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  • 21.12.2011 · 09:59

  • von Roman Wittemeier

Kolumne: Das Wettrüsten beginnt

Redakteur Roman Wittemeier über die Gefahren in der Langstrecken-WM: Warum der Hybrid-Hype schmerzhaft werden kann - Peugeot auf der Kippe?

Alexander Wurz, Stephane Sarrazin, Franck Montagny

Das Engagement von Peugeot steht offenbar intern auf dem Prüfstein

Liebe Freunde der Arnage,

Mitte März 2012 startet mein geliebter Langstreckensport mit der WM in eine neue Ära. Endlich wird die Szene wieder auf eine würdige Bühne gehoben. FIA-Präsident Jean Todt hat nach seinem Amtsantritt eine große Friedenspfeife gestopft, der jahrelange Streit zwischen Le-Mans-Ausrichter ACO und dem Automobil-Weltverband hat sich scheinbar in Rauch aufgelöst. Aber es ziehen aus unterschiedlichen Richtungen bereits wieder dunkle Wolken auf.

Formel-1-Boss Bernie Ecclestone kann sich mit einer starken Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) überhaupt nicht anfreunden. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Schon bald gibt es im Prototypenbereich mit Audi, Peugeot, Toyota, Porsche und Nissan fünf echte Werksengagements - weitere Neuzugänge nicht ausgeschlossen. In der Formel 1 sind es hingegen mit Ferrari, Mercedes und - mit Abstrichen - Lotus höchstens drei Automobilhersteller, die sich klar zum Sport bekennen.

"Bernie ist außer sich", sagte mir Sebastien Bourdais schon im Juni. Der Franzose, der in den großen Motorsportserien der Welt herumgekommen ist, erkannte schon vor Monaten die Brisanz, die darin steckt. "Sobald die FIA den Sportwagensport in den Vordergrund rückt, wird es da eine offene Konfrontation geben. Immer, wenn es andere große Serien gibt, fängt Bernie an, sie zu torpedieren. Er liebt Serien nur, wenn er Anteile daran besitzt", meint der Peugeot-Werksfahrer.

Wann kommen Ecclestones Torpedos?

Dieses Szenario zeichnet sich nun bereits ab. Der WEC-Lauf 2012 in Bahrain dürfte auf Druck von Eccelstone im Kalender gelandet sein, als kleines Bonbon für die dortigen Veranstalter, die 2011 auf ihr Formel-1-Rennen verzichtet haben. Das Rennen in Manama, das keiner der beteiligten WEC-Hersteller auf dem Wunschzettel hatte, wird vermutlich vor leeren Rängen ein tristes Bild bieten. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann Ecclestone mit dem Finger genau auf diesen müden Auftritt zeigen wird.

Marcel Fässler

Der Audi R18 TDI ist für den Einsatz von Hybridtechnik schon vorbereitet Zoom

An anderer Stelle droht allerdings noch viel mehr Gefahr. Toyota hat mit seiner Ankündigung, schon 2012 mit einem Hybrid-LMP1 angreifen zu wollen, einen gewaltig schweren Stein ins Rollen gebracht. Peugeot beeilte sich mit einer Erklärung, dass man selbst ebenfalls intensiv an einem KERS arbeite und damit teste. Vor wenigen Tagen wurde deutlich, dass auch Audi viel intensiver an einem Hybrid-Diesel arbeitet als man es bislang vermuten konnte.

"Wir setzen ein KERS-Auto erst dann ein, wenn es in Bezug auf Performance eindeutige Vorteile verspricht", heißt es aus Ingolstadt. Diese Aussagen sollen Gelassenheit signalisieren, die aber in dieser Form gar nicht vorhanden ist. Audi und Peugeot treten gegen Toyota in einen direkten Wettstreit um die Hybrid-Vorherrschaft auf der Langstrecke. Beide wissen genau, dass das ACO-Reglement durchaus beste Chancen für KERS-Autos bietet.

Audi setzte 2006 mit dem ersten Dieselerfolg in Le Mans eine wichtige Marke und verlieh damit der gesamten TDI-Schiene im Unternehmen großen Schub. Genauso soll es nun auch mit der e-tron-Serie laufen, Peugeot hält mit HYbrid4 dagegen. Die Werke pumpen reichlich Geld in die Entwicklung, ausgiebige Tests stehen an der Tagesordnung. Wer glaubt, dass Peugeot den Hybrid tatsächlich erst im Oktober erstmals getestet hat, der wartet dieser Tage wohl auch darauf, dass ein bärtiger Mann durch den Kamin ins Wohnzimmer rutscht...

