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Nach Disqualifikation: Auf wen Timo Glock wirklich Wut schiebt

Timo Glock musste in Zandvoort für ein Revanchefoul an Edoardo Mortara von hinten starten - Dem Konkurrenten ist verziehen, der Rennleitung nicht

(Motorsport-Total.com) - Die Rennen in Zandvoort sind jedes Mal ein Highlight der DTM-Saison. Die Szenerie ist einzigartig, die Strecke herausfordernd und die Fahrer waren nach der Sommerpause - gelinde gesagt: angestachelt. Die Rennen elf und zwölf waren von vielen Emotionen geprägt. Am deutlichsten brachte das Timo Glock zum Ausdruck. Sein Zusammentreffen mit Edoardo Mortara im Qualifying zum Sonntagsrennen endete in Disqualifikation, Geldstrafe, Wut und Verzweiflung.

Timo Glock

Timo Glock hat Edoardo Mortara Entschuldigung angenommen Zoom

"Ich danke Edoardo und Mercedes dafür, dass sie sich für den Vorfall im Qualifying entschuldigt haben", schreibt Glock etwas gesetzter nach dem Rennen auf Instagram. "So etwas kann passieren und ist verständlich. Ich bin grundsätzlich mehr unzufrieden mit der Entscheidung des DMSB, mich zu disqualifizieren", geht er dafür den Deutschen Motor Sport Bund und die Rennleitung an - auch im scharfen Ton: "Diese Information erst in der Startaufstellung zu bekommen, sagt schon alles."

Das Blockieren im Qualifying treibt jeden Fahrer auf die Spitze. Zwischen den niederländischen Dünen kam es am Sonntagmittag nicht nur zu diesem einem Vorfall. Doch das Mercedes-BMW-Duell hinterließ die tiefsten Spuren. Auch bei einem Mortara, der in der Tat vollkommen geknickt und mit hängen Schultern in der Medienrunde nach dem Rennen seinen Reue-Gang zu Glock und BMW-Motorsportchef Jens Marquardt antrat. Eine große Geste!

Mortara sichtlich beschämt

"Es tut mir sehr leid. Es war keine Absicht", schildert er den Vorfall aus seiner Sicht: "Ich habe ihn zum ersten Mal Ausgangs Kurve 3 im Rückspiegel gesehen und meinen Ingenieur gefragt, ob er auf einer schneller Runde ist. Die Antwort war, dass er nicht gepusht hat. Und wenn man dann aus Kurve 7 herauskommt, die eine komplett blinde Kurve ist, dann erwartet man nicht, dass jemand im Rückspiegel auftaucht. Ich war jedenfalls sehr überrascht und habe ihn zu spät gesehen. Ich kann seinen Frust verstehen. Ich kann mich nur entschuldigen. So etwas sollte nicht passieren. Ich bin auch der erste, der sich über so etwas ärgert."

Beim BMW stieß sein Verhalten jedenfalls im ersten Moment prompt auf Unverständnis. "Ich bin total sauer", tobte Glocks Teamchef Stefan Reinhold direkt nach der Qualifikation. "Die Strecke ist groß genug für 18 Autos - da ist Platz für alle. Wir haben Spiegel, wir haben Funk, wir warnen unsere Fahrer auch permanent, wenn Autos von hinten kommen. Wir haben ja einen Überblick, wer auf welcher Runde fährt. Und ich glaube, Mercedes und Audi haben auch Funk."

Auch Mortara musste eine Strafe hinnehmen. Weil er im Qualifying zuvor schon Audi-Pilot Jamie Green in den Weg kam, ging es für ihn in der Startaufstellung fünf Platze weiter nach hinten. Glock hingegen war zuvor schon mit Audi-Fahrer Loic Duval aneinandergeraten, was die Ausgangssituation für den Mortara-Fall nicht besser machte.

Glock schon von Duval povoziert

"Ich war auf beiden Reifensätzen auf dem Weg, mir wieder die Pole-Position zu holen", betont er. "Auf dem ersten Satz hat mich Duval in Kurve 9 geblockt. Das haben sie sich nicht einmal angeschaut. Das ist doch seltsam, wenn man es meldet und sie sagen: 'Alles in Ordnung, das müssen wir uns nicht anschauen.'. Dabei war es offensichtlich, dass ich in Kurve 9 hinter ihm festhing und in Kurve 10 eine engere Linie fahren musste, weil er mich geblockt hat. Das hat mich zweieinhalb Zehntel gekostet. Beim zweiten Mal mit Mortara wird es dann natürlich emotional - vor allem, wenn man die Chance hat, die Pole-Position zu holen."


