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  • 18.04.2015 · 23:04

  • von Dieter Rencken & Roman Wittemeier

Mercedes vs. Ferrari: Rote Gefahr für die Silbernen

Nach dem Qualifying zum Grand Prix von Bahrain zeichnet sich ein enges Rennen zwischen Mercedes und Ferrari ab - Nico Rosberg: "Müssen uns in Acht nehmen"

(Motorsport-Total.com) - Im Kampf um Formel-1-Rennsiege 2015 steht es im Duell zwischen Weltmeister Mercedes und Herausforderer Ferrari 2:1 für das deutsche Werksteam. Doch wie lange noch? Nach dem Qualifying zum Grand Prix von Bahrain rechnen viele Beobachter mit einem Ausgleich für Italien. Die Ferraris von Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen legten am Freitag in Sachir ein enormes Tempo über die Distanz vor. Wie schon in Malaysia könnte diese Konstanz der Schlüssel zu einem Grand-Prix-Erfolg im Nachtrennen werden.

Sebastian Vettel, Lewis Hamilton

Gibt es am Sonntag in Manama ein enges Duell zwischen Mercedes und Ferrari? Zoom

"Es gibt aber nicht mehr diesen Alleinlauf von Mercedes. Es wird Rennen geben, die wir gewinnen und es wird Rennen geben, die wir verlieren", macht sich Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff keine Illusionen. Die Gefahr in Rot ist da, sie ist spürbar, greifbar, sichtbar. Die große Frage vor dem Renntag in Manama: Kann sich Mercedes nach einigen Änderungen am Set-up der beiden Fahrzeuge erfolgreich gegen die bevorstehenden Angriffe aus Maranello wehren?

"Wir haben noch Hoffnung, dass wir im Rennen vorne sein werden. Wie in Schanghai, wo es am Freitag bei uns auch nicht allzu gut lief. Wir haben unser Auto angepasst, haben diese Änderungen aber leider noch nicht bei relevanten Bedingungen ausprobieren können", macht sich Nico Rosberg vor dem Rennen Mut. Der Deutsche startet nur von Rang drei in den Grand Prix. Sebastian Vettel konnte ihn im Qualifying hinter sich lassen, weil Rosberg das Tempo der Ferraris unterschätzte und im Schongang unterwegs war.

"Die machen wahnsinnige Schritte. Davor müssen wir uns in Acht nehmen. Und wir wissen: Die sind im Rennen noch stärker - Mannomann! Wenn es vier Zehntel im Qualifying sind, dann morgen...boah! Das wird echt interessant", stellt Rosberg seine Befürchtungen in markigen Worten dar. "Ich will möglichst Vettel hinter mir lassen. Das ist mein Ziel. Man kann hier ganz gut überholen, das haben wir im vergangenen Jahr gesehen. Wenn man seine Reifen zum Ende eines Stints noch gut beisammen hat, dann ergeben sich Gelegenheiten."

Toto Wolff: "Neue Machtverhältnisse sind da"

Ob die Rosberg-Rechnung aufgeht, ist ungewiss. Bisher haben die Sessions in Bahrain den Eindruck erweckt, als bringe der Ferrari die Reifen besser über die Distanz. Mercedes reagierte nach den Eindrücken vom Freitag und passte das Set-up entsprechend zum Samstag an. "Wir sind zuversichtlich, dass wir da einen Schritt in die richtige Richtung gemacht haben", sagt der WM-Zweite von 2014. Rosberg gibt aber auch zu: "Wir haben die Änderungen nicht testen können, weil die Bedingungen am Samstagnachmittag nicht relevant waren für den Rennbetrieb am Sonntag."

Toto Wolff

Toto Wolff erwartet anhaltenden Druck auf seine Mannschaft: Ferrari ist da! Zoom

Mercedes ist derart unter Druck von Ferrari, sodass die Silberpfeile bezüglich der Reifennutzung experimentieren müssen. Auch in Sachen Taktik wird man im Vergleich zu 2014 neue Wege gehen müssen. "Im Vorjahr ging es für uns darum, beide Fahrer möglichst gleich zu behandeln. Das führte vielleicht nicht immer zur wirklich schnellsten Taktik. Nun müssen wir womöglich einen Fahrer auf die eine, den anderen auf eine andere Taktik setzen, um wenigstens mit einem Auto sicher vorn dabei zu sein", so Wolff.

"Das sind die neuen Machtverhältnisse. Ferrari ist da", erklärt der Mercedes-Motorsportchef. "Die Tage, an denen wir diesen soliden Vorsprung hatten und es nur noch zwischen unseren Fahrern entschieden wurde, waren 2014 und nicht 2015. Unsere wirkliche Hausaufgabe müssen wir morgen machen, denn im Rennen werden die sehr stark sein. Dass man durch einen Ferrari getrennt ist, ist für mich nichts Überraschendes mehr."

Hamilton überlegt: Wie halten die Reifen am besten?

Polemann Lewis Hamilton sieht sich angesichts seine Vorsprungs von mehr als vier Zehntelsekunden im Qualifying noch nicht allzu sehr unter Druck. Er mache sich "keine Sorgen" im Hinblick auf das Rennen, betont der britische Champion. Allerdings drückt Hamilton nicht einfach nur aufs Gaspedal - er muss analytisch vorgehen, um die Roten in Schach zu halten. Eine Erkenntnis aus der Niederlage in Malaysia. "Wie kann ich mehr aus den Reifen herausholen, um vor diesen Jungs zu bleiben? Das ist die große Frage."

