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24h Spa 1992: Das größte Rennen der Geschichte

Anlässlich des 90. Geburtstags der 24 Stunden von Spa erinnern wir mit Hilfe zweier Protagonisten an die Geschichte des unglaublichen Rennens 1992

(Motorsport-Total.com) - Steve Soper war nicht gerade bester Laune. Er war rasiert, geduscht und wollte nach Hause fliegen, um seine neugeborene Tochter zu sehen. Aber Bigazzi-Teambesitzer Gabriele Rafanelli witterte den Sieg und hatte andere Vorstellungen. Rafanelli glaubte daran, dass Soper und seine Teamkollegen Jean-Michel Martin und Christian Danner die 24 Stunden von Spa-Francorchamps 1992 noch gewinnen können.

Steve Soper, Eric van de Poele

Die 24 Stunden von Spa 1992 entschieden sich erst in der letzten Runde Zoom

Deshalb wollte er, dass sein Star-Fahrer noch einmal hinter das Steuer des zweitplatzierten BMW M3 steigt. Der Boss bekam seinen Willen, und was folgte, war ein packender Endspurt, der zum bis heute engsten Zieleinlauf in der 90-jährigen Geschichte des Langstrecken-Klassikers in Belgien führte.

Soper, nach eigener Aussage kein Fan von 24-Stunden-Rennen, war sich allerdings nicht sicher, ob es sich lohnen würde, den schmutzigen Overall noch einmal anzuziehen. Der führende Schnitzer-BMW von Eric van de Poele, der sich das Auto mit Joachim Winkelhock und Altfrid Heger teilte, lag seit Samstagabend in einem Rennen an der Spitze, in dem fünf Werks-BMW von drei verschiedenen Teams den Sieg unter sich ausmachten. Nun hatte der Führende eine Runde Vorsprung und war in Sopers Augen außer Reichweite.

Soper muss ins Auto - ob er will oder nicht

"Ich sagte Gabs, dass ich zurück nach London fahre, und er sagte mir, dass ich nirgendwo hingehen würde." Steve Soper

"Ich sagte Gabs, dass ich zurück nach London fahre, und er sagte mir, dass ich nirgendwo hingehen würde", erinnert sich Soper, der bereits am Freitagabend kurzzeitig nach London zurückgereist war, um die Geburt seiner ersten Tochter mitzuerleben. "Gabs glaubte immer, dass wir das Rennen noch gewinnen können, das war für ihn normal. Wir würden jedes Rennen gewinnen, selbst wenn ein Kolben aus dem Motor hängt."

Spa-Recke Martin hatte das Auto von Soper und Danner übernommen und sollte den letzten Stint fahren, aber Rafanelli wusste, dass Soper der richtige Mann war, um das rivalisierende Schnitzer-Auto zu jagen. "Ich wollte jemanden, der wütend genug ist, um wie der Teufel zu fahren, und so das Auto an die Spitze und zum Sieg bei den 24 Stunden zu fahren", erklärt Rafanelli. "Steve war genau dieser Mann. Ich sagte ihm, dass er in das verdammte Auto einsteigen soll."

Das Schnitzer-Auto hatte bereits zwei Runden vorne gelegen, nachdem Soper am Sonntagmorgen gegen 10 Uhr einen Hinterbänkler berührt und einen kurzen Reparaturstopp hatte einlegen müssen. Eine dieser beiden Runden mussten van de Poele und seine Teamkollegen allerdings wieder hergeben, nachdem eine Antriebswelle gewechselt werden musste. Deshalb glaubte Rafanelli an den Sieg.

Soper macht Sekunde um Sekunde gut

Steve Soper

Steve Soper fuhr mit Wut im Bauch einen fantastischen Schluss-Stint Zoom

Kurz vor Ende der 22. Rennstunde musste das Schnitzer-Auto für viereinhalb Minuten an die Box kommen. Als van de Poele wieder auf die Strecke ging, war die verbleibende Rennzeit etwas länger als die Zeit, welche ein Gruppe-A-Bolide normalerweise mit vollem Tank fahren kann. Das Bigazzi-Team war daher zuversichtlich, dass der Führende noch einmal stoppen muss.

