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  • 19.07.2014 · 20:07

  • von Rencken, Wittemeier & Ziegler

Bremsdefekt: Mercedes wechselt Ausrüster

Nach dem Unfall von Lewis Hamilton im Qualifying in Hockenheim fehlt Mercedes das Vertrauen in die neusten Brembo-Bremsscheiben - Start aus der Boxengasse?

(Motorsport-Total.com) - Es sollte das große Mercedes-Duell um die Pole-Position werden, endete aber in einem herben Crash in der Sachs-Kurve. Beim Qualifying zum Grand Prix von Deutschland auf dem Hockenheimring versagte am Fahrzeug von Lewis Hamilton bereits nach fünf Umläufen die Bremse. Auf der Zufahrt zur berühmten Kurve im Motodrom platzte am Mercedes des Briten vorne rechts die Bremsscheibe, der Wagen drehte sich über den Kies und schlug mit 27G in die Barrieren ein.

Lewis Hamilton

Lewis Hamilton schlug seitlich in die Barrieren der Sachs-Kurve Zoom

Beim ersten Funkkontakt nach dem Crash wirkte Hamilton regelrecht benommen. Kurzatmig gab er zu verstehen, dass er "okay" sei. Eine Untersuchung im Medical-Center an der Strecke ergab keine schlimmen Verletzungen, einzig an den Beinen zog sich der ehemalige Formel-1-Weltmeister schmerzhafte Prellungen zu. "Ich hatte schon einige Unfälle in meiner Karriere. Einige davon waren heftiger als der heutige", gibt sich Hamilton am Abend nach dem Unfall cool und gelassen.

"Man horcht in sich hinein, spürt Schmerzen und will dann erst einmal herausfinden, was mit dem Körper los ist. Es ist schon okay. Ich werde morgen aufgrund von Prellungen sicherlich noch Schmerzen haben, aber es geht trotzdem weiter", sagt der Mercedes-Pilot. "Über die Sicherheit mache ich mir keine Sorgen, so etwas kann ich schnell abhaken, seit ich als Kind meinen ersten Crash hatte. Ich mache mir da keine Gedanken, sondern gehe morgen in das Rennen und versuche, das Beste herauszuholen."

Nicht der erste Schaden bei Brembo

Das Thema Sicherheit ist dennoch eines. Jene defekte Bremsscheibe, die den Unfall verursachte, war laut Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff "brandneu" und erst am Morgen ins Auto gebaut worden. Interessant ist die Tatsache, dass Hamilton auf ein Produkt von Brembo wechselte, während Teamkollege Nico Rosberg bei den Bremsen vom Anbieter Carbone Industrie (CI) blieb. "Ich habe an diesem Wochenende das Material, das ich bevorzuge und Nico hat seines. Die von mir ausgewählten Bremsen funktionieren aus meiner Sicht gut", so Hamilton.

Lewis Hamilton

Und plötzlich auf der Rücksitzbank: Lewis Hamilton auf dem Weg zum Arzt Zoom

Dennoch wird der Brite am Sonntag im Rennen nicht mehr mit seinem bevorzugten Produkt auf die Strecke gehen. Mercedes wird das Fahrzeug von Hamilton vor dem Start in den Grand Prix umrüsten. "Wir hatten einen Bremsdefekt und müssen nun dafür Sorge tragen, dass morgen alles sicher ist. Es wird so sein, dass wir das Produkt an Lewis' Auto wieder wechseln werden. Das müssen wir tun, weil wir innerhalb der kurzen Zeit nicht analysieren können, was zu dem Defekt geführt hat und wie so etwas in Zukunft verhindern können", sagt Wolff.

Ein solcher Umbau ist unter Parc-Ferme-Regeln eigentlich nicht gestattet. Mercedes dürfte die defekte Bremse durch eine baugleiche ersetzen, aber beim Wechsel der Bauart (oder sogar des Herstellers) wird ein Start aus der Boxengasse Pflicht. "Ob das dann zwangsläufig einen Start aus der Boxengasse nach sich zieht, ist noch nicht endgültig diskutiert. Da finden weitere Gespräche mit der FIA statt", sagt der Mercedes-Motorsportchef. Die Stuttgarter pochen darauf, dass man quasi gezwungen sei, auf CI-Bremsen umzurüsten.

