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  • 13.06.2016 · 08:38

  • von Sven Haidinger & Roman Wittemeier

Debütantin Nielsen: Konfrontation mit Todeskurs ihres Mentors

Zwei Frauen-Debüts in Le Mans: Christina Nielsen stellt sich dem Schicksalsort von Mentor Allan Simonsen, Ines Taittinger folgt der Tradition des Champagner-Clans

(Motorsport-Total.com) - Christina Nielsen geht zu ihrem Boliden, doch der Schmerz ist zu groß. Die 21-Jährige kann nicht einsteigen. Sie hat Tränen in den Augen. Alles in der Porsche-Box des ADAC-GT-Masters erinnert sie an ihren bisherigen Teampartner Allan Simonsen, doch der Däne ist nicht mehr an ihrer Seite: Er verunglückte in der Anfangsphase der 24 Stunden von Le Mans 2013 nach einem heftigen Einschlag in die Leitplanken tödlich - der erste fatale Unfall beim Klassiker an der Sarthe seit Jo Gartner 1986.

"Es war unglaublich, als ich danach das erste Mal mein Auto sah", erinnert sich die heute 24-Jährige. "Ich bin zusammengebrochen." Nun - drei Jahre später - stellt sie sich dem Rennen, das ihrem Mentor das Leben kostete. Nielsen tritt 2016 neben der Französin Ines Taittinger als eine von zwei Frauen und als erste Dänin der Geschichte bei den 24 Stunden von Le Mans an. Gemeinsam mit ihren Landsleuten Johnny Laursen und Mikkel Mac Jensen wird sie in der GTE-Am-Klasse einen Ferrari F458 Italia des dänischen Formula-Racing-Teams steuern.

Der Verlust Simonsens war für die Marketing-Studentin 2013 ein harter Schlag. Der Rennfahrer, der auch mit Nielsens Vater Lars-Erik Nielsen (2006 Zweiter in der GT2-Klasse bei den 24 Stunden von Le Mans) Rennen bestritt, hatte die Teenagerin im Alter von 15 Jahren motiviert, Rennfahrerin zu werden. "Er war ein Freund der Familie." Der jungen Dame gelang es tatsächlich, im internationalen Motorsport Fuß zu fassen: "Im Kart wurde mir zwar ordentlich in den Hintern getreten, aber ich wurde immer besser und habe ich dann entschieden, professionelle Rennfahrerin zu werden."

Nielsen fühlte sich ohne Simonsen "völlig alleine"

2010 wechselte sie in den Formel-Sport, 2012 trat sie gemeinsam mit ihrem Vater für das Farnbacher-Team im deutschen Porsche-Carrera-Cup an. Mit Platz neun fuhr sie das beste Ergebnis ein, das von einer Frau in dieser Serie je erzielt wurde. 2013 war es dann soweit: Allan Simonsen bot ihr an, gemeinsam mit ihm das ADAC-GT-Masters zu bestreiten. Die Beziehung zu ihrem damals 34-jährigen Mentor wurde noch enger.

Allan Simonsen

Allan Simonsen brachte Nielsen zum Rennsport und starb 2013 in Le Mans Zoom

"Wenn man einen Teampartner hat, dann steckt man an der Rennstrecke rund um die Uhr zusammen", erzählt sie gegenüber dem Magazin 'Friday'. "Von Donnerstag bis Montag - und das jede Woche. Das Verhältnis wird sehr eng. Man teilt die gleiche Leidenschaft und lernt die besten und die dunkelsten Seiten des anderen kennen, man geht durch gute und schlechte Zeiten." Und dann kam der 22. Juni 2013 - und die Horrornachricht aus Le Mans...

