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Jackie Stewart über Monza 1965: "Mir wurde langweilig"

Der dreimalige Weltmeister spricht im 'Motorsport-Total.com'-Interview über den ersten Grand-Prix-Sieg und erklärt, warum er auch mit zweiten Plätzen glücklich war

(Motorsport-Total.com) - Über den ersten Rennsieg in der Karriere eines großen Champions ist in der Retrospektive vieles zu hören: Er sei unvergesslich, etwas ganz Besonderes und ließe sich nie wiederholen - und noch mehr Floskeln. Jackie Stewart spricht über den Italien-Grand-Prix 1965 in Monza, als für ihn beim erst achten Formel-1-Einsatz im BRM der Owen-Mannschaft der Knoten platzte, ganz anders. Er sagt 'Motorsport-Total.com' im Interview, mit welchem Trick ihn sein Teamchef im Cockpit bei Laune halten musste.

Jackie Stewart

Jackie Stewart erinnert sich im Interview an seinen ersten Grand-Prix-Sieg Zoom

Frage: "Jackie, Monza ist ganz sicher der herausragende Kurs deiner Karriere..."
Jackie Stewart: "Ja. Ganz egal, wo man auf der Welt gerade ist: Wenn man das Wort 'Monza' sagt, dann wissen alle sofort, was gemeint ist. Es ist die Heimat des Großen Preises von Italien. Monza hat so ein Charisma und die Zuschauer dort sind leidenschaftlicher als bei jedem anderen Grand Prix auf der Welt."

"Selbst zu meiner Zeit gab es ein großes Spektakel nach dem Rennen und die Zuschauer stürmten auf die Strecke. Das hat bis zum heutigen Tag nie aufgehört. Jetzt sind sogar noch mehr Leute da, denn der Sport ist heute viel größer als damals - hauptsächlich wegen des Fernsehens. Damals war Monza ein großartiger Kurs, es war für einige Zeit die schnellste Rennstrecke der Welt. Es gab die legendäre Curva Grande, die Parabolica, die Ascari. Diese großartigen Kurven haben die Geschichte des Sports geprägt."

Jackie Stewart, Jochen Rindt, Piers Courage

Monza 1969: Jackie Stewart vor Jochen Rindt und Piers Courage Zoom

Frage: "Der Grand Prix 1965 war vor der Zeit der Flügel. Es muss also in einigen Kurven ziemlich knifflig gewesen sein..."
Stewart: "Damals hatte ich ein tolles Duell mit Graham (Hill; Anm. d. Red.)! In der Parabolica machte er einen Fehler. Ich glaube, das war drei Runden vor Ende. 1969 hatte ich dann ein fantastisches Finish mit dem Matra. Jochen (Rindt) war Zweiter und dahinter folgten Beltoise und Bruce McLaren. Es lagen buchstäblich nur Zentimeter zwischen uns."

"Ich habe viele schöne Erinnerungen an Monza. Als ich meine letzte Weltmeisterschaft holte (1973), hatte ich früh im Rennen einen Plattfuß. Anschließend kämpfte ich mich durch das gesamte Feld und wurde Vierter! Es gab eine Szene, in der Ken Tyrrell mir die Boxentafel heraushielt. Er sah, dass es mir langweilig wurde, und da schrieb er die Nachricht darauf '-20 Fangio'. Und das war 1973! (lacht)"

Frage: "Da lag er gar nicht so falsch, das war ja wirklich ungefähr 20 Jahre her!"
Stewart: "Er meinte damals den Rundenrekord. Ich war so schnell, dass ich immer wieder einen neuen Rundenrekord fuhr. Das war ein gutes Rennen für mich. Aber mein erster Sieg war für mich natürlich eine große Sache - ganz besonders vor den italienischen Fans."

Debütsieg in der Debütsaison

Frage: "Gleichzeitig war es auch deine erste Saison in der Formel 1. Es ist sehr ungewöhnlich, dass jemand gleich in seinem ersten Jahr einen Grand Prix gewinnt. Du warst damals außerdem sehr jung und kamst gerade erst aus der Formel 3."
Stewart: "Das stimmt, es ging alles sehr schnell. In der Formel 3 fuhr ich 1964 zum ersten Mal. Dann kam ich 1965 in die Formel 1 und gewann den Großen Preis von Italien. Es war, als würde ich mit einer Rakete fliegen."