Auch Ferrari setzt auf den Hersteller

"Einige andere Teams nutzen auch die Bremsen dieses Herstellers. Da müsste man die Diskussion um die Sicherheit dieser Bauteile etwas ausweiten", meint der Österreicher. Unter anderem sind die Produkte des italienischen Herstellers auch im Ferrari verbaut. Dort macht man sich wenig Sorgen, denn man verwendet eine Vorgängerversion der Bremsscheiben. "Brembo ist ein echter Spezialist auf dem Gebiet. Die meisten Teams nutzen deren Produkte, auch wir - sogar sehr erfolgreich", will Wolff von einem bleibenden Vertrauensverlust nichts wissen.


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"Natürlich ist das eine Sorge. Wir als Team müssen dann genau schauen, was wir tun. Das wird man genau analysieren und dann entscheiden, wie man reagiert", erklärt Nico Rosberg das weitere Vorgehen. Vorerst ist Brembo tabu, CI angesagt. "Brembo hatte bereits einen Defekt zu Beginn des Jahres. Sie haben ihre Bremsscheiben verbessert, es sollte eigentlich die sicherste Bremsscheibe sein. Sie haben bezüglich der Karbonscheiben viel Forschung betrieben", macht Wolff Werbung für die Italiener. Fraglich ist allerdings bislang, ob Brembo die Produkte womöglich "verschlimmbessert" hat, oder eine Charge der Produktion einen Materialfehler aufweist.

Warum fahren die Piloten eines Teams eigentlich unterschiedliche Bremsanlagen? "Das ist völlig normal", erklärt McLaren-Pilot Jenson Button. "Wir haben damals bei McLaren damit angefangen, als ich dorthin kam. Auf diesem Wege sind uns große Fortschritte gelungen. Manchmal ist es eben so, dass der Teamkollege anderes Material nutzen möchte als man selbst. Das liegt an den persönlichen Vorlieben und ist ganz normal."

Wechsel des Bremsen-Herstellers "völlig normal"

"Die Bremsen sind ein Bereich, mit dem ich in diesem Jahr bislang nie so hundertprozentig zufrieden war. Wir probieren deshalb verschiedene Varianten, machen wann immer möglich Vergleichstests", bestätigt Rosberg das stetige Wechselspiel mit dem so wichtigen Element zur Verzögerung des Autos. "Letztlich fahre ich mit dem, was sich für mich am besten anfühlt. Es geht dabei wirklich mehr um das Gefühl als um die pure Performance."

Toto Wolff

Will seine Piloten mit sicheren Bremsen ins Rennen schicken: Toto Wolff Zoom

"Beide Fahrer probieren an fast jedem Wochenende die Bremsen beider Hersteller aus. Lewis hat hier auch beide Sorten ausprobiert. Er hat sich dann für Brembo entscheiden, weil diese ihm hier in Hockenheim etwas besser passten", erklärt Wolff den Weg seines britischen Schützlings. Der kurzfristige Wechsel zu den Produkten von CI soll dem Briten nicht schaden. "Lewis ist so gut, dass er morgen im Rennen problemlos mit dem anderen Material zurecht kommen wird", so der Mercedes-Rennleiter.

Auch Hamilton sieht die Situation gelassen. Das Ziel für das Rennen am Sonntag ist vollkommen unabhängig von der Marke der Bremsen: Platz zwei. Denn den Sieg hält er für nicht mehr machbar: "Nico wird sich nach drei, vier Runden abgesetzt haben. Wenn ich von hinten starte, dann habe ich dann schon 40 Sekunden Rückstand auf ihn. Da muss ich über Siegchancen nicht mehr nachdenken. Mein Ziel heißt Schadensbegrenzung. Ich weiß noch nicht, wohin ich es im Rennen noch schaffen kann. Das hängt nicht zuletzt davon ab, ob ich von Platz 16 oder aus der Boxengasse starten werde."