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Ärmer, aber unschuldig: Ecclestones bester Deal

Bernie Ecclestone, 100 Millionen Euro und das vorzeitige Ende im Bestechungsprozess: Wie der Formel-1-Chef einer langjährigen Haftstrafe entging

(Motorsport-Total.com) - Was wäre nur aus der Formel 1 geworden, hätte Bernie Ecclestone eine Haftstrafe erhalten? Wer hätte den Posten des obersten Rennchefs übernommen? Wie hätte der Sport die Neubesetzung an seiner Spitze verkraftet? Und wie hätten die Fans darauf reagiert? All das sind Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Denn ein eben solches Szenario tritt nicht ein. Dafür hat Ecclestone gesorgt.

Bernie Ecclestone

Formel-1-Chef Bernie Ecclestone wohnt weiter im Motorhome, nicht im Gefängnis Zoom

Mit einer Zahlung in Höhe von 100 Millionen Euro hat er die Einstellung des Bestechungsprozesses gegen ihn erwirkt. Und schon daran scheiden sich die Geister: Handelt es bei dieser Summe etwa um eine Bestechung, damit die Behörden die Anklage fallenlassen? Keineswegs! Vielmehr ist es ein im Gesetz vorgesehenes Mittel, um Verfahren abzukürzen. Und damit ist dieser Schritt vollkommen legal.

Trotzdem bleiben einige Fragen offen. Zum Beispiel, warum Ecclestone überhaupt Geld bezahlt hat. Denn im Prozessverlauf wurde mehr und mehr deutlich, dass die Ankläger kaum Grundlage für eine Verurteilung Ecclestones hatten. Zuletzt wurde eine Verurteilung sogar als "nicht sehr wahrscheinlich" eingestuft. Und dennoch wählte Ecclestone den Weg einer Zahlung und zog so einen Schlussstrich.

Nicht Ecclestone schlägt den "Deal" vor

Dabei war es nicht mal der 83-Jährige selbst, der besagten Weg vorgeschlagen hat, wie Ecclestone im 'Independent' erklärt. Dort sagt er: "Die Staatsanwaltschaft ist auf uns zugekommen und hat gefragt, ob wir darüber sprechen wollen. Sie haben damit angefangen. Wir haben sie nicht darum gebeten." Wenig später war Ecclestone das, was er vorher schon war: ein freier Mann - und nicht vorbestraft.


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Allerdings ist Ecclestone seither um 100 Millionen Euro ärmer. Und man kommt nicht umhin, sich die Frage zu stellen, warum das so ist. Denn wenn Ecclestone nicht verurteilt wurde und somit weiterhin als unschuldig gilt, weshalb lässt er sich dann zur Kasse bitten? Rückblickend scheint er das selbst zu hinterfragen: Er sei "ein bisschen ein Idiot" gewesen, sich darauf einzulassen, so der Formel-1-Chef.

Die 100 Millionen Euro, die er an die Staatskasse (99 Millionen Euro) und an eine wohltätige Stiftung (1 Million Euro) überwiesen hat, sind weg. Dafür hat Ecclestone seinen Handlungsspielraum wieder. Eben dieser war seit Prozessbeginn im April 2014 erheblich eingeschränkt gewesen und wäre es noch bis mindestens September 2014 geblieben. Und für Ecclestone bestand Anwesenheitspflicht vor Gericht.

Zwei Tage pro Woche sind für den Prozess reserviert

Das bedeutete: Am Wochenende befand sich der Brite bei einer Formel-1-Rennveranstaltung, Dienstag und Mittwoch zu den oft langwierigen Sitzungen im Gerichtssaal in München, danach entweder im Büro in London oder unterwegs zum nächsten Grand Prix. Nicht einfach für einen 83-Jährigen, den die Verhandlungen zunehmen zu schaffen machten, wie sein Anwalt Sven Thomas erklärt.

Auch deshalb zog es Ecclestone vor, die Angelegenheit finanziell zu regeln. "Wir haben stets im Hinterkopf behalten, dass es mit der Formel 1 weiter vorangehen muss. Und wenn der Prozess weitere fünf Monate angedauert hätte, wären vielleicht Probleme in der Formel 1 entstanden", sagt Thomas bei 'Forbes'. Ecclestone habe dann entschieden, dass die Sache vorzeitig beendet werde.

Laut seinem Anwalt habe Ecclestone damals gesagt: "Ich brauche hier nicht weitermachen, wenn wir eine Beilegung erwirken können, ohne dass es zu einer Verurteilung kommt und ich weiterhin als unschuldig gelte." Es sei, so Thomas, danach nur "eine Frage des Geldes" gewesen. "Das musste Bernie entscheiden. Und ich denke, er hat sich so entschieden, weil er mit der Formel 1 weitermachen will."

Ecclestone-Ersatz nur bei Verurteilung

Bei einer Verurteilung vor Gericht wäre eben dies nicht möglich gewesen. Das hatten die Formel-1-Anteilseigner von CVC Capital Partners schon betont, noch ehe das Gericht in München zu seiner ersten Sitzung zusammengekommen war. "Wenn bewiesen würde, dass Herr Ecclestone eine kriminelle Handlung vorgenommen hat, würden wir ihn feuern", meinte damals CVC-Mitbegründer Donald Mackenzie.


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Eine kriminelle Handlung konnte Ecclestone während der Verhandlung nicht nachgewiesen werden. Der Vorwurf der Bestechung hat sich, so der Befund des Landgerichts München, nicht erhärtet. Auch, weil der Kronzeuge der Staatsanwaltschaft, der bereits 2012 zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilte frühere Risikovorstand der BayernLB, Gerhard Gribkowsky, keine belastende Aussage treffen konnte.

Ihn, so der Vorwurf an Ecclestone, soll er 2005 mit einer Zahlung in Höhe von 44 Millionen US-Dollar (rund 33 Millionen Euro) bestochen haben, damit Gribkowsky die Formel-1-Anteilsverkäufe im Sinne Ecclestones durchführt. Doch vor Gericht sorgte Gribkowsky für eine Überraschung: Er habe sich "nie die Frage gestellt", weshalb er das Geld erhalten habe. Der Anklage fehlte damit eine wichtige Grundlage.

Das Ergebnis ist kurios

Das Ergebnis ist eine bizarre Situation: Gribkowsky sitzt - unter anderem - wegen der Annahme von Bestechungsgeldern für achteinhalb Jahre hinter Gittern. Ecclestone dagegen ist und bleibt ein freier Mann. Dass er das Geld an Gribkowsky bezahlt hat, bestreitet er aber nicht. Ecclestone beteuert bis heute vielmehr, dass ihn Gribkowsky erpresst und damit gedroht habe, ihn bei den britischen Steuerbehörden anzuschwärzen.

Das Ergebnis ist bekannt. Und für Ecclestone-Anwalt Thomas eine zufriedenstellende Situation. "Ich denke, wir haben gute Arbeit geleistet, denn der andere Kerl hat achteinhalb Jahre bekommen", wird er von 'Forbes' zitiert. Ecclestone wiederum hat, seine Gesundheit vorausgesetzt, ebenfalls weitere Jahre gekriegt. Nicht im Gefängnis, aber an der Spitze der Formel 1. Und genau darauf hatte er es abgesehen.