"Lewis hat vorher gesagt, dass wir schwierig zu schlagen sein werden. Ich hoffe, er hat damit recht", meint Sebastian Vettel. "Ich denke, wir sind ganz flott unterwegs, und hoffe, dass wir ein bisschen näher dran sein können." Von einem weiteren Sieg will der Deutsche aktuell noch nicht sprechen, aber: "Wenn sich Gelegenheiten ergeben, dann wollen wir sie nutzen. Warum auch nicht?" Woher kommt eigentlich die neue Stärke des Teams aus Maranello?

In den vergangenen Jahren hörte man aus Italien immer wieder die Kampfansagen vom damaligen Präsidenten Luca di Montezemolo, aber sportlich konnte man den Worten kaum Taten folgen lassen. Nun hat sich die Scuderia komplett neu aufgestellt - auf technischer Seite ebenso wie auf fahrerischer. Und es weht dank der neuen Führungspersonen ein frischer - ganz anderer - Wind in Maranello. Die Technikabteilung um James Allison kann in ruhe arbeiten und liefert entsprechende Fortschritte.

Ferrari-Fortschritte beeindrucken die Konkurrenz

"Sicherlich haben die Motorenleute einen tollen Job gemacht, aber das ist nicht alles", erklärt Kimi Räikkönen, der von Rang vier in den Grand Prix von Bahrain gehen wird. "Auch das Auto an sich ist besser. Man kann nicht alles nur auf den Antrieb schieben. Das gesamte Paket ist verbessert worden. In allen Bereichen sind wir vorangekommen, nicht nur in einem. Alle im Team waren daran beteiligt." Hinzu kommt, dass man aus dem vorhandenen Potenzial mehr macht.

"Für dieses Rennen haben wir keine bestimmten Updates dabei", gesteht Vettel. "Wir arbeiten konsequent mit dem Auto, bekommen es immer besser in den Griff und lernen, wie sich Veränderungen des Set-ups auf der Strecke auswirken. In diesem Bereich machen wir aktuell die größten Fortschritte. Wir kommen richtig gut voran. Heute haben wir es erstmals geschafft, die bei trockenen Bedingungen im echten Zweikampf zu trennen. Das macht mich glücklich."


Fotos: Großer Preis von Bahrain


"Ich denke, es hängt immer stark von der jeweiligen Strecke ab", meint Kimi Räikkönen und findet bei dieser Aussage die volle Zustimmung von Teamkollege und auch Gegnern. "Wir wissen, dass wir in einigen Bereichen noch Nachteile haben. Manche Strecken passen unter diesen Voraussetzungen besser für uns, andere weniger. Der Abstand ist abhängig von der Strecke und den Bedingungen", sagt der Finne. Allerdings sei man mit dem aktuellen Ferrari so weit, dass auch kühlere Bedingungen keine Nachteile mehr brächten.

"Der Ferrari sieht in Bahrain deshalb besser aus, weil er auf der Bremse sehr stark ist", nennt McLaren-Honda-Pilot Jenson Button seinen Eindruck vom SF15-T. Lewis Hamilton meint: "Ich weiß nicht, wo deren Stärken oder Schwächen liegen. Ich bin noch nie über einen längeren Zeitraum direkt hinter einem Ferrari gefahren. Ich kann mir aber vorstellen, dass unsere Autos halbwegs ähnliche Vorzüge haben. Wir werden es womöglich morgen genauer herausfinden."

Mercedes vom Ferrari-Aufschwung kalt erwischt

"Mal sehen, was wir morgen ausrichten können", wetzt Räikkönen im Kampf gegen die drei erstplatzierten Piloten schon einmal seine Messer. "Vieles hängt von den ersten Runden ab. Es wäre schon ganz gut, wenn ich beim Start vor Nico käme. Darauf könnte man dann aufbauen." Die Ferraris werden sich selbst bei einem nicht ganz optimalen Start nicht so schnell abschütteln lassen, ist Niki Lauda überzeugt. Der Grund: Nach Aussage des Österreichers hat der Ferrari-Motor über den Winter 43 PS an Leistung gewonnen.

Nico Rosberg, Sebastian Vettel

Zuletzt in China konnten sich die Silberpfeile noch recht deutlich behaupten Zoom

"Es wird eng. Daran müssen wir uns wohl gewöhnen", meint Toto Wolff. "Wir haben starke Longruns von Ferrari am Freitag gesehen. Das darf uns nicht mehr überraschen. Wir haben erlebt, wie es ist, wenn sie dermaßen schnell im Rennen sind. Es wird ein enges Rennen am Sonntag." Die Mercedes-Rennen nach dem Motto "Versuch's mal mit Gemütlichkeit" sind vorbei. Die Silberpfeile sind von der Stärke der Roten nahezu kalt erwischt worden.

"Wir haben deren Potenzial weder bei den Tests noch in Melbourne sehen können. In Australien war allerdings die Tatsache interessant, dass Sebastian viel näher dran gewesen wäre, wenn er nicht hinter Felipe festgesteckt wäre. Das war schon ein Hinweis", so Wolff. "Seither gab es konstante Fortschritte von Ferrari, zuerst beim Renntempo und nun offenbar auch im Qualifying. Deren Entwicklungsrate ist beeindruckend - über den Winter beeindruckend und auch über die ersten drei Rennen des Jahres. Es ist eine Herausforderung für uns."

"Keiner von uns hat erwartet, dass dieser Lauf auf Ewigkeiten so weitergeht. Das wäre auch für den Sport nicht das, was sich die Fans wünschen. Wir sind ein bisschen mehr aus unserer Komfortzone herausgerissen worden, aber eigentlich ist es doch genau das, was wir wollen, oder?", fragt sich der Mercedes-Rennleiter. Die "Kombination Motor/Auto hat sie schon in die Nähe von Mercedes gebracht", meint Lauda vor dem Rennen in Manama. In die Nähe von Mercedes? Oder sogar vorbei?

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