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  • 23.11.2014 · 08:51

  • von Dieter Rencken & Roman Wittemeier

900 Millionen durch zehn: Das muss für alle reichen

Bahnt sich in der Formel 1 tatsächlich ein komplett neuer Verteilungsschlüssel für die FOM-Gelder an? Laut Lotus, Force India und Sauber könnte alles so einfach sein

(Motorsport-Total.com) - Lotus, Force India und Sauber kämpfen um eine neue Aufteilung der Vermarktungserlöse in der Formel 1. Nur so, meinen die Vertreter der finanziell angeschlagenen Teams, könnte das Gesamtkonstrukt Königsklasse auf Dauer überleben. Bei einem Treffen mit Bernie Ecclestone und CVC-Boss Donald Mackenzie am Samstag in Abu Dhabi gab es ernsthafte Signale von Seiten der Formel-1-Bosse, dass die kleinen Teams auf mehr Geld hoffen dürfen. Die Voraussetzung: alle ziehen mit.

Bernie Ecclestone, Vijay Mallya

Sitzen eben nicht im selben Boot: Force-India-Boss Mallya (o.) und Ecclestone (u.) Zoom

"Ausschlaggebend dafür, dass wir jetzt offensiv mit dem Thema umgehen, war für mich ein Erlebnis in Austin. Da hat sich ein Chef eines Topteams über Marussia und Caterham lustig gemacht. Das hat mich geärgert, da war ich im Limiter. Das war so dermaßen respektlos", schildert Lotus-Besitzer Gerard Lopez seinen Antrieb im aktuellen Tauziehen um eine gerechtere Verteilung der Einnahmen. "Es geht in allererster Linie darum, den Sport wieder gesund zu gestalten. Dafür muss man beide Seiten betrachten: die Reduzierung der Kosten und die Verteilung der Einnahmen", meint Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn.

"Derzeit werden einige Anteile unfair an bestimmte Teams ausgeschüttet. Es ist bekannt, über welche Gesamtsumme der Ausschüttung wir sprechen: es sind 900 Millionen Dollar. Wenn man diese Summe gerecht auf neun oder zehn Teams verteilen würde, dann hätte niemand Probleme. Die Höhe der Ausschüttung ist okay. Nicht okay ist der aktuelle Verteilungsschlüssel", kritisiert Lopez die aktuelle Situation. Teams wie Ferrari oder Red Bull bekommen derzeit über 160 Millionen US-Dollar pro Jahr, Sauber und Force India beispielsweise rund 100 Millionen weniger.

35 Flügel in einer Saison: Wer klotzen kann, der tut's

"Wenn man derzeit für Rang vier in der Meisterschaft mal gerade 50 Millionen bekommt, dann stimmt da doch etwas nicht", stellt Lopez klar. Der derzeitige Verteilungsschlüssel sorge nicht nur für finanzielle und sportliche Ungerechtigkeiten, sondern treibe auch geradezu absurde Blüten. "Man muss sich das mal vorstellen: Eines der Topteams hatte in diesem Jahr 35 verschiedene Flügel - bei nur 19 Rennen! Muss man als Fan wirklich 35 verschiedene Flügel sehen?", fragt der Luxemburger Geschäftsmann.

Gerard Lopez

Topteam-Leiter macht sich lustig: Lotus-Besitzer Lopez im Drehzahlbegrenzer Zoom

"An diesem Beispiel sieht man deutlich, wie die großen Teams mit dem Geld um sich werfen. Letztlich geht das auf Kosten der Kleinen, die immerhin auf den Strecken im gleichen Wettbewerb bestehen sollen", stimmt Force-India-Boss Vijay Mallya den Aussagen von Lopez zu. Alle Teams der Formel 1 haben gültige Verträge mit der Formula One Management (FOM), in denen die Anteile am großen Vermarktungskuchen festgeschrieben sind. Ecclestone hat in Aussicht gestellt, diese Kontrakte zu zerreißen und neu zu formulieren. Dies bedürfte der Zustimmung aller Parteien - das ist unwahrscheinlich.

