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1957: Ein Deutschland-Grand-Prix für die Ewigkeit

Juan Manuel Fangios letzter und größter Sieg: Wie der 46-Jährige auf dem Nürburgring die moderne Strategie erfand und für den Titel sein Leben riskierte

(Motorsport-Total.com) - Michael Schumacher, Ayrton Senna, Alain Prost, Jim Clark - es sind immer die gleichen Namen, die auf die Frage nach dem "größten Formel-1-Piloten aller Zeiten" fallen. Doch alleine die Statistik belegt, dass Juan Manuel Fangio ihnen womöglich allen überlegen war: In nur 52 Grands Prix holte er ganze 24 Siege, 23 Schnellste Runden, 29 Poles und startete 48 Mal aus der ersten Reihe.

Obwohl er nur sieben volle Formel-1-Saisons bestritt, fuhr er ganze fünf WM-Titel ein - was für eine Bilanz! Seine letzte Krone sicherte er sich am 4. August 1957 mit seinem größten Sieg auf der schwierigsten Rennstrecke der Welt - der Nürburgring-Nordschleife. Es sollte auch sein letzter Triumph sein. Aber für viele zählt Fangios Aufholjagd noch heute zu den größten Rennen der Formel-1-Historie.

Die Saison 1957 ist das letzte Erfolgsjahr der Frontmotor-Boliden - und das letzte Aufbäumen der italienischen Rennschmieden gegen die britischen Garagisten, die ab 1958 mit kleinen Heckmotoren und Leichtbau eine Revolution in der Formel 1 und damit eine neue Ära einleiten sollten. Noch regiert der bereits 46-jährige Argentinier Fangio, der nach seinem vierten Titel zu Saisonbeginn von Ferrari zu Maserati zurückgekehrt ist.

Fangio-Schwäche vor Deutschland-Grand-Prix: Liegt es am Alter?

Juan Manuel Fangio, Stirling Moss

Nicht mehr der Jüngste: Der 46-Jährige Fangio (li.) mit Ehefrau und Stirling Moss Zoom

In der WM liegt der "Maestro", wie Fangio genannt wird, drei Rennen vor Schluss in Führung und benötigt einen Sieg sowie sechs Punkte mehr als der im Ferrari sitzende Diplomatensohn Luigi Musso und drei Punkte mehr als Vanwalls rasender Zahnarzt Tony Brooks, um sich vorzeitig erneut die Krone zu sichern.

Fangio hat einen Monat vor dem Deutschland-Grand-Prix in Rouen eine Galavorstellung hingelegt, zeigt aber danach Schwächen: Beim Großbritannien-Grand-Prix in Aintree bleibt er nach Startplatz vier auch im Rennen bis zum Ausfall farblos, in Reims fliegt der Superstar sogar ab. Und sorgt für Verwunderung, denn Fangio ist bekannt dafür, stets nur so schnell zu fahren wie nötig und daher nie zu patzen. "Hat Fangio seinen Zenit überschritten?", fragt man sich bereits im Fahrerlager.

Der Druck, der auf den Schultern des WM-Leaders lastet, ist enorm, als Fangio in der Eifel an seiner Lieblingsstrecke, auf der er bereits 1954 und 1956 gewonnen hat, eintrifft. Zumal eine jüngere Generation von Rennfahrern an seinem Thron sägt: Ferrari hat mit dem 28-jährigen Briten Mike Hawthorn, der stets mit Fliege oder Krawatte und einem weißen Hemd im Auto sitzt, und dessen 25-jährigen Freund Peter Collins zwei heiße Eisen im Feuer. Aber auch der zu Vanwall gewechselte 27-jährige Brite Stirling Moss, der bei den Silberpfeilen Fangios Teamkollege war, will endlich ganz nach oben.

Junge Generation sägt an Fangios Thron

Dennoch hat der charismatische Fangio, der mit seinen Mechanikern stets befreundet ist und auch mal selbst schraubt, keine Feinde. "Er war ein wunderbarer Kerl und ein wahrer Gentleman", sollte Moss noch Jahrzehnte später sagen. Es ist die unglaubliche Präzision, die den Argentinier so schnell macht. "Er war kein Techniker, sondern er bestach durch seine Fahrkunst. Kaum jemand konnte sich so konzentrieren und das Auto so bewegen wie er."