Nielsen gelang es trotzdem, den Bruch in ihrem Leben zu überwinden und holte noch im selben Jahr sensationell den Amateur-Titel im ADAC-GT-Masters. "Es war großartig, weil es mein erster Titel war, aber auch hart, weil es am Ende ohne Allan passierte. Und es war unser großes gemeinsames Ziel gewesen." Sie wurde dabei bei einigen Rennen vom Briten Sean Edwards unterstützt, der für Simonsen einsprang. "Das war ein Glück, denn ich hatte mich plötzlich ganz allein gefühlt", erinnert sie sich. "Es tat mir weh, Piloten mit ihren Teampartnern zu sehen, während in meiner Box Allans Foto abmontiert wurde. Doch dann war Sean da."

Nächstes Drama: Mit Edwards verunglückt nächster Teampartner

Auch mit Edwards entwickelte sich eine Freundschaft: "Es hat sehr rasch klick gemacht. Sean um mich zu haben, gab mir die Hoffnung, dass es auch andere Teampartner gibt, die mir ein ähnliches Gefühl wie Allan geben können." Doch dann ereilte Nielsen der nächste schwere Schicksalsschlag: Am 15. Oktober 2013, also knapp vier Monate nach Simonsen, verunglückte Edwards bei einer privaten Fahrstunde mit Will Holzheimer in Queensland in Australien tödlich.

Christina Nielsen

Mit diesem Ferrari wird die 24-Jährige Nielsen beim Klassiker debütieren Zoom

Noch heute fühlt sie eine enge Verbindung zu Simonsen und Edwards: "Ich stand ihnen beiden sehr nahe. Zuerst verlor ich Allan, dann sprang Sean ein. Aber auch er ist gegangen. Er war einer der besten GT-Fahrer, und er hat mir sehr viel über den Rennsport beigebracht. Ich habe immer noch das Gefühl, dass sie beide mit mir mitfahren, habe das Gefühl, dass sie auf meiner Schulter sitzen. Sie sind meine größte Motivation."

Bevor sie am 18. Juni in die 84. Ausgabe der 24 Stunden von Le Mans geht, wird sie mit ihren Fingern über die Rückseite ihres Helmes streicheln. Dort hat sie ihren Mentor mit der Aufschrift "Forever with us, forever in our hearts Allan Simonsen" sowie dessen Geburts- und dessen Todesdatum verewigt. Ein Ritual, das sie niemals auslässt.

Geschlechterthema: Nielsen und Taittinger sind sich einig

Neben der inzwischen in Los Angeles lebenden Dänin, die derzeit die GT-Daytona-Klasse der IMSA-Serie anführt, wird 2016 nur eine weitere Frau beim Langstrecken-Klassiker antreten. Für Nielsen spielt das Geschlechterthema aber - zumindest auf der Rennstrecke - keine Rolle. "Ich sehe mich nicht als Frau, die Rennen fährt, sondern ich fahre in erster Linie Rennen und bin eine Frau."

Ähnlich sieht dies mit Ines Taittinger auch die zweite weibliche Starterin bei den 24 Stunden von Le Mans 2016. Sie wird in der LMP2-Klasse für beim Pegasus-Team ihre Le-Mans-Premiere absolvieren. Die 26-Jährige, die sich den Morgan-Nissan mit ihren Landsleuten Leo Roussel und Remy Striebig teilt, wehrt sich gegen eine Sonderbehandlung: "Ich sehe mich nicht als Fahrerin, sondern als Fahrer." Sie sei zwar nicht so schnell und erfahren wie andere Piloten, wolle aber vor allem ernst genommen werden.

Taittinger-Dynastie: Champagner und Motorsport

Zudem sieht sie sich "nicht als Botschafterin der Frauen oder Sprecherin für Feminismus in einem männlich-geprägten Umfeld. Für mich ist es egal, ob Mann oder Frau. Ich mache einfach, was ich liebe und wovon ich immer geträumt habe."

