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Opel P4 (1935-1937): Kennen Sie den noch?

In den 1930er-Jahren stieg Opel zum Massenhersteller von Autos auf. Maßgeblich half dabei der P4 - Der Wagen für das Volk wurde zum Politikum

(Motorsport-Total.com/Motor1) - Man kennt sie. Und irgendwie auch wieder nicht. Die Rede ist nicht von den eigenen Nachbarn, sondern von Autos, die so unauffällig blieben, dass sie heute nur eingefleischte Fans noch kennen. Solche Modelle müssen nicht zwangsläufig Flops gewesen sein, aber sie liefen unter dem Radar des gewöhnlichen Autokäufers. In unregelmäßiger Folge holen wir hier unter dem Titel "Kennen Sie den noch?" solche Old- und Youngtimer aus dem Nebel des Vergessens.

Unser heutiger Kandidat führt uns weit zurück in die Vergangenheit. So weit, dass ihn nur noch wenige zu dessen Lebzeiten gesehen haben. Hinzu kam, dass er nicht lange leben durfte. Darf ich vorstellen: der Opel P4, gebaut von 1935 bis 1937.

Doch gestatten Sie mir, unseren Zeitreise-DeLorean auf das Jahr 1929 einzustellen. Da sind wir: Kurz vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise schlüpft die Familie Opel samt ihres Konzerns unter das große Dach von General Motors. Ein cleverer Schachzug, wie sich zeigt. Die neuen Bosse aus Amerika kennen sich mit Massenproduktion aus und stoppen erst einmal die Luxusmodelle der Marke Opel. Nun wird der Markt vom anderen Ende her aufgerollt: 1931 kommt der Opel 1,2 Liter auf den Markt.

Genau 2.000 Mark kostet er, ideal zu einer Zeit, in der auf den Pfennig geachtet werden muss. Zudem hat GM genau beobachtet, dass Deutschland damals noch ein Entwicklungsland ist, was die Pkw-Dichte angeht. Ein Wachstumsmarkt wie heute China oder Indien also, wäre da nicht die Weltwirtschaftskrise. 1932 sinkt die gesamte Opel-Produktion auf knapp 21.000 Fahrzeuge.

Für neue Impulse schiebt Opel einen Ableger des 1,2 Liter mit nur 1,0 Liter Hubraum nach, der lediglich 1.890 Reichsmark kostet. Im gleichen Jahr 1933 kommen die Nationalsozialisten an die Macht. Speziell der Automobilsektor ist ein Steckenpferd von Hitler, welches er geschickt politisch ausnutzt. Schon im April 1933 wird die Kfz-Steuer abgeschafft (aber 1935 wieder eingeführt), um den Absatz von Autos anzukurbeln.

Diese Maßnahme kommt vor allem Anbietern preisgünstiger Autos gelegen, bis 1935 produziert Opel über 100.000 Exemplare des 1,2 Liter. Parallel zu dieser Massenfertigung wird der Wagen immer günstiger und beginnt zuletzt bei 1.850 Mark. Kein Wunder also, dass sich Opel gute Chancen ausrechnet, den von Hitler propagierten "Volkswagen" bauen zu dürfen.

Quasi als Kompetenznachweis lanciert Opel 1935 den P4, eine Weiterentwicklung des 1,2 Liter mit anderer Frontpartie und neuem 1,1-Liter-Motor. Betreten wir also einen Händler-Schauraum und sehen uns den P4 einmal genauer an.

Opel P4

Opel P4 Zoom

Aufwendige Technik bietet der P4 nicht, das verbietet sich ob des günstigen Preises. (Damit ist er quasi Großvaters Dacia.) Das Fahrgestell ist ein Leiterrahmen aus U-Profilen. Die Räder sind an blattgefederten Starrachsen mit hydraulischen Stoßdämpfern aufgehängt. Die vier Bremsen werden über Seilzüge betätigt, sowohl per Bremspedal, als auch mit der Handbremse - mit Hebel im Innenraum.

Die aus Holz und Stahl bestehende zweitürige Karosserie wird auf den Rahmen aufgesetzt, die Türfenster sind mit einer Handkurbel versenkbar. Nur Front- und Heckscheibe bestehen aus Sekurit-Sicherheitsglas.

Um den Preis niedrig zu halten, folgt Opel in gewisser Art dem Konzept des Ford Model T: Lieferbar sind anfangs nur zwei Farben, grau und dunkelblau, jeweils mit schwarzen Kotflügeln. Das Dachmittelteil besteht bei Standard- und Spezial-Limousine (Spezial ist die noblere Version, Standard die absolute Basis) aus einem fest installierten Kunststoffeinsatz.

