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Leute mit Biz: Nürburgring-Chef Walter Kafitz

Neu in unserer Business-Reihe: Walter Kafitz über die Wandlung des traditionsreichen Nürburgrings zum Eventpark im Bereich Motorsport

(Motorsport-Total.com) - "Die Formel 1 ist alle zwei Wochen für zwei Stunden Sport, aber dazwischen knallhartes Business", hat der große Frank Williams einmal gesagt. Für 'Motorsport-Total.com' Grund genug, eine neue Artikelserie ins Leben zu rufen, die sich mit dem Businessaspekt des Motorsports beschäftigt. In dieser stellen wir Persönlichkeiten vor, die sich im Motorsportbusiness durchgesetzt haben, mit Biss an ihre Sache herangehen - "Leute mit Biz" eben. Heute in der dritten Edition: Walter Kafitz, Hauptgeschäftsführer der Nürburgring GmbH.

Walter Kafitz

"Herr des Rings": Walter Kafitz ist Geschäftsführer der Nürburgring GmbH Zoom

Ringe gibt es viele in Deutschland, doch wenn man im Bereich Motorsport das Stichwort "Der Ring" fallen lässt, ist allen beteiligten Gesprächsteilnehmern sofort klar, was gemeint ist: der Nürburgring. Die traditionsreiche Strecke hat sich nicht zuletzt durch die legendären Rennen auf der Nordschleife (und früher sogar auch auf einer Südschleife) in den vergangenen acht Jahrzehnten ein scharfes Profil geschaffen. Tradition ohne Ende, Bekanntheitsgrad top und laut einer aktuellen Forsa-Umfrage sogar unter den zehn beliebtesten Nationalmonumenten Deutschlands - zwei Millionen Besucher im vergangenen Jahr sprechen eine deutliche Sprache.#w1#

Nürburgring: Verbindung von Tradition und Moderne

Auf Tradition und Markenbekanntheit will man sich in der Eifel jedoch keinesfalls ausruhen. Der Nürburgring will den Wandel schaffen: von der beliebten Rennstrecke für Motorsportfans zum Erlebnispark für die ganze Familie. Der Hauptgeschäftsführer der Nürburgring GmbH, Walter Kafitz, ist die treibende Kraft hinter dem Projekt "Nürburgring 2009", welches das Gesicht der Traditionsstrecke nachhaltig verändern wird: "Wir haben ein klares Ziel: Wir wollen aus dem Nürburgring ein ganzjähriges Freizeit- und Businesszentrum machen - nicht nur ein saisonaler Motorsportort, sondern von Januar bis Dezember soll jeden Tag am Ring was los sein. Deswegen investieren wir."

"Wir wollen damit Geld verdienen und das werden wir auch." Walter Kafitz

Das ehrgeizige Projekt erfordert Investitionen von insgesamt 215 Millionen Euro, wobei 80 Millionen von einem privaten Investor abgedeckt werden. Die verbleibenden 135 Millionen Euro muss die Nürburgring GmbH selbst beisteuern: "Wir werden uns am Kapitalmarkt bedienen. Das ist im Rahmen dessen, was unser Businessplan zeigt. Wir wollen damit Geld verdienen und das werden wir auch." Kafitz ist als gewieftem Geschäftsmann natürlich klar geworden, dass mit dem klassischen Kerngeschäft - dem motorsportlichen Großevent - kaum noch ein Euro zu verdienen ist.

Die Betreiber moderner Motorsportanlagen in Deutschland sind zum Umdenken aufgefordert. Das Geld liegt nicht mehr auf der Strecke, sondern eher in der Peripherie. Kafitz weiß dies seit vielen Jahren und hat sein Großprojekt entsprechend konsequent vorangetrieben: "Ich bin seit 1994 Geschäftsführer der Nürburgring GmbH. Mein Job hat sich seither gravierend verändert, insbesondere in der Formel 1. Da haben sich die Wettbewerbsbedingungen total verschoben. Wir konkurrieren nicht nur mit anderen Rennstrecken. Die Preise sind so hoch geworden, wir verdienen kein Geld mehr damit - früher machten wir Geld damit, sogar fast bis Mitte dieses Jahrzehnts."

Rennstrecke wird zum motorsportlichen Themenpark

"Wir sehen uns aber nicht nur als Rennstrecken-, sondern als Mobilitäts- und Unterhaltungsunternehmen. Mit Schwerpunkt Motorsport - das ist klar, aber es ist eben nicht unser einziger Geschäftsbereich. Wir haben insgesamt vier Geschäftsbereiche, die wir auf Neudeutsch Racing, Business, Holiday und Adventure nennen. Unser Schwerpunkt wird auch in Zukunft Racing sein. Adventure ist all das, was man bei uns selbst erleben kann: Fahren auf der Nordschleife, Quadfahren, Fahrsicherheitstrainings, Kurse in der Rennfahrerschule. Businesstagungen und -veranstaltungen ist das Dritte und schließlich soll dort, wo Spannung ist, auch Entspannung sein, und das bezeichnen wir mit Holiday, also Kurzurlaube, Ausflüge und Gruppenreisen."