Juan Manuel Fangio

Von Auslaufzonen war auf dem Nürburgring anno 1957 nichts zu sehen Zoom

Und genau darum geht es auf der anspruchsvollsten Rennstrecke der Welt, die zwar 1957 an einigen Stellen neu asphaltiert ist, aber die Piloten mit ihren 172 Kurven vor eine Herkulesaufgabe stellt. Denn neben dem Asphalt sucht man auf der schnellen Berg-und-Talbahn noch vergeblich nach Auslaufzonen, geschweige denn Leitplanken. Dort droht die Böschung. Jeder Fehler kann also eine Katastrophe bedeuten.

Fangio liebt den Nürburgring: "Wie ein attraktives Mädchen ..."

Dennoch schwärmt Fangio: "Der Nürburgring war für mich Liebe auf den ersten Blick. Wenn ein Freund dir von einem unbekannten Mädchen erzählt und sie in Wirklichkeit noch viel attraktiver ist - so ist es mir mit dieser Rennstrecke ergangen." Und so fährt er schon im Training: Fangio zertrümmert in seinem Maserati 250F seinen ein Jahr alten Rundenrekord um ganze 15 Sekunden und knallt eine Bestzeit von 9:25.6 Minuten hin.

Am Ende wird es aber sogar noch eng: Ferrari-Pilot Hawthorn verliert auf den 22,18 Kilometern nur 2,8 Sekunden. Jean Behra und Collins komplettieren mit 4,9 und 9,1 Sekunden Rückstand auf den Plätzen drei und vier die erste Startreihe. Damit zeigt sich die Scuderia stark verbessert, während Brooks und Moss ihre Vanwall-Boliden trotz überlegener Motorleistung nur auf die Ränge fünf und sieben stellen.

Porsche feiert kuriose Formel-1-Premiere

Luigi Musso

Fangios Titelrivale Luigi Musso kommt nicht so recht in Schuss Zoom

Günstig für Fangio: Titelrivale Musso kommt in seinem Ferrari nicht über Startplatz acht hinaus. Damit steht er drei Plätze vor dem besten Lokalmatador im Feld: Ex-Silberpfeil-Pilot Hans Herrmann stellt seinen Maserati auf Platz elf. Nur einen Platz dahinter sorgt Landsmann Edgar Barth für eine historische Formel-1-Premiere: Erstmals tritt Porsche bei einem Grand Prix der Motorsport-Königsklasse an!

Der Hintergrund: Da nur 14 Formel-1-Fahrer für das Wochenende genannt haben, hat man kurzfristig entschieden, auch die im Rahmenprogramm fahrende Formel 2 am Grand Prix teilnehmen zu lassen, um das Feld auf 24 Piloten aufzustocken.

Obwohl der Papierform nach alles perfekt läuft für WM-Leader Fangio, rauchen in der Maserati-Box nach dem Training die Köpfe: Der raue Nürburgring-Asphalt frisst die Pirelli-Reifen, während Konkurrent Ferrari dagegen immun scheint. Der Grund: Reifenlieferant Englebert hat deutlich härtere Gummis an die Mannschaft von Enzo Ferrari geliefert. Wie soll man in dem dreieinhalb Stunden dauernden Rennen gegen die Scuderia eine Chance haben?

Fangio und Maserati im Reifendilemma

Und so macht man bei Maserati aus der Not eine Tugend und feilt an einer Strategie, mit der man seiner Zeit weit voraus ist: Teamchef Nello Ugolini und Chefmechaniker Guerino Bertocchini planen - wie in den 1950er-Jahren absolut unüblich - einen strategischen Boxenstopp ein, um bei Fangio die Reifen zu wechseln und nachzutanken. "Die Mechaniker wussten, dass wir mit den Reifen ein Problem haben und übten daher Reifenwechsel", erzählt Fangio gegenüber dem Magazin 'MotorSport'. "Sie kamen auf eine Bestzeit von 30 Sekunden. Das war eine sehr gute Zeit."

