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Große Alpine-Analyse: So gut war Mick Schumacher in Katar wirklich!

Mick Schumacher erhält nach seinem Debüt bei Alpine viel Lob und wird von den Teamkollegen geschätzt - Zu Recht? - Wir haben es analysiert

(Motorsport-Total.com) - Einmal ins Kiesbett und keine Punkte: Auf den ersten Blick sieht das Debüt von Mick Schumacher in der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) in Katar nicht nach einem großen Erfolg aus. Doch ein solcher Schnellschuss greift natürlich zu kurz. Denn die Zahlen zeigen ein ganz anderes Bild: Mick Schumacher hat sich bei seinem Debüt und dem des Alpine A424 hervorragend verkauft.

Titel-Bild zur News: Mick Schumacher

Mick Schumacher schlug sich bei seinem Alpine-Renndebüt stark Zoom

Sicher, es war das andere Fahrzeug, das Alpine die ersten Punkte bescherte. Aber man darf nie vergessen: Ein Langstreckenteam funktioniert als Team mit beiden Autos. Und der Alpine #36 von Mick Schumacher, Nicolas Lapierre und Matthieu Vaxiviere war über weite Strecken das besser platzierte Auto.

Mick Schumachers Ausflug ins Kiesbett, ausgelöst durch eine minimale Berührung mit einem LMGT3-Ferrari, kostete letztlich nicht viel Zeit. Schwerwiegender war der Wechsel der Frontpartie am Alpine A424. Dieser war jedoch nicht auf Schumachers Ausrutscher zurückzuführen, sondern auf einen anderen Zwischenfall zu Beginn des Rennens.

Mick Schumacher kollidierte abseits der Kameras mit dem Proton-Ford #77 (Hardwick/Robichon/Barker). Die Stewards untersuchten den Vorfall, entschieden aber aufgrund der Geringfügigkeit des Kontakts auf "no further action".

So lief das Rennen des Alpine #36

Das Rennen der #36 verlief wie folgt: Routinier Nicolas Lapierre fuhr den ersten Doppelstint. Mit seiner Erfahrung war er die beste Wahl für die chaotischen ersten zwei Stunden, in denen sich das Feld erst sortieren musste. Von Startplatz 14 verbesserte er sich auf P10.

Dann übernahm Mick Schumacher seinen ersten Doppelstint. In diesem Stint verlor er einige Positionen. Es wäre aber vermessen, ihm die verlorenen Positionen anzulasten, denn es handelte sich um schnellere Fahrzeuge, die zu Beginn zurückgefallen waren.

Konkret handelte es sich um den Cadillac #2 (Bamber/Lynn/Bourdais), der beim Start eine Kollision hatte und an der Frontpartie repariert werden musste, und den Ferrari #50 (Fuoco/Molina/Nielsen). Letzterer hatte durch einen frühen Reifenwechsel und eine Durchfahrtsstrafe an Boden verloren. Es war also eher eine Wiederherstellung der Positionen.

Nach Schumacher übernahm Matthieu Vaxiviere das Cockpit. Er fuhr nur einen Doppelstint zur Rennmitte und kam danach nicht mehr zum Einsatz. Er verlor eine Position an den Proton-Porsche #99 (Tincknell/Jani/Andlauer), hielt aber den Anschluss. Nun war Schumacher zum zweiten Mal an der Reihe.

Der Mercedes-Formel-1-Ersatzfahrer machte Jagd auf den Proton-Porsche #99 und fuhr kurz vor seinem Boxenstopp zur Mitte des Doppelstints in 1:42.014 Minuten die schnellste Zeit aller sechs Alpine-Piloten. Tatsächlich lag der Alpine nach dem Stopp wieder vor dem privat eingesetzten Porsche 963, da dieser einen Full Service hinter sich hatte.