"Wir konzentrieren uns momentan aufgrund der Größe des Projektes ganz auf die Erlebniswelt." Walter Kafitz

"Im gesamten Motorsport hat es sich - wie in anderen Bereichen des wirtschaftlichen Lebens auch - verwandelt zu einem komplexeren Angebot. Monostrukturelle Angebote sind immer schwieriger auf dem Markt unterzubringen, sodass man eben zusätzliche Erlebnisse schaffen muss. Daher ist man in dieser Zeit von Sportveranstaltungen zu Events gekommen", beschreibt der 57-Jährige. Seit Monaten arbeiten die Bagger und Maschinen im Umfeld der Strecke. Unter anderem die Karthalle, die Motorsportbar und das Pressezentrum mussten weichen, es entstehen Boulevard, Arena und unter anderem eine Indoorattraktion.

"Der einzige Weg ist es sicher nicht, aber er ist in unseren Augen der Erfolg versprechende und der attraktivste", sagt Kafitz über die zeitgemäßen Veränderungen am Nürburgring. "Wir haben uns ja auch schon mit anderen Plänen beschäftigt, die wir momentan aber noch zurückgestellt haben. Es geht da um die Vermarktung unseres Know-hows international und national. Wir konzentrieren uns momentan aufgrund der Größe des Projektes ganz auf die Erlebniswelt."

Nürburgring als Motor für die gesamte Region

Das Mammutprojekt wird sich direkt auf das Unternehmen auswirken, so der diplomierte Kaufmann: "Wir wollen im Jahr 2019 einen zusätzlichen Umsatz in Höhe von 20 Millionen Euro erzielen und wir möchten bis Frühjahr kommenden Jahres auf rund 200 Mitarbeiter wachsen. Das ist allein die Nürburgring GmbH, ohne die anderen Gesellschaften. Wir begannen bei 60 Mitarbeitern, haben also ein stürmisches Wachstum. Die Region wird mehrere hundert zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Seit 1994 sind direkt am Ring gut 400 Arbeitsplätze entstanden und es kommen jetzt noch einmal deutlich über 500 dazu, sodass wir über 1.000 Arbeitsplätze seit Mitte der 1990er-Jahre geschaffen haben. Das ist eine sehr positive Entwicklung."

"Wir wollen im Jahr 2019 einen zusätzlichen Umsatz in Höhe von 20 Millionen Euro erzielen." Walter Kafitz

Vor allem in einer Region, die als strukturschwach gilt. In der Eifel lebt man von wenig Industrie, dagegen mehr von Tourismus und Weinanbau. Trotz der wirtschaftlich guten Aussichten durch den Bau des "Nürburgring 2009" gab es natürlich auch in der Eifel skeptische Stimmen. "Widerstände waren vorhanden, vor allem aus dem Ort Nürburg. Die hatten befürchtet, dass durch die Baumaßnahmen vor allem in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung bezüglich Gastronomie und Hotelgewerbe negativ beeinflusst würden. Diese Sorgen sind durch viel Überzeugungsarbeit überwunden. Wir sind in einem engen Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern, sodass wir momentan sehr große Ruhe an der Front haben."

Man hat sich bezüglich der weiteren Entwicklung des Nürburgrings ausgesprochen und die Ängste abgebaut: "Wir fühlen uns der Region verpflichtet und wir wissen, dass wir Motor der Entwicklung sind - und dem stellen wir uns auch schon seit Jahrzehnten. Wir haben bezüglich der Schaffung von Arbeitsplätzen in der Vergangenheit sehr erfolgreiche Arbeit geleistet und die möchten wir fortsetzen. Wir fühlen uns auch der Umwelt verpflichtet und auch in diesem Bereich unternehmen wir große Anstrengungen. Es ist eine große Herausforderung, aber ein tolles Gefühl, weil man es nicht nur unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten sehen darf."

Bleibt die Königsklasse sogar bis 2019?

Es geht um immerhin nicht nur um den Bau eines "motorsportlichen Themenparks", sondern vielmehr um eine Perspektive für die gesamte Region, ohne dabei die "Strecke der Herzen" vieler Motorsportfans zu sehr in seinem Erscheinungsbild zu verändern. Am Rennprogramm wird sich am "Ring" offenbar ohnehin kaum etwas verändern. Unter anderem die DTM, das 24-Stunden-Rennen und der Truck-Grand-Prix sind als jährliche Highlights kaum wegzudenken, die Formel 1 gastiert allerdings nur noch alle zwei Jahre. Eine Konsequenz der extrem gestiegenen Kosten für die Königsklasse.

