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Komplette Neuregelung bei 24h-Nürburgring-Abbruch: Zu kurz gedacht

Der ADAC Nordrhein löst in einem Bulletin ein altes Problem, doch die Regel ist so kompliziert, dass man kaum mehr durchblickt - Und fair ist sie auch nicht immer

(Motorsport-Total.com) - Man kann nicht behaupten, dass das Reglement des 24-Stunden-Rennens auf dem Nürburgring leichte Kost ist. Stolze 150 Seiten umfasst allein die Ausschreibung für das Rennen. Nun kommt noch einmal Komplexität hinzu. Und das nicht zu knapp.

Streckenposten, Sportwart, Rote Flagge, Abbruch

Eine neue Regel macht alles kompliziert und nicht immer fairer Zoom

Eine neue Regel soll für mehr Fairness sorgen, macht aber die Situation bei einem Restart nach Abbruch deutlich undurchsichtiger und in manchen Fällen wahrscheinlich noch ungerechter.

In einem Bulletin stopfen die Regelmacher eine Lücke im bisherigen Reglement des Rennens, allerdings zu Lasten der Transparenz und möglicherweise auch Fairness. Ein packendes Finale wie 2018 mit dem 90-Minuten-Sprint im Regen wäre unter den neuen Regeln nicht mehr möglich, weil die Positionen der Fahrzeuge auf der Strecke nicht mehr mit dem Gesamtstand übereinstimmen würde.

Das Bulletin besagt folgendes: Künftig darf der Tank unter Roter Flagge nicht mehr vollgemacht werden wie in der Vergangenheit. Es dürfen maximal noch 20 Liter Kraftstoff während der Rennunterbrechung nachgefüllt werden. Das bedeutet, dass die Fahrzeuge nach dem Restart weiterhin in ihren unterschiedlichen Boxenrhythmen sind. Die verbleibende Kraftstoffmenge im Tank wird nicht mehr durch die Unterbrechung egalisiert.

Problem behoben, Problem geschaffen

Damit soll ein Problem behoben werden, dass Fahrzeuge, die ihren Boxenstopp kurz vor der Roten Flagge eingelegt haben, nicht mehr in der Reihenfolge nach hinten zurückfallen. Ein Stopp nach sieben Runden kostet genau 169 Sekunden (Alle Mindeststandzeiten in SP9, SPX und SP-Pro im Überblick). Je nach Dichte des Feldes kann ein Fahrzeug dadurch eine Reihe von Positionen zurückfallen.


24h Nürburgring: Highlights Top-Qualifying

Die besten Szenen aus dem Top-Qualifying beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring 2021

Wird nun das Rennen unterbrochen, so bekam dieses Fahrzeug die Positionen bisher nicht zurück und lag daher beim Restart auf einer Position, die mehrere Plätze unter seiner eigentlichen liegen, wenn das Rennen nicht unterbrochen worden wäre. So weit, so gut.

Damit wurde jedoch ein schwerwiegenderes Problem geschaffen. Man nehme einmal an, zwei Fahrzeuge liegen gleichauf. Vor dem Abbruch entscheidet sich Fahrzeug A, eine Runde früher an die Box zu gehen als Fahrzeug B. A hat daher einen kürzeren Boxenstopp, genau genommen 20 Sekunden kürzer als B und führt deshalb nun mit 20 Sekunden Vorsprung. Erst beim letzten Stopp im Rennen würde sich das Bild wieder ausgleichen und A und B wieder gleichauf liegen.

Nun kommt jedoch eine Rote Flagge raus und der Abstand wird neutralisiert. Durch die größere verbleibende Spritmenge im Tank würde Fahrzeug B nun beim letzten Stopp (oder früher, wenn B einen Stint vor dem letzten Stopp verkürzen möchte) 20 Sekunden gewinnen und daher das Rennen mit 20 Sekunden Vorsprung gewinnen. Diese 20 Sekunden wurden durch die Rote Flagge geschenkt.

