupt am wenigsten für alles kann. Der arme Fernando hat sogar noch fair Platz gemacht, sonst hätte es vielleicht gekracht.

Aber Regeldiskussionen aside: Das Manöver an sich war ziemlich cool! Michael hat sich - im Glauben, dass er attackieren darf - eine Runde lang darauf vorbereitet, zog vor Rascasse nach außen, um auszuholen, stieg dann genau im richtigen Moment aufs Gas und hatte somit genug Momentum, um den Ferrari mit dem baffen Alonso am Steuer auszubeschleunigen. Das war Extraklasse und spricht dafür, dass seine Instinkte langsam wieder funktionieren! Legal war es für mich nicht.

Wenn wir schon bei legal sind und bei Kritik an der FIA: Okay, dass um Michaels Manöver so ein Geschrei gemacht wird, verstehe ich. Wie Damon und seine Kollegen aber darüber hinwegsehen können, dass Barrichello nach seinem Crash das Lenkrad aus dem Cockpit geschmissen hat, ist mir ein Rätsel. Chandhok fuhr über das Lenkrad und schleppte es bis zum Tunnel mit, wo ein Marshall gesehen hat, wie es wegflog. Dann fuhr Senna drüber. Man stelle sich vor, das Lenkrad hätte jemanden am Kopf getroffen. Darüber sollte man vielleicht auch mal sprechen...

Aber was soll's, c'est la vie!


Pit Lane

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