Eine nach Aussagen von Soper "hitzige Diskussion" spielte beim dramatischen Endspurt des Rennens eine Rolle, nachdem er zu Beginn der letzten Rennstunde widerwillig im Auto festgeschnallt wurde.

"Nachdem ich wieder einstieg, war ich wahrscheinlich aufgedrehter und aggressiver als normalerweise am Ende eines 24-Stunden-Rennens", erklärt die britische Tourenwagen-Legende. "Ich bin gefahren wie ein Verrückter. Zu Beginn meines Stints habe ich dem Führenden vielleicht zwei oder drei Sekunden pro Runde abgenommen, aber plötzlich waren es fünf oder sechs."

Zitterpartie an der Schnitzer-Box

Van de Poele hingegen hatte von Anfang an strikte Anweisungen Benzin zu sparen, um bis ins Ziel durchzufahren, doch erst eine halbe Stunde vor Rennende entschied sich Schnitzer dazu, auf einen letzten Boxenstopp zu verzichten. Zu diesem Zeitpunkt stand Heger fertig angezogen in der Boxengasse bereit, und unter den Heizdecken wartete ein frischer Satz Yokohama-Reifen.


Fotos: 24 Stunden von Spa-Francorchamps


"Ich war eine Zeit lang Gruppe C gefahren und hatte dort einige Tricks zum Benzinsparen kennengelernt", erinnert sich van de Poele. "Ich war mir ziemlich sicher, dass es reichen würde, aber Charly (Lamm, Schnitzer-Teamchef; Anm. d. Red.) wurde etwas ängstlich und entscheid sich, in Sachen Benzin kein Risiko einzugehen. Man darf nicht vergessen, dass es damals noch keine Telemetrie gab."

15 Minuten vor Rennende betrug der Vorsprung noch rund eine Minute, doch dann zeigte Schnitzer van der Poele auf der Boxentafel "SLOW" an und wedelte mit Zetteln, auf denen die Zahl 7.500 gemalt war. Die Botschaft war klar: Er musste die Drehzahl senken, wenn er ohne Tankstopp ins Ziel kommen wollte.

Boxensignale bringen van de Poele aus dem Takt

Eric van de Poele

Erst langsam, dann Angriff: Eric van de Poele verliert seinen Rhythmus Zoom

Soper glaubt, dass van de Poele durch diese Anweisungen aus dem Rhythmus kam. "Das hat sein Renntempo völlig durcheinander gebracht, und plötzlich holte ich in einer Runde sieben, acht oder sogar zehn Sekunden auf ihn auf. Ich habe versucht zu berechnen, wie viele Runden wir noch fahren würde und ahnte, dass uns die Zeit davonlief."

Van de Pole hingegen konnte nicht glauben, zu welch langsamer Fahrerweise er angehalten wurde. "Die Leistung des BMW-Motors entfaltete sich erst in der Spitze, daher war ich unfassbar langsam. Ich dachte aber, BMW würde mich umbringen, wenn ich ohne Benzin liegen bleibe, was hätte ich also tun können?" Van de Poeles größtes Problem bei der Verwaltung des Vorsprungs auf seinen Verfolger waren fehlende Informationen, denn in der Nacht war der Boxenfunk in seinem Auto ausgefallen. "Die Informationen, die ich über die Boxentafel erhielt, waren eine Runde alt", sagt er.

"Ich dachte, BMW würde mich umbringen, wenn ich ohne Benzin liegen bleibe." Eric van de Poele

Allerdings erhielt auch Soper keine exakten Informationen. Die letzte Runde wurde ihm eine Runde zu früh angezeigt. So kam er dicht hinter van de Poele in dem Glauben zur Bus-Stop-Schikane, dass es das letzte Mal sein würde. Der Belgier verteidigte seine Position und Soper drückte ihn aufs Gras, doch noch lag das Schnitzer-Auto vorne. Soper hatte jedoch mehr Schwung und übernahm vor der La Source die Führung. Doch das Rennen war noch nicht vorbei. Nun erhielt van der Poele bei der Vorbeifahrt an der Box die etwas verspätete Nachricht "ATTACK" um Soper in der letzten Runde wieder einzufangen.

