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Bluffen Mercedes-Rivalen im Kampf um DTM-BoP? "Das sind Schauermärchen"

Wie die AVL-BoP beim Hockenheim-Test aussah, warum Mercedes-AMG bei der Konkurrenz "Sandbagging" ortet und wie das Abt-Team die Audi-Testzeiten erklärt

(Motorsport-Total.com) - Schon beim ersten DTM-Test in Hockenheim mit den neuen GT3-Boliden vergangene Woche kochte das Balance-of-Performance-Thema (BoP) hoch: Sechs Mercedes-AMG-Boliden landeten an der Spitze - und Teamchef Hubert Haupt ortete einen Bluff der Konkurrenz: "Es sieht so aus, als ob die anderen Autos ziemlich langsam sind - verglichen mit anderen Serien. Ich denke, es wäre besser, das Gaspedal voll durchzutreten."

Kelvin van der Linde

Die Audi-Rundenzeiten sorgten bei Mercedes für hochgezogene Augenbrauen Zoom

Haupt ist nicht der einzige, der das so sieht. "Offensichtlich haben einige unserer Mitstreiter die Katze noch nicht aus dem Sack gelassen", wirft auch Adam Osieka, Teamchef des Mercedes-AMG-Teams GetSpeed, den Rivalen "Sandbagging" vor.

"Audi war im Topspeed über zehn km/h schneller als der AMG, dennoch im letzten Sektor plötzlich eine halbe Sekunde langsamer. Die Hauptaufgabe der Verantwortlichen wird sein, bis zum Saisonauftakt eine faire BoP zu erstellen."

So sah die Test-BoP der AVL aus

Das war übrigens beim ersten Test noch nicht das Ziel gewesen: Die für die BoP verantwortliche AVL nahm für die Test-Einstufung zunächst nur geringfügige Änderungen vor, um das individuelle Leistungsvermögen der Autos auszuloten.

Die Boliden waren dabei mit zwei Ausnahmen im Zustand der FIA-Homologation: Der Audi R8 LMS GT3 erhielt als einziges Auto 15 Kilogramm Zusatzgewicht, während der Mercedes-AMG GT3 mit zwei Luftmengenbegrenzern mit je 38 Millimeter Durchmesser versehen wurde.

Audi schnell auf der Geraden, aber langsam in den Kurven

'Motorsport-Total.com' hat sich die Daten der Rundenzeiten genau angesehen: Tatsächlich kam das Abt-Team am Mittwochmorgen am Ende des Parabolica-Knicks auf eine Höchstgeschwindigkeit von 275 km/h, während Nico Müller im Audi des Rosberg-Teams sogar noch um ein km/h schneller war und den absoluten Höchstwert aufstellte.

Der Mercedes-AMG GT3 erwies sich hingegen als langsamstes Auto auf den Geraden und kam über 266 km/h nicht hinaus. Dennoch war Lucas Auers Test-Bestzeit 1:36.153 um 0,517 Sekunden schneller als die Zeit von Mike Rockenfeller, der mit dem Abt-Audi bester Nicht-Mercedes war.

Vor allem in Sektor 3, der vom winkeligen Motodrom geprägt wird, sah niemand Land gegen Mercedes-AMG: Schon am Mittwoch-Morgen fuhr Maximilian Götz mit 30.014 in diesem Abschnitt die schnellste Zeit des Tests. Die Audi-Piloten waren in der Regel eher im hohen 30er-Bereich zu finden, nur am Mittwoch-Morgen fuhr Kelvin van der Linde einmal 30.654.

Mercedes-AMG: "Zeitunterschied war zu groß"

Im Mercedes-AMG-Lager sorgte das für Verwunderung, denn der R8 LMS GT3 gilt im Gegensatz zum BMW M6 GT3 nicht gerade als Auto, das nicht um die Ecken geht. "Wenn man in den anderen Rennserien schaut, welches Fahrzeug in den Abtriebspassagen wie stark ist, dann zeigt sich ein anderes Bild", fällt Mercedes-AMG-Kundensport-Koordinator Thomas Jäger im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' auf.

Maximilian Götz

Bei Mercedes-AMG wundert man sich über den Rückstand der Konkurrenz Zoom

Und fordert Fairness ein. "Wir haben klar gesagt: Für uns ist es wichtig, ein Vertrauen zu kriegen, korrekte Daten zu liefern, damit es eine Datenbasis für unser Auto gibt, damit dann gute Entscheidungen getroffen werden können", wünscht er sich ein Spiel mit offenen Karten.

"Alles andere hat keinen Sinn. Wir haben auch keine Ansage an unsere Teams gemacht und sie einfach arbeiten lassen. Was mich bei den anderen Herstellern gewundert hat: Mit dieser Leistung und diesem Gewicht war der Zeitunterschied aus meiner Sicht zu groß. Aber ich will niemandem was unterstellen."

So erklärt Abt-Sportdirektor Biermaier das Audi-Set-up

Handelte es sich also um BoP-Geplänkel bei der Konkurrenz von Mercedes-AMG und wählte man im Audi-Lager absichtlich ein ungünstiges Set-up? "Ich glaube, dass die AVL unsere Daten ganz gut analysieren kann", winkt Abt-Sportdirektor Thomas Biermaier im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' ab und verweist darauf, dass man sich auf das eigene Testprogramm konzentriert habe.

