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"Die schlimmste Krise": Wieso Audi-Werksteam Phoenix um Existenz zittert

Kurzarbeit, Existenzangst, Notmaßnahmen: Wie Audis Werksteams unter der Coronakrise leiden und wieso es Phoenix-Audi am härtesten trifft

(Motorsport-Total.com) - Bei den DTM-Teams herrscht derzeit Alarmzustand. "Das ist eindeutig die schlimmste Krise, die ich mit meiner Firma je erlebt habe", stellt Phoenix-Audi-Teamchef Ernst Moser im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' nach 20 Jahren an der Spitze seiner Truppe klar.

Ernst Moser

Von der Krise besonders betroffen: Das Phoenix-Team von Ernst Moser Zoom

Rosberg-Audi-Teamchef Kimmo Liimatainen pflichtet ihm bei, auch wenn er seinen finnischen Humor noch nicht ganz verloren hat: "Das Wetter ist schön, aber das war es schon mit den positiven Nachrichten. Die Lage ist ziemlich beschissen."

Und auch Abt-Audi-Sportdirektor Thomas Biermaier zeichnet ein düsteres Bild: "Wir haben für das gesamte Unternehmen Kurzarbeit angemeldet, weil ja keiner weiß, wie lange die Sache dauert." Der DTM-Saisonauftakt ist zwar für Mitte Juli auf dem Norisring geplant, ob dieser allerdings stattfindet, ist ungewiss.

Phoenix-Team fürchtet um Existenz

Die Kemptener sind nicht die einzigen unter den Audi-Werksteams, die staatliche Hilfe angefordert haben: Rosberg-Audi hatte am 1. April für das gesamte Unternehmen Kurzarbeit angemeldet, die Phoenix-Truppe hat das bislang nur für den Kundensport-Bereich getan.

"Wenn es noch länger als ein, zwei Monate so geht, dann wird es schwierig." Ernst Moser

Die Werkssport-Abteilung wird "wahrscheinlich nachziehen", stellt Moser klar. "Das sind die nächsten Schritte, die sich leider nicht vermeiden lassen."

Aber geht es bei den DTM-Werksteams bereits um die Existenz? "Eine gewisse Zeitlang kann ich das überbrücken, aber auf die Dauer ist das natürlich ein Killer", schießt der Teamchef das Ende seines 1999 gegründeten Teams nicht aus. "Wenn es noch länger als ein, zwei Monate so geht, dann wird es schwierig."

Kundensport-Bereich als Krisenherd

Wieso die Lage gerade bei Mosers Team so heikel ist? "In der DTM haben wir durch den Werksvertrag mit Audi, der bis Ende des Jahres läuft, eine gewisse Grundabsicherung", erklärt er.

Im Kundensport-Bereich werde aber "vom Endkunden die Dienstleistung bezahlt, die man bekommt." Und da derzeit auch keine VLN-Rennen stattfinden und sobald auch nicht an Einsätze zu denken ist, ist Phoenix gar nicht in der Lage, die Leistung zu erbringen. "Daher wirkt sich das direkt und extremer aus", bestätigt er, dass man auf den Kosten sitzen bleibt.

Warum auch bei den DTM-Werksbudgets Kürzungen drohen

Was allerdings nicht bedeutet, dass die Lage beim DTM-Projekt problemlos ist. "Wenn wir in der DTM keine Einsätze haben, werden wir auch nicht die Budgets bekommen, die uns normalerweise laut Vertrag zugesichert wurden", offenbart Moser.

Man werde zwar durch Kurzarbeit und andere Sparmaßnahmen geringere Kosten haben, "aber natürlich werden uns auch da Budgets wegbrechen. So sollte man dann auch über das Jahr kommen, auch wenn man sicher keine schwarzen Zahlen schreibt."

Ein Vorteil für die Werksteams ist, dass sie die Sponsorenverträge seit einigen Jahren nicht mehr selbst abschließen. Das fällt in den Verantwortungsbereich der Hersteller. Dadurch betrifft auch die Frage, ob die Leistungen an die Geldgeber 2020 erbracht werden, Audi und nicht die Teams.