Richtig schwerwiegend wird es bei größeren Unterschieden. Bei vier Runden Unterschied beispielsweise hat sich die Situation schon auf 80 Sekunden hochaddiert, die das zuerst stoppende Fahrzeuge bei Rot verlieren würde. In jedem Fall würde das Fahrzeug schwer getroffen werden, das seinen Boxenstopp früher eingelegt hat und daher nach dem Restart irgendwann eine höhere Boxenstandzeit absitzen muss.

Lösen ließe sich das Problem tatsächlich nur so, wenn man alle Teilnehmer beim Restart genau mit den Abständen von vor dem Abbruch wieder losschicken würde. Das scheitert bei rund 150 Fahrzeugen in normalen Zeiten allerdings an der Praktikabilität.

2018er-Szenario: Zeitstrafen-Albtraum droht

Noch schwieriger wird die ganze Situation, wenn es so kommt wie 2018. Damals gab es einen verregneten 90-Minuten-Sprint bis zur Zielflagge. Weil bei solch kurzen Restdistanzen keine Boxenstopps mehr absolviert werden können, gibt es Zeitersatzstrafen. Diese kann es aber auch bei späten Boxenstopps geben.

Das Szenario ist so kompliziert, dass sich jeder wünschen dürfte, dass es nie zum Einsatz kommen muss. Versuchen wir es einmal zu erklären und beginnen mit dem einfacheren Szenario: Fahrzeug X muss eine Runde nach dem Restart an die Box, Fahrzeug Y gar nicht mehr tanken.


Fotos: 24h-Rennen Nürburgring 2021, Qualifying


So ergibt sich, dass Fahrzeug Y mit einem großen Vorsprung das Rennen gewinnen würde. Hier greift nun aber eine Sonderregelung in Absatz 35.2 Sportliches Reglement. Fahrzeug Y erhält eine Zeitersatzstrafe.

Deren Höhe entspricht der Mindestboxenzeit, die sich beim nächsten Boxenstopp ergeben hätte, wenn es den Abbruch nicht gegeben hätte. Da bei einem Abbruch zwei Runden zurückgerechnet wird, wird die Mindestboxenzeit nach Tabelle B - und damit die Zeitstrafe - um zwei Runden ergänzt.

Beispiel: Ein Fahrzeug hat drei Runden vor der Roten Flagge einen Boxenstopp absolviert. Es wird wieder zwei Runden zurückgerechnet, womit die Strafzeit 49 Sekunden liegen würde (Mindeststandzeit* für einen Stopp nach einer Runde). Die zwei Runden werden nun aber wieder aufgeschlagen, sodass die Zeitstrafe 89 Sekunden beträgt (Mindeststandzeit für einen Stopp nach drei Runden).

Königsdisziplin der Komplexität: Restart mit einem Stopp

Klingt kompliziert? Es kommt noch schlimmer: In der Schlussphase des Rennens errechnet sich die Mindestboxenzeit in den Klassen SP9, SPX und SP-Pro anhand zweier gegenläufiger Tabellen. Eine Tabelle (Tabelle B) bezieht sich weiterhin wie im gesamten Rennen auf die Stintlänge. Also 49, 69, 89, 109, 129, 149 und 169 Sekunden für eine bis sieben Runden.

Eine andere Tabelle bestimmt die Stoppzeit anhand der verbleibenden Restzeit im Rennen. Diese Tabelle beginnt bei 69 Minuten Restzeit mit einer Standzeit von 188 Sekunden. Je verbliebene Minute werden es zwei bis drei Sekunden weniger. Bei 60 Minuten Restzeit wären es noch 167 Sekunden, bei 50 deren 143, bei 30 Minuten 96 Sekunden.

