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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Marco Wittmann

Sheldon van der Linde läuft dem bisherigen BMW-Chefpiloten den Rang ab: Warum sich Wittmann 2022 so schwer tut - und nun auch politisch in die Defensive kommt

Marco Wittmann, Rene Rast

Alte Rivalen: 2023 wechselt Rene Rast in Marco Wittmanns BMW-Revier Zoom

Liebe Leserinnen und Leser,

eigentlich wollte das langjährige BMW-Aushängeschild Marco Wittmann in der zweiten DTM-Saisonhälfte den Turbo zünden und noch in den Kampf um die Meisterschaft eingreifen. Doch jetzt muss der 32-jährige Fürther mitansehen, wie sein Markenkollege Sheldon van der Linde dem Titel in Riesenschritten näherkommt.

In Spa-Francorchamps baute der Südafrikaner seine Führung vier Rennen vor Schluss mit einem cleveren zweiten Platz am Sonntag auf 32 Punkte aus und liegt nun bei 130 Punkten. Wittmann hängt hingegen nach zwei neunten Plätzen in Spa mit 57 Punkten auf Rang 13 fest.

Es sind zwar noch 116 Punkte zu holen, aber in Anbetracht der aktuellen Leistungsdichte in der DTM und der vielen Konkurrenten vor ihm ist die Krone weg! Zumal Wittmanns Formkurve aktuell eher nach unten zeigt - und er wegen eines Tracklimits-Verstoßes auch noch mit einer Gridstrafe von drei Plätzen nach Spielberg reist.

Titelflaute: Erlöst nun ein anderer BMW in der DTM?

Das tut weh, denn seit dem Triumph 2016 läuft das einstige BMW-Wunderkind nun seinem dritten DTM-Titel nach - damals fuhr der 17-jährige van der Linde gerade mal im Audi-TT-Cup. Nach vielen Jahren in nicht konkurrenzfähigen BMWs bot sich für Wittmann mit dem neuen M4 GT3 endlich die große Chance - und nun könnte ein anderer der große Heilsbringer für die Münchner werden.

Obwohl Wittmann in seinen bisherigen neun DTM-Jahren ein Wunder an Konstanz war, wie seine Saison-Endränge beweisen: Achter, Meister, Sechster, Meister, Fünfter, Vierter, Dritter, Neunter, Vierter.

Aber warum kommt Wittmann dieses Jahr nicht in Schuss? Dass er GT3 kann, hat er im Vorjahr mit seinem Walkenhorst-Team eindrucksvoll bewiesen. Denn da hatte ihm mit dem alten M6 GT3 kaum jemand etwas zugetraut - und dann war der Franke plötzlich mit Siegen, Poles und Podestplätzen die Sensation des Sommers!

Bildunterschrift

DTM-Titelrivalen 2021: Nicht nur Marco Wittmann erlebt ein enttäuschendes Jahr Zoom

Vier Rennen vor Schluss - also zum gleichen Zeitpunkt wie jetzt in der Meisterschaft - fehlten Wittmann als erstem Verfolger von Leader Liam Lawson nur zehn Punkte auf die Spitze, ehe ihm ein Fehler bei der Balance of Performance und die Norisring-Schwäche seines Autos einen Strich durch die Rechnung machten.

Warum Schubert besser aussieht als Walkenhorst

Dank des neuen, vielseitigeren M4 GT3 hätte also 2022 Wittmanns Jahr werden können. Aber ausgerechnet jetzt sieht das BMW-Neueinsteiger-Team Schubert besser aus: Sheldon van der Linde und Teamkollege Philipp Eng haben diese Saison gemeinsam 175 Punkte für Torsten Schuberts Mannschaft aus Oschersleben geholt, während Wittmann alleine für die 57 Punkte seiner Walkenhorst-Truppe verantwortlich ist. Teamkollege Esteban Muth - im Vorjahr noch als "Overtaker" in aller Munde - ging bisher leer aus.

Dass Schubert in der DTM dermaßen für Furore sorgt, hat seine Gründe: Denn das parallel im ADAC GT Masters mit zwei Autos aktive Team hat schon vor der Saison keine Mühen gescheut und intensiv für die Herausforderung DTM getestet.

Insgesamt kam man alleine vor dem Auftakt in Portimao auf zwölf Testtage, während Walkenhorst neben den vom BoP-Poker und Wetterkapriolen geprägten offiziellen DTM-Testtagen die vier Rennen in der Asian-Le-Mans-Serie nutzte, um den neuen M4 GT3 kennenzulernen - allerdings mit der härteren Michelin-Mischung S9, die in der DTM nicht zum Einsatz kommt.

