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  • 12.11.2016 · 18:02

  • von Christian Nimmervoll & Fabian Hust

Formel 1 Brasilien 2016: Thriller-Pole für Lewis Hamilton!

Drama im Sao-Paulo-Qualifying: Bis zur letzten Zwischenzeit lag Rosberg auf Pole-Kurs, aber am Ende reichte es nicht - Räikkönen überraschend auf P3

(Motorsport-Total.com) - Wow! Im vorletzten Qualifying der Formel-1-Saison 2016 lieferten sich Lewis Hamilton und Nico Rosberg einen elektrisierenden Schlagabtausch, bei dem am Ende Hamilton das bessere Ende für sich hatte. Der Mercedes-Star sicherte sich damit die Pole-Position für den Grand Prix von Brasilien (Formel 1 2016 live im Ticker), und zwar 0,102 Sekunden vor Rosberg. Aber die Entscheidung hätte spannender und hochkarätiger gar nicht sein können.

Nico Rosberg, Lewis Hamilton, Kimi Räikkönen

Nico Rosberg, Polesetter Lewis Hamilton und Kimi Räikkönen in Sao Paulo Zoom

Zunächst sah alles nach einer klaren Sache für Hamilton aus. Der amtierende Weltmeister war in Q1 um 0,304 und in Q2 um 0,135 Sekunden schneller als der Polesetter der vergangenen beiden Jahre. Im ersten Q3-Run legte Hamilton 1:10.860 Minuten vor und war damit um 0,162 Sekunden schneller als Rosberg. Die Bestzeit war da schon auf so hohem Niveau, dass kaum jemand noch damit rechnete, dass Rosberg gefährlich werden könnte.

Zumal der Boxenfunk darauf hindeutete, dass Rosberg im zweiten Run nicht die Waffen haben würde, sich zum dritten Mal hintereinander die Pole in Interlagos zu sichern. "Ich habe starkes Untersteuern. Die Traktion ist auch nicht so toll. Ich bin ein bisschen besorgt", meldete er dem Team nach der ersten Q3-Runde.

Aber der Deutsche machte es noch einmal richtig spannend: Im allerletzten Schuss - das Wetter hielt trotz zwischenzeitlichem Nieselregens am Ende von Q2 - fuhr Hamilton zunächst eine neue Bestzeit im ersten Sektor. Rosberg konnte diese aber um 0,072 Sekunden unterbieten. Nach der zweiten Zwischenzeit hatte er immer noch 0,024 Sekunden Vorsprung.

Aber im letzten Sektor leistete er sich einen leichten Fehler, sodass es doch nicht reichte. "Nico hatte in der letzten Kurve keine Traktion und konnte es nicht umsetzen", analysiert Mercedes-Sportchef Toto Wolff. "Er ist in Turn 12 ein bisschen zu schnell reingerollt, konnte nicht früh genug aufs Gas gehen und hat dann dieses eine Zehntel wieder verloren."

"Lewis", seufzt Rosberg, "war einfach minimal schneller heute. Meine Runde hat auch gepasst, war aber nicht schnell genug." Hamilton, dem nun nur noch acht Pole-Positions auf den Rekord von Michael Schumacher (68) fehlen, strahlt umso mehr Selbstbewusstsein aus: "Nico wurde immer schneller, aber ich hatte ihn dieses Wochenende eigentlich im Griff." Aber Rosberg hofft: "Wir wissen dieses Jahr: Die Pole ist nicht alles. Ich habe morgen meine Chancen."

Von hinten droht Mercedes zumindest auf trockener Strecke eher keine Gefahr. Ging es in den Freien Trainings noch ziemlich eng zu, so fuhren die Silberpfeile der Konkurrenz ab Q2 auf und davon. Am Ende betrug der Vorsprung auf den ersten Verfolger, Kimi Räikkönen (Ferrari), 0,668 Sekunden. "Der Gap ist größer, als wir gedacht haben. Das zeigt, wie sich die beiden pushen", freut sich Wolff.

Von den "Big Six" sah Räikkönen lange Zeit so aus, als würde er nur Sechster werden, doch in der allerletzten Runde katapultierte er sich plötzlich auf Platz drei nach vorne. Damit hätte er selbst nicht gerechnet, denn: "Der erste Teil der Runde, die ersten zwei Kurven, waren alles andere als gut - wegen der Reifentemperatur." Im Qualifying-Stallduell gegen Sebastian Vettel hat er mit dem Brasilien-Ergebnis ausgeglichen: 10:10.

