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Sebastian Vettel: "Das Kapitel Ferrari ist noch nicht beendet"

Ferrari-Star Sebastian Vettel spricht über Freundschaften in der Formel 1, was Motorsport ihm wirklich bedeutet und warum er ein glückliches Leben führt

Sebastian Vettel
Sebastian Vettel zeigt sich im Interview von seiner persönlichen Seite
© LAT

(Motorsport-Total.com) - Sebastian Vettel ist glücklich. Als kleiner Junge hatte er Michael Schumacher im Ferrari als Poster in seinem Kinderzimmer hängen. Jetzt fährt er selbst für die legendäre Scuderia. Als viermaliger Formel-1-Weltmeister. Alle Träume, die er irgendwann einmal hatte, sind in Erfüllung gegangen.

Bis auf einen: auf Ferrari Weltmeister zu werden. Ob das 2017 klappen wird, steht nach der jüngsten Pleitenserie bei der Asientournee mehr denn je in den Sternen. Als wir uns mit dem 30-Jährigen zum Interview getroffen haben, war er noch guter Dinge. Das war aber vor Suzuka.

Wer ihm zuhört, der ahnt, dass er nicht vom Ferrari-Traum loslassen wird, bis er den Titel gewonnen hat. Genau so, wie es einst "Schumi" gelungen ist. Der hat dafür übrigens fünf Anläufe gebraucht.

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2017 ist gerade mal Vettels dritter ...

Motorsport im Blut, von Kindheit an

Frage: "Sebastian, welche Bedeutung hat Motorsport in Ihrem Leben?"
Sebastian Vettel: "Es bedeutet mir alles. Zumindest bis zur Geburt meiner Kinder war das so."

Frage: "Sind Sie zufrieden mit dem, was Ihnen der Motorsport in Ihrer bisherigen Karriere gegeben hat?"
Vettel: "Ja. Ich mache das nicht allein an Erfolgen fest. Abseits davon, ob ich erfolgreich war oder nicht, hatte ich großartige Möglichkeiten. Zum Beispiel tolle Autos zu fahren, aufregende Fahrzeuge. Ich durfte mit großartigen Leuten zusammenarbeiten und habe mir am Ende meinen großen Traum erfüllt, nämlich für Ferrari zu fahren."

"Das Kapitel ist noch nicht beendet. Ich möchte mit Ferrari gewinnen. Aber wenn man mal eine Sekunde etwas zurücktritt und auf die Karriere schaut, dann muss ist sagen, dass ich mich sehr, sehr glücklich schätzen darf."

Frage: "Gab es bei Ihnen mal einen Morgen, an dem Sie aufgestanden sind und dachten: 'Oh nein, heute will ich nicht an die Rennstrecke!'"
Vettel: "Nein, denn das ist das, was ich genieße. Wie am ersten Tag mag ich es, Rennautos zu fahren, mit dem Team zu arbeiten. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ohne das wäre. Aber natürlich ist es nach vielen Jahren mit so vielen Fragen so ..."

"Vielleicht mag ich diese Seite nicht, oder ich kann zumindest nicht behaupten, dass ich es sehr liebe. Es gibt Leute, die sind sehr extrovertiert, die suchen die Kameras und wollen gesehen und fotografiert werden. Ich gehöre nicht zu denen. So dürfte klar sein, dass ich diese Seite des Jobs nicht so mag, aber ich verstehe natürlich, dass es einfach dazugehört. Meine größte Motivation ist aber das Fahren der Autos und die Arbeit mit dem Team."

Frage: "Man spricht oft über den Druck in der Formel 1, den man wohl akzeptieren muss. Ist das gut für Sie, oder hat das manchmal auch negative Auswirkungen?"
Vettel: "Das hängt davon ab. Natürlich kann man einfach sagen, dass zu viel Druck nicht gut ist. Überhaupt kein Druck ist aber auch nicht gut. Es muss also etwas in der Mitte sein. Ein Leben ohne Druck ist doch langweilig. Man sollte aber immer selbst derjenige sein, der darüber entscheidet, wie viel Druck es sein darf. Wenn das nicht der Fall ist, dann läuft etwas falsch."

Über den Druck als Ferrari-Fahrer

"Ich habe mich bezüglich dessen, was ich von mir selbst erwarte, überhaupt nicht verändert. Ich setze mich mehr selbst unter Druck, als man es von außen jemals tun könnte. Man sollte jederzeit im Leben für sein Tun auch die Verantwortung übernehmen. Wenn das so ist, dann bist du gleichzeitig auch immer die Person, die am besten bemessen kann, ob du einen guten Job gemacht hast oder nicht, ob du richtig liegst oder auch mal nicht. Das meine ich."