Julien Andlauer, Laurens Vanthoor, Boxenstopp

Die Boxenstopps mit Mindeststandzeiten sind Auslöser für die komplizierte Situation Zoom

Es zeigt sich: Je später der letzte Stopp, umso kürzer steht man. Es gilt in jedem Fall die kürzere Zeit beider Tabellen. Wer beispielsweise nach einem Stint von sieben Runden (169 Sekunden Standzeit) 45 Minuten vor Schluss reinkommt (131 Sekunden Standzeit), der muss nur die 131 Sekunden absitzen. Wer nach einem Drei-Runden-Stint (89 Sekunden Standzeit) 55 Minuten vor Schluss reinkommt (155 Sekunden Standzeit), muss nur 89 Sekunden absitzen.

Interessant ist hier ersterer Fall. Bei einem Restart beispielsweise 100 Minuten vor Schluss würde ein Fahrzeug, das nach Auffüllen der 20 Liter wieder einen nahezu vollen Tank hat, einen Stint von sieben Runden fahren können (Standzeit nach Tabelle B wieder 169 Sekunden). Weil dieser jedoch 75 Minuten dauert, stehen beim letzten Boxenstopp nur noch 25 Minuten Restzeit auf der Uhr.

Das würde bedeuten, dass der Boxenstopp nur 84 Sekunden dauern müsste, weil Tabelle C den geringeren Wert aufweist. Diese Tabelle wird jedoch im Falle eines späten Restarts virtuell außer Kraft gesetzt. Wer nur 84 Sekunden steht, bekommt automatisch eine Zeitersatzstrafe von 169 - 84 = 85 Sekunden.

Diese unfassbare Komplexität schafft tatsächlich mehr Fairness im Falle des 2018er-Szenarios. Allerdings würde dabei wohl kaum noch jemand den Überblick behalten. Denn die Positionen der Fahrzeuge auf der Strecke hätten gar nichts mehr mit der tatsächlichen Reihenfolge zu tun, die sich durch den tatsächlichen Stand plus Zeitstrafen ergibt.

Für Fahrzeuge, die sich zum Zeitpunkt des Abbruchs seit längerer Zeit - konkret: 20 Minuten - in der Box befinden, gelten spezielle Regeln. Allerdings ist bei einem 20-Minuten-Boxenstopp der Zug ohnehin in der Regel abgefahren und das Fahrzeug spielt für die Gesamtwertung keine große Rolle mehr.

Lehren aus Schnitzelalm-Protest gezogen

Eine Änderung gibt es außerdem in den Klassenwertungen. Auslöser war hier der Protest des Teams Schnitzelalm Racing gegen das Resultat beim 24-Stunden-Rennen 2020, über den erst vier Monate später entschieden wurde. Ein Berufungsverfahren läuft hier übrigens noch.


24h Nürburgring: Highlights Donnerstag

Die besten Szenen aus dem Nachttraining beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring

In diesem Fall ergab sich die unglückliche Situation, dass sich der Gesamtführende zum Zeitpunkt des Abbruchs zwischen dem Erst- und Zweitplatzierten der Klasse Cup5 befunden hat. Dadurch gewann der Klassenführende durch den Abbruch eine Runde auf alle anderen in der Klasse. Schnitzelalm lag nach dem Restart vorn, wurde aber mit einer Runde Rückstand gewertet.

Dagegen legte das Team Protest ein und bekam vier Monate nach dem Rennen Recht - Berufungsverhandlung ausstehend. Die neue Variante schafft tatsächlich mehr Fairness ohne zusätzliche Komplexität für den Zuschauer. Die Komplexität ergibt sich hier bei der Zeitnahme: Diese muss nämlich dann für jede einzelne Klasse neu programmiert werden.

*Streng genommen handelt es sich nicht um die Standzeit, sondern die Zeit zwischen Boxenein- und -ausfahrt. Wir nennen das hier "Standzeit", um zumindest hier für etwas Einfachheit zu sorgen. Übrigens, wer Tabelle A vermisst: Diese bezieht sich (wegen der Einführungsrunde) einzig und allein auf den ersten Boxenstopp des Rennens und beträgt den Wert auf Tabelle B plus neun Sekunden, also 58, 78, 98, 118 Sekunden und so weiter.

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