Daher weiß Fangio genau: Bis zum Stopp muss ich mit einem leichteren Auto einen Vorsprung von mindestens einer halben Minute herausholen. Dann habe ich auch in der zweiten Rennhälfte frischere Reifen, kann den Sieg ins Ziel bringen und bin nach 22 Runden zum fünften Mal Weltmeister.

Trotz der Reifenprobleme und der enormen Hitze ist Fangio vor dem Rennen guter Dinge. "Ich habe den Maserati geliebt", erklärt er den Grund. "Es war kein sehr leistungsstarkes Auto, aber es war wunderbar ausbalanciert. Und ich hatte das Gefühl, dass ich damit alles machen kann." Und jeder, der schon mal auf der Nürburgring-Nordschleife gefahren ist, weiß: Ein berechenbares Auto ist auf dem unberechenbaren Kurs Gold wert.

Schlechter Fangio-Start: Geht die Strategie mit dem Boxenstopp auf?

Als um 13:15 Uhr vor 200.000 Zuschauern die Startflagge geschwenkt wird, gerät Fangios Plan ins Wanken: Der "alte Mann", wie er gerne genannt wird, beschleunigt nicht perfekt und lenkt nur als Dritter hinter den Ferrari-Piloten Hawthorn und Collins in die erste Kurve ein. Und wundert sich: "Anstatt als Team zusammenzuarbeiten und gemeinsam einen Vorsprung herauszuholen, haben die beiden vor mir miteinander gespielt und einander immer wieder überholt." Fangio schaut sich all das erste Reihe fußfrei an und studiert die Linienwahl seiner Ferrari-Gegner, ehe er in der dritten Runde zuschlägt und beide überholt.

Um sie kurz darauf vorzuführen: Fangio knöpft den beiden Freunden, die nicht über die geringe Spritladung im Maserati Bescheid wissen, pro Runde sieben Sekunden ab, fährt einen Rundenrekord nach dem anderen. Tatsächlich gelingt es ihm, bis zum Boxenstopp in der elften Runde 28 Sekunden Vorsprung herauszufahren. Selbst wenn es also um ein Haar nicht gelingt, in Führung zu bleiben, so sollte der WM-Leader zumindest durch den Reifenvorteil rasch wieder an die Spitze gelangen.

Doch was dann passiert, hat man bei Maserati nicht auf dem Plan: Fangio stellt seinen Maserati an der Box ab und springt aus dem Auto, um die Brille zu wechseln und einen Schluck Limonade zu trinken. In seinem Rücken herrscht Chaos: Der Mechaniker rechts vorne verliert beim mühsamen Abschrauben des Rades die Radmutter, die plötzlich unauffindbar ist.

Fangios völlig verpatzter Boxenstopp

Die Suche beginnt, während die Uhr tickt und das Ferrari-Duo - nun mit Collins in Führung - bei Start-Ziel vorbeigeht. Erst nach einer Minute taucht die Radmutter unter dem Auto auf und wird auf die Achse gehämmert. Als Fangio zur Verwunderung vieler, die an ein technisches Gebrechen beim Maserati glauben, wieder losbraust, ist er ratlos: "Ich weiß nicht, was an der Box passiert ist, aber als ich wieder ins Rennen ging, hatte ich nicht 30 Sekunden verloren, sondern zusätzliche 48 Sekunden."


Zusammenfassung: So siegt Fangio 1957 in Deutschland

Ausgerechnet jetzt stellt Collins mit 9:28.9 auch noch einen neuen Rundenrekord auf und baut die Führung auf über 50 Sekunden aus. Um den Rückstand aufzuholen, bleiben Fangio nun zehn Runden. Die ersten zwei Runden benötigt er, um die neuen Pirelli-Reifen einzufahren, wodurch sich die Ferrari-Piloten in Sicherheit wähnen: Die Schlacht scheint geschlagen.

