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Der ultimative Underdog: Dacia Logan bei 24h Nürburgring 2021

Wächst hier ein neues Nordschleifen-Kultteam heran? - Beim 24-Stunden-Rennen 2021 tritt eine Truppe Renault-Enthusiasten mit einem Dacia Logan an

(Motorsport-Total.com) - Die Mischung hat es am Nürburgring schon immer gemacht. Die Sympathien der Fans sind häufig mit den ganz Kleinen auf der Nürburgring-Nordschleife. Nun gibt es wieder ein Team, das in die Fußstapfen des Minis "Kleines Arschloch" schlüpfen könnte: Das Team Ollis Garage fährt dieses Jahr erstmals das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring - mit einem Dacia Logan!

Dacia Logan, Ollis Garage Racing

Mit Ollis Garage Racing geht wieder ein kompletter Underdog ins 24h-Rennen Zoom

Schon vor dem ersten Start bei der Hatz zweimal rund um die Uhr hat der Logan durch seine Starts in der Nürburgring-Langstrecken-Serie (NLS, ehemals VLN) und beim 24h-Qualifikationsrennen eine Art Kultstatus bei den Fans bekommen, der sich bei weiterer Teilnahme verfestigen dürfte.

Doch was ist das eigentlich für ein Projekt? Jürgen Bussmann, der Kopf hinter der Truppe, stellt sich dem Interview mit 'Motorsport-Total.com'. Er erklärt, wie alles zustande gekommen ist und wie sich das Team zusammensetzt.

"Oliver Kriese [Olli] und ich haben das Team 2014 gegründet. Er hat in Münster eine Renault-Werkstatt [die Garage] mit allem Equipment. Sie sind in einem Renault-Club, haben in der Werkstatt viel gearbeitet und sind immer [als Zuschauer] zum 24-Stunden-Rennen gefahren. Und sie hatten den Traum, einmal selbst teilzunehmen." Bussmann kommt ebenfalls aus Münster, wohnt aber mittlerweile in Ludwigsburg bei Stuttgart.

Über den Club gerieten die Renault-Enthusiasten an einen Nürburgring-Kenner. "Der hat das Rennen schon neunmal bestritten", weiß Bussmann. "Er hat uns gezeigt, wie wir vorgehen müssen." Zunächst ging das Team mit einem Renault Clio RS in der Rundstrecken-Challenge-Nürburgring (RCN) an den Start, später kam dann der Logan zum Einsatz.

Dabei handelt es sich nicht mehr komplett um die ursprüngliche Rennversion aus dem Dacia-Logan-Cup (heute: Norddeutscher Börde Tourenwagen Cup), aus dem unter anderem der heutige Audi-Werksfahrer Christopher Haase hervorgegangen ist. Das Cup-Auto Baujahr 2007 stellt weiterhin die Basis, aber es wurden Veränderungen vorgenommen.

Am Nürburgring begeistert empfangen

Unter anderem wurde das schwächliche 90-PS-Aggregat durch einen 2-Liter-Saugmotor aus dem Renault Megane 2.0 DCi mit 165 PS ausgetauscht. Die hintere Trommelbremsanlage wurde durch Scheibenbremsen ersetzt. Auch die Bremsen an der Vorderachse wuchsen in ihren Dimensionen. Dacia ist übrigens die altrömische Bezeichnung für das heutige Rumänien. Das Team nennt sein Auto liebevoll "Logini".

Die größte Sorge der Renault-Enthusiasten war, ob der Antriebsstrang die fast doppelte Leistung des Motors verkraften würde. Deshalb fuhr der Logan zunächst unauffällig in Zandvoort. "Da haben wir mit dem Auto über 70 Rennstunden ohne Probleme gemacht", sagt Jürgen Bussmann. "Damit stand fest, dass das Seriengetriebe mit der Leistung klarkommt."

Nun ging es also ohne Umwege auf die Nürburgring-Nordschleife. Die erste Frage war, ob man mit dem Clio RS weitermachen oder doch auf den Logan umsteigen wolle. "Wir haben uns darauf geeinigt, es mit einem Hingucker zu versuchen. Wenn man sich das Feld mit den ganzen Audis, Porsches und BMW ansieht ... Dann so ein Dacia dazwischen, das fällt einfach auf."

Zunächst stand die RCN auf dem Programm, im Juli 2020 erfolgte dann die Premiere in der NLS beim Barbarossapreis, dem zweiten Teil des "Doubleheaders". Das Fahrzeug wurde sofort begeistert aufgenommen.

Bussmann und sein Team wurden positiv überrascht: "Wir wurden herzlich empfangen. Ganz viele Fahrer waren bei uns - vor allem viele, die früher einmal in dem Dacia Logan Cup gefahren sind. Wir haben super positives Feedback bekommen. Auch im Verkehr hat alles problemlos geklappt."