"In unserem internen Businessplan haben wir die Formel 1 alle zwei Jahre fest eingeplant. Der Businessplan geht bis 2019. " Walter Kafitz

Nachdem der Grand-Prix-Zirkus 2007 in der Eifel Station machte, ist nun der Hockenheimring an der Reihe. Kafitz blickt hinüber nach Baden-Württemberg und sagt: "Ich betrachte das relativ entspannt. Ich werde selbst vor Ort sein, die Kollegen aus Hockenheim waren auch im vergangenen Jahr bei uns. Wir haben ein sehr entspanntes und freundschaftliches Verhältnis. Wir wissen beide, dass das, was uns verbindet, weitaus größer ist als das, was uns trennt. Aus wirtschaftlichen Gründen ist es gar nicht mehr anders vorstellbar. Insofern ist es bis hin zu Bernie Ecclestone eine Win-Win-Win-Situation."

Der jährliche Streckenwechsel der Formel 1 in Deutschland ist zunächst bis 2011 festgeschrieben, denn so lange läuft der Vertrag mit Ecclestone noch. Und dann? "In unserem internen Businessplan haben wir die Formel 1 alle zwei Jahre fest eingeplant. Der Businessplan geht bis 2019. An uns soll es also nicht scheitern, wenn die Rahmenbedingungen sich nicht verschlechtern", gibt Kafitz preis. Ein entsprechender Folgevertrag sei zwar noch nicht in Verhandlung, aber ein Schicksal wie in Silverstone drohe dem Nürburgring nicht, verspricht der 57-Jährige Manager: "Die Formel 1 ist so teuer geworden. Die in Donington werden auch noch erkennen, dass mit Formel 1 eigentlich keiner mehr Geld verdient. Ich verstehe die Situation dort nicht ganz, aber ich bin auch zu weit weg, um dort Einzelheiten beurteilen zu können."

Formel 1: teuer aber volkswirtschaftlich wichtig

Trotz der enormen Kosten für den Auftritt der Formel 1 sieht Kafitz nicht nur rote Zahlen in Verbindung mit der Königsklasse. Eine solche Veranstaltung dürfe man nicht nur betriebswirtschaftlich auf die Goldwaage legen: "Man muss das auch volkswirtschaftlich sehen. Unsere Gesellschafter sind das Land Rheinland-Pfalz und der Landkreis Ahrweiler. An diesem verlängerten Wochenende werden rund 60 Millionen Euro ausgegeben, also lohnt sich das volkswirtschaftlich allemal, eine solche Veranstaltung durchzuführen."

"Es ist schon ein anspruchsvoller Traumjob für mich." Walter Kafitz

Das Management einer Anlage wie dem Nürburgring gleicht in etwa einer perfekten Fahrt auf der Nordschleife: Es geht auf und ab und möglichst bewegt man sich in jeder Kurve am absoluten Limit - es darf laut quietschen, aber man sollte nicht aus der Bahn driften. "Man braucht kaufmännisches Verständnis, soziale Kompetenz und ein gewisses motorsportliches Know-how. Leidenschaft gehört natürlich auch dazu. Ich habe schon viele andere Dinge gemacht. Wenn man als Manager keine Leidenschaft mitbringt, dann wird man auch keinen Erfolg haben. Hier fällt es natürlich leicht, die nötige Leidenschaft zu entwickeln", beschreibt Kafitz seinen Job als Hauptgeschäftsführer der Nürburgring GmbH und fügt schmunzelnd an: "Es ist schon ein anspruchsvoller Traumjob für mich."

Walter Kafitz im Kreuzverhör:

Geburtsdatum: 5. November 1950

Geburtsort: Kaiserslautern

Wohnhaft in: Köln und am Nürburgring

Familienstand: verheiratet (Urteil lautete 1972: lebenslänglich!)

Erstes Fahrzeug: Renault R4

Aktuelles Fahrzeug: BMW M5

Erlernter Beruf: Diplomkaufmann

Im Motorsport involviert seit: 1993

Größter beruflicher Erfolg: Umsetzung der Wachstumsstrategie des Nürburgrings seit 1995

Größtes Ziel: "Nürburgring 2009" zum Erfolg führen

Lieblingsfahrer und -team in der Formel 1: Das würden Sie wohl gerne wissen!

Online oder Print? Für mich ist die Qualität der Berichterstattung entscheidend, nicht das Medium.

Business- oder Economy-Class? Kurzflüge Economy, sonst Business

Boulevard oder Feuilleton? Sportseite

Festgeld oder Optionsschein? Ich bin ein Anhänger von "sowohl als auch"!

T-Shirt oder Sakko? Rennanzug

Opernball oder Oktoberfest? Arien schmettern im Bierzelt

Arbeit oder Hobby? Beides zu seiner Zeit!

Lebensmotto: "Es gibt nichts Gutes außer man tut es." (Erich Kästner)

Lieblingslektüre: "Traktat über die Gewalt" von Wolfgang Sofsky

Person, die ich am meisten bewundere: Willy Brandt

Person, mit der ich mal auf ein Bier gehen möchte: Nelson Mandela

Geld bedeutet für mich... Geld ist nicht alles. Ein paar Wertpapiere und Edelsteine dazu wären auch nicht schlecht!

Motorsport fasziniert mich, weil... Sport und Technik verbunden sind und die Fans friedlich feiern.

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