Das zusammenlegbare Verdeck der Cabrio-Limousine ist aus hellgrauem Segeltuch mit einem Rückfenster aus Glas. Das Armaturenbrett ist serienmäßig mit zwei großen, grünlich beleuchtbaren Rundinstrumenten mit Tachometer, Kilometerzähler, Benzinuhr und Ölmanometer, sowie Schaltern für die Lichtanlage, den Scheibenwischer und die Winker ausgestattet.

Die Lehnen der nur am stehenden Fahrzeug verstellbaren Vordersitze sind umlegbar. Es gibt eine Innenbeleuchtung und einen innen angebrachten Rückspiegel, ein offenes Handschuhfach und zwei Türtaschen. Zweckmäßig ist der Opel P4 also ausgestattet, aber nicht armselig.

Die elektrische Anlage wird von einer 6-Volt-Lichtmaschine gespeist, die Batterie ist unter der zweiseitig aufklappbaren Motorhaube eingebaut. Ein Fußschalter betätigt den Anlasser. Auch der Abblendschalter befindet sich im linken Fußraum. Am Fahrzeugheck sind zwei Leuchten angebracht, die Rücklicht, Bremslicht und Kennzeichenbeleuchtung enthalten.

Der Benzintank ist unterhalb der Rückwand angebaut, er fasst 25 Liter. Das Fahrzeug ist 3,34 m lang und ohne Sonderzubehör je nach Version zwischen 755 und 790 Kilogramm schwer. Der schon erwähnte 1,1-Liter-Motor bringt es auf 23 PS, das reicht für 85 km/h. "Autobahnfest" heißt es bei Opel.

Zum Knüller wird aber der Preis: Natürlich sind mindestens 1.650 Reichsmark für den normalen Arbeiter immer noch eine Menge Holz. Aber der Opel P4 ist damals das günstigste vollwertige Auto auf dem Markt. Und Rüsselsheim legt nach: Anfang 1937 sinkt der Grundpreis auf nur noch 1.450 Mark.

Opel P4, Werbeplakat

Werbeplakat für den Opel P4 Zoom

Verdächtig nahe an den 990 Mark, die Hitler als (unrealistisches) Ziel für sein Volkswagen-Projekt fordert. Opel macht sich durchaus berechtigte Hoffnungen auf den Zuschlag. Massenfertigung kann man, zudem wähnt man sich mit der neuen Fabrik in Brandenburg (in der dann aber doch der Lkw Opel Blitz vom Band läuft) fast am Ziel.

Doch 1937 arbeitet Ferdinand Porsche bereits fleißig am späteren VW, den übrigens nach 1945 ein gewisser Heinrich Nordhoff zu voller Blüte führen wird. Nordhoff leitete in den 1930ern das Lastwagen-Werk von Opel in Brandenburg.

Und so kommt auf Druck der politischen Führung nach nur zwei Jahren das Aus für den P4, der sich in diesem Zeitraum 65.864-mal verkauft. Diese Popularität, verbunden mit einer Vorahnung weiterer Preissenkungen, dürften dazu geführt haben, dass man einen gefährlichen Konkurrenten für den VW ausschalten wollte.

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Hinzu kam die Tatsache, dass mit General Motors ein ausländisches Unternehmen vom Erfolg des P4 profitierte. Ein Umstand, der den nationalistisch-autark denkenden Nazis ein Dorn im Auge war. Schon seit 1934 war der Gewinntransfer von Devisen ins Ausland verboten worden. Aber wir wollen nicht zu sehr ins Detail gehen, das Thema füllt Bücher. (Empfehlenswert: Henry Ashby Turner - "General Motors und die Nazis" aus dem Jahr 2006.)

Was kam nun nach dem P4? Ein etwas größerer Wagen mit dem gleichen Motor, aber selbsttragender Karosserie. Sein Name: Opel Kadett. Grundpreis: 1.800 Mark, als viertüriger Spezial 2.350 Mark. Auch um ihn keine Konkurrenz zu machen, musste der P4 sterben. Der Kadett wurde ein weiterer Erfolg für Opel, fast 108.000 Fahrzeuge liefen zwischen 1936 und 1940 vom Band.

Nach 1945 wurden die Produktionsanlagen des Kadett in die Sowjetunion verbracht, dort lief er als Moskwitsch weiter. Der Weg war frei für den VW Käfer, erst 1962 schlug Opel mit einem neuen Kadett zurück. Doch das ist eine andere Geschichte.

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