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  • 20.01.2009 · 11:22

Heidfeld im Porträt: Selbstbewusst entwaffnend

Nick Heidfeld geht 2009 bereits in seine zehnte Formel-1-Saison und will endlich den Mythos vom "besten ewigen Zweiten" abschütteln

(Motorsport-Total.com) - Wenn sich einer vor die Kamera stellt und sagt: "Mein Ergebnis ist eine Katastrophe!", dann bleiben auch dem kritischsten Reporter seine Fragen im Hals stecken. Nick Heidfeld erlebte 2008 die schwierigste Saison seiner gesamten Motorsport-Karriere, und die dauert schon 20 Jahre. Auch in Momenten schmerzender Niederlagen stellte er sich.

Nick Heidfeld

Nach 150 Grands Prix soll 2009 jetzt endlich der erste Heidfeld-Sieg her Zoom

Durch seine Probleme, die Reifen im Qualifying auf Temperatur zu bekommen, hat er Punkte verloren. Aber nicht seinen Charakter. Er ist selbstbewusst und entwaffnend ehrlich. Er sprach nicht nur in gefasster Ruhe immer wieder über die Komplexität, das Reifenpotenzial auf einer einzelnen Runde voll auszunutzen, er ließ sich auch auf der Strecke zu keinerlei Jetzt-erst-recht-Aktionen hinreißen.#w1#

Und vor allem: Er arbeitete an seinem Problem und löste es mit Hilfe der Ingenieure. Ein realistisches Selbstbewusstsein ist die Basis von Heidfelds Offenheit. Die Frage, ob er sich um seinen Job sorge, parierte er im Sommer 2008 stets mit: "Nein, ich mache mir um meine Qualifying-Leistung Sorgen. Sie muss wieder auf das Niveau der Rennperformance, dann klappt auch der Rest."

Heidfeld fährt Rennen, dass es eine Freude ist. Fünf der besten Überholmanöver 2008 gingen auf sein Konto - jedes Mal überholte er gleich zwei Autos auf einmal. Für seine Zweikampfstärke und seine Rennintelligenz erhielt er auch in schwierigen Phasen Lob vom Chef. Er übt seinen Traumberuf mit Herzblut und Verstand aus - und mit der souveränen Ruhe, die aus Erfahrung geboren wird.

Familie steht im Vordergrund

"Kinder sind das Tollste, was es gibt." Nick Heidfeld

Ruhe gönnt sich der Wuschelkopf auch bei Interviews, die Themen abseits der Rennstrecke berühren. Ob Kunst, Mode, Reisen oder Familie. Es gelingt ihm, seine Familie einerseits zu schützen, sie andererseits aber nicht zu verbergen. Er hat sie möglichst oft um sich und plaudert bereitwillig über Patricia, mit der er in wilder Ehe lebt, und den gemeinsamen Nachwuchs.

"Kinder sind das Tollste, was es gibt", schwärmt er und erzählt strahlend von tapsigen Gehversuchen seines im Sommer 2007 geborenen Sohnes Joda oder den Faxen der zwei Jahre älteren Tochter Juni. "Es fällt mir schwer, auch mal streng zu sein", gibt er zu, "das musste ich lernen." Die Balance zwischen Disziplin und freier Entfaltung ist ihm auch auf BMW Reisen wichtig.

Er ist zwar häufig der letzte Formel-1-Fahrer, der an einem Freitagabend aus einem Ingenieursbüro an der Rennstrecke kommt, weil er nicht locker lässt, ehe alle Daten analysiert und besprochen sind, aber danach macht er sein Ding. Er nimmt die Orte wahr, an die ihn sein Beruf führt. Bummeln, Shoppen, Kunstgalerien gehören ebenso zum Programm wie mit der Familie in Disney World herumzualbern.

Gutes Essen ist Passion, sein intensives Fitnesstraining verhindert, dass dadurch die muskulöse Jockey-Figur in Gefahr gerät. Und er kann feiern. 2008 lud er Freunde aus der Heimat und Wegbegleiter aus dem Fahrerlager zu einem spektakulären Fest an den Zürichsee ein. Mit dem Auftritt der "Fanta 4" erfüllte er sich einen Traum.

Heidfeld kam 2008 in jedem der 18 Grands Prix ins Ziel und wurde vier Mal Zweiter. Er hält einen ungeliebten Rekord: Kein Fahrer wurde in der Formel 1 so oft Zweiter, ohne ein Rennen zu gewinnen. Er hatte erst ein Mal eine echte Chance dazu. Das war 2008 beim Großen Preis von Kanada. Er war auf einer Einstopp-Strategie unterwegs und lag perfekt im Rennen. Wäre es nicht sein Teamkollege Kubica gewesen, der von hinten im strategiebedingt leichteren Auto angekommen wäre, hätte es kein Vorbeikommen gegeben.

