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Formel 1 Ungarn 2017: Teamorder-Diskussionen bei Vettel-Sieg

Sebastian Vettel baut den Vorsprung in der WM mit einem Zittersieg auf dem Hungaroring aus - Lewis Hamilton lässt Valtteri Bottas in der letzten Runde vorbei

(Motorsport-Total.com) - Überholverbot auf dem Hungaroring, und trotzdem hatte der Grand Prix von Ungarn 2017 am Ende jede Menge Dramatik zu bieten! Allerdings ging es dabei weniger darum, was sich auf der Strecke abspielte, als vielmehr um den Boxenfunk. Aber letztendlich behielt der mit technischen Problemen kämpfende Sebastian Vettel kühlen Kopf und gewann das Rennen vor seinem Ferrari-Teamkollegen Kimi Räikkönen und Mercedes-Fahrer Valtteri Bottas.

Letzterer war mittendrin in der Story des Rennens: Mercedes hatte Bottas in der 46. Runde befohlen, den schnelleren Teamkollegen Lewis Hamilton vorbeizulassen, um Jagd auf die führenden Ferraris machen zu können. Bottas willigte ein - allerdings nur unter der Auflage, den dritten Platz zurückzubekommen, falls Hamilton scheitern sollte. Zwischendurch wuchs der Abstand zwischen den beiden Silberpfeilen aber auf mehr als acht Sekunden an.

Weil auch von hinten noch Max Verstappen (Red Bull) mit den um zwölf Runden frischeren Reifen drückte, glaubten viele Beobachter, dass Hamilton die Punkte einkassieren würde. Auch Bottas gibt zu: "Ich war schon ein bisschen besorgt, als der Abstand größer wurde." Aber in der allerletzten Runde ließ sich Hamilton dramatisch zurückfallen - und gab den Platz zurück. Verstappen ließ er auf der Ziellinie nur um 0,4 Sekunden hinter sich.

Was viele nicht wussten: Wegen eines Ausfalls der Boxen-Mittelkonsole konnte Hamilton rundenlang nicht mit seinem Renningenieur kommunizieren - ausgerechnet in der Phase, in der er feststellte, dass er viel schneller ist als Bottas. "Wir waren im totalen Blindflug unterwegs", erklärt Mercedes-Sportchef Toto Wolff.

Letzterer betont zwar, er sei "stolz" auf die sportliche Größe seines Teams ("Wir haben echte Werte"), doch seine persönliche Reaktion beim Platztausch lässt vermuten, dass er lieber Hamilton auf Platz drei gesehen hätte. Denn als Hamilton Bottas vorbeiließ, schlug Wolff mit der Faust auf den Tisch und drehte sich wütend zu Niki Lauda um - ganz offensichtlich war das nicht seine Idee.

"So etwas hat noch kein Team gemacht - speziell mit dem Mann, der in der Weltmeisterschaft vorne liegt", sagt Wolff. "Es ist natürlich hart. Es können am Ende zwei oder drei Punkte abgehen, und dann wird jeder sagen, dass diese Punkte in Budapest verloren gegangen sind, weil das Team eine vermeintlich sportliche Entscheidung getroffen hat. Es war eine schwierige Entscheidung." Auch für Hamilton selbst: "Es ist hart für die Meisterschaft, aber ich stehe zu meinem Wort."

Währenddessen war der Ferrari-Boxenfunk mindestens genauso interessant wie jener von Mercedes. Polesetter Vettel meldete nach gewonnenem Start in der 25. Runde zum ersten Mal ein nach links hängendes Lenkrad. Zu dem Zeitpunkt hatte er 3,6 Sekunden Vorsprung auf Räikkönen. Bis zum einzigen Boxenstopp in Runde 32 war Räikkönen wieder auf eine Sekunde dran, und auch Bottas hatte seinen Rückstand von 9,4 auf 7,4 Sekunden reduziert.

"Als das Auto am Start heruntergelassen wurde, hatte ich schon das Gefühl, dass die Lenkung ein bisschen schief ist. In den ersten Runden konnte ich mich gut absetzen, doch dann wurde es Schritt für Schritt ein bisschen schlimmer und gravierender", berichtet Vettel. "Es war sehr schwierig, dann die richtige Balance zu finden. Ich konnte mich nach ein paar Runden dran gewöhnen, aber generell war es sehr, sehr schwer, damit hauszuhalten."

Angesichts des von hinten drückenden Silberpfeil-Express wurde Räikkönen immer nervöser. Ferrari entschied zunächst, dass ihn Vettel in der DRS-Sekunde ziehen soll, um auf den Geraden nicht angreifbar zu sein. Das aber verschliss die Vorderreifen des "Iceman" zu schnell. Etwas entnervt funkte er: "Und das soll alles sein, was euch einfällt?"

Viel größer war der Groll über das Timing seines ersten Boxenstopps. Als Mercedes Bottas reinholte, um einen Undercut zu probieren, musste Ferrari mit dem angeschlagenen Vettel reagieren. Räikkönen wollte noch länger fahren: "Ich hatte den Speed, um draußen zu bleiben", ärgerte er sich am Funk. Im Nachhinein weiß man: Mit einem längeren ersten Stint hätte Räikkönen das Rennen gewonnen.

"Ich konnte natürlich sehen, dass Kimi von hinten kommt. Er war schneller", gibt Vettel zu. "Ich konnte den Speed nicht wirklich gehen, weil ich mit mir selber zu kämpfen hatte." Die Entscheidung fiel erst, als Hamilton beim Überrunden Dreck aufsammelte und zurücksteckte. Die letzten paar Runden waren für Ferrari dann nur noch eine Spazierfahrt. Am Ende gewann Vettel 0,9 Sekunden vor Räikkönen und 12,5 vor Bottas.