"Wenn es so läuft, dann bestimmst du den Druck selbst, den du dir machst. Wenn man sich dann selbst zu sehr fordert und unter Druck setzt, dann geht es schief. Das wird sich schlecht anfühlen. Wenn es Außenstehende sind, die das Maß des Drucks bestimmen und die Gefühle und Erwartungen schüren, dann stimmt etwas nicht."

Frage: "Ist es möglich, im Fahrerlager echte Freunde zu haben?"
Vettel: "Ja, durchaus. Aber es ist schwierig. Woran macht man denn fest, wer ein echter Freund ist? Muss man ihn dafür dreimal pro Woche sehen? Nein. Ich mache Freundschaften nicht daran fest, wie oft ich jemanden sehe. Eigentlich bewerte ich Freundschaften nur daran, wie man miteinander auskommt, ganz einfach gesagt."

"Es gibt schon Leute, mit denen ich gut auskomme. Und wir verbringen im Fahrerlager auch Zeit miteinander. Das heißt aber nicht, dass wir in der freien Woche gleich zusammen Bier trinken gehen, denn die Pause zwischen den Rennen lässt sowieso sehr wenig Raum. Man sieht sich ja schnell wieder."

"Ein guter Gradmesser für Freundschaft ist für mich, wie oft man in Kontakt steht. Es gibt Leute, mit denen ich in der Vergangenheit zusammengearbeitet habe, die aber die Formel 1 verlassen haben und nun etwas ganz anderes machen. Mit denen stehe ich heute noch in Kontakt. Das würde ich als Freundschaft bezeichnen."

"Wie viele Freunde hat man denn im Leben? Wenn man mir sagt, es seien fünf oder zehn - dann Kompliment! Für mich sind es nur ein, zwei oder drei. Und die habe ich seit vielen, vielen Jahren zum Freund. Vielleicht ist das auch eine Generationenfrage. So ist es aber halt."

Schwächen? Rede lieber über meine Stärken!

Frage: "Haben Sie Schwächen?"
Vettel: "Das sollte man jemand anders fragen. Schwächen? Ich bin manchmal stur, vielleicht zu stur. Und weitere Dinge gibt es wohl auch noch. Fragen Sie mich lieber nach Stärken. Bei Schwächen weiß ich nicht. Da muss man wirklich besser andere Menschen fragen."

Frage: "Sie sind jetzt 30 Jahre alt. Was macht Sie glücklich? Sind es ausschließlich Siege oder auch andere Dinge?"
Vettel: "Ich genieße es. Ich bin glücklich und fühle mich geehrt, dass ich für Ferrari fahren darf. Aber natürlich will ich immer gewinnen. Bemesse ich mein persönliches Glück an der Anzahl der Erfolge? Wahrscheinlich nicht."

"Was mich glücklich macht: Wenn ich aus dem Auto steige und sagen kann, dass ich alles gegeben habe. Ich bin dann also zufrieden mit meiner Leistung. Extrem glücklich macht es mich auch, zu sehen, wie wir als Team alle gemeinsam agieren und an einem Strang ziehen. Abseits des Rennsports sind es natürlich die Herausforderungen, die ich zu Hause habe, die mich sehr glücklich machen."

Frage: "Wovor haben Sie Angst?"
Vettel: "Inwiefern?"

Frage: "Im Leben ..."
Vettel: "Ganz normale Dinge. Die ganz normalen Dinge, um die man sich mit 30 seine Gedanken macht. Da bin ich nicht anders als alle anderen auch. Ich mag einen besonderen Beruf haben, den nur 20 Menschen in der Welt haben, aber in Bezug auf Ängste, Schwierigkeiten und Herausforderungen ist mein Leben ganz normal. Und ich gehe auch ganz normal damit um. Wie jeder andere halt, der vielleicht keinen solch besonderen Job macht."

"So ist es mit meinen Ängsten. Da gibt es nichts, was sich irgendwie von anderen unterscheidet. Je älter man wird, desto mehr Gedanken macht man sich über die eigene Gesundheit, über die Menschen, die man liebt, die um einen sind, über die Familie. Es geht da mehr um solche Dinge. Wenn man jung ist, dann fürchtet man sich vor nichts, denke ich. Wenn man etwas älter wird, dann kommen immer mehr solche Gedanken auf."

