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  • 05.06.2009 · 11:51

  • von Pete Fink

Leute mit Biz: Ossi Kragl und "seine" Nordschleife

Die Nordschleife ist im wahrsten Sinne des Wortes das Zuhause von Ossi Kragl, der am Nürburgring wie kein anderer Marketing und Speed verbinden kann

(Motorsport-Total.com) - "Die Formel 1 ist alle zwei Wochen für zwei Stunden Sport, aber dazwischen knallhartes Business", hat der große Frank Williams einmal gesagt. Für 'Motorsport-Total.com' Grund genug, eine Artikelserie ins Leben zu rufen, die sich mit dem Businessaspekt des Motorsports beschäftigt. In unregelmäßigen Abständen stellen wir eine Persönlichkeit vor, die sich im Motorsportbusiness durchgesetzt hat und mit Biss an ihre Sache herangeht - "Leute mit Biz" eben. Heute in der elften Edition: Ossi Kragl, der Chef der OK Speed Marketing GmbH und Co. KG, die ihren Sitz direkt am Nürburgring hat.

"Der Herr des Rings": Ossi Kragl hat sein Leben der Nordschleife gewidmet

Eifelwetter. Klassische fünf Grad Celsius mit Nebel und natürlich jede Menge Bodenfrost. Das Ganze mitten im Sommer. Über 100 Kunden aus allen Ecken der Welt sind skeptisch, ob die von Kragl im Vorfeld geplanten Fahrten mit dem BMW Ringtaxi überhaupt stattfinden können. Doch der Chauffeur heißt immerhin Hans-Joachim Stuck.#w1#

"Der Hans hat sein Sonargerät angeschmissen und ist mir zuliebe mit einem Journalisten vom 'Daily Mirror' eine vorsichtige Runde gefahren", erinnert sich Kragl. "Der Journalist hat danach einfach nur 'Wow!' gesagt, und die anderen 120 Leute, die an diesem Tag hätten fahren sollen, haben ihm Standing Ovations gegeben."

Nur ein kleines Beispiel von einer Veranstaltung, "nach der die Kunden mit einem Lächeln im Gesicht nach Hause gehen", sagt der Chef der OK Speed Marketing GmbH und Co. KG. "Das ist der besondere Charme der 'Grünen Hölle'. Wenn das hier oben jeder zu jeder Zeit machen könnte, dann würde es vielleicht auch ein bisschen seinen Reiz verlieren."

Permanent an der Nordschleife

Mini Race-Taxi Vredestein

Eine klassische Race-Taxi-Veranstaltung am Ring - dieses Mal mit vielen Minis Zoom

Natürlich ist die Rede von der Nordschleife, deren Spitzname einst aus dem Munde des dreifachen Formel-1-Weltmeisters Jackie Stewart kam. Stewart feierte vor wenigen Tagen seinen 70. Geburtstag und kommt nicht mehr allzu oft an den Nürburgring. Ganz im Gegensatz zu Kragl, für den die Nordschleife längst zum Lebensinhalt geworden ist.

Seine Liebe zum "geilsten Asphaltband der Welt" ging sogar soweit, dass der langjährige Marketingspezialist in Diensten von Castrol und BMW Motorsport mit seinen eigenen Büroräumen mittlerweile in der historischen Wetterstation "auf 623 Metern, und damit dem höchsten Punkt der Nordschleife", eingezogen ist. Von April bis Oktober empfängt Kragl in der Eifel heute teilweise bis zu 600 Kunden auf einmal.

Wie verknüpft er in seiner Firma die Titelbegriffe Speed und Marketing miteinander? "Marketing, Training, Racing ist schon eine recht interessante Wertschöpfungskette", meint der alte Marketing-Fuchs. "Wir steigen im Marketing ein, in dem wir unsere Kunden beraten. Meist geht es dabei um Business-to-Business-Aspekte, nach denen der Kunde in der Lage ist, die Dinge auch zu implementieren."

Soll heißen: "Wir schulen dessen Mannschaft - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Also im Büro und auf der Rennstrecke, um dann anschließend das Incentive auch im Rennsport in Szene zu setzen. Zum Beispiel durch den heißen Copiloten-Sitz oder durch sonstige Rennsportaktivitäten, bei denen der Kunde aktiv mitfahren kann."