Fotos: Timo Glock, DTM in Zandvoort


Der 35-Jährige lief dann knapp drei Minuten vor Schluss auf Mortara auf, fühlte sich behindert, stürmte schließlich vorbei und bremste noch einmal ordentlich ab - ein Revanchefoul, wie die Rennleitung entschied. Dass Glock seinen Gegenüber dann im Funk noch als "fucking idiot" beschimpfte, machte die Sache nicht besser. "Dafür entschuldige ich mich nicht", so Glock. "Das ist meine Sichtweise in dem Moment und meine Emotionen, die da hochkochen."

In der Boxengasse ging es danach auch noch einmal heiß her. Glock stürmte an der Mercedes-Garage vorbei und zeigte das internationale Zeichen für Missfallen: den Stinkefinger. Das war dem DMSB noch einmal 3.000 Euro wert. Die Provokation endete beinahe in einem Handgemenge, als ein Mercedes-Mann auf Glock zustürmte. "Der war natürlich nicht glücklich über den Gruß, den ich da reingerichtet habe", grinst Glock.

Timo Scheider meldet sich zu Wort

Der 35-Jährige glaubt noch immer, den Entscheidungsträgern seine Sicht einleuchtet erklärt zu haben. "Im Endeffekt habe ich nur versucht, Anlauf zu nehmen um meine zweite Runde vorzubereiten. Am Ende musste ich doch reinkommen, weil ich nicht mehr genügend Benzin hatte. Ich habe nur versucht, eine Lücke zu lassen und der DMSB fand, das wäre unfair gewesen. Edo war auf einer Anwärmrunde und hat versucht, seine Reifen auf Temperatur zu bringen. Ich war auf einer schnellen Runde, die ich abbrechen mussten, um einen neuen Versuch zu starten. Dafür disqualifiziert zu werden, ist für mich nicht logisch."

Derweil scheiden sich die Geister auch im Umfeld an der Beurteilung der Situation. Formel-1-Pilot Max Verstappen, der in seiner Heimat die DTM besuchte, räumt ein, er könnte sich vorstellen, in einem solchen Moment ähnlich wie Glock zu reagieren. "Das verstehe ich schon. Aber Edo hat von einem Missverständnis mit dem Team gesprochen, das kann ich dann auch verstehen."

Ex-DTM-Pilot Timo Scheider springt seinem Freund in den sozialen Medien zur Seite. "Ehrliche Emotionen und ehrliche Meinungen - das ist es, was die DTM wollte und was zwischen Timo und Edoardo gewesen ist. Das Urteil der Sportkommissare ist unverständlich. Ich kann Timos Reaktion völlig verstehen, auch wenn ich Edo keine Absicht unterstelle. Wobei, Mercedes passiert so etwas blöderweise häufig in den letzten 17 Jahren..."

Ex-Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug ist gegenüber der ARD hin und hergerissen: "Es ist passiert und er wird sich selbst am meisten darüber ärgern. Er selbst ist der Geschädigte. Er hätte als Fünfter losfahren können. Vielleicht hat er sich damit selbst aus dem Meisterschaftskampf genommen. Die 3000 sind okay, die kann man bezahlen. Aber sich selbst aus dem Rennen zu nehmen mit einer Aktion, die nicht hätte sein müssen... Ich kann es auf der einen Seite verstehen - man ist halt heiß. Aber er hat sich selbst geschadet."

Bei Glock wirkt das Geschehen auch am meisten nach. Nach dem Rennen zeigt er sich noch regelrecht resigniert. Auf die Frage, wer nun die besten Karten im Titelkampf hätte, antwortet er: " Wahrscheinlich der, der am freundlichsten zum DMSB ist. Rene (Rast; Anm. d. Red.) ist glaube ich ein ganz netter. Ich bin raus. Mich kann man abschreiben. Die werden mich jetzt wahrscheinlich bei jedem Rennen auseinandernehmen. Sollen sie nur, das ist mir relativ egal."