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Longrun-Analyse Le Castellet: Ferrari heizt Mercedes ein

Mercedes fährt in Le Castellet alles in Grund und Boden? Von wegen: Auf den Longruns ist Ferrari mindestens ebenbürtig - Wer hält mehr Performance zurück?

(Motorsport-Total.com) - Waren in den Freien Training beim Großen Preis von Frankreich 2018 die beiden Mercedes-Piloten Lewis Hamilton und Valtteri Bottas klar tonangebend, zeigt sich in den interessanten Runden am Freitag im 2. Freien Training ein verblüffendes Bild: Die Ferrari-Piloten Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen drehten auf dem Circuit Paul Ricard den Spieß um - Vettel war auf härteren Reifen im Durchschnitt sogar schneller als Hamilton. Red Bull hat derweil in der Rennsimulation einen leichten Rückstand.

Sebastian Vettel

Schneller als Lewis Hamilton: Sebastian Vettel überraschte im Longrun Zoom

Nachdem Sebastian Vettels Abstinenz in Kanada uns bei der Longrun-Analyse noch aufs Glatteis geführt hatte, musste diesmal Mercedes auf wertvolle Daten am Freitagnachmittag verzichten: Valtteri Bottas konnte aufgrund eines Kühlwasserlecks am Mercedes W08 nicht an der Grand-Prix-Simulation teilnehmen.

Mercedes musste sich somit auf Hamilton verlassen, der für diese Situation erstaunlich wenig Runden im Renntrimm absolvierte: Fünf auf Ultrasoft und drei auf Supersoft. Der härteste Reifen des Wochenendes - der Soft-Reifen (womit die Pirelli-Bezeichnungen wieder einmal ad absurdum geführt werden) - kam bei den Spitzenteams nicht zum Einsatz.

Wie immer haben wir für die Longrun-Analyse die Stints um Ausreißer-Runden bereinigt, um bessere Schlüsse ziehen zu können. Longrun-übergreifende Analysen verbieten sich an diesem Freitag, weil sich die Strecke enorm entwickelte und immer schneller wurde. Im zweiten Longrun fuhren manche Mittelfeld-Teams auf dem Niveau der Spitzenteams aus dem ersten Longrun. Deshalb sollten nur Zeiten verglichen werden, die aus demselben Zeitfenster stammen.

Supersoft besser als Ultrasoft? Oder Ferrari besser als Mercedes?

Hamiltons Ultrasoft-Run war flott, aber nichts, was Ferrari Sorgen bereiten würde: Kimi Räikkönen fuhr auf demselben Reifen einen ähnlichen Schnitt, wenn auch mit einer kleinen Schwächeperiode zwischen Runde zwei und vier. Doch ganz am Ende haute der Finne plötzlich eine 1:37.133 mit einem 14 Runden alten Reifen raus - das war beeindruckend. Zum Vergleich: Hamilton kam auf dem Ultrasoft auf eine schnellste Rundenzeit von 1:37.531 Minuten.

Dennoch scheint es, als wäre der Ultrasoft kein bevorzugter Rennreifen. Denn Sebastian Vettel war mit dem Supersoft noch schneller. Der Tabellenführer fuhr einen echten Longrun von 14 Runden auf dem mittelharten Reifen und wurde dabei immer flotter.

Bemerkenswert ist dabei, dass sein Supersoft noch zwei Runden älter war als die Ultrasofts von Hamilton und Räikkönen. Der Supersoft erwies sich als haltbar und schnell. Ihm gelang es gleich zweimal, in den 1:37.1er-Bereich vorzustoßen. Da hatte der Supersoft schon über 20 Runden auf dem Buckel!

Der zweite Longrun kam aufgrund des VSCs durch Pierre Gasly kaum zustande. Hamilton und Vettel fuhren jeweils nur drei schnelle Runden - diesmal Vettel auf Ultrasoft, Hamilton auf Supersoft. Diesen kurzen Schlagabtausch entschied Vettel klar für sich, doch aus drei Runden lässt sich zu wenig ablesen.

Was hat Ferrari noch in der Hinterhand?

Dennoch: Diese Pace sollte Mercedes zu denken geben. Zumal Ferrari bekannt dafür ist, am Freitag in einem vergleichsweise schwachen Motorenmodus zu fahren. "Wir wissen, dass Ferrari am Freitag immer noch etwas Performance in der Hinterhand hat", mahnt Valtteri Bottas vom Spielfeldrand aus.

Deshalb gab sich auch Sebastian Vettel betont locker: "Das Auto ist gut, nur habe ich es auf eine Runde nicht richtig hinbekommen." Andererseits droht auch Mercedes mit noch mehr Leistung der neuen Motorausbaustufe 2.1. Deshalb bleibt die spannende Frage: Wer hat mehr Reserven?

Red Bull konnte am Freitag das Tempo nicht mitgehen und gab das auch zu. Daniel Ricciardos Longrun auf Ultrasofts war bei vergleichbaren Bedingungen deutlich langsamer als diejenigen von Hamilton und Räikkönen.