"Wir haben nicht viel Wert auf Rundenzeiten gelegt und auch nicht so viele neue Reifen genutzt. Stattdessen haben wir viel mit dem Set-up gespielt." Das habe auch damit zu tun, dass der R8 LMS GT3 für die DTM-erprobte Truppe aus Kempten im Gegensatz zu vielen Langstreckenteams Neuland bedeutet.

Und auch der Dreitages-Test in Vallelunga Anfang März abgesehen vom Schlusstag ins Wasser fiel. "Jetzt haben wir mal einigermaßen im Trockenen fahren können. Daher wollten wir lernen, wie das Auto reagiert, wenn ich diese und jene Änderung mache. Dann mussten wir schauen, ob es auch wirklich aussagekräftig ist, wenn ich das wieder zurückbaue. Wir müssen das Auto im Gegensatz zu den anderen Teams noch kennenlernen."

Abt-Team: Auch Mercedes-AMG hat "Luft nach oben"

Zumal man neben dem Boliden, den sich van der Linde und Rockenfeller teilten, nur das von Sophia Flörsch gesteuerte Schaeffler-Paravan-Auto aus der GTC-Race-Serie zur Verfügung hatte, das wegen des Übergewichts nicht den BoP-Vorgaben der AVL entsprach.

Biermaier behauptet erst gar nicht, dass der R8 LMS GT3 zu keinen besseren Zeiten in der Lage gewesen wäre: "Wir hätten sicher noch eine bessere Zeit herausfahren können, wenn wir das Auto besser auf den dritten Sektor oder auf die Hockenheim-Strecke abgestimmt hätten. Wir wollten aber unterschiedliche Dinge, Reifendrücke, Sturzwerte und Fahrzeughöhen ausprobieren."


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Aber hat Mercedes-AMG die Karten wirklich - wie Jäger sagt - offen auf den Tisch gelegt? Biermaier hat seine Zweifel. "Das sind doch Schauermärchen", ist der Abt-Sportdirektor überzeugt. "Auch Mercedes hat Luft nach oben. Das gilt für jeden. Es hat noch nie jemand beim Testen alles gezeigt."

BMW am ersten Tag "an der Performance-Grenze"

Auffällig war, dass die BMW-Teams Walkenhorst und Rowe beim Test deutlichen Rückstand hatten. Am ersten Tag fehlten dem besten M6 GT3 mit Walkenhorst-Pilot Marco Wittmann auf Platz sieben 0,570 Sekunden auf die Bestzeit von Mercedes-Pilot Maximilian Götz, am zweiten Tag war der Fürther 1,037 Sekunden hinter der Auer-Zeit - und nur Zwölfter.

Die beste Rundenzeit eines Rowe-Piloten war am Donnerstag sogar langsamer als am Mittwoch, obwohl die Strecke mehr Grip bot. Worauf das zurückzuführen war? Die AVL forderte noch am ersten Tag eine Änderung der Turbo-Einstellungen ein, um eine Sensitivitätsanalyse durchzuführen. Das hat damit zu tun, dass die korrekte Einstellung der Turbo-Autos eine besondere Herausforderung ist.

Auch Hans-Peter Naundorf, Teamchef des Rowe-Rennstalls, will übrigens von einem Bluff nichts wissen. "Die Einstellungen, mit denen wir am ersten Tag gefahren sind, ist bei uns die Performance-Grenze", sagt er im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. Am zweiten Tag war man hingegen etwas gebremst. "Wir haben schon gesehen, dass wir bei den Zeiten von der Performance ein bisschen hinterherhinken. Das war aufgrund der Einstufungen, die da gewünscht wurden, vollkommen klar."

Das Gesamtergebnis der beiden Testtage:
1. Lucas Auer (Winward-Mercedes) 1:36.153 (Do)
2. Vincent Abril (Haupt-Mercedes) 1:36.173 (Do)
3. Daniel Juncadella (GruppeM-Mercedes) 1:36.251 (Do)
4. Philip Ellis (Winward-Mercedes) 1:36.351 (Do)
5. Maximilian Götz (Haupt-Mercedes) 1:36.375 (Do)
6. Arjun Maini (GetSpeed-Mercedes) 1:36.555 (Do)
7. Mike Rockenfeller (Abt-Audi) 1:36.670 (Do)
8. Maximilian Buhk (Mücke-Mercedes) 1:36.780 (Do)
9. Kelvin van der Linde (Abt-Audi) 1:36.867 (Mi)
10. Liam Lawson (AF-Corse-Ferrari) 1:36.897 (Mi)
11. Nico Müller (Rosberg-Audi)1:36.945 (Mi)
12. Alex Albon (AF-Corse-Ferrari) 1:37.012 (Do)
13. Marco Wittmann (Walkenhorst-BMW) 1:37.190 (Do)
14. Sheldon van der Linde (Rowe-BMW) 1:37.264 (Mi)
15. Gary Paffett (Mücke-Mercedes) 1:37.291 (Mi)
16. Fabian Schiller (GetSpeed-Mercedes) 1:37.349 (Mi)
17. Timo Glock (Rowe-BMW) 1:37.482 (Do)
18. Dev Gore (Rosberg-Audi) 1:37.735 (Do)
19. Sophia Flörsch (Abt-Audi) 1:38.260 (Do)

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