Knappstes Finish alles Zeiten

Zeitgenössische Berichte erwecken den Eindruck, van de Poele habe zu dieser Zeit angeschlagen im Auto gesessen, weil das Team bei sehr heißen Bedingungen beim letzten Boxenstopp vergessen hatte, die Trinkflasche aufzufüllen. Diese Geschichten wurden durch die Tatsache befeuert, dass van de Poele das Medical-Center aufsuchen musste, nachdem er aus dem Auto ausgestiegen war.


Schlussphase der 24 Stunden von Spa 1992

"Jeder sagte, es wäre mein Fehler gewesen, weil ich völlig erschöpft gewesen sei. Aber das stimmt nicht", erklärt er. "Während ich im Auto saß, war ich zu 100 Prozent klar. Nachdem ich aber die Tür öffnete und frische Luft bekam, war es um mich geschehen. Ich bin am Ende des Rennens die zweitschnellste Rundenzeit gefahren. Wir waren immer noch konkurrenzfähig und haben das Rennen nur deshalb nicht gewonnen, weil der Funk ausgefallen war. Ansonsten hätten wir den Vorsprung problemlos kontrollieren können."

Angestachelt von seinem Team, versuchte van de Poele, Soper wieder zu überholen. Allerdings war dies eine schwierige Aufgabe, denn Schnitzer hatte den höchsten Gang im Sinne der Benzin-Effizienz länger übersetzt, während Bigazzi eine aggressivere Abstimmung gewählt hatte. Van de Poele kam in der Stavelot-Kurve noch einmal dicht heran, doch letztlich gewann der Brite mit 0,49 Sekunden Vorsprung.

Sopers persönlicher Dusch-Marathon

Der zweitplatzierte BMW hatte noch einige Liter Benzin im Tank, obwohl das Auto mit einer Tankfüllung 45 Runden gefahren war, während ein normaler Stint 42 bis 44 Runden lang war. Heute müssen sowohl Lamm als auch van de Poele anerkennen, dass ein kurzer Tankstopp die richtige Taktik gewesen wäre. "Im Nachhinein betrachtet hätten wir ihn an die Box holen, neue Reifen geben und sagen sollen: 'Auf geht's'", sagt Lamm.

"Wir haben das verdammte Rennen wegen des Funks verloren." Eric van de Poele

Für van de Poele war seine Niederlage 1992 in Spa die größte Enttäuschung in seiner Karriere. Mit fünf Siegen wäre er erfolgreichster Fahrer in der Geschichte des Rennens geworden. "Wir haben das verdammte Rennen wegen des Funks verloren", sagt er. "Mit Funk hätte ich das Rennen problemlos kontrollieren können. Ich war unglaublich enttäuscht und werde heute noch wahnsinnig, wenn ich an dieses Rennen denke."

Soper hingegen war angesichts der ganzen Angelegenheit perplex. Nach der Zieldurchfahrt war er vor allem genervt, weil er noch einmal in seinen Overall hatte schlüpfen müssen. "Mir hat das alles zu dieser Zeit nicht viel bedeutet, denn ich war so verärgert darüber, dass ich noch einmal fahren musste", sagt er.

Diesem Ärger wurde bei Bigazzis Siegesfeier nach dem Rennen die Krone aufgesetzt. Nachdem sich Soper im Anschluss an die Champagner-Dusche auf dem Podium zum zweiten Mal geduscht hatte, wurde er im Fahrerlager in einen schmutzigen Teich geworfen. "Innerhalb von wenigen Stunden musste ich zum dritten Mal duschen", erinnert er sich. "Ich wollte einfach nur noch nach Hause und meine Tochter sehen."

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