Ob es gereicht hätte, den Proton-Porsche auf Distanz zu halten, werden wir nicht erfahren, denn dann erfolgte der Besuch im Kiesbett. Der kostete rund zehn Sekunden. Schumacher übergab wieder an Lapierre, der das Rennen mit einem Stint beendete, der etwas mehr als einem Doppelstint entsprach.

Der erste Teil dieses Schlussstints war überraschend schwach und Lapierre musste den Toyota #8 (Buemi/Hartley/Hirakawa) ziehen lassen. Auch der Alpine #35 (Chatin/Habsburg/Milesi) und der BMW #20 (S. van der Linde/Frijns/Rast) kamen durch strategische Manöver vorbei. So beendete die #36 das Rennen auf P13, der durch die Disqualifikation des Peugeots #93 (Jensen/Müller/Vergne) noch zum zwölften Platz wurde.


Bester Alpine-Fahrer: So gut war Mick Schumacher beim WEC-Auftakt!

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Tempo: Mick Schumacher schnellster Alpine-Pilot

Die Analyse von Rundenzeiten im Langstreckensport ist nicht einfach. Einerseits wird das Bild oft durch den Verkehr beeinflusst. Zum anderen ist das effiziente und sichere Überholen anderer Fahrzeuge einer der wichtigsten Aspekte des Langstreckensports.

Als Faustformel hat sich etabliert, dass der Durchschnitt der schnellsten 40 Prozent der Rundenzeiten einen guten Kompromiss darstellen. Dementsprechend haben wir die schnellsten 40 Prozent der Rundenzeiten aller sechs Alpine-Fahrer analysiert. Natürlich kann man nicht sagen, ob die #35 vielleicht ein etwas anderes Set-up gefahren ist als die #36.

Zunächst zu der Anzahl gefahrener Runden:
- Matthieu Vaxiviere: 65 Runden (40 Prozent: 26 Runden)
- Paul-Loup Chatin: 66 Runden (40 Prozent: 26 Runden)
- Mick Schumacher: 128 Runden (40 Prozent: 51 Runden)
- Ferdinand Habsburg: 133 Runden (40 Prozent: 53 Runden)
- Charles Milesi: 134 Runden (40 Prozent: 54 Runden)
- Nicolas Lapierre: 139 Runden (40 Prozent: 56 Runden)

Die Fehlerabweichung ist bei Vaxiviere und Chatin also tendenziell etwas größer als bei den anderen vier Piloten, die alle in etwa die gleiche Distanz zurückgelegt haben.

Durchschnitt der 40 Prozent schnellsten Rundenzeiten aller sechs Alpine-Fahrer bei den 1.812 km Katar

Durchschnitt der 40 Prozent schnellsten Rundenzeiten aller sechs Alpine-Fahrer bei den 1.812 km Katar Zoom

Die Durchschnittszeiten zeigen, dass Mick Schumacher mit 1:43.020 Minuten der schnellste aller Alpine-Piloten war, gefolgt von Paul-Loup Chatin (1:43.170) und Matthieu Vaxiviere (1:43.226) - also jenen Piloten, die insgesamt nur einmal im Cockpit saßen.

Danach folgen in ziemlich gleichmäßigen Abständen Charles Milesi (1:43.438), Ferdinand Habsburg (1:43.641) und Nicolas Lapierre (1:43.767). Als Faustregel gilt, dass eine Streuung von einer Dreiviertelsekunde zwischen dem schnellsten und dem langsamsten Piloten für eine professionelle Paarung im Rahmen ist, ideal wäre eine Streuung von weniger als einer halben Sekunde.

Natürlich kann bei dieser Analyse nicht berücksichtigt werden, wer wann frische Reifen hatte oder wann die Bedingungen besonders günstig oder ungünstig waren. Unterm Strich bleibt aber festzuhalten, dass sich Mick Schumacher vom Speed her hervorragend verkauft hat.

Und letztlich ist es immer besser, schnell zu sein und einen kleinen Fehler zu machen, als einfach zu langsam zu sein. Denn die Fehler lassen sich mit zunehmender Erfahrung abstellen.

