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  • 06.10.2014 · 15:26

  • von Dominik Sharaf

Die Bianchis: Familiensaga zwischen Ruhm und Tragödie

Jules' Großvater Mauro und sein Großonkel Lucien waren beide erfolgreiche Rennfahrer, doch das Unfallschicksal verschonte nur einen der beiden

(Motorsport-Total.com) - Auch wenn der Name Bianchi für Formel-1-Fans nicht so klangvoll ist wie Andretti, Villeneuve oder Hill, steckt dahinter eine Rennfahrer-Dynastie. Ihre Wiege liegt aber nicht in Frankreich, sondern in Italien - genauer gesagt in Mailand. Dort erblickte 1934 Lucien das Licht der Welt, drei Jahre später wurde Bruder Mauro als Sohn eines Alfa-Romeo-Mechanikers geboren. Karrieren im Motorsport waren vorgezeichnet. Sie sollten tragische Momente parat halten. wie sie die Familie derzeit wieder erlebt.

Lucien Bianchi

Lucien Bianchis größter Erfolg: Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans 1968 Zoom

Ehe Lucien und Mauro ihre ersten Rennen fuhren, ging es für die Bianchis nach Belgien. Dort arbeitete der Vater als Mechaniker für Johnny Claes, einen Formel-1-Piloten aus Brüssel. Der als Jazzmusiker erfolgreiche Herrenfahrer bestritt in den folgenden sechs Jahren insgesamt 23 Grands Prix, holte aber nie WM-Punkte. Sein Talent zeigte er im Rallye- und im Sportwagenbereich, doch über der Laufbahn schwebten dunkle Wolken: Bei einem Unfall im Rahmen eines Monoposto-Rennens in San Remo 1950 kam ein Zuschauer zu Tode, er selbst starb 1956 mit 39 Jahren an Tuberkulose.

Die Bianchis hielt dieses Schicksal nicht davon ab, ihren Traum zu verfolgen. Lucien, der Großonkel Jules', bestritt mit nur 16 Jahren die Österreichische Alpenfahrt und arbeitete sich über die Formel 2 und die Sportwagen-Szene bis 1959 in die Formel 1. In Monte Carlo verpasste er in einem Cooper noch die Qualifikation, doch schon im Jahr darauf gelang mit einem sechsten Platz beim Heimspiel in Spa-Francorchamps der Durchbruch. Über die Equipe National Belge, UDT-Laystall, Reg Parnell und Centro Sud ging es 1968 zum Cooper-Werksteam, wo Lucien den großen Coup landete.

Mauro überlebt, Lucien siegt und stirbt in Le Mans

Der Schauplatz war der gleiche, an dem in dieser Saison sein Großneffe für die ersten WM-Punkte im technisch unterlegenen Marussia sorgte: Monaco. Der überzeugte Schnurrbart-Träger Lucien, erstmals mit einem Vertrag für eine komplette Saison ausgestattet, fuhr als Dritter auf das Podium. Mauro, Jules' Großvater, hatte längst ebenfalls mit dem Motorsport begonnen. Die Formel 1 erreichte er trotz einer hoffnungsvollen Karriere im Monoposto-Bereich und Werksfahrer-Status bei Alpina nie, sorgte dafür aber in der Sportwagen-Szene für Furore.

Erneut werksseitig für Abarth unterwegs landete er viele Erfolge, Highlight war der Sieg beim 500-Kilometer-Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife im Jahr 1965 - damals an der Seite Luciens. Doch fortan wandte sich das Glück von dem Brüderpaar ab: 1968 gewann Lucien zwar mit dem Mexikaner Pedro Rodriguez (der nur drei Jahre später auf dem Norisring ums Leben kam) die 24 Stunden von Le Mans in einem Ford GT40. Im gleichen Rennen hatte Mauro jedoch einen Feuerunfall, bei dem er sich schwere Brandverletzungen zuzog und dem Tod nur knapp entkam.

Lucien Bianchi

Auch in der Formel 1 war Lucien Bianchi eine große Hoffnung Zoom

Lucien, der sich längst voll den Sportwagen verschrieben hatte und parallel Vaters Erbe als Leiter einer Autowerkstatt in Brüssel antrat, starb 1969: Bei einem Le-Mans-Vortest in einem Alfa Romeo T33 prallte er auf der Mulsanne-Geraden gegen einen Telegrafenmast. Mauro, der sich von seinen Verletzungen erholt hatte, nahm von seinem geplanten Comeback Abstand und verdiente sein Geld fortan als Entwicklungsingenieur bei Venturi.

Sein Sohn Philippe siedelte aus Belgien nach Frankreich über und wurde am 3. August 1989 selbst Vater des kleinen Jules. Er schrieb die Familiensaga weiter. Es bleibt zu hoffen, dass er kein tragisches Kapitel anfügt.

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