Schnurgerader Aufstieg bis in die Formel 1

Nick Heidfeld und Kimi Räikkönen

Nick Heidfeld und Kimi Räikkönen - Sauber-Teamkollegen in der Saison 2001 Zoom

Der kleine Nick wurde im Renntempo zu "Quick Nick". Er war noch nicht einmal fünf, als er mit seinen Brüdern Sven und Tim Motocross fuhr. Die Eltern, Angelika und Wolfgang, förderten ihre Söhne, wo andere Mütter und Väter in Angst erstarren. Auf der alten Kartbahn am Nürburgring saß er erstmals im Leihkart - mit dicken Kissen im Rücken. Obwohl er kaum an die Pedalerie heranreichte, hängte er gleich seinen Vater ab.

Als Achtjähriger bekam er sein erstes eigenes Kart. Siege bei Clubmeisterschaften in Kerpen-Manheim, Rennen auf nationaler Ebene, Teilnahmen an EM- und WM-Läufen folgten. Als 17-Jähriger gewann er die Deutsche Formel Ford 1600-Meisterschaft mit acht Siegen in neun Rennen. Ein Jahr später holte er den Titel in der Formel Ford 1800. 1996 war er als 19-Jähriger der Jüngste im Feld der Deutschen Formel 3. Es wurde ein starker Einstieg: drei Siege und Rang drei im Gesamtklassement.

Außerdem holte er sich die Poleposition und einen Laufsieg beim Formel-3-Weltfinale in Macau sowie Platz drei beim Masters in Zandvoort. 1997 absolvierte er seinen ersten Formel-1-Test mit McLaren Mercedes - prompt galt er als kommender Superstar. Unbeirrt vom neuen Erwartungsdruck gewann er die Deutsche Formel-3-Meisterschaft mit fünf Siegen und obendrein den Formel-3-Grand-Prix in Monaco. 1998 und 1999 ging er seinen Weg in der Internationalen Formel 3000 weiter: Drei Siege und Zweiter der Meisterschaft im ersten Jahr, im zweiten Jahr dominierte er und holte mit vier Siegen den Titel. Parallel testete er Formel 1.

Zähe Jahre in der Königsklasse

"Wenn du schneller bist als so ein Wunderkind, ist es normal. Wenn du langsamer bist, bist du der Depp." Nick Heidfeld

Seit 2000 ist er Stammfahrer in der Formel 1, auf ein konkurrenzfähiges Auto musste er lange warten. Die Lage im Team von Alain Prost erwies sich als hoffnungslos. 2001 wechselte er ins Privatteam von Peter Sauber. Kimi Räikkönen wurde sein Teamkollege, 2002 war es Felipe Massa. Er hat sie beide geschlagen - und gelernt, wie der Vergleich mit Newcomern wahrgenommen wird.

"Wenn du schneller bist als so ein Wunderkind, ist es normal. Wenn du langsamer bist, bist du der Depp. Man kann in der Situation nicht gewinnen, deshalb sollte man einfach konzentriert weiter arbeiten." Bei Sauber erzielte er 2001 in Brasilien seinen ersten Podestplatz und fuhr insgesamt drei Jahre für das Team.

"Eine schöne Zeit", sagt Heidfeld, der damals seine monegassische Wohnung gegen ein Haus in Stäfa in der Schweiz tauschte. Ein altes, liebevoll restauriertes Haus mit moderner Kunst, einem Fitnessstudio, reichlich Gegend zum Rad fahren und vor allem mit der Möglichkeit eines ungestörten Privatlebens plus der relativen Nähe zu Zürich.

BMW seit 2005

Nick Heidfeld und Robert Kubica

Neuer Angriff: Nick Heidfeld und Robert Kubica enthüllen den BMW Sauber F1.09 Zoom

Als Ende 2003 sein Vertrag bei Sauber nicht verlängert wurde, fand Heidfeld erst spät noch einen Platz im unterlegenen Jordan-Team. Einen Winter später gestaltete sich die Cockpit-Suche noch aufreibender. Frank Williams wollte ihn haben, konnte sich aber lange nicht entscheiden, wie er die Rollen von Einsatz und Testfahrer zwischen Heidfeld und Antonio Pizzonia aufteilen sollte. In einem monatelangen Shoot-out verdiente sich der Deutsche das Renncockpit im damaligen BMW Williams F1 Team und in der folgenden Saison 2005 auch gleich den Respekt von Mario Theissen.

Heidfeld holte im Williams BMW eine Poleposition und drei Podestplätze, obwohl die Saison für ihn nach einem Testunfall wegen einer gebrochenen Radaufhängung in Monza und eines folgenden Fahrradunfalls vorzeitig endete. Er erlebte im Juni 2005 die Geburtsstunde des BMW Sauber F1 Teams hautnah mit und ist seither an Bord. "So überzeugend wie dieses", sagt er, "hat noch kein Team in der Formel 1 angefangen. Wir haben jetzt drei Jahre lang unsere Ziele mindestens erreicht, wenn nicht übertroffen."

In der Debütsaison 2006 holte er als Dritter in Ungarn den ersten Pokal für das junge Team, 2007 den ersten Startplatz in der ersten Reihe und zwei weitere Podestplätze. 2008 fuhr er die ersten zwei schnellsten Rennrunden für das Team und wurde vier Mal Zweiter. Für 2009 hofft er: "Dass unser Auto trotz der radikalen Reglementänderungen siegfähig ist und wir um den Titel mitkämpfen können." Nick Heidfeld will gewinnen.