Monza 1965

Windschattenschlacht: Die Führung wechselte in Monza 1965 rund 40 Mal Zoom

Frage: "Außerdem war der Kalender damals viel kürzer. Wenn heute jemand in seiner ersten Saison in Monza gewinnt, dann hat er schon 14 oder 15 Rennen hinter sich."
Stewart: "Ja, das stimmt. Aber man darf nicht vergessen, dass wir damals alle möglichen Rennautos gefahren sind - alle von uns! Graham Hill wurde Zweiter und auch Jim Clark war damals dabei. Wir fuhren alle zusammen. Surtees, Graham, Clark und ich fuhren in einer Gruppe. Dan Gurney war glaube ich auch dabei oder Jack Brabham. Es war ein gutes Rennen. Einer der besten Grand Prix aller Zeiten."

Frage: "Damals wechselte die Führung zwischen vier Piloten 40 Mal hin und her. Es muss ein echter Windschattenkampf gewesen sein."
Stewart: "Es war fantastisch! Zwischen der Parabolica und der Curva Grande wurde immer überholt. Manchmal überholte man vor der Lesmo noch mal. Aber nach der Ascari und vor der Parabolica überholte man ganz sicher noch einmal. Man musste sich gegenseitig extrem vertrauen und ständig in die Spiegel sehen, um zu wissen, was um einen herum passiert."

"Außerdem hatten die anderen Piloten mehr Erfahrung - selbst Jochen, der sozusagen ein Jahr Vorsprung hatte. Aber gegen ihn konnte man gut fahren und gegen Jimmy und Graham und Dan auch. Sie waren sehr gute und vorsichtige Rennfahrer. Sie haben einen nie unerwartet überrascht. Und natürlich auch Bruce! Er war auf der Strecke ein absoluter Gentleman."

Jim Clark als Lehrmeister

Frage: "Deine Ergebnisse waren in der Saison auch vorher schon gut. Bei deinem zweiten Rennen in Monaco wurdest du Dritter, danach in Belgien Zweiter. Wussten du, dass der Durchbruch irgendwann kommen würde?"
Stewart: "Das ist schwierig zu sagen, denn da waren ja auch noch die anderen, ganz besonders Jim Clark. Wir waren gute Freunde und teilten uns damals eine Wohnung in London. Wir waren beide Schotten, die unsere Heimat verlassen mussten, um in diesem Teil der Welt zu sein. Graham war (bei BRM) der Nummer-eins-Fahrer. Er war für mich der beste Nummer-eins-Fahrer, von dem ich etwas lernen konnte."

Jackie Stewart

50 Jahre danach: Jackie Stewart mit seinem Siegerauto aus dem Jahr 1965 Zoom

"Aber es war auch ein großer Vorteil, Jim Clark als Freund zu haben. Ich habe Jimmys Fahrstil wirklich studiert, weil er so sauber war und nie die Ideallinie verließ. Jack Brabham ging oft über die Grenzen der Strecke hinaus und es flogen überall Steine herum! Aber Jim Clark war so präzise und sanft. Von ihm habe ich diese Fähigkeiten gelernt. Ich glaube, dass ich in diesem Jahr dreimal mit ihm auf dem Podium stand. In meinem ersten Jahr wurde ich dreimal Zweiter hinter ihm. Das war in Belgien, in Frankreich und in Holland."

Frage: "Wurde Enzo Ferrari durch diesen Sieg in Monza auf dich aufmerksam?"
Stewart: "Sie traten 1967 an mich heran. Es lief entweder über BP oder Shell und ich glaube, dass es Shell war. Ich reiste insgesamt zweimal nach Maranello und traf den alten Mann - 'Il Commendatore'. Letztendlich entschied ich mich aber dafür, nicht für ihn zu fahren. Ich einigte mich mit Ken Tyrrell, obwohl er damals gar kein Team hatte."

"Der Grund dafür ist, dass ich ein bisschen Angst vor der ganzen Politik hatte. Ich denke, dass alle Fahrer das wussten. Musso und Castellotti hatte er gegeneinander ausgespielt. Ich wollte aber immer nur nach vorne schauen und mich nicht dauernd umdrehen müssen. 'Il Commendatore' war ein charismatischer und wunderbarer Mensch, aber mir fehlte einfach das Vertrauen. Als ich das zweite Mal in Maranello war, da schlug mit mir auf einen Deal ein. Das war an einem Mittwoch. Gleichzeitig bot ein leitender Ferrari-Angestellter auch Jacky Ickx einen Deal an."