Collins deutet Hawthorn sogar schon per Handzeichen, dass er ihm den Sieg überlässt. Beide gehen vom Gas. Doch dann zündet Fangio ein Feuerwerk, das noch jahrzehntelang für Gesprächsstoff sorgen wird. Fangio Rückstand schmilzt zunächst auf 48,5 Sekunden, dann auf 41,2 und nach der 16. Runde sogar auf 32 Sekunden. Damit hat er fast zehn Sekunden pro Runde auf die von der Box mit Verzögerung alarmierten Ferrari-Piloten gutgemacht.

Geplänkel: Hawthorn und Collins wähnen sich in Sicherheit

Mike Hawthorn

Ferrari-Pilot Mike Hawthorn sieht lange wie der wahrscheinliche Sieger aus Zoom

"Ich war zu absolut allem bereit", sagt Fangio, der normalerweise das Risiko stets genau abwägt. "Dieses Rennen schien so gut wie verloren, also musste ich volles Risiko gehen. Das habe ich nie zuvor in meinen Leben getan."

Fangios Strategie: "Ich habe statt dem vierten den fünften Gang verwendet. Und ich habe mir gedacht: Einmal kann man das schon machen, ich kriege die Kurve schon. Aber es wäre verrückt, das noch einmal zu probieren ..." Doch es bleibt nicht bei einer Ausnahme: "Ich habe dann immer den höheren Gang genutzt - und die ganze Streckenbreite und die maximale Drehzahl. Das war viel unsicherer, und ich habe mich unwohl gefühlt, aber ich war schneller. Und ich musste ja gewinnen."

Tatsächlich bildet sich hinter Fangios Maserati eine Staubwolke, weil er die auf dem Nürburgring oft blind anzufahrenden Kurven wie kein anderer anschneidet: "Ich war fast in jeder Kurve auf der Grasnarbe, habe die Erde weggeschabt und so die Strecke verbreitert." In der 17. Runde bricht Fangio Collins' Rundenrekord, während die Ferrari-Piloten durch die langsam in die Knie gehenden Reifen mit Untersteuern kämpfen.

Fangios Ritt auf der Rasierklinge

Juan Manuel Fangio

Neun Mal Runderekord in Serie: Fangio fährt nach dem Tankstopp wie der Teufel Zoom

Der immer näher kommende Maserati-Pilot fährt sich hingegen in einen Rausch, bricht nun Runde um Runde den Rekord. Im 19. Umlauf fährt er 9:23.4, dann verbessert er sich gar auf unglaubliche 9:17.4! Das ist um 9,2 Sekunden schneller als seine eigene Pole-Zeit - und um 24,2 Sekunden schneller als sein eigener Rundenrekord aus dem Vorjahr.

Laut Augenzeugen rast Fangio in den Streckenabschnitten Fuchsröhre und Antoniusbuche ohne zu lupfen quer durch die Kurven. Was ihn zusätzlich motiviert: "Zwei Runden vor Schluss habe ich die beiden Autos in einigen Bergabpassagen endlich vor mir gesehen." Kein Wunder, schließlich fährt Fangio nun jede Runde wie der Teufel, hat den Rundenrekord neun Mal in Folge gebrochen.

Zu Beginn der 21. Runde bremst sich der entfesselte Fangio in der Nordkehre innen an Collins vorbei, doch der kontert, weil der Maserati-Pilot nach außen getragen wird. In der folgenden Linkskurve macht der WM-Leader aber kurzen Prozess mit ihm: "Fangio war außen und fuhr mit zwei Rädern auf die Wiese, wodurch er Schmutz und Steine aufwirbelte. Ein alter Trick der harten Schule", schildert Hawthorn, der das Manöver im Rückspiegel sieht.

Vorletzte Runde: Kompromissloser Fangio reißt Führung an sich

Mike Hawthorn, Juan Manuel Fangio, Peter Collins

Kurz vor dem Ziel: Fangio holt seine führenden Rivalen endlich ein Zoom

Fangio sieht hingegen kein Vergehen: "Ich hatte einfach das Gefühl, dass nicht genug Platz für zwei Autos war. Collins hat nachgegeben." Für den Briten kommt es noch dicker: Ein Stein trifft seine Brille, außerdem macht die Kupplung Probleme, weshalb er vom Gas muss.