Ist es realistisch, dass Ferrari, Red Bull und Co. freiwillig auf in Verträgen festgeschriebene Einnahmen verzichten, um den kleinen Teams mehr Geld zukommen zu lassen? "2008 hat es so etwas doch schon einmal gegeben. Das wäre nichts Neues in der Formel 1", meint Kaltenborn und meint damit das Beispiel des Teams Brawn. Die spätere Weltmeistermannschaft hatte Honda übernommen und dabei die Ansprüche aus den Vermarktungserlösen zugestanden bekommen, die eigentlich nach dem Rückzug der Japaner im großen Topf hätten landen müssen.

Topteams haben die Kleinen im Griff

Die kleinen Teams hängen also vom Wohlwollen der großen Mannschaften ab. Dies stellt auch Ecclestone unmissverständlich klar und zieht sich somit aus der alleinigen Verantwortung. "Wir sind nicht die Vereinten Nationen. Wir müssen hier nicht die Interessen von über 100 Ländern unter einen Hut bekommen, um etwas zu entscheiden. Es sind doch nur Bernie, CVC und einige Teams", meint Lopez. Der Lotus-Boss ist aber gleichzeitig auch realistisch: "Wenn alle gleichzeitig am Tisch sitzen, kommt nie etwas dabei heraus."

Es sind nun also besondere Entscheidungswege gefragt. Lotus, Force India und Sauber haben ihr Anliegen nachdrücklich bei den Formel-1-Bossen platziert. Ecclestone und Formel-1-Mehrheitseigener CVC sind nun also gefragt, die großen Teams zu Zugeständnissen zu bewegen und letztlich auch die FIA mit ins Boot zu holen. Der Automobil-Weltverband hatte nach dem Aus von Caterham und Marussia neue Sparmaßnahmen in der Formel 1 angekündigt. Passiert ist bislang aber nichts.

"Eine verbesserte Verteilung der Einnahmen kann innerhalb von Wochen recht schnell umgesetzt werden. Wie schnell Kostenreduktionen umgesetzt werden können, hängt von dem gewählten Ansatz ab. Einige Dinge, die wir ganz konkret vorgeschlagen haben, könnte man sofort umsetzen", meint Lopez. "Wir werden in unseren Bemühungen nicht nach dem Saisonfinale einfach aufhören, sondern bleiben am Ball. Es ist die Frage, wie lange es dauert, bis konkrete Dinge entschieden werden", sagt Mallya.

Der Plan: erst mehr Geld, dann geringere Ausgaben

"Ich schätze, dass an diesem Wochenende in Abu Dhabi viele Führungspersönlichkeiten der im Sport involvierten Unternehmen vor Ort sind. Wenn ich es richtig sehe, dann wird sich Bernie mit einigen zusammensetzen", gibt sich der Inder zuversichtlich. "Es wird also auf höchster Ebene diskutiert. Das würde nicht passieren, wenn man unsere Ansätze nicht ernst nehmen würde." Man befinde sich in einem konstruktiven Dialog, an dessen Ende sicherlich eine Besserung der Lage stehe, so Mallya.


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"In allererster Linie brauchen wir Stabilität. Es darf nicht sein, dass wir uns jedes Rennwochenende fragen müssen, ob ein Team antreten kann, oder vielleicht plötzlich nicht mehr. Dieses stabile Gefüge muss zunächst stehen", meint Kaltenborn. Im Anschluss an diese erste Station könne der Umgestaltungszug weiterrollen. Die folgenden Stationen: Kostensenkungen und Anpassungen an der Strategiegruppe der Formel 1, die viele kleine Teams von Entscheidungsprozessen ausschließt.

Sollte der Topf mit 900 Millionen Dollar in Zukunft gleichmäßig verteilt werden, dann würde sich einzig für McLaren und Mercedes kaum etwas ändern. Ferrari und Red Bull bekämen weniger, alle anderen Teams mehr. "Aktuell ist es so, als würde die Premiere-League alle Einnahmen an Manchester United, Chelsea und Manchester City ausschütten, die dann auch noch alle Entscheidungen allein treffen dürften. Und dann zwingen sie alle anderen, einen Superstar zu verpflichten", malt Lopez ein Bild von der Lage.