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  • 15.07.2013 · 18:08

  • von Dominik Sharaf & Stefanie Szlapka

"Lächerlich": Blaue Flaggen bringen BMW auf die Palme

Timo Glock und Andy Priaulx glauben, dass eine absurde Entscheidung der Rennleitung ihre Rennen zerstört hat - "Nicht gut für den Sport", findet der Brite

(Motorsport-Total.com) - Von einem Sieg meilenweit entfernt und ständig von der Konkurrenz überholt: Nach dem Rennen auf dem Norisring am Sonntag schien es, als hätte BMW mit seiner Rennstrategie mächtig verwachst. Was in Teilen stimmt, ist nicht die ganze Wahrheit. Mehrere Fahrer der Münchener wurden wegen späterer Stopps im ersten Renndrittel Opfer einer Maßnahme der Rennleitung, die blaue Flaggen zeigen ließ, obwohl sich die Fahrzeuge in der gleichen Runde befanden wie die Konkurrenz im Rückspiegel.

Andy Priaulx

Priaulx musste die Meute durchlassen - sonst wäre er bestraft worden Zoom

Timo Glock kann die Entscheidung kaum fassen: "Das macht das Ganze nur lächerlich und der Fan blickt nicht mehr durch - ich habe auch nicht durchgeblickt", hadert der Hesse im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' und glaubt an einen eklatanten Nachteil, der ihm dadurch beschert wurde: "Die blauen Flaggen haben mein Rennen komplett ruiniert und es war nichts mehr möglich. Dabei haben wir um Positionen gekämpft." Als Zwölfter trat Glock die Heimreise ohne Meisterschaftszähler an - dafür mit einer ordentlichen Portion Frust.

Auch Jens Marquardt ärgert sich gegenüber 'Motorsport-Total.com' über das Vorgehen: "Die Piloten, die am Anfang zwei Stopps hingelegt haben, hatten eine Art Freifahrtschein", kommentiert er Szenen wie die, als Andy Priaulx sich von Platz fünf ins hintere Mittelfeld zurückreichen lassen musste. Der Brite hatte zu diesem Zeitpunkt erst einmal die Reifen gewechselt, der dadurch entstandene Vorsprung war durch die Safety-Car-Phasen jedoch verpufft. Priaulx selbst staunte im Cockpit nicht schlecht, als er Blau sah.

Artikel 31 ist eine "Kann"-Bestimmung

"Ich war wirklich traurig. Ich war wirklich überrascht", sagt er 'Motorsport-Total.com' und ist davon überzeugt, dass auch ihm die entsprechenden Szenen das Rennen verkorkst haben. Aus Priaulx' Sicht wäre mehr drin gewesen als Rang acht: "Ich denke, dass dadurch eine Topposition verloren gegangen ist." De jure zulässig ist das Zeigen des Signals auch ohne Rundenrückstand durch Artikel 31, Absatz zwei des Sportlichen Reglements der DTM. Der Passus scheint jedoch löchrig wie ein Schweizer Käse.


Fotos: DTM auf dem Norisring


Viele Fragen bleiben offen, wenn darin formuliert wird: "Blaue Flaggen können außer bei Überrundungen auch dann gezeigt werden, wenn infolge von Pflicht-Boxenstopps erkennbar schnellere Teilnehmer auf langsamere auflaufen, wobei jedoch die unterschiedliche Anzahl der absolvierten Pflichtboxen-Stopps alleine keinen Grund zum Einsatz einer blauen Flagge darstellt." Eingeführt worden war die Passage vor einigen Jahren, als in der DTM noch so genannte Jahreswagen eingesetzt wurden.

Es sollte verhindert werden, dass Hersteller diese lange auf der Strecke belassen, um sie als Bremsklötze für die nahende Spitze, die bereits an der Box vorgefahren war, zu verwenden. Allerdings handelt es sich damals wie heute um eine "Kann"-Bestimmung, die darüber hinaus dadurch relativiert wird, dass die Rennleitung mehr Faktoren als ausschließlich die Besuche bei der Crew ins Kalkül ziehen darf. Außerdem bleibt nebulös, welche messbare Größe sich hinter dem Begriff "erkennbar" verbirgt.

Priaulx spricht von einer "Lotterie"

Timo Glock

Zu spät gestoppt: Weil Glock und Co. später kamen, entstand der Schlamassel Zoom

Hinzu kommt, dass bei der Einführung des Artikels keine unterschiedlichen Reifenmischungen verwendet wurden, wie es derzeit der Fall ist. Für Glock avancierte die Sache zur Farce, weil Fingerspitzengefühl fehlte: "Wieso die Rennleitung da auf eine blaue Flagge kommt, verstehe ich nicht. Auch wenn die zwei Stopps gemacht haben - wir waren mit dem gleichen Tempo unterwegs", meint der Ex-Formel-1-Pilot. Priaulx ergänzt: "Das ist eine bittere Pille und außerhalb meiner Kontrolle sowie der von BMW. Niemand konnte das Rennen vorhersehen, es war eine Lotterie."

Marco Wittmann kritisiert im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' außerdem den Zeitpunkt, zu dem man ihn zum Platz machen aufforderte: "Da waren die Konkurrenten noch zwei Sekunden weg", wundert sich der MTEK-Neuling und stellt fest: "Da ist der Einsatz viel zu früh." Das Tohuwabohu auf dem Norisring lässt Wittmann nicht als Entschuldigung durchgehen: "Da sind sicherlich ein paar falsche Entscheidungen getroffen worden, auch wenn das Rennen unübersichtlich war. Aber das ist der Job der Rennleitung."

Norisring als Extremfall?

Andy Priaulx

Nicht nach seinem Gusto: Priaulx will Motorsport mit gleichen Waffen Zoom

Dennoch glaubt der Fürther, einen Extremfall vor Augen geführt bekommen zu haben. "Es kam alles zusammen: kurzer Streckenverlauf, zwei Safety-Car-Phasen. In dieser Form werden wir das sicherlich nicht mehr erleben dieses Jahr", vermutet Wittmann und bezeichnet den Option-Reifen als "nicht alleine daran schuld". Marquardt wäre es trotzdem lieber, gäbe es so schnell wie möglich eine Novelle. "Die Regeln sind so, aber man muss sich das für die Zukunft sicher anschauen", fordert der BMW-Verantwortliche.

Priaulx hat keine Zweifel daran, dass Änderungen überfällig sind: "Du solltest die Erlaubnis haben, Rennen zu fahren und dir deine Platzierung zu verdienen", wird der dreifache Tourenwagen-Weltmeister deutlich und glaubt, dass attraktiver Rennsport zunichte gemacht wurde: "Die Leute wollen Zweikämpfe sehen und keine blauen Flaggen, bei denen ein Fahrer zur Seite gehen muss." Kein Fehler, aber trotzdem chancenlos und bestraft - das ist gar nicht nach Priaulx' Geschmack: "So was mag ich nicht und ich denke nicht, dass es gut für den Sport ist."