Lieferengpässe: Krise macht Walkenhorst das Leben schwer

Schuberts zusätzlicher Vorteil: Durch die vielen Testtage vor der Saison hat man bei Michelin ordentlich S8-Reifen eingekauft, was sich nun bezahlt macht, da die Franzosen seit einigen Monaten Lieferschwierigkeiten haben und für Testfahrten gerade mal zwei Reifensätze pro Auto zur Verfügung gestellt haben. Während Schubert also munter weiter am immer noch nicht ganz ausgereizten M4-GT3-Set-up für die DTM feilt, sind dem Walkenhorst-Team die Hände gebunden.


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In Spa bemängelte Wittmann mehrmals, dass man aktuell "aus unterschiedlichen Gründen nicht die Performance" habe, die man sich wünscht. Und schon in der ersten Saisonhälfte sei man damit beschäftigt gewesen, "wie wir das Auto ins richtige Fenster bringen und wie wir die richtigen Set-up-Werkzeuge finden", so Wittmann.

Wittmann-Formkurve: Chassis-Problem als Ursache?

Abgesehen von den Michelin-Engpässen machten auch die BMW-Lieferschwierigkeiten Walkenhorst das Leben schwer: Denn die Truppe aus Melle bei Osnabrück musste bis zur DTM-Sommerpause auf den vierten und fünften M4 GT3 warten - und mit drei Boliden auskommen, die man immer wieder auch für die Einsätze in der Nürburgring-Langstrecken-Serie NLS und beim 24-Stunden-Rennen umbauen musste.

Marco Wittmann

Negative Formkurve: Seit dem Nürburgring nutzt Wittmann ein neues Chassis Zoom

Schubert hat währenddessen vier BMW M4 GT3 erhalten - und die Autos von van der Linde und Eng werden exklusiv für die DTM genutzt. Aber wieso hat Wittmann seit dem Start in die zweite Saisonhälfte nur neun Punkte geholt? Das könnte auch damit zusammenhängen, dass er seit dem Nürburgring-Wochenende eines der neu gelieferten BMW-Chassis nutzt - und plötzlich bewährte Set-up-Methoden nicht mehr den gewünschten Effekt haben, wie man hört.

Perfektionist Wittmann: Neuer M4 GT3 weniger optimierbar

Könnte es auch sein, dass der M4 GT3 Wittmann generell nicht liegt? Der alte M6 war zwar schwierig zu fahren, doch er bot den Piloten mehr Möglichkeiten, das Auto auf die eigenen Bedürfnisse einzustellen. Und Wittmann ist einer, der an jedem Detail feilt. Er legt wert darauf, wie der Rundenzeiten-Monitor im Auto positioniert ist und schafft sich seine eigene Wohlfühl-Atmosphäre.

Auch beim Display hinterm Lenkrad nutzte er die Option des M6, die verschiedenen Daten mit Farben zu unterlegen, damit er die beste Übersicht hat. Das ist allerdings beim neuen M4 GT3 nicht mehr möglich.

Das kann eine Rolle spielen, aber daraus zu schließen, dass sich das konkret auf die Rundenzeit auswirkt, wäre vermessen. Abgesehen davon holte er diese Saison mit dem Boliden in Imola bereits einen Podestplatz - und auch beim Heimspiel auf dem engen Norisring war er trotz des langen Radstands auf Podestkurs, ehe ihn ein verpatzter Stopp auf Platz vier zurückwarf.

Der Schlüssel ist mit Sicherheit das Qualifying, denn bei seinen zwei stärksten Rennen startete er von Platz drei, während er sonst 2022 selten aus den Top-10-Rängen losfuhr und in der zweiten Saisonhälfte nicht über die Qualifying-Ergebnisse zwölf, 13 und 17 hinauskam. Das deutet schon eher darauf hin, dass es am Chassis liegen könnte.

Ungünstige politische Entwicklung bei BMW?

Wie es nächstes Jahr mit Wittmann in der DTM weitergeht? Das ist im Moment ungewiss, doch sein Verbleib bei BMW scheint gesichert. Die Münchner steigen 2023 mit dem neuen LMDh-Boliden in die IMSA-SportsCar-Championship und 2024 in Le Mans ein - und Wittmann gilt dafür als heißer Kandidat. Aber auch mit der DTM hat er noch eine Rechnung offen.

Nur politisch könnte die Lage für den langjährigen BMW-Chefpiloten unangenehm werden: Denn während die Entwicklung in Class-1-Zeiten in der DTM jahrelang auf ihn ausgerichtet war, hat man nun einen gewissen Rene Rast - und damit Wittmanns langjährigen Rivalen - an Bord geholt. Und der neue BMW-Motorsportleiter Andreas Roos weiß um Rasts Fähigkeiten aus der gemeinsamen Audi-Zeit.

Dazu kommt, dass Rast wie Sheldon van der Linde von Dennis Rostek gemanagt wird, dessen Lager bei BMW nun klar an Einfluss gewinnt. Es sind also wieder mal Wittmanns berühmte Kämpferqualitäten gefragt.

Sven Haidinger