Max Verstappen fuhr einen Longrun auf Supersofts und kam bis auf drei Zehntelsekunden im Durchschnitt an Vettel heran, fuhr allerdings deutlich weniger Runden als der Ferrari-Pilot. Im Mini-Longrun am Ende auf Ultrasoft fuhr er auf dem Niveau von Hamilton - allerdings hatte dieser da den härteren Supersoft montiert. Vettel war mit demselben Reifen acht Zehntelsekunden schneller als Verstappen.

Ricciardo: Heißer Außenseiter?

Daniel Ricciardo wechselte früher die Reifen und fuhr einen längeren Run auf Supersofts. Sein Longrun lässt sich mit keinem anderen vergleichen, weil niemand sonst so viele Runden absolviert hat. Im Durchschnitt fuhr Ricciardo knapp drei Zehntel schneller als Vettel im ersten Longrun auf Supersofts, hatte aber die bessere Strecke, einen bereits leeren Tank und fuhr weniger Runden. Und seine ersten drei Runden kamen bei weitem nicht an Hamiltons Mini-Longrun auf dem Supersoft heran.

Haas macht um seine Konkurrenzfähigkeit im Renntrimm ein großes Geheimnis: War man bei der Zeitenjagd noch klar vierte Kraft, fuhr Romain Grosjean nur zwei Pseudo-Longruns von jeweils drei aussagekräftigen Runden. Kevin Magnussen fuhr einen aussagekräftigen Longrun auf Ultrasofts, stach dabei aber nicht aus dem Mittelfeld heraus.

Carlos Sainz, der schnellere der beiden Renault-Piloten im Longrun, war in einem ähnlichen Tempo unterwegs und dabei etwas konstanter als der Däne. Nach dessen Ansage, dass Haas klar vierte Kraft sei, muss da noch mehr kommen. Aber auch das US-Team hat ja einen Ferrari-Motor, den man am Samstag noch gut aufdrehen kann...

Für eine echte Überraschung könnte wieder Pierre Gasly sorgen: Der Toro-Rosso-Pilot knallte einen so famosen Ultrasoft-Run hin, dass man sich überrascht die Augen rieb. Vier seiner sieben Runden lagen unter 1:39 Minuten.

Gasly brilliert beim Heimrennen

Damit stellte er nicht nur Teamkollege Brendon Hartley in den Schatten, der im Durchschnitt drei Zehntelsekunden langsamer war, sondern war in den ersten Runden des Longruns auch schneller als Magnussen und Sainz.

Doch er brach den Run früher ab als seine beiden Widersacher, um sich einem längeren Versuch auf Supersofts zu widmen, der bekanntlich vorzeitig durch das Motorproblem beendet wurde.

Sollte dieses so schwerwiegend sein, dass der Verbrennungsmotor getauscht werden muss, könnte der Franzose allerdings ausgerechnet beim Heimspiel der erste Fahrer der Saison sein, der Strafplätze für zu viele benutzte Motoren in Kauf nehmen muss. Er hatte nämlich bereits die vierte Honda-Antriebseinheit homologiert. Außer, das Team findet noch einen alten.

Insgesamt ist das Bild im Mittelfeld diffus, weil so viele Zeiten fehlen. Bei Force India fehlte Sergio Perez nach dem mysteriösen Radverlust komplett, während Esteban Ocon nur ein Sparprogramm bei den Longruns absolvierte und dabei nicht sonderlich konstant fuhr. Man monierte Balanceprobleme.

Noch keine Daten von Superstar Alonso

McLaren fuhr ein völlig anderes Programm: Fernando Alonso verzichtete gänzlich auf Longruns und wird diese im dritten Freien Training nachholen. Stoffel Vandoorne kam mit Ultrasofts auf einen Durchschnitt von 1:39.275 Minuten - rund drei Zehntelsekunden langsamer als die Longruns von Sainz, Magnussen und Gasly, verzichtete aber ebenfalls auf einen zweiten Longrun.

Bei Sauber war Marcus Ericsson am Nachmittag nach seinem Unfall im ersten Freien Training freigestellt, sodass Charles Leclerc die ganze Arbeit machen musste. Will der Ferrari-Pilot in spe weitere Punkte für Sauber holen, wird er aber wohl wieder einmal über sich hinauswachsen müssen.

Auf Ultrasofts fuhr er keine aussagekräftigen Runden, auf dem Supersoft liegt er gegenüber den Mittelfeld-Piloten, mit denen Vergleiche möglich sind, ziemlich zurück: Durchschnitt 1:38.634 Minuten verglichen mit 01:38.079 Minuten von Gasly und 01:37.548 Minuten von Sainz.

Am Samstag wird sich das Kräfteverhältnis gerade an der Spitze besser herauskristallisieren. Wer mehr Leistungsreserven freisetzen kann, wird die Nase vorn haben. Im Mittelfeldkampf hat Haas in der Rennsimulation seinen Joker Romain Grosjean zurückgehalten. Und Pierre Gasly als das "Dark Horse" sorgt für zusätzliche Würze. Das sind vielversprechende Zutaten für ein packendes Rennen.

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