Räikkönen ärgert sich über die verpasste Chance, macht dafür aber seinem Team keinen Vorwurf. Vielmehr analysiert er das Ungarn-Wochenende selbstkritisch: "Ich habe im Qualifying einen Fehler gemacht. Das war entscheidend." An ein Überholmanöver, gerade gegen den Teamkollegen, sei nicht zu denken gewesen: "Da muss der andere schon einen Fehler machen oder ein gravierendes Problem haben."

Die größte Chance auf ein Überholmanöver wäre wohl der Start gewesen, aber die beiden Ferraris kamen gut weg und bogen auf P1/2 in die erste Kurve ein. Dahinter wurde es eng: Hamilton erwischte die erste Kurve nicht perfekt, fiel hinter die beiden Red Bulls zurück - und lag nach deren teaminterner Kollision nur noch auf Platz fünf.

Bei Daniel Ricciardo, der schon an vierter Stelle lag, ging durch die Berührung mit Verstappen der Seitenkasten-Kühler kaputt. Es lief Wasser aus, das Safety-Car musste auf die Strecke. Und die Rennleitung schaute sich den Zwischenfall genau an. Für Ricciardo ein klarer Fall: "Es ist frustrierend, weil dieser Fehler so viel kostet. Doppelt bitter, wenn es der Teamkollege ist. Ich hätte mehr von ihm erwartet."

Verstappen habe sich in der Situation "wie ein Amateur" verhalten, und "unnötig" sei noch eine diplomatische Bezeichnung für die Kollision, findet Ricciardo. Trotzdem lässt er die Tür offen für Friedensgespräche: "Ich werde mit ihm reden, aber ich erwarte, dass er zu mir kommt und sich entschuldigt." Die FIA hat zu dem Fall eine klare Meinung: Verstappen sei alleiniger Verantwortlicher für die Kollision, also musste er bei seinem Boxenstopp eine Zehn-Sekunden-Strafe absitzen.

Verstappen gibt sich einsichtig: "Ich wollte Daniel ausweichen, aber meine Räder blockierten und ich rutschte ihn in rein, noch dazu an der empfindlichsten Stelle des Autos. Ich entschuldige mich bei Daniel und dem Team, denn wir hätten hier viele Punkte sammeln können." Als Verstappen nach einem extrem langen ersten Stint (42 Runden) an die Box kam, hatte er 10,4 Sekunden Vorsprung auf Vettel.

Im Finish hatte der Niederländer dann die frischesten Reifen, und so vernichtete er innerhalb von 25 Runden 16,5 Sekunden Rückstand auf das Mercedes-Duo - trotz eines Ausritts in der 56. Runde, der zweieinhalb Sekunden kostete. Helmut Marko setzt das in den richtigen Kontext: "Max konnte eine Zeit lang nur reduzierten Speed fahren, weil die Bremsen überhitzten. Vom Speed her waren wir absolut vorne dabei."

Hinter den Top 5 sorgte Nico Hülkenberg (Renault) für die Story des Tages. Nach Getriebewechsel von P12 gestartet, legte er sich im Rennen mit den Haas-Piloten an. In der ersten Kurve geriet er mit Romain Grosjean aneinander, gegen Ende mit Kevin Magnussen. Letzterer verteidigte sich im Duell um Platz elf zu hart und kassierte dafür eine Fünf-Sekunden-Zeitstrafe.

Zur Konfrontation kam es aber erst bei den TV-Interviews im sogenannten "Bullring", als Hülkenberg in Magnussens Interview platzte und sagte: "Einmal mehr der unsportlichste Fahrer der Formel 1." Was Magnussen mit einem derben Konter quittierte: "Leck doch meine Eier!" Hülkenberg schied am Ende mit Verdacht auf ein Getriebeproblem aus. Magnussen wurde 6,5 Sekunden hinter Stoffel Vandoorne (McLaren) Elfter.

Fernando Alonso (McLaren) holte sich den starken sechsten Platz ab, 21,1 Sekunden vor Landsmann Carlos Sainz (Toro Rosso), mit dem er sich über weite Strecken des Rennens ein packendes Duell lieferte. Knapp wurde es schon beim Safety-Car-Restart, als sich Sainz nach außen tragen ließ und Alonso abdrängte, und dann noch einmal beim gemeinsamen Boxenstopp. Aber gegen Rennmitte gelang Alonso der Konter.

Die beiden Force Indias, die am Start einmal mehr fast aneinandergeraten wären, holten mit den Plätzen acht und neun das Maximum aus dem Rennen heraus. Und Massa-Ersatzmann Paul di Resta? Der Williams-Fahrer schied mit Ölleck aus - an letzter Stelle liegend. Auch Grosjean wurde ein Problem zum Verhängnis. Beim Haas-Fahrer war nach dem Boxenstopp ein Rad locker - was noch ein Nachspiel in Form einer Strafe haben könnte.

Die Formel 1 geht nun in eine vierwöchige Sommerpause, und Vettel führt in der WM 14 Punkte vor Hamilton und 33 vor Bottas. In der Konstrukteurswertung hat aber weiterhin Mercedes (357) die Nase vor Ferrari (318). Weiter geht's erst am 27. August mit dem Grand Prix von Belgien in Spa-Francorchamps.

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