Geheimer Kreativprozess

Ossi Kragl

Ossi Kragl und seine Crew arbeiten ganz "im Zeichen der Burg" Zoom

Ein umfassendes Angebot also, dass das eher staubtrockene Thema Sales-, oder Marketing-Schulung "mit einem Würstchen, das wir den Leuten vor die Nase hängen", würzen kann. Kragl weiß: "Wir sind sozusagen dafür prädestiniert, diese - neudeutsch formuliert - Incentive-Angebote zu entwickeln und zusammenzubauen. Wir machen rund um das Thema Motorsport eine ganze Menge an Erlebnisgeschichten, die auf das Anforderungsprofil des Kunden maßgeschneidert sind."

So richtig ins Detail will Kragl aber nicht gehen. Er kann sich ein Lächeln nicht verkneifen und begründet: "Wir machen sehr viele Sachen, aber heutzutage ist Benchmarking Programm. Wenn wir etwas Neues bringen, dann haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir sofort kopiert werden. Deswegen kommunizieren wir das ungern, denn das Geheimhalten des Kreativprozesses meiner Mannschaft ist einer unserer Geschäftsgrundlagen."

In den letzten vier Jahren wurde das Firmengeschehen also "auch aus egoistischen Gründen meinerseits" immer mehr an den Nürburgring verlagert. "Früher habe ich mein Unwesen im Rahmen der Motorrad-Weltmeisterschaften auf allen möglichen Strecken getrieben, aber dafür wird man irgendwann zu alt. Vor allem, wenn man die geilste Rennstrecke der Welt direkt vor der Nase hat."

Seither hat sich viel getan: "Es kommen teilweise Kunden aus Neuseeland, nur um auf der Nordschleife eine Runde im BMW Ringtaxi mitzufahren. Auf solche Dinge sind wir riesig stolz." Das Geschäft brummt und die Kapazität der Kragl-Unternehmung ist ausgelastet. "Das ist für uns schon ein kleines Problem, denn wir wollen kontrolliert wachsen und dabei unsere Qualität halten."

Green Challenge und Südschleife

Modellbahn Südschleife

Die Südschleife ist Ossi Kragls neuestes Projekt - hier die Modellbahn Zoom

Den in der Werbung so klassischen und oft strapazierten Begriff Premium mag der 45-Jährige übrigens überhaupt nicht: "Dieser Begriff ist in meinen Augen sehr stark abgelutscht." Besser: "Wir sind der richtige Partner für Unternehmen, die heute schon stark sind, aber genau wissen, dass sie auch morgen noch stark sein wollen."

Auf dem ganzen Globus bekannt ist das berühmte BMW Ringtaxi, das einst sogar ein Jacques Villeneuve einmal als Taxifahrer bewegte. Natürlich versteht Kragl dies auch als Business-to-Consumer-Aspekt, doch in seinem facettenreichen Portfolio dient es bei weitem nicht als alleiniges Aushängeschild. Heute wird sein Fuhrpark aus Marketing- und Dienstleistungsprogrammen mittlerweile von einem Pool von 13 Piloten aus dem BMW Fahrertraining bewegt.

In Sachen Nordschleife ist Kragl sozusagen ein Hans Dampf in allen Gassen. Er organisiert etwa die BMW Driving Experience Challenge mit bis zu 200 Startern. Sein neuestes Projekt ist die RCN Green Challenge unter der Schirmherrschaft von Hans-Joachim Stuck, deren Jungfernauftritt am Pfingstwochenende erfolgte.

"Da sind wir sehr stolz darauf. Das ist etwas, was in unsere Zeit passt, und wo es darum geht, im deutschen Breitensport sowohl aktive Fahrer als auch Zuschauer zu gewinnen." Dazu entstand Anfang 2009 die Südschleife, eine - wie Kragl es nennt - Wellness-Oase für Motorsport-Entertainment auf authentischem Boden, mit großem Konferenzbereich und der größten portablen sechsspurigen Modellauto-Rennbahn der Welt.