Frage: "Von außen ist es schwierig zu verstehen: Was hat sich bei Ferrari von 2016 auf 2017 verändert? Es sind nahezu die gleichen Leute am Werk, aber das Auto ist plötzlich richtig gut und Sie können um die WM kämpfen. Was hat sich genau verändert?"
Vettel: "Nicht viel. Es sind wirklich mehr oder weniger die gleichen Beteiligten. Ich habe das immer schon gesagt: 2016 war ein schwieriges, aber ein sehr wichtiges Jahr, weil wir die internen Strukturen zum Besseren verändert haben. Das sollte uns stärker machen."

Ferrari hat Chance des neuen Reglements genutzt

"Natürlich darf man auch nicht vergessen, dass der Regelumbruch in diesem Jahr eine neue Chance gebracht hat, die wir nutzen konnten. Wir sind aber immer noch nicht ganz zufrieden, denn wir wollen ganz vorne sein."

"Abgesehen davon muss aber bei uns auch noch einiges passieren. Ich meine damit nicht, dass wir womöglich noch viele Leute austauschen müssen. Das ist allerdings das, was die meisten denken, wenn man von Veränderungen spricht. Dann heißt es sofort: 'Ah, ihr müsst Leute austauschen.' Nein! Manchmal passt man im Gefüge mit den gleichen Leuten einige Kleinigkeiten an und schon läuft es viel besser."

"Das Potenzial ist bei Ferrari vorhanden, die richtigen Leute sind an Bord, genügend talentierte Menschen. Es geht nur darum, die Zusammenarbeit zu optimieren. Dann wird alles passen."

Frage: "In Sepang war Ihre Aussage überraschend, dass Sie alle verbleibenden Saisonrennen gewinnen wollen. Das erscheint auf den ersten Blick unmöglich. Aber dann war die Performance auf der Strecke so stark ..."
Vettel: "Es hängt aber immer viel davon ab, wie die Rennen so laufen. Wenn man an Malaysia denkt, wo ich vom letzten Platz starten musste, dann wird so etwas natürlich extrem schwierig. Aber das Tempo ist da, das Auto kann es. Wir sind zuversichtlich, dass wir weiter zulegen werden."

"Dann hängt es natürlich auch davon ab, was die anderen machen. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass wir in diesem Jahr von Anfang an gezeigt haben, dass unser Auto gut und unser Entwicklungstempo ebenso gut ist. Es geht also in die richtige Richtung."

"Man kann dann natürlich auch über Pech oder Glück sprechen. Ich glaube generell nicht an so etwas, aus Prinzip nicht, Dennoch läuft es manchmal gut, manchmal etwas weniger gut. Es gleicht sich immer wieder aus. Was uns passiert, kann anderen jederzeit auch passieren. Ich wünsche niemanden etwas Schlechtes, aber so läuft es halt im Rennsport."

"Dass man eine Saison ohne Ausfälle über die Bühne bringt, ist sehr selten. Ein Ausfall ist normal; zwei, drei oder vier sind dann schon schwieriger. Wir wollen natürlich mehr als das, was wir jetzt haben. Aber wenn das Tempo passt, dann können wir alles schaffen. Was spricht dagegen? Wir können die nächsten Rennen gewinnen."

Baku schwieriger zu verdauen als Singapur

Frage: "Welcher Sonntag war schwieriger: Baku oder Singapur?"
Vettel: "Baku war in meinen Augen schlimmer, denn ich hatte das Gefühl, mein Team im Stich gelassen zu haben. Etwas, das ich getan habe, kostete uns einen potenziellen Rennsieg. Was in Singapur passiert ist, war einfach etwas, was im Rennsport manchmal passiert. So sehe ich das. Es war unglücklich."

"Ich weiß nicht, wie viele Startunfälle es in der Formel 1 schon gegeben hat - und es wird noch weitere geben. Wenn du mal davon betroffen bist, ist das natürlich immer ätzend. Anders kann man es nicht beschreiben. Kam das dort zum richtigen Zeitpunkt? Nein. Aber egal. Es ist passiert. Wir können es nicht ändern. Wir müssen uns auf das konzentrieren, was wir noch beeinflussen können."