Dacia Logan, Ollis Garage Racing

Der "Logini" läuft in der Regel zuverlässig, nur beim Qualirennen gab's Probleme Zoom

Eigentlich hatte sich das Problem auf mehr Probleme eingerichtet. Seien es Sprüche wie "Das GLP-Fahrerlager [Gleichmäßigkeitsprüfung] ist da drüben" oder mehr Probleme im Verkehr. Aber nichts dergleichen geschah. "Es hat keinen einzigen dummen Spruch gegeben. Alle, die vorbeigekommen sind, haben gesagt, dass es supercool ist. Wir haben auch in der Berichterstattung von den Kommentatoren viel Zuspruch bekommen."

"Ein bisschen aufpassen muss man in der ersten Runde nach dem Start. die GT3 kommen relativ schnell von hinten wegen der Aufteilung in Startgruppen. Und das gleich im Zehnerpack. Da muss man schon ein bisschen aufpassen und schauen. Wir halten uns da aber auch raus und setzen den Blinker."

"Da muss ich aber sagen, dass das wirklich gut klappt. Das Verhalten der schnellen Autos ist sehr fair. Auf uns passen sie gut auf. Wir passen aber auch im Rückspiegel auf, damit sie problemlos vorbeifliegen können."

Einen Klassensieg hat er schon

Und es ist nicht so, dass man nicht nur überholt wird. "Ich habe schon einmal einen 1er-BMW und einen 325er aus der V4 überholt!", erzählt Bussmann stolz. "In den Passagen, in denen es auf Technik und Fahrwerk ankommt - beispielsweise Wippermann, Brünnchen, Pflanzgarten - kommen wir gut mit. Uns fehlt natürlich die Leistung, wenn es bergauf geht. Da tun wir uns schon schwer."

"Aber unser Ansatz ist: dabei sein und mitfahren. Es geht uns nicht um den Klassensieg. Wir schauen einfach, wo wir am Ende auskommen. Aber wir freuen uns, in diesem Umfeld dabei zu sein. Wir sind von allen so positiv aufgenommen worden. Es macht großen Spaß."

Ironie des Schicksals: Bei NLS3 2021 holte der Dacia den Klassensieg in der SP3, weil zwei Toyota GT86 nicht problemlos durchkamen. Bussmann war mit dabei, er fährt unter dem Pseudonym "DOOM". Für das 24-Stunden-Rennen sind außerdem Oliver Kriese, Michael Lachmeyer und Nürburgring-Youtuber Michail "Misha" Charoudin gemeldet.

Beim 24h-Qualifikationsrennen sorgte der Dacia gleich für einen "Klassiker"-Moment: Ein Blinker-Relais hatte einen Kurzschluss, sodass der Blinker sich mehrfach von selbst einschaltete. Den "Blinking Dacia" setzte das Social-Media-Team des Rennens sogleich in Szene. Dieser Status erzielte mehr "Herzen" bei Twitter als Frank Stipplers spektakuläres Überholmanöver. Das Team verfügt auch über einen eigenen Instagram-Account.

Die Truppe ist das beste Beispiel, dass der klassische Breitensport der alten Schule auf der Nürburgring-Nordschleife noch immer möglich ist. Doch der Aufwand ist verglichen mit früher immer noch groß. Zwölf Helfer plus vier Fahrer werden benötigt, um den Einsatz zu stemmen. Die Zeiten, als es eine Familienangelegenheit mit einstelligem Personalaufwand gewesen ist, sind endgültig vorbei.

Den Traum zu leben ist teuer

Auch kostenseitig ist der Aufwand in all den Jahren gestiegen. Unter 35.000 Euro dreht sich beim 24-Stunden-Rennen auch beim Dacia Logan kein Rad. Hinzu kommen noch einmal 4.000 bis 4.500 Euro für einen NLS-Lauf. Macht ein Jahresbudget von rund 50.000 Euro, um den Aufwand zu stemmen - ein Vielfaches der Anschaffungskosten des Fahrzeugs.

Ollis Garage Racing, Grillen

Verpflegung gibt es nach alter Schule frisch vom Grill Zoom

"Wir haben den Vorteil, dass wir Ersatzteile aus dem Großserienbereich nehmen", so Bussmann. "Ein Querlenker ist beispielsweise Großserientechnik. Auf der anderen Seite können wir nicht so über Randsteine räubern wie ein GT3-Auto, das dafür gebaut ist. Da müssen wir etwas zurückhaltender sein, denn am Ende ist es ein Serienwagen."

Natürlich gibt es beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring 2021 nur die halbe "Experience", für das Team, weil die Zuschauer fehlen. "Unsere Planungen gehen erstmal nur bis zu diesem Rennen. Aber wir freuen uns so sehr über den Zuspruch der Fans, dass wir hoffentlich auch kommendes Jahr wieder dabei sein werden und vor Fans fahren können. Das müssen wir noch erleben."

Das Team wird sich nach dem Rennen zusammensetzen und beraten, wie es mit dem Dacia Logan weitergeht. Die Zeichen stehen gut, dass er weiter eingesetzt wird. Und vielleicht erreicht er eines Tages den Kultstatus wie der Mini "Kleines Arschloch".