Viel wichtiger ist, dass sich Mick Schumacher gut ins Team integriert hat. Schon vor dem Rennen sagte Lapierre: "Als Mick in Jerez zum ersten Mal bei uns war, gab es zwei Möglichkeiten, die jeder Fahrer hat, der von den Monoposti kommt."

"Entweder er will ein echter Sportwagenfahrer sein, sich das Auto teilen und mit seinen Teamkollegen arbeiten, oder er will einfach nur eine Show abziehen. Ich war von Mick vom ersten Tag an sehr positiv überrascht. Er wollte unbedingt im Team arbeiten, und das passt sehr gut zu ihm. Und sein Tempo war von Anfang an sehr schnell. Daran hatten wir keinen Zweifel."


Fotos: WEC 2024: 1.812 Kilometer von Katar


Letztlich bringt Schumacher also beide Qualitäten mit, die einen exzellenten Langstreckenpiloten ausmachen. Er war der schnellste Fahrer, aber auch nicht übermäßig schneller als seine Teamkollegen. Denn der beste Performer im Auto nützt auf der Langstrecke nichts, wenn die Teamkollegen mit seinem Set-up nicht zurechtkommen. Jetzt fehlt nur noch die Erfahrung mit dem Verkehr, die sich beim Testen nicht simulieren lässt.

Das sagt Alpine nach dem Rennen

Alpine kann das Debüt des A424 als Erfolg verbuchen. Beide Fahrzeuge kamen ohne technische Probleme durch und die #35 holte sogar WM-Punkte. Philippe Sinault, Chef des Einsatzteams Signatech: "Wir wussten, dass es eine Herausforderung sein würde, ein 10-Stunden-Rennen auf einer neuen Strecke in Angriff zu nehmen, aber wir sind mit dieser Performance zufrieden."

"Wir sind ein sauberes Rennen gefahren. Mit beiden Autos ins Ziel zu kommen, eines davon in den Top 10, ist eine tolle Leistung. Dadurch, dass wir mit beiden Crews ins Ziel gekommen sind, hat das gesamte Team - von den Mechanikern über die Ingenieure bis hin zu den Fahrern - viel über unser technisches und menschliches Paket gelernt."

Das ist vielleicht der wichtigste Punkt, denn mit der Menge an Daten lässt sich nun viel Analysearbeit betreiben. Zum Beispiel, warum ausgerechnet der erfahrene Lapierre etwas hinter seinen Teamkollegen zurücklag oder was bei den Boxenstopps verbessert werden kann.

Hier leistete sich Alpine bei der #35 einen kleinen Fauxpas: Bei einem Boxenstopp überquerten die Mechaniker die weiße Linie zu früh, was eine 5-Sekunden-Strafe nach sich zog. Kleinigkeiten, die eines Tages über Sieg oder Niederlage entscheiden können.

"Ich möchte jedem einzelnen Teammitglied danken und gratulieren. Ich habe selten Leute gesehen, die sich so für ein Projekt eingesetzt haben", so Sinault weiter. "Nach diesen zehn intensiven Tagen in Katar ist das Fundament gelegt. Wir haben einen weiteren Schritt nach vorne gemacht, aber wir wissen, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben. Wir müssen weiter lernen - in allen Bereichen."

Mick Schumacher kommentiert auf der Plattform X: "Dieses Wochenende nenne ich mal eine Erfahrung. Ich habe so viel gelernt, nicht nur in diesen zehn Stunden, sondern auch in den zehn Tagen, die wir hier in Katar verbracht haben, um uns auf dieses Event vorzubereiten."

"Glückwunsch an unser Schwesterauto #35 und das Team zu diesem großartigen Ergebnis. Nach nur acht Monaten Test- und Entwicklungszeit in die Punkteränge zu fahren, ist eine unglaubliche Leistung. Ich möchte allen Beteiligten danken, dass sie mich auf diese Reise mitgenommen haben. Ich bin sehr gespannt, was die Zukunft für uns bereithält!"