Dann kommt es zum Showdown: Fangio klemmt sich hinter Leader Hawthorn, dessen Reifen völlig abgefahren sind. Doch die enge Nordschleife macht es dem Verfolger nicht leicht: "Ich habe bereits gerechnet, wie viele Chancen ich noch habe, um ihn zu überholen." Doch dann bietet sich im Bereich Adenauer-Forst plötzlich die Gelegenheit, und Fangio nutzt sie ungewohnt kompromisslos.

"Nach einer Reihe von Kurven gab es eine kurze Gerade, die dann in einer 90-Grad-Linkskurve mündete", schildert Fangio die Situation. "Darauf folgte eine ähnlich scharfe Rechtskurve. Auf dem Geradeausstück ist Hawthorn nach rechts gezogen, um die folgende Kurve richtig anzufahren. Ich sah meine Chance, und bin innen hineingestochen."

Letzte Runde: Fangios Sitz wird lose

Juan Manuel Fangio

Erlösende Zielflagge und fünfter Titel Fangio: Niemand hält es auf seinem Sitz Zoom

Hawthorn grummelt: "Fangio hat den gleichen Trick wieder angewendet, hat mich auf die Wiese und beinahe in den Straßengraben gedrängt. Und dann hat er zurückgeschaut, als wollte er sich entschuldigen." Ist damit Fangios Triumph in trockenen Tüchern? Nicht ganz, denn Hawthorn gibt sich nicht geschlagen und kämpft wie ein Löwe um den Anschluss. Außerdem wird nun ausgerechnet Fangios Sitz lose.

"Eine der Schrauben hinter meinem Sitz ist in der letzten Runde gebrochen", bestätigt Fangio. "Und so habe ich versucht, den Sitz mit meinem Bein gerade zu halten. Ich konnte auch das Lenkrad nicht ordentlich anfassen. So kann man eigentlich auf einer Strecke wie dem Nürburgring nicht fahren."

Trotzdem gelingt es ihm, seinen Verfolger hinter sich zu halten - und als er nach 22 Runden mit einem Vorsprung von 3,6 Sekunden ins Ziel kommt, brandet Jubel auf: Die Zuschauer reißt es von den Sitzen, sie wissen, dass sie Zeugen eines historischen Rennens geworden sind. Überall an Fangios Auto haben sich Gras und Schmutz festgesetzt - ein Zeugnis seiner ungewohnt verwegenen Fahrweise. Als die drei Piloten das Podest erklimmen, wirken Hawthorn und Collins wie Sieger. "Mike und ich sind Erster und Zweiter geworden - in der Klasse der Sterblichen", erklärt Collins den Grund.

Fangio nach größtem Sieg völlig am Ende

Peter Collins, Juan Manuel Fangio, Mike Hawthorn

Der abgekämpfte Fangio zwischen Hawthorn (re.) und Collins Zoom

Nur der glorreiche Sieger Fangio, der durch Mussos vierten Platz zum fünften Mal Weltmeister ist, wirkt völlig mitgenommen und ausgelaugt. Plötzlich sieht man ihm seine 46 Jahre an. "Ich habe Dinge gemacht, die ich noch nie gemacht habe - und ich will auch nie mehr so fahren", flüstert Fangio seinem Rivalen Hawthorn. Es ist der Moment, in dem Fangio weiß, dass er seine eigenen Grenzen überschritten hat. Und dass ihm der Rennsport mehr abverlangt, als er geben kann. Wenn er so weiter macht, könne das fatal enden.

"Das war mein emotionalstes und bestes Rennen", gibt er nachher zu. "Sie nannten mich Meister, denn wenn man drei Mal auf dem Nürburgring gewinnt, dann ist man etwas Besonderes." Trotz der Begeisterung der Zuschauer und der Ehrfurcht seiner Gegner vor dem frischgebackenen Champion kann er sich nach dem Triumph nicht fallen lassen. Die Ereignisse des Nachmittages verfolgen Fangio bis ins Bett.

