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  • 27.07.2016 · 16:51

  • von Gary Anderson (Haymarket)

Gary Anderson: Meine Lösungen für die Formel-1-Probleme

Die Formel 1 im Regelchaos: Wie Gary Anderson mit simplen Ansätzen die Probleme mit Tracklimits, gelben Flaggen oder Funkverbot aus der Welt schaffen würde

(Motorsport-Total.com) - Die Formel 1 war vier Jahrzehnte lang mein Leben, und es handelt sich um einen tollen Sport. Es muss aber etwas getan werden, um sie für den normalen Zuseher und den Fan attraktiver zu machen, speziell, was die Regeln angeht. Aus diesem Grund habe ich mir das komplette Ungarn-Wochenende angesehen - und zwar alle Trainings, das Qualifying und das Rennen. Obwohl es ein paar spannende Momente gab wie das Qualifying und die ersten Kilometer des Rennens, war es alles in allem stinklangweilig.

Fernando Alonso

Brennpunkt Tracklimits: Gary Anderson hätte auch dafür eine Lösung Zoom

Die Formel 1 scheint nicht besonders interessiert daran zu sein, sich selbst zu helfen. Das Reglement ist eine Baustelle und wird so inkonsequent umgesetzt, dass es von außen betrachtet wie ein Witz aussieht.

Die Formel 1 muss also dringend etwas tun und sich bei der Umsetzung des Reglements selbst helfen.

Problem #1: Tracklimits

Felipe Nasr

Auch die Randsteine, die die Aufhängungen in Spielberg zerstörten, sind keine Lösung Zoom

Der erste Punkt, der mich wütend macht, sind die Tracklimits. Diese Regel, die aus einer Laune heraus eingeführt wurde, wird immer schwammiger. Sie wird so willkürlich umgesetzt, dass sie keinen Sinn ergibt. Die TV-Wiederholungen zeigen ständig Autos, die weit über die Randsteine fahren, aber aus welchem Grund? Nur sehr selten wurde irgendwer bestraft, weil er sich außerhalb der Streckenbegrenzungen bewegte.

Diese Regel müsste wie jede andere auch konsequent umgesetzt werden - und zwar bei allen Sessions. Die Fahrer verstoßen erst dagegen, wenn man dadurch möglicherweise schneller ist oder einen Vorteil erlangen kann, weil die Reifen weniger belastet werden. Alle Beteiligten, darunter die TV-Kommentatoren, sind verwirrt. Wie soll also der Zuschauer verstehen, was erlaubt und was nicht erlaubt ist?

Meine Vorschläge:

1. Lasst uns die Streckenbegrenzungen vergessen. Die Fahrer sollen so viel Auslaufzone nutzen wie sie wollen. Dann machen es zumindest alle, und es ist für alle klar.
 
2. Anstatt die Randsteine mit dieser viel Grip bietenden Farbe zu streichen, sollte man einen rutschigen Belag wählen. So lernen die Fahrer rasch, dass sie sich von den Randsteinen fernhalten sollten, wie das ja auch bei Regen der Fall ist.

Problem #2: Boxenfunk

Nico Rosberg

Nico Rosberg wurde in Silverstone bestraft, weil sein Ingenieur Funkanweisungen gab Zoom

Bei den Funkeinschränkungen handelt es sich um eine weitere schwammige Regel, durch die die Formel 1 eher wie ein Jahrmarktattraktion wirkt. Ich bin dafür, dass die Hilfe für den Fahrer von außen beschränkt wird, aber wenn es um die Sicherheit geht, dann ist das etwas anderes. Dazu kommt, dass die Kommentatoren den Großteil der Sessions damit verbringen, über das Thema zu diskutieren, aber sie haben wegen der Komplexität keine Ahnung, was erlaubt und was verboten ist. Man sollte es einfach halten, und ich verwende Jenson Buttons Bremsproblem in Ungarn als Erklärungsbeispiel, wie einfach die Lösung wäre.

Button wusste, dass er ein Bremsproblem hat und informierte das Team. Daraufhin bekam er die Anweisung vom Ingenieur, nicht zu schalten. Danach haben wir nichts mehr davon gehört. War es ein Wunder, dass sich das Problem von selbst löste? Bremsprobleme sind gefährlich, und das erfordert ein Mindestmaß an Kommunikation zwischen Team und Fahrer.

Wie ich vor ein paar Wochen vorgeschlagen haben, will die FIA nun den Funkverkehr zwischen Fahrer und Team in der Boxengasse freigeben.

Es handelt sich um eine einfache Idee, die folgendermaßen funktioniert:

Gary Anderson

Ex-Technikchef Anderson hat Ideen, wie man das aktuelle Regelchaos lösen könnte Zoom

1. Wenn das Team in den Daten ein Problem erkennt, dass sich auf die Zuverlässigkeit oder die Sicherheit auswirken könnte, dann wäre es unverantwortlich, nichts dagegen zu tun. Das Team sollte den Fahrer an die Box rufen, und der Fahrer muss dieser Anweisung Folge leisten. Während er durch die Boxengasse fährt, kann er über das Problem informiert werden. Das Team dürfte ihm mitteilen, was er tun kann, um es zu lösen. Man könnte auch die Reifen wechseln und so einen zusätzlichen Boxenstopp einlegen.

2. Wenn der Fahrer ein Problem erkennt, kann er das Team jederzeit informieren. Wenn es keine Bedenken gibt, dann kann man ihm sagen, er soll weiterfahren. Wenn das Team aber das Gefühl hat, man sollte sich der Sache annehmen, dann kann man den Fahrer an die Box holen.

