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Vergessene Studien: Renault Prototype H (1968)

Ein Achtzylinder von Renault? Das gab es nach 1945 nur in der Formel 1 - Dabei war Ende der 1960er-Jahre ein Renault-Pkw mit V8 fast fertig: das Projekt H

(Motorsport-Total.com/Motor1) - Name: Renault Prototype H
Premiere: nie erfolgt, Prototyp von 1968 wird auf der Rétromobile 2020 in Paris gezeigt
Technische Daten: 4,90 Meter Länge, 3,5-Liter-V8

Renault H Prototype (1968) Zoom

Hintergrund:

Ein Auto von Renault mit V8? Aus heutiger Sicht unvorstellbar, wo die Marke auf Elektro und Plug-in-Hybrid setzt. Doch in den 1960er-Jahren schielte der damalige Staatskonzern sogar in Richtung Mercedes. So entstand das ungewöhnliche "Projekt H". Und zwar ebenso ungewöhnlich unter Mitwirkung von Peugeot.

Über die Hintergründe findet man heute auf offiziellen Renault-Presseseiten so gut wie nichts. Zum Glück liefert die interessante Facebook-Seite Car Design Archives einen umfangreichen Blick hinter die damaligen Kulissen.

Peugeot und Renault schlossen sich am 22. April 1966 zusammen mit dem Ziel, den Einkauf und die Fertigung zusammenzulegen und die Forschung zu bündeln. Die beiden französischen Konzerne hatten die EWG-Zollunion am 1. Juli 1968 ins Visier genommen.

Damit sollten die Zölle innerhalb der sechs Gründerstaaten des Gemeinsamen Marktes abgeschafft und die Zölle außerhalb der Grenzen der EWG harmonisiert werden. Dies war nichts weniger als das Ende des Protektionismus, der bislang für fette Umsätze der heimischen Autohersteller gesorgt hatte und unweigerlich den Wettbewerb erhöhen würde.

Es wurden sowohl bei Renault als auch bei Peugeot beträchtliche Ressourcen freigesetzt und viele Projekte in Angriff genommen, darunter die Planung zukünftiger Produkte. Der verantwortliche Mann dahinter war Bernard Hanon, später von 1975 bis 1982 Renault-Chef. Er musste schnell ein separates Sortiment für die beiden Hersteller aufstellen, das jeden direkten Wettbewerb vermeiden und, einmal zusammengelegt, alle Marktsegmente abdecken sollte.

Renault H Prototype (1968)

Renault H Prototype (1968) Zoom

Zum Glück zeigten die Chefs der beiden Entwicklungsabteilungen Marcel Dangauthier und Yves Georges eine echte Bereitschaft zur Zusammenarbeit. So sehr, dass hundert Ingenieure von Renault über Nacht mit ihren Zeichenbrettern bei Peugeot eintrafen.

Die erste gemeinsame Studie betraf ein Duo unter dem Code M121: Daraus entstand später der 104 auf Peugeot-Seite und der R14 auf der Renault-Seite nach der Aufgabe des kleinen R2. Letzterer wurde aus wirtschaftlichen Gründen verworfen, ohne dass der Partner informiert war.

Stattdessen entwickelte Renault den 1972 erschienenen R5 (interner Projektname: 122) in Eigenregie, der de facto in direktem Wettbewerb mit dem 104 (auch 1972 vorgestellt) stand. Eine bittere Pille, die für Peugeot nur schwer zu schlucken war.

Das zweite Projekt, das man sich im Sommer 1966 gemeinsam ausgedacht hatte, war das Projekt H, ein sehr prestigeträchtiges Fahrzeug, für dessen Entwicklung keiner der Partner alleine die Mittel gehabt hätte und das dazu bestimmt war, den Citroën DS im Élysée-Palast zu entthronen.

Die gewaltige, 4,90 Meter lange Fließheck-Limousine sollte von einem 3,5-Liter-V8-Motor mit 90-Grad-Winkel angetrieben werden. Peugeot wurde mit der Entwicklung dieses Motors beauftragt. Nicht nur optisch nutzte der H viele Elemente des innovativen Renault 16, der 1965 für Aufsehen gesorgt hatte.