Vettel belegte am Ende den fünften Platz, knapp eine Zehntelsekunde hinter dem "Iceman". Angesichts der Umstände muss er damit zufrieden sein, denn wegen eines Bremsproblems wurde noch zu Beginn des Qualifyings an der Hydraulik seines Ferrari gearbeitet. Erst mit ein paar Minuten Verspätung konnte er auf die Strecke gehen - aber von da an spulte er routiniert sein Programm ab.

"Ich bin nicht ganz zufrieden, weil ich denke, dass Platz drei und die zweite Startreihe drin gewesen wäre", sagt Vettel, dem nur 0,010 Sekunden auf P4 fehlten. "Mit meiner letzten Runde bin ich nicht glücklich. Ich war in manchen Kurven zu wenig ambitioniert und in anderen zu konservativ. Aber alles in allem hat das Auto heute gut funktioniert. Ich bin optimistisch, dass wir im Rennen eine gute Pace gehen können."

Wahrscheinlich mit Red Bull als Hauptgegner. Max Verstappen schob sich ins Ferrari-Sandwich - und glaubt, dass er den Rückstand von 0,749 Sekunden im letzten Versuch eigentlich verkürzen hätte müssen: "Ich hatte nach dem ersten Sektor noch zwei Zehntel Vorsprung auf meine eigene Bestzeit, habe es aber in Kurve 8 verloren. Schade", ärgert er sich. Immerhin war er schneller als Teamkollege Daniel Ricciardo (6./+0,804).

Eine Überraschung gab es hinter den drei Topteams: Romain Grosjean schob sich mit neuen Bremsen von Carbone Industrie (statt Brembo) sensationell ins dritte Qualifying - und war dort auch noch "Best of the Rest", obwohl er im Gegensatz zu allen anderen nur eine Runde fuhr. "Wir hätten nicht mit Q3 gerechnet", lächelt er zufrieden und analysiert: "Die kühleren Streckentemperaturen haben uns geholfen."

Nico Hülkenberg (Force India) schob sich im Finish an Fernando Alonso (10./McLaren/+1,530) vorbei und wurde mit 0,167 Sekunden Rückstand auf Grosjean Achter, 0,061 vor Teamkollege Sergio Perez. "Die drei Topteams", sagt er, "sind zu stark für alle anderen - für uns auch. Bestenfalls Platz sieben" sei daher morgen möglich. Immerhin: Force India steht im wichtigen Kampf um den vierten WM-Platz vor beiden Williams.

Denn die konnten ihre starke Form vom Freitag (möglicherweise bedingt durch wenig Benzin?) nicht in den Samstag retten. Valtteri Bottas erwischte in der entscheidenden Phase von Q2 keine perfekte Runde und scheiterte um 0,060 Sekunden am Cut (Hülkenberg), und Lokalmatador Felipe Massa klagte im letzten Versuch, dass sich das Auto plötzlich komplett anders angefühlt habe. Trotz P13 ließ er sich von seinen Fans anschließend feiern.

Pascal Wehrlein (19.) stellte indes im Qualifying-Duell gegen Esteban Ocon bei Manor auf 6:2, und zwar um die Nichtigkeit von 0,005 Sekunden. Dass Ocon das Force-India-Cockpit für 2017 bekommen hat und er nicht, scheint Wehrlein zu stinken. Vielleicht deswegen lieferten sich die beiden in Q1 ein Scharmützel unter Teamkollegen, als sie sich ausgerechnet in der entscheidenden dritten Runde nicht über die Vorfahrt einig wurden.

Zunächst beschwerte sich Ocon am Funk beim Kommandostand: "Pascal hat mich massiv aufgehalten. Das ist nicht cool!" Aber Wehrlein, von seinem Renningenieur mit dem Vorwurf konfrontiert, konterte: "Das war Estebans Fehler. Wie kann er mich in der vorletzten Kurve überholen?" Interessant: Eine Strafe gab's nicht für Wehrlein, sondern für Ocon - drei Plätze nach hinten wegen Blockierens von Jolyon Palmer (16./Renault).