Zwei schlaflose Nächte

"Ich konnte danach wegen meines Zustands zwei Nächte lang nicht schlafen", offenbart er. "Immer wenn ich die Augen schloss, war es, als wäre ich wieder mitten im Rennen und würde diese Kurven blind und mit so viel Mut und Risiko anfahren, wie ich es nie vorher getan hatte. Ich habe die Ereignisse mit Verzögerung verarbeitet. Das ist mir nach keinem anderen Rennen passiert. Ich wusste, dass ich nie mehr so weit gehen können würde. Was meine Konzentration und den Siegeswillen angeht, hatte ich das Limit erreicht."

Auch die Ehrfurcht vor der Strecke wird durch die außergewöhnliche Erfahrung nicht geringer: "An diesem Tag habe ich den Nürburgring erobert. Aber wäre es ein anderer Tag gewesen, dann hätte er vielleicht mich erobert, wer weiß?" Nach seinem vierten Sieg im sechsten Saisonrennnen und dem sicheren fünften WM-Titel sollte Fangio tatsächlich keinen Formel-1-Grand-Prix mehr gewinnen. In Pescara und in Monza siegt Vanwall-Pilot Moss, dann gibt auch noch Maserati seinen Rückzug aus der Formel 1 bekannt. Das Auto, mit dem Fangio "eine Einheit" darstellt, landet im Museum.

Aber Fangio hat Schwierigkeiten, einfach so die Bühne zu verlassen. "Ich wäre eigentlich Ende 1957 zurückgetreten, doch dann hat mich Maserati angebettelt, zumindest ein paar Mal zu fahren", verweist er auf die Kehrtwende des Herstellers, der für die Saison 1958 nun doch ein Leichtbau-Chassis baut. Fangios Entscheidung, sich auf das Projekt einzulassen, stellt sich als Fehler heraus.

Fangio tritt zurück und rettet sein Leben

Juan Manuel Fangio

Juan Manuel Fangio wurde am Nürburgring mit einer Statue gewürdigt Zoom

Die technischen Probleme rauben ihm die letzte Freude am Rennfahren, und so erklärt er 1958 nach dem Grand Prix in Reims endgültig seinen Rücktritt: "Mir gingen während des Rennens so viele Dinge durch den Kopf, was eigentlich nicht passieren sollte. Ich blickte auf meine ganze Karriere zurück. Eigentlich wollte ich nur für ein Jahr nach Europa kommen, doch dann fuhr ich zehn Jahre lang und holte fünf Titel. Es wäre dumm weiterzufahren, denn ich war ja schon 46. Und als das Rennen zu Ende war, stieg ich aus und sagte zu meinem Mechaniker: 'Das war's!'."

Dass ausgerechnet bei jenem Rennen sein Ex-Titelrivale Musso stirbt, spielt bei dieser Entscheidung keine Rolle: "Man darf nicht vergessen, dass in meiner Zeit als Grand-Prix-Pilot 30 Fahrer gestorben sind. Das durfte ich nicht an mich heranlassen. Außerdem war meine Entscheidung schon gefallen, als ich davon erfuhr."

Möglicherweise rettet sie aber sein Leben, denn nur ein Jahr nach dem großen Nürburgring-Rennen erwischt es in der "Grünen Hölle" Fangios Rivalen Peter Collins, der im Kampf um den Sieg abfliegt und gegen einen Baum geschleudert wird. Er stirbt an den Kopfverletzungen. Das treibt auch dessen Freund Hawthorn nach dem WM-Titel in der Saison 1958 zum Rücktritt. Doch das Schicksal kennt keine Gnade mit dem ersten britischen Champion: Der Brite verunglückt daraufhin bei einem spontanen Straßenrennen im Privat-Pkw tödlich, zu dem ihn Renstallbesitzer Rob Walker herausfordert. Fangio wird hingegen 84 Jahre alt und stirbt erst 1995 an einem Nierenleiden.

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