Renault H Prototype (1968)

Renault H Prototype (1968) Zoom

Aber natürlich lag der Schwerpunkt auf dem Innenraum, mit einer Ausstattung, die damals noch nicht bekannt war: getrennte Klimaanlage zwischen Vorder- und Rücksitzen (die wir heute als "Zweizonen" bezeichnen würden) oder Rücksitze mit sogar längsverstellbaren Lehnen!

In Bezug auf die äußere Formgebung hatte jeder der beiden Hersteller seinen eigenen Vorschlag. Aber bei einer geplanten Produktion von 150 oder sogar 200 Einheiten pro Tag musste letztlich eine Karosserie ausgewählt und von beiden Marken gemeinsam genutzt werden.

Für Renault wurden offenbar drei Modelle im Maßstab 1:1 unter der Leitung von Gaston Juchet hergestellt, die vom Renault 16 inspiriert waren: eine amerikanisch angehauchte Fließheck-Version, die auf der Rétromobile 2020 präsentiert wird, aber auch eine Version mit angedeutetem Stufenheck sowie eine klassische Limousine.

Aber bei diesem Projekt kam noch eine Überraschung von Peugeots Seite. Dort hatte man keine Zeit, um am H zu arbeiten, die stilistische Arbeit wurde an Pininfarina delegiert. Unter der Leitung von Aldo Brovarone konzipierte der italienische Karosseriebauer einen Wagen mit Stufenheck. Anfang 1967 wurde dieses Fahrzeug im Rahmen einer internen Präsentation dem Renault-Trio gegenübergestellt.

Renault H Prototype (1968)

Renault H Prototype (1968) Zoom

Doch das Projekt H sollte kein Happy End haben. Im Juli 1967 rechnete man alles genau durch. Bei einem Selbstkostenpreis von 9600 Francs und einem Verkaufspreis von rund 19500 Francs je nach Ausführung schien die Rentabilität des Modells auf dem Papier gesichert zu sein, selbst unter Berücksichtigung der 15 Prozent Kommission, die an die Händler gezahlt wurde.

Aber auf der Investitionsseite begannen bei Renault und Peugeot die Zweifel. Insgesamt 190 Millionen Francs galten als erforderlich, um das Projekt H zu verwirklichen. Aber war der französische Markt bereit, 150 bis 200 Fahrzeuge pro Tag des neuen nationalen Flaggschiffs aufzunehmen? Zudem sprach angesichts des eigenwilligen Designs wenig dafür, dass die Verkäufe im Ausland besonders gut sein würden.  

Trotz der bereits investierten 7,4 Millionen Francs - zwei Drittel davon wurden von Renault investiert - zeigte eine Marktstudie, die von Bernard Hanon in Auftrag gegeben wurde, dass der Erfolg des Modells bei weitem nicht garantiert war und dass es sich um ein riskantes Spiel handelte. Tatsächlich bestätigte die Ölkrise von 1973 alle Skeptiker.

Renault H Prototype (1968)

Renault H Prototype (1968) Zoom

Die Zeit der Euphorie war vorbei, um das Jahr 1968 herum wurde das Projekt H aufgegeben und die Ansprüche nach unten korrigiert. Stattdessen fasste man ein neues, um 20 cm verkürztes gemeinsames Programm ins Auge: Projekt J für Peugeot und 120 für Renault.

1971 nahmen Renault und Peugeot Gespräche mit Volvo auf, um den V8 rentabler zu machen. 1974 wurde der Achtzylinder um zwei Zylinder gekappt, es entstand der legendäre PRV-Motor, benannt nach den Anfangsbuchstaben der beteiligten Firmen.

Bei Renault kam der V6 in dem Fahrzeug zum Einsatz, dass man intern "127" nannte: 1975 debütierte der Renault 30. Mit seinem Vierzylinder-Schwestermodell, dem Renault 20, führte der R30 die Fließheck-Idee des Projekt H fort.

Und Peugeot? Dort entwickelte sich ein Teil des "Projekt J" zum 604. Diese 4,72 Meter lange Stufenheck-Limousine erschien wie der Renault 30 im Jahr 1975. Ihr Design stammte von Pininfarina. Der andere Teil des Projekt J mündete 1977 im Peugeot 305.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Peugeot schon längst einen anderen Partner gefunden: Durch die Übernahme von Citroën entstand der PSA-Konzern. Doch erst 1982 endete die Produktion des Renault 14, der mit Peugeot-Motoren vom Band lief.

Quelle: Renault/Car Design Archives via Facebook

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