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  • 08.10.2016 · 18:34

  • von Gary Watkins (Haymarket)

Nachruf auf Lola: Abschied von einem internationalen Koloss

Mit dem Petit Le Mans verabschiedete sich ein großer Name endgültig von der internationalen Motorsport-Bühne: Es war das letzte Rennen eines Lola-Chassis

(Motorsport-Total.com) - Weit abseits des Rampenlichts hat sich am vergangenen Wochenende beim Petit Le Mans eine Ikone aus der Welt des Motorsports verabschiedet. Eine Ära, die sechs Dekaden und Tausende von Rennwagen umfasst, ist heimlich, still und leise zu Ende gegangen. Dabei sprach jeder über das Ende einer Ära: Das 1.000-Meilen-Rennen auf der Road Atlanta war das letzte Rennen für die Daytona Prototypen. Aber es gab einen noch signifikanteren Abschied, der allerdings größtenteils übersehen wurde.

Spencer Pigot

Tragisches Ende einer Ära: Der letzte Lola verraucht 14 Minuten vor Schluss Zoom

Das Event auf der Road Atlanta war der letzte Auftritt eines Lolas in einem international bedeutsamen Autorennen. Die Fahrzeuge, die in der Nennliste der IMSA SportsCar Championship als Mazda Prototypen aufgeführt waren, waren in Wirklichkeit Lolas. In der Konfiguration, in der sie in den vergangenen drei Jahren fuhren, hätten sie eigentlich "Lola B12/80" heißen müssen. Man könnte sie auch "B08/80" nennen, angelehnt an das Datum, wann das letzte Lola-LMP-Coupe das Licht der Welt erblickte. Wie auch immer, es gibt keine Zweifel daran, dass sie zu den letzten von ungefähr 4.000 Fahrzeugen gehören, die der britische Konstrukteur seit 1958 an Kunden verteilt hat.

Aufgrund der Tatsache, dass Lola seit vier Jahren nicht mehr existiert und kommende Saison neue LMP2-Regularien in Kraft treten, erwarte ich nicht, dass wir 2017 auch nur eines dieser Coupes im Einsatz sehen werden. Das gilt auch für die asiatische Le-Mans-Serie, obwohl sie die neuen P2-Regularien für einige Zeit nicht übernehmen wird. Und die angeschlagene AutoGP und ihre Lola B02/52-Monoposto, die in der BOSS GP startberechtigt sind, zähle ich nicht dazu, obschon sie ein FIA-Branding haben. Das war's also für eine Marke, die stets einen speziellen Platz in meinem Herzen haben wird.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass das allererste internationale Rennen, das ich besucht habe, von einem Lola gewonnen wurde. Vor 35 Jahren wurde ich als staunendes Kind auf den Zuschauerrängen Zeuge, wie ein Gruppe-6-T600 mit Cosworth-Motor bei den 1.000 Kilometern von Brands Hatch mit Guy Edwards und Emilio de Villota am Steuer das Rennen gewann. Eine interessante Anekdote: Das Auto wurde vom GRID-Team eingesetzt, dessen Partner Guiseppe Risi war. Und der Mann, der das "GR" zu diesem Team beisteuerte, gewann mit seinem Ferrari-Team am vergangenen Wochenende auf der Road Atlanta.

Vincenzo Sospiri

Das Formel-1-Abenteuer hätte Lola beinahe schon 1997 umgebracht Zoom

Lola hat während meines Motorsport-Lebens zahlreiche Rennen gewonnen, die gleichzeitig eine Premiere für mich waren. Das erste Formel-3000-Rennen, das ich mir in Brands anno 1987 angesehen habe, wurde von einem T87/50 mit Julien Bailey am Steuer gewonnen. Als ich das erste Mal ein CART-Rennen sah, gewann ebenfalls Lola. Das war 1996 in Vancouver mit Michael Andretti am Steuer des T96/00 von Newman/Haas. Dass Lola jedes einzelne der CART- oder Champ-Car-Rennen, die ich mir live angesehen habe, gewonnen hat, sei hier nur am Rande erwähnt.

1997: Rettung in letzter Minute

Lola hat stets eine große Rolle in meinem Leben als professioneller Motorsport-Journalist gespielt. Speziell, als Martin Biranne die Firma nach ihrer letzten Formel-1-Spielerei - ich denke, das ist das richtige Wort dafür - im Jahre 1997 übernommen hat.

Birranes Übernahme fiel mit einer Wiederbelebung dessen zusammen, was wir damals als Sport-Prototypen bezeichnen. Seine Liebe für diese Fahrzeugklasse und für die Marke Lola, die aus seinen eigenen Erfolgen als Teambesitzer in den 1970er-Jahren herrührt, brachte diese Marke auf den Markt zurück. Sie machte sie für den Rest des Bestehens des Unternehmens und darüber hinaus zu einem "big player" auf diesem Gebiet.