Warum Stewart nie für Ferrari fuhr

"Am Samstag rief er mich an und sagte: 'Ich habe gehört, dass du in Maranello warst.' Ich sagte: 'Niemand weiß das, woher weißt du es?' Da antwortete er: 'Man hat es mir erzählt. Sie sagen, dass du zu teuer bist. Sie haben mir den Platz angeboten, wenn ich bis zum Wochenende zusage.' Was sollte ich da machen? Denn Jacky war ein Freund - und er ist es noch immer!"

"Ich sagte: 'Machst du Witze?' Er antwortete: 'Nein, nein, man hat es mir angeboten. Sie haben gesagt, dass du zu viel Geld wolltest.' Das stimmte zwar nicht, aber das hatte diese Person ihm erzählt. Er fragte: 'Was soll ich machen?' Ich sagte: 'Du nimmst an.'"

"Am nächsten Tag reisten Jim Clark und ich nach Rom, um nach Indianapolis zu fliegen. Vom Flughafen in Rom rief ich Franco Gochi an, denn er war ein wunderbarer Mann. Er war der Übersetzer für Mister Ferrari, als wir den Deal gemacht hatten. Ich sagte: 'Franco, ich rufe an, um dir mitzuteilen, dass der Deal geplatzt ist.' Er sagte: 'Aber das kannst du nicht machen, du hast mit Mister Ferrari darauf eingeschlagen!' Ich sagte: 'Ja und er hat auch mit mir darauf eingeschlagen. Aber euer Teammanager hat Jacky Ickx das Cockpit angeboten und er sagte, dass es dabei um meinen Platz ging.' Chris Amon hatte damals nämlich schon einen Vertrag."

Jackie Stewart

Jackie Stewart fuhr in Monza im Sieger-BRM ein paar Runden Zoom

"Ich sagte ihm also, dass ich es nicht machen kann. Er sagte: 'Nein, nein, Jackie, wir wollen dich! Natürlich wollen wir dich!' Da sagte ich: 'Wie auch immer, Jacky hat das Angebot bekommen und angenommen. Er ist mein Freund und für mich ist es in Ordnung. Du kannst Mister Ferrari sagen, dass ich es unter diesen Umständen nicht machen kann.'"

Frage: "Jackie Ickx kanntest du doch aus dem Formel-2-Team Ken Tyrrells?"
Stewart: "Ja, genau, er war sogar mein Teamkollege! Bei Matra sind wir auch zusammen gefahren. Er war und ist ein guter Freund. Die Realität sah so aus: Er war ein aussichtsreicher Kandidat bei Ferrari, aber rückblickend betrachtet war es gut, dass er dort nicht unterschrieben hat."

Was Stewart und Tyrrell verband

Frage: "Du bist in der Formel 1 nur für BRM, Tyrrell und Matra gefahren. Dachtest du nie über andere Teams nach?"
Stewart: "Ich bin von verschiedenen Teams angesprochen worden. Aber Ken Tyrrell war ein Mann, dem ich blind vertrauen konnte. Er war ein richtig guter Typ, hatte die richtigen Mechaniker und die richtigen Ingenieure. Ich war einer seiner Bewunderer und davon begeistert, wie er das Team auf britische Art geführt hat. Ich bin meine Karriere über an seiner Seite geblieben. Auch Neil Davis, der schon dabei war, als ich 1964 das Formel-3-Auto getestet habe. Sie sind alle bei Ken geblieben. Ich habe für ihn eine Geburtstagsparty bei mir zu Hause veranstaltet und alle sind gekommen. Sie waren Ken gegenüber genauso loyal wie ich es war."


Fotostrecke: Die Formel-1-Karriere des Jackie Stewart

"Auch wenn wir damals (bis 1967) kein eigenes Auto hatten: Der Matra aus der Formel 2 war so gut, dass wir Jean-Luc Lagardere (Matra-Gründer) verklickert haben, dass er unbedingt eines für die Formel 1 bauen müsste. Wir hätten dann gleich bei der Premiere fast den Südafrika-Grand-Prix gewonnen. Das Auto war toll, aber super war der Ford-Motor, den damals jeder hatte. Das war wirklich faszinierend am Motorsport dieser Tage: Da gab es keine Mercedes- oder Red-Bull-Dominanz. Alle hatten das Gleiche! Wir haben guten Motorsport erlebt."