Quarks und die Kotztüten

Ranga Yogeshwar Quarks Moderator

Der Beweis: Quarks-Moderator Ranga Yogeshwar beim Kuchen essen Zoom

Wie viele Runden er selbst auf der Nordschleife gefahren ist, weiß er nicht mehr: "Ich habe sie nie gezählt", lacht Kragl, "aber ein paar 1.000 werden es schon sein." Natürlich gibt es da eine Sabine Schmitz, die seit 1992 das BMW Ringtaxi fährt und aus verschiedenen TV-Sendungen bekannt ist. "Sabine hat mir neulich einmal vorgerechnet, dass sie - ohne Rennrunden - auf etwa 23.000 Nordschleifenrunden kommt. Das dürfte schon ziemlich einmalig sein."

Die Geschichten, die am Rande solcher Taxifahrten passieren, sind unzählig. Eine der berühmtesten Anekdoten ist die plötzliche Übelkeit von 'Quarks'-Moderator Ranga Yogeshwar, der 2006 neben Nick Heidfeld im 507 PS starken BMW M5 einen Selbstversuch startete. Ziel war die Untersuchung des Stressfaktors bei Rennfahrern im Vergleich zu Normalsterblichen.

Kragl erinnert sich mit einem ganz breiten Grinsen: "Das lag aber daran, dass meine Tochter Anna Katharina und mein Sohn Julius an dem Tag einen Kuchen gebacken haben. Nicht, dass es da zu Missverständnissen kommt: Das war ein ganz toller, frischer Kuchen. Aber bei Ranga kam wahrscheinlich noch dazu, dass er vielleicht etwas nervös war und die Luft angehalten hat. So etwas sollte man nicht tun. An der Beifahrt bei Nick lag es in keinem Fall."

"Beim Thema Kotztüten ist der Name Programm. Wenn man sich auf dieses Thema konzentriert, dann ist es auch soweit. Wir glauben: Ohne Kotztüten an Bord ist es wesentlich besser." Wo liegt dann die berühmte Brechquote bei den Ringtaxifahrten? "Wenn sie überhaupt im Promillebereich liegt, dann ist das schon hoch. Unsere Piloten sehen ja, ob beim Beifahrer irgendwelche Farbveränderungen im Gesicht stattfinden, und machen dann entsprechend langsamer."

Keine Kurve langweilig

Sabine Schmitz, Helmut Dähne, Jürgen Müller und Ossi Kragl

Born to be Wild: Ossi Kragl im Mini beim 24-Stundenrennen auf der Nordschleife Zoom

Denn natürlich ist der tiefere Sinn bei diesen Taxifahrten der, dass dem Normalverbraucher das Thema Fahrsicherheit nähergebracht wird: "Letztendlich ist das eine Demonstration für Fahrertrainings, bei dem man dem Kunden aufzeigt, was man mit einem Produkt wie einem BMW M5 leisten kann."

Auf den 20,832 Kilometern der Nordschleife kann alles Mögliche passieren: "Wenn man richtig Glück hat, dann packt ein zweiachsiger Wohnmobil-Camper unserer niederländischen Fraktion irgendwo im Streckenabschnitt Karussell plötzlich eine Camping-Grundausstattung aus. Infolge dessen nehmen unsere Taxifahrer immer kräftig das Gas heraus."

Lieblingsecke hat er keine: "Sobald man auf die Nordschleife abbiegt, ist keine Kurve mehr langweilig. Selbst eine Döttinger Höhe kann in bestimmten Rennsituationen für sehr viele Überraschungen gut sein. Entspannung gibt es eigentlich nur im Bereich des Grand-Prix-Kurses. Dort kann man zum Beispiel seine Gurte nachziehen oder die Temperaturen kontrollieren, denn ansonsten hast du zu so etwas einfach keine Zeit."

Wie tief der Rennsport in seiner Firma verwurzelt ist, unterstreicht ein Rennfahrer mit Overall und Helm, der in Gestalt einer Schaufensterpuppe in der Badewanne der Bürotoilette liegt. "Das ist mein Freund Kurt, der trägt auch eine rote Flagge", beschreibt Kragl. "Das symbolisiert einen Rennabbruch nach dem Motto: Jetzt bitte einmal stopp!"

