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Villeneuve: "Wollen wir eine gute Formel 1 oder nur eine Hollywood-Show?"

Hollywood-Show statt guter Sport: Jacques Villeneuve spart nach der Formel-1-Premiere in Dschidda nicht mit Kritik und nimmt sich die Titelrivalen zur Brust

(Motorsport-Total.com) - Jacques Villeneuve, Formel-1-Weltmeister von 1997, hat nach dem Grand Prix von Saudi-Arabien harte Kritik am Duell zwischen Lewis Hamilton und Max Verstappen geübt und viele der Ereignisse infrage gestellt, die sich während des turbulenten Nachtrennens in Dschidda am vergangenen Sonntag abgespielten.

Max Verstappen, Lewis Hamilton

Für Villeneuve haben sich Verstappen und Hamilton nicht gerade mit Ruhm bekleckert Zoom

"Das war nicht die Formel 1, das war Leihkart-Fahren", urteilt der Kanadier gegenüber 'Motorsport.com'. "Alles war falsch. Ich bin mir also nicht sicher, was ich sagen soll."

"Es ist schwer, neutral zu bleiben. Es ist schwer, jedes Mal einen Kommentar zu den Ereignissen abzugeben und als neutral wahrgenommen zu werden. Man wird immer den Eindruck haben, dass man Partei ergreift", grübelt der Ex-Formel-1-Pilot.

Villeneuve: "Es ist wirklich lächerlich geworden"

Er fragt sich: "Wollen wir Sport und eine gute Formel 1? Oder wollen wir nur eine Hollywood-Show? Wenn Sie eine Hollywood-Show wollen, dann war das großartig. Aber ist es das, was die Formel 1 ausmacht? Ich weiß es nicht. Frank (Williams; Anm. d. R.) hätte sich im Grab umgedreht, hätte er dieses Rennen gesehen."

Doch nicht nur an den Fahrern übt Villeneuve Kritik: "Wenn man dann noch die Teamchefs sieht, die alle schreien und sogar die Streckenhelfer unter Druck setzen und so weiter, dann wird das lächerlich. Es ist wirklich lächerlich geworden."

"Für die Fans war es großartig. Das wird wahrscheinlich die Zuschauerzahlen erhöhen. Das ist großartig für die Formel 1. Aber wir beginnen, uns vom Sport zu entfernen, das ist alles. Letztlich hängt es also davon ab, ob man ein Purist ist oder nicht."

Kritik an Taktik von Verstappen und Hamilton

Im Detail stört sich Villeneuve unter anderem am ersten Restart, als sich Verstappen erst außen an Hamilton vorbei presste und dann innen abkürzen musste. "Max ist losgefahren und hat sich einen Vorteil verschafft", sagte er über das Manöver in Kurve eins.

"Andererseits waren seine Vorderräder vor den Hinterrädern von Lewis. Und in den Regeln steht, dass man in einem solchen Fall genug Platz gewähren muss, was Lewis nicht getan hat. Welche Regel sollte man an diesem Punkt befolgen? Hätte Max die Kurve geschnitten, wenn Lewis genug Platz gelassen hätte oder nicht?"

"Das werden wir nie erfahren. Letztendlich hat Max die Kurve geschnitten, er hätte es wahrscheinlich sowieso nicht geschafft. Aber befolgt man die Regel buchstabengetreu oder die Absicht? Denn dann wird es sehr schwierig, neutral zu bleiben."

Villeneuve weiß: "Normalerweise spielen sie alle diese kleinen Tricks. Wenn Lewis das macht, tut er es so, dass immer der Zweifel bleibt, ob er es absichtlich gemacht hat oder nicht."

"So war es auch gegen (Nico) Rosberg. Als Rosberg es tat, wurde er erwischt und es sah schmutzig aus", erinnert sich der Formel-1-Experte an den WM-Fight der Teamkollegen. "Als Lewis es tat, war es nicht mit Absicht. Es wurde als sauber wahrgenommen. Und er ist ein Meister darin, er ist wirklich erstaunlich darin."

Formel-1-Experte krisitiert "blöde DRS-Linien"

Auch die Kollision, die sich zwischen Hamilton und Verstappen ereignete, als dieser abbremste, um seinen Rivalen vorbeizulassen, bewertet Villeneuve kritisch. "Wenn jemand vor dir langsamer wird, überholst du. Das Problem sind diese blöden DRS-Linien. Und Lewis wollte das DRS nicht vor Max überqueren", sagt er.

"Er wusste, dass Max ihn vorbeilassen würde. Er wollte nur nicht, dass Max auf der nächsten Geraden das DRS hat, weil er ihn dann überholt hätte. Beide haben sich dumm gestellt."


JV: "Frank Williams hätte sich im Grab umgedreht!"

"Das war nicht Formel 1. Das war wie Mietkart auf der Bahn." Es sind harte Worte, die Jacques Villeneuve im exklusiven Interview abfeuert. Weitere Formel-1-Videos

Für Erstaunen sorgte bei Villeneuve, wie robust sich Hamiltons Frontflügel erwies. "Denn er wurde zweimal getroffen und er hielt trotzdem durch. Wow, das war beeindruckend! Aber man konnte die Frustration von Max über die Mercedes-PS spüren."

An diesem Wochenende sei Verstappen "einfach nicht da" gewesen. "Schon im Qualifying hätte er die Pole holen müssen und hat sie verloren. An diesem Wochenende hat Lewis den Sieg also auf jeden Fall verdient", resümiert der Weltmeister von 1997.

Villeneuve erstaunt über Deal um Startpositionen

Eine Diskussion über die Startaufstellung für den Restart, wie sie sich am Funk zwischen Rennleiter Michael Masi und den Teams von Mercedes und Red Bull ereignete, habe auch er noch nicht erlebt. "Dass so ein Deal gemacht wird, habe ich noch nie gehört. Das steht nicht in den Regeln. Das habe ich einfach nicht verstanden."

Mit Blick auf das Saisonfinale in Abu Dhabi hofft der Kanadier auf ein ruhigeres Wochenende. "Es ist eine Red Bull-Strecke. Aber mit dem Motor, den Lewis hat, ist jetzt jede Strecke eine Lewis-Strecke", schätzt er die Ausgangslage fürs Finale ein.

"Ich hoffe einfach, dass wir ein sauberes Rennen haben werden. Möge der beste Mann gewinnen, und nicht so etwas wie in Dschidda, nicht Hollywood, zumindest nicht im letzten Rennen. Wir haben dieses Jahr schon unsere Hollywood-Hits."

Wie es ist, wenn es im letzten Rennen der Saison zu einer Kollision mit dem Titelrivalen kommt, weiß Villeneuve nur zu gut. 1997 kollidierten er und Michael Schumacher beim Finale in Jerez. Villeneuve konnte weiterfahren und gewann den Titel. Schumacher wurde bestraft und verlor alle WM-Punkte für diese Saison.

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