Wie wirkt sich die Krise auf Rosberg und Abt aus?

Aber wie heikel ist die Lage bei den anderen zwei Audi-Werksteams? Rosberg und Abt profitieren davon, dass sie mit der DTM und - im Fall von Abt - auch mit der Formel E ausschließlich Werksengagements betreiben. Nur das Team Rosberg bereitet gerade ein Nebenprojekt vor, für das man selbst die Kosten tragen muss.

"Die Sorgen sind auf jeden Fall da, aber die Lage ist den Umständen entsprechend noch okay", meint Liimatainen im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. Man werde schon noch "den einen oder anderen Monat überleben".

Audi, Team

Die drei Audi-Werksteams von Abt, Rosberg und Phoenix Zoom

Abt-Audi-Sportdirektor Biermaier ist bewusst, dass sich seine Mannschaft trotz der schwierigen Umstände in einer privilegierten Lage befindet: "Als Werksteam ist man in einer anderen Situation als die Privatteams oder GT-Teams, die sich wirklich mit Fahrereinnahmen finanzieren müssen. Dennoch ist die Luft bei den Werksteams auch nur begrenzt."

"Lkws voll beladen": Krise traf Teams unvorbereitet

Die Krise hatte die Teams Mitte März, als der ITR-Test in Hockenheim auf dem Programm stand, völlig unvorbereitet getroffen. "Die Jungs waren bei Audi in Neuburg, haben die Autos aufgebaut gehabt. Wir waren eigentlich fertig, die Lkws waren voll beladen, aber dann kam die Absage am Freitag vor dem Test", erinnert sich Liimatainen.

Man habe sofort auf die neue Situation reagiert: "Die Mechaniker haben Resturlaub abgebaut, haben Zeitausgleich genommen. Die Ingenieure habe ich ins Homeoffice beordert." Derzeit befinden sich in der Rosberg-Fabrik in Neustadt an der Weinstraße nicht einmal eine Handvoll Leute. "Meine Assistentin ist noch hier und auch jemand für die Logistik, aber wir sind hier im Gebäude so gut verteilt, dass wir locker 50 Meter Abstand haben", schmunzelt er.

Während Moser bei Phoenix am Morgen stets in die Firma fährt, um sich um Anlieferungen und die Post zu kümmern, arbeitet er am Nachmittag aus dem Homeoffice. Bei Abt-Audi in Kempten ist hingegen noch mehr los, denn während der Motorsportbereich stillsteht, wird im Tuningbereich teilweise gearbeitet. "Die Servicewerkstatt ist offen, aber wir dürfen derzeit nicht aktiv verkaufen", sagt Biermaier.

So rüstet sich die Abt-Werkstatt gegen Corona

Bislang gab es noch bei keinem Audi-Team einen Coronavirus-Verdachtsfall. Aber welche Vorsichtsmaßnahmen hat man bei Abt für die noch arbeitenden Mitarbeiter in der Firma getroffen? Neben den notwendigen Hygieneregeln habe man zwei Schichten gebildet, stellt Biermaier im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' klar. "Damit die zweite Schicht weiterarbeiten kann, wenn in einer Schicht was passiert."

Abgesehen davon sei "Abstand halten das größte Gebot. Dennoch gibt es Arbeiten, bei denen man zu zweit anpacken muss. Da muss man absolut vorsichtig sein. Und das sind die Leute."

Dabei war das für die Mitarbeiter zunächst sehr ungewohnt, erzählt er: "Wir sind ein Team. Und früher hat man sich auch einmal umarmt und in der Früh abgeklatscht. Wie bei einer Fußballmannschaft - da gibt es einfach diesen Zusammenhalt." Der Zusammenhalt sei zwar "vom Kopf her schon noch da, aber körperlich momentan nicht. Da hat jeder größten Respekt vor dem Virus."

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