Breitensport als Nummer eins

Nick Heidfeld auf der Nordschleife

Eine Art der Balance: Nick Heidfeld im Formel-1-Renner auf der Nordschleife Zoom

Wenn zum Beispiel die Formel 1 gastiert, im Rahmen derer die "sogenannten Event-Marketer mit ihren Klemmbrettern auftauchen, dann gehen wir an diesem Wochenende nach Holland ans Yssel-Meer zum Segeln." Außer natürlich, es gibt für die Kragl-Crew etwas zu tun: "2007 haben wir für BMW die fahraktiven Geschichten im Rahmen des Pit Lane Parks gemacht. Was 2009 auf uns zukommt, warten wir ganz entspannt ab."

Wie sieht er die Zukunft des Nürburgrings und der Nordschleife? "Solange wir unseren Sport machen können und solange der Staat die Anteile an der Nordschleife hält, mache ich mir keine Sorgen. Formel 1 ist mehr und mehr TV-Geschäft, es geht um Einschaltquoten. Breitensport ist hingegen ein Live-Geschäft. Die große Aufgabe der Strategen wird es sein, eine Rennstrecke zu haben, die den modernen Anforderungen des Flagschiff-Produkts entspricht. Dazu braucht es die notwendige Balance."

Ganz klar: Kragl ist und bleibt ein Verfechter des Breitensports. "Die Breite ist authentisch und bodenständig und wird unabhängig von Flagschiffen wie der Formel 1 weiterlaufen. Denn dort gibt es noch etwas, was vielen Serien fehlt. Es sind halt die einfachen Dinge, die ohne Politik und ohne großes Tamtam weiterlaufen. Die Zeit der Nigel Mansells ist vorbei", seufzt er. Aber zum Glück gibt es ja noch die Nordschleife...

Ossi Kragl im Kreuzverhör:

Erstes Fahrzeug: BMW 02, inkaorange

Aktuelles Fahrzeug: BMW 320d, Villeroy & Boch, porzellanschüsselweiss

Eigenes Fahrzeug: Porsche 911 2,7 von 1974, vipergrün

Erlernter Beruf: Wirtschaftsingenieur, KFZ-Techniker

Im Motorsport involviert seit: 1981

Größter beruflicher Erfolg: Seepferdchen

Größtes Ziel: zeitgemäßen guten Tourenwagensport zu präsentieren, für die Breite, für Herrenfahrer, für die Spitze

Lieblingsfahrer und -team in der Formel 1: Was ist heute noch Formel 1? Tourenwagen- und GT Sport: Zum Beispiel Andy Priaulx bei Schnitzer, Charly Lamm in der DTM - das wär's doch!

Online oder Print? Auf die Schnelle online, auf der Toilette besser Print - muss nicht saugfähig sein!

Business- oder Economy-Class? Als Mobilitätsmensch besser mit dem vierrädrigen oder zweirädrigen Mobilitätskonzept, Motorrad oder einem Privatflugzeug, wenn möglich aber auf dem Segelboot

Boulevard oder Feuilleton? ... was uns sonst noch aufgefallen ist!

Festgeld oder Optionsschein? Der richtige Mix macht's

T-Shirt oder Sakko? Mal so, mal so, ideal auch beides!

Opernball oder Oktoberfest? Tegernseer Bräustüberl

Arbeit oder Hobby? Wenn der Kunde kompetent ist, ist meine Arbeit Hobby.

Lebensmotto: MACHEN!

Lieblingslektüre: motor-kritik.de

Person, die ich am meisten bewundere: Willi Hahne, den ältesten Bruder der größten Motorsportfamilie der Welt. Er schreibt als einer der letzten Journalisten das, was ist. Unentgeltlich, ehrenhaft, ungebeugt und voller Überzeugung. Gegen den Strom.

Person, mit der ich mal auf ein Bier hätte gehen wollen: Sir Ernest Henry Shackleton

Geld bedeutet für mich... ruhiger zu sterben, wenn man es für seine Hinterbliebenen erarbeitet hat.

Motorsport fasziniert mich, weil... er früher emotionaler und spannender war. Aber wir arbeiten daran, dass er es wieder wird.

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