Frage: "Und es gab auch eine Menge talentierter Fahrer. Heute sind viele Paydriver unterwegs."
Stewart: "Klar! Wenn man an Jim Clark, Jack Brabham, Graham Hill, Jochen Rindt, Lorenzo Bandini, John Surtees denkt.."

Frage: "...und natürlich du selbst."
Stewart: "Es war schon fast eine Galaxie von Topfahrern."

Frage: "Ein Topmann wie Chris Amon hat es noch nicht einmal geschafft, ein Rennen zu gewinnen. Das spricht für die Qualität."
Stewart: "Genau. Er war ein fantastischer Pilot, aber er hat nie die richtigen Leute für eine Zusammenarbeit gefunden. Sein Können am Volant war fast das Beste unter all jenen, die ich erwähnt habe. Ich schätze ihn sehr hoch ein, obwohl er nie einen Grand Prix gewonnen hat."

Wie Stewart in Monza 1965 Hill besiegte

Frage: "Zurück zum Sieg in Monza: Hat er sich angefühlt, als würde ein Knoten platzen?"
Stewart: "Ja. Man denkt sich ja immer: 'Vielleicht gewinne ich nie!' Mir hat es weniger zu schaffen gemacht, Zweiter hinter einem Jim Clark zu werden. Für mich war das schon fantastisch, gerade als ich in Spa-Francorchamps zum ersten Mal auf einem Formel-1-Podium stand. Neben so einem Star zu stehen, gerade Jim Clark! Als mir das auch noch in Clermont-Ferrand und in Zandvoort gelungen ist, habe ich keine Panik bekommen. Ich war überrascht und stand an der Seite dieser Kerle. Ein paar Jahre zuvor hatte ich noch nicht einmal in einem Monoposto gesessen."

Jackie Stewart, Graham Hill

Jackie Stewart bremste in der Parabolica Teamkollege Graham Hill aus Zoom

Frage: "Gab es in Monza eine Stallregie bezüglich Graham Hill?"
Stewart: "Nein. Tony Rudd, der damals Teamchef war, sagte uns, wir sollten es locker angehen lassen. Zum Ende des Rennens waren nur noch wir beide einsam an der Spitze. Wir haben solche Zeichen bekommen, aber jeder hochklassige Rennfahrer wird bestätigen: Wenn man es locker angehen lässt, wird man schneller. Weil man keinen Druck mehr macht, weil man es nicht mehr darauf ankommen lässt."

"Deshalb war auch Jim Clark so stark, weil er so entspannt gefahren ist. Mit dem Windschatten waren wir immer noch schnell, auch wenn wir die Autos nicht überfahren habe. Als Graham der Schnitzer vor der Parabolica unterlief, hat er zu spät eingelenkt und kam auf den schmutzigen Teil der Fahrbahn. Da lagen damals noch Steine! Da konnte ich ganz einfach vorbeischlüpfen."

Frage: "Du warst im Qualifying fast immer schneller als Graham Hill."
Stewart: "Damals bedeutete die Pole-Position nicht so viel. Heute wird ja wie wild gefeiert. Ken Tyrrell hat sie niemals als wichtigen Teil der Vorbereitung gesehen, weil es ja auch kein spezielles Qualifying gab. Jede Session wurde gezeitet. Er hat Zeit damit verbracht, mit mir am Auto zu arbeiten."

"Es gab damals Preisgelder für Führungen zu bestimmten Zeitpunkten - etwa in der siebten Runde. Ken Tyrrell wusste das und kalkulierte, wie viel Sprit dann im Tank sein musste und welche montiert sein sollten. Ich habe nie über meine 17 Pole-Positions nachgedacht. Er war dagegen, das Auto im Training zu überfahren. Wir wollten das Auto richtig abstimmen. Die Pole-Position war in Monza keine große Sache."

Frage: "Und wo hast du deinen Sieg gefeiert?"
Stewart: "Helen (seine Ehefrau) war nicht vor Ort. Sie war zu Hause und schwanger mit Paul, der am 26. Oktober geboren wurde. Die Schwangerschaft verlief kompliziert, also kam sie nicht. Ich bin Lewis Stanley ins Savoy-Hotel nach Mailand gefahren, wo wir mit den Mechanikern gefeiert haben. Am nächsten Tag bin ich nach Hause gefahren und habe Helen am Flughafen getroffen."

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