Ines Taittinger

Hang zur Geschwindigkeit: Ines Taittinger wollte Kampfjet-Pilotin werden Zoom

Die Familie der Französin hat eine ruhmreiche Geschichte: Es handelt sich dabei um die berühmte französische Champagner-Dynastie Taittinger, deren Unternehmensgeschichte bis auf das Jahr 1734 zurückgeht. Nur wenige Champagnerhäuser befinden sich nach wie vor im Familienbesitz - Taittinger ist eines von ihnen. Der Schriftzug des Unternehmens prangt auch auf dem Overall der Pilotin und auf dem Boliden. Der Taittinger-Clan ist politisch einflussreich - auch der 2014 bei einem Flugzeugunfall verunglückte CEO des Erdölriesen Total, Christophe de Margerie, war Teil der Familie.

Doch auch die Motorsporttradition ist groß in der Familie Taittinger. Großvater Francois' Antritte bei der berühmten Rallye Monte Carlo in den 1950er-Jahren sind legendär. Der damalige Boss des Familienunternehmens pilotierte einen Citroen DS, die sogenannte "Göttin" unter den Automobilen. Seine Liebe zum schnellen Autofahren wurde ihm 1960, als er bei einem Unfall starb, zum Verhängnis. Auch Vater Hugues träumte von einer Rennfahrerkarriere und absolvierte die berühmte Elf-Rennfahrerschule. Der Tod seines Vaters ließ ihn dann aber umdenken.

Formel-1- und Le-Mans-Pilot Phillipe Alliot als Coach

Ines Taittinger

Beim Le-Mans-Testtag tastete sich Taittinger vorsichtig an den Kurs heran Zoom

Nun tritt die Tochter in seine Fußstapfen. Ursprünglich wollte sie ja Kampfpilotin werden, doch ein angeborener Herzfehler vereitelte diesen Traum. Nun lebt sie ihre Liebe zur Geschwindigkeit im Motorsport aus. Angefangen hat sie abgesehen von einigen frühen Kartausflügen mit ihrem Vater erst im Alter von 18 Jahren, doch dann nahm sie der ehemalige französische Formel-1-Pilot Philippe Alliot, der in Le Mans 1992 und 1993 mit Peugeot Dritter wurde, unter seine Fittiche.

"Er hat mich entdeckt und getestet", erzählt Taittinger. "Zuerst alleine auf der Strecke, aber dann schrieb er mich sehr schnell zu Rennen ein. Durch ihn habe ich das nötige Rüstzeug erhalten, um in Le Mans anzutreten." Auf der internationalen Bühne ist die angehende Journalistin ein absoluter Neuling - dennoch stellt sie sich der großen Herausforderung.

Le-Mans-Testtag: Taittinger überwindet die Angst

"Als ich das erste Mal auf die Strecke ging, hatte ich ein bisschen Angst", gibt sie nach ihrer Premiere auf dem Circuit de la Sarthe am Le-Mans-Testtag zu. Auch die Erfahrungen aus dem Simulator waren für sie nur bedingt eine Hilfe: Die Kurven sind zwar an der gleichen Stelle, aber im Simulator spürt man die Geschwindigkeit nicht."

Nach ein paar Runden fühlte sie sich schon deutlich gelöster: "Plötzlich hatte ich ein breites Grinsen im Gesicht. Da wurde mir bewusst: Oh mein Gott, ich fahre bei den 24 Stunden von Le Mans. Ich fühle mich gerade wie ein Kind. Ich muss mich noch besser an das Auto gewöhnen, aber es sollte schon passen."

In den vergangenen fünf Jahren verfolgte sie ihre Idole beim 24-Stunden-Klassiker an der Rennstrecke, nun sitzt sie selbst in einem der Boliden. Die größte Herausforderung? "Der Verkehr", sagt die 26-Jährige mit dem Lockenkopf. "Das macht es sehr schwierig." Daher rechnet sie bei ihrer Premiere nicht mit Champagner: "Unser Ziel ist es nicht, auf das Podest zu kommen oder zu gewinnen. Wir wollen einfach ins Ziel kommen und alles richtig machen, die Fehler in Grenzen halten."