In beiden Situationen müssen die Anweisungen des Ingenieurs vom Fahrer ausgeführt werden. Das Problem kann aber nur in der Boxengasse gelöst werden. Das könnte also auf einfache und effektive Art und Weise umgesetzt werden, und die Unterhaltung für die Zuschauer würde nicht darunter leiden, da sie weiterhin den Boxenfunk hören könnten. Der einzige Unterschied zu früher: Ein Teil davon würde nun stattfinden, wenn das Auto sich in der Boxengasse befindet.

Problem #3: Gelbe Flaggen und geschwenkte gelbe Flaggen

Der nächste Problemherd sind die gelben Flaggen und - noch entscheidender - die geschwenkten gelben Flaggen. Wie das Qualifying gezeigt hat, verstehen nicht einmal die Fahrer selbst, was genau gemeint ist. Die Interpretationen von Lewis Hamilton und Nico Rosberg scheinen sich grundlegend zu unterscheiden, dabei fahren sie sogar für das gleiche Team! Wenn das nicht gelöst wird, dann könnte es ganz leicht zu einem weiteren Unfall wie dem, der zum Tod von Jules Bianchi geführt hat, kommen.

Lewis Hamilton, Nico Rosberg

Die Mercedes-Fahrer waren nach dem Qualifying in Sachen gelbe Flaggen uneins Zoom

Wenn man es dem Fahrer überlässt, die Entscheidung zu treffen, dann wird es so ausgehen wie in der schlecht überwachten Tracklimits-Debatte - irgendjemand wird immer versuchen, sich einen kleinen Vorteil zu verschaffen. Ich habe nach dem Bianchi-Zwischenfall einen Virtual-Safety-Car-Geschwindigkeitsbegrenzer vorgeschlagen, der so ähnlich funktioniert wie in der Boxengasse.

Alle würden das gleiche Tempo fahren, und es wäre nicht mehr so wie jetzt eine Frage das Glücks, wo man sich genau auf der Strecke befindet. Sogar noch wichtiger ist die Tatsache, dass die Geschwindigkeit eines Autos in einem Streckenbereich, in dem ein Unfall stattgefunden hat, automatisch reduziert werden würde. Das Limit könnte ganz nach Wunsch festgelegt werden, aber bei sofortiger Einführung könnte man zunächst auch die Geschwindigkeitsbegrenzung für die Boxengasse nutzen.

Wie würde das funktionieren?

1. Wenn ein Auto die erste gelbe Flagge passiert, dann drückt der Fahrer einen Knopf auf dem Lenkrad. Dadurch wird die Geschwindigkeit des Autos auf die voreingestellte Geschwindigkeit reduziert - ganz einfach.
 
2. Wenn der Fahrer die erste grüne Flagge passiert, dann stellt er das System ab, was sogar noch einfacher ist. Somit wäre die Geschwindigkeit in der Gefahrenzone für alle gleich, und nach dem Rennen käme es zu keinen Schuldzuweisungen. Und wenn es dennoch zu einem Streit käme, könnte man ganz einfach überprüfen, ob der Knopf zum richtigen Zeitpunkt gedrückt wurde.

Problem #4: Die TV-Grafiken

Abschließend stört mich noch, wie die Fans durch die TV-Berichterstattung informiert werden. Die Inserts auf dem Bildschirm sind nicht ganz angemessen. Die Reifenwahl wird zum Beispiel nicht gut genug angezeigt, wenn man bedenkt, wie groß ihr Einfluss auf die Leistung des Autos ist. Wenn so viele Reifentypen verfügbar sind, dann sollten die TV-Grafiken anzeigen, auf welchen Reifen die Piloten waren, als sie ihre Rundenzeit absolviert haben. Das ist ebenso wichtig im Qualifying, wenn die Wetterbedingungen wechselhaft sind.

In Ungarn waren die Reifenmischungen Medium, Soft und Supersoft sowie Regenreifen und Intermediates verfügbar. Im Laufe des Wochenendes wurden alle verwendet. Während der Trainings und des Qualifyings sollten die verwendeten Reifen in der linken Spalte neben der Zeit angezeigt werden.

Pirelli Reifen

Die TV-Grafiken machen es nicht immer einfach, die Übersicht zu bewahren Zoom

Man könnte auch die Zeit in der Farbe des Reifen anzeigen, oder einen Punkt neben der Rundenzeit anbringen - rot für Supersoft, gelb für Soft und so weiter. Das könnte man auch bei feuchten Bedingungen machen - blau für Regenreifen, grün für Intermediates. Dadurch hätte der Zuseher deutlich mehr Informationen und Einblicke, und er würde vielleicht Gefallen daran finden, die Teams bei der Herausforderung, die richtigen Entscheidungen zu treffen, zu beobachten.

Die Kommentatoren haben diese Informationen, nutzen sie aber nicht wirklich. Ich habe noch keinen Kommentator gehört, der sagt, auf welchen Reifen ein Fahrer unterwegs war, als er seine Rundenzeit absolvierte. Wer einen Beweis sucht, der muss sich nur die ersten zehn Minuten des dritten Freien Trainings auf 'Sky Sports F1' anhören. Wenn es für sie vor Ort zu kompliziert ist, wie in Gottes Namen sollte dann ein normaler Zuseher verstehen, was los ist?

Wie Alan Jones in der Startaufstellung gesagt hat, wollen die Zuschauer Rennsport und keine Politik sehen. Wie recht er doch damit hat. Hoffentlich wird dieser Artikel also von einem der Entscheidungsträger gelesen, und hoffentlich erkennen sie, dass sie über den Erfolg des Sports entscheiden. Und dass es nicht unmöglich ist, den Sport für die Allgemeinheit deutlich zugänglicher zu machen. Wenn das nicht gelingt, dann werden die Zahlen weiter sinken, und es wird noch schwieriger, Sponsoren zu finden. Das wäre eine Katastrophe für die Teams.