Hybrid-Wettstreit kostet Unsummen

Audi kommunizierte vor wenigen Tagen die Testfahrten mit dem überarbeiteten R18 in Sebring. Dass man schon Mitte November mit dem Hybrid-R18 unterwegs und Sebring dieser Tage nicht die einzige Teststrecke in Florida war, verschwieg man lieber. Niemand soll Rückschlüsse auf den enormen Aufwand ziehen können. Toyota will im Januar zur Fahrzeugvorstellung und zu Testfahrten nach Le Castellet laden. Wer glaubt, dass die Japaner dort tatsächlich erstmals auf die Strecke gehen? Die fahren schon seit Wochen.

Der Kampf wird durch das bevorstehende Comeback von Porsche in der LMP1-Szene weiter angeheizt. Am Standort Weissach wird geklotzt und nicht gekleckert. Die Le-Mans-Rekordsieger haben in den vergangenen Monaten unzählige Ingenieure angeworben (man spricht von 100 bis 200!), außerdem wird der neue Windkanal bei der Entwicklung des neuen Prototypen helfen. Noch viel wichtiger: Auch Porsche setzt auf Hybridtechnik.


Fotos: Testfahrten mit dem Peugeot 908 HYbrid4


Es soll offenbar innerhalb des VW-Konzerns eine klare Rollenverteilung geben: Audi bleibt beim Diesel und kombiniert den Selbstzünder mit einem Schwungrad-System, Porsche soll einen Benziner mit Batterie-KERS ausstatten. Kurios: Bislang hatte Porsche das Flybrid-System im GT3-Wagen im Einsatz. Die Erkenntnisse daraus könnten Audi demnächst zugute kommen. Die große Frage beibt: Nehmen die Ingolstädter tatsächlich das System von der Williams-Tochter, oder kooperiert man mit Bosch? Das deutsche Unternehmen hat einen KERS-Baukasten im Programm.

Bei Peugeot ist bezüglich des HYbrid4 nicht viel Interpretations-Spielraum. Die Franzosen werden auf ein Batterie-KERS setzen, das Magneti Marelli ursprünglich für den Einsatz in der Formel 1 entwickelt hatte. Welchen Ansatz Toyota verfolgt, ist derzeit noch nicht bekannt. Bei entsprechenden Probefahrten mit einem Dome-Chassis in Japan wollen einige Beobachter jedoch eine Lösung mit Batterien ausgemacht haben.

Plant Peugeot schon den Abschied?

Bei aller Vorfreude auf die neue Langstrecken-WM: Ich habe auch etwas Angst in mir. Das aktuelle Wettrüsten um den besten Start ins KERS-Zeitalter kann der gesamten Szene auf Dauer nicht guttun. Es wird in wenigen Jahren die ersten Opfer geben. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Peugeot in diesem Wettlauf wohl den kürzesten Atem haben wird. Planen die Franzosen schon jetzt den Ausstieg für den Fall, dass sie im Hybrid-Wettstreit unterliegen?

2012 kommt es zur Neuauflage des Duells zwischen Peugeot und Toyota Zoom

Es gibt Signale, die in eine solche Richtung deuten. In den vergangenen Monaten ist nicht nur Alexander Wurz mit reichlich Peugeot-Insiderwissen zu anderen Herstellern gegangen. Der Österreicher dockte schließlich bei Toyota an, bisherige Löwen-Kollegen könnten ihm bald folgen. Von verschiedenen Seiten ist zu hören, dass fast alle aktuellen Peugeot-Werksfahrer im Herbst bei anderen Herstellern vorgesprochen haben. Gut möglich, dass sie bei den Franzosen keine mittel- oder langfristige Perspektive sehen.

Die aktuelle Lage erinnert mich etwas zu stark an das bittere Ende der Sportwagen-WM 1992. Auch dort war ein intensives Wettrüsten der Hersteller nicht gesund. Das Problem: Bei einem solchen Wettstreit gibt es immer mehr Verlierer als Gewinner, die Unterlegenen müssen irgendwann die Reißleine ziehen. Hoffentlich bleibt uns dies in den kommenden Jahren erspart. Sportlich verspricht die WM nämlich ein Kracher zu werden. Und die Fans setzen Signale der Vorfreude: Der Le-Mans-Vorverkauf läuft derzeit gigantisch.

Daumen drücken für eine gesunde WEC-Zukunft,

Roman Wittemeier