Laut meiner Zählung hat Lola vom B98/10 bis hin zum B12/80 rund 70 Prototypen verschiedenster Formen und Größen produziert. Diese Zahl beinhaltet mehr als 20 der kleinen offenen B2K/40 SR2-Fahrzeuge, sechs MG EX257 für die LMP675, bis zu vier Daytona Prototypen (man erinnere sich an das Joint Venture mit Krohn Racing, das den Multimatic-basierten B08/70 hervorbrachte) und ungefähr 20 Coupes für die LMP1- und LMP2-Plattform ab 2008.

Mark Donohue, Chuck Parsons

Der letzte "echte" Lola-Sieg bis 2012: Donohue/Parsons 1969 in Sebring Zoom

Das bedeutet, dass ich über 18 Jahre hinweg über eine Riesenmenge Rennen berichtet habe, an denen Lolas teilgenommen haben. Und diese Fahrzeuge haben einige sehr nette Siege auf diesem Wege eingefahren. Rebellion gewann mit Fahrzeugen aus ihrer Judd-befeuerten Flotte von Coupes das Petit in den Jahren 2012 und 2013. Auch Dyson holte in der American Le Mans Series eine Reihe von Siegen mit AER-Motor. Und man vergesse Aston-Martin-Siege in der European Le Mans Series im Jahre 2009 nicht. Diese wurden mit einem Auto erzielt, das im Kern ein Lola war.

Wir müssen Birrane für diese ganzen Autos und Siege danken. Ohne ihn wäre die Geschichte von Lola wahrscheinlich 1997 oder kurze Zeit später vorbei gewesen. Niemand sonst hätte das Unternehmen für so lange Zeit durch dick und dünn führen können. Als er Lola übernahm, habe ich Birrane als Wohltäter beschrieben und er wehrte sich dagegen, als ich ihn kurz darauf interviewte. Er warf ein, dass er an erster Stelle ein Geschäftsmann und an zweiter Stelle ein Racer sei.

Echte und unechte Lola-Siege

Aber als ich weiter nachbohrte, gab Birrane zu, dass er die Strecke Mondello Park in seiner Heimat Irland bereits gerettet hat, weil er sie nicht "den Kühen überlassen" konnte. Er hinterließ auch einen bleibenden Eindruck bei den Präfixen der Lola-Typennummern, als er die Firma übernahm. Das T für "Type" wurde ab 1998 durch ein B ersetzt. Natürlich stand es für Birrane, aber er betonte stets grinsend, dass es für die Körperteile stünde, die er bereit war zu riskieren, als er das Unternehmen 1997 erwarb. Wer Englisch spricht, versteht, was ich meine.

Nick Heidfeld, Neel Jani, Nicolas Prost

Rebellion bescherte Lola noch einmal prestigeträchtige Gesamtsiege Zoom

Birrane riskierte seine Reichtümer, oder zumindest einen Teil davon. Lola warf nur in einer Handvoll Jahren Profit ab, als er durch eine Zeit körperlicher Beschwerden ging. Doch der Erfolg des letzten Coupe-Designs in der LMP-Marktnische sorgte dafür, dass Lola über den Tod der Firma hinaus Geschichte schrieb. Und zwar eine Geschichte, die sie jahrelang nicht mehr geschrieben hatte. Rebellions Siege beim Petit würde ich als die ersten reinen Lola-Siege bezeichnen, seit Penske bei den 24 Stunden von Daytona 1969 mit einem T70 Mk3B mit den Fahrern Mark Donohue und Chuck Parsons triumphiert hat.

Manch einer mag die Nissan-Siege von 1989 und 1990 bei den Zwölf Stunden von Sebring mit dem GTP ZX-Turbo einwerfen. Das Chassis mag sein Leben als Lola begonnen haben, doch als es die IMSA-Szene dominierte, hatte es bereits mehrere Jahre Entwicklung in den USA hinter sich und die Monocoques wurden nicht mehr im Vereinigten Königreich hergestellt. Auch der Porsche-Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans 1998 sollte nicht mitgezählt werden, selbst wenn die Chassis des 911 GT1-98 durch den Verbundwerkstoffarm von Lola gebaut wurden.

Lola verabschiedete sich mit einem Knall - mit einem feurigen Motorschaden schmerzhafte 14 Minuten vor Schluss, der den bestplatzierten SpeedSource-B12/80 um den dritten Platz brachte. Das war natürlich nicht das, was ich mir gewünscht hätte. Ich will nicht sagen, dass es passend gewesen wäre, wenn ein Lola an seinem letzten Rennwochenende gewonnen hätte. Aber es wäre eine schöne Möglichkeit gewesen, nahezu 60 Jahre Geschichte einer Marke zu beenden, die für mich in gewisser Weise besonders ist. Und mit Sicherheit für viele andere auch.

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