Frage: "Wenn Konzernchef Sergio Marchionne mal wieder Druck macht und Erfolge fordert, ist das dann zu viel? Ist das hart für das Team?"
Vettel: "Nein. Mein Gefühl ist, dass seine Aussagen manchmal auch in den Übersetzungen zu drastisch gewertet und umgesetzt werden. Bei allem, was er sagt, ist er immer ehrlich und geradeaus, und er hat damit recht. Es gibt immer Gründe. Er ist fair."

Sebastian Vettels Weg zu Ferrari

25 Stationen zwischen 2009 und 2014


04.10.2014
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Ein Kindheitstraum wird wahr: Sebastian Vettel fährt seit 2015 für die Scuderia Ferrari und tritt damit in die Fußstapfen seines großen Vorbildes Michael Schumacher. Wir zeichnen Vettels Weg zu Ferrari in 25 Schritten chronologisch nach.
Ein Kindheitstraum wird wahr: Sebastian Vettel fährt seit 2015 für die Scuderia Ferrari und tritt damit in die Fußstapfen seines großen Vorbildes Michael Schumacher. Wir zeichnen Vettels Weg zu Ferrari in 25 Schritten chronologisch nach.

"Manchmal wird darum dann aber zu viel Wirbel gemacht. Was auch immer er der Presse sagt, sagt er genauso intern im Team - vielleicht sogar noch direkter. Für unsere Teammitglieder ist das nichts Neues. Aber für Außenstehende ist das immer eine große Nummer. So etwas erzeugt dann mehr Wirbel als unbedingt nötig, würde ich sagen."

"Wir haben nach meiner Ansicht gelernt, damit umzugehen. Das Wichtigste ist dabei ohnehin, dass es uns als Team nicht beeinflusst."

"Sergio Marchionne ist sehr intensiv involviert. Er ist dem Team sehr eng verbunden - und er ist ein schlauer Mann. Wenn er sieht, was passiert, dann erkennt er sofort, was womöglich falsch läuft. Er hat den gleichen Siegeswillen wie wir alle im Team. Wir alle wollen unbedingt, dass Ferrari siegt. So gesehen macht er uns nicht zusätzlichen Druck. Wenn es in der Presse übersetzt wird, dann klingt es halt nur manchmal so."

Italienisch wird nicht schnell genug besser

Frage: "Vielleicht ist das eine italienische Eigenheit. Sie sind nun zweieinhalb Jahre im Team. Ist Ihr Italienisch besser geworden?"
Vettel: "Damit bin ich nicht zufrieden, das ist eine Schwäche von mir. Noch eine, da haben wir's! Mein Italienisch ist wirklich nicht gut genug. Ich würde es gern noch mehr sprechen. Aber ich bin ein bisschen schüchtern, außerdem einfach noch nicht gut genug."

Frage: "Was gibt Ihnen Italien?"
Vettel: "Ich habe schließlich auch einige Zeit bei Toro Rosso gearbeitet, aber ich finde, Ferrari ist noch italienischer. Bei Toro Rosso war alles etwas einfacher, weil die Besitzer aus Österreich kommen, weil es zu Red Bull gehört. Das kannte ich schon in dieser Art."

"Ferrari ist einfach anders."
Sebastian Vettel

"Ferrari ist ganz anders, weil sie hundertprozentig italienisch sind. Das ist toll. Zu sehen, wie man dort die italienische Kultur lebt, die italienischen Werte im Team sichtbar werden, ist einfach großartig. Das ist ganz anders als in anderen Teams. Die anderen Teams sind sich alle ähnlich, in Bezug auf deren Organisation. Ferrari ist einfach anders. Wenn man Ferrari mit anderen Teams vergleicht, dann hat Ferrari irgendwie etwas ganz Eigenes."

"Ich genieße diese italienische Lebensart. Ich finde es einfach gut, dass man diese besondere Art pflegt und die die Leute die Kultur richtig leben. Ich mag das. Ich mag viele Dinge an Italien. Das macht es vielleicht auch leichter, mit den dortigen Menschen klarzukommen. Ich habe Freude daran. Deswegen bin ich auch enttäuscht, dass mein Italienisch noch zu schlecht ist."

Frage: "Sie haben einen neuen Vertrag unterschrieben, also jetzt noch etwas mehr Zeit ..."
Vettel: "Ja, stimmt. Ich habe drei weitere Jahre, um mich zu verbessern."

Frage: "Die Briefings in Maranello sind aber auf Englisch, oder?"
Vettel: "Ja, die sind immer auf Englisch."

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