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Oreca: LMP2-Entwicklung, LMP1-Chance und IndyCar-Liebe

Oreca-Chef Hugues de Chaunac im großen Interview mit 'Motorsport-Total.com': Interesse von möglichen LMP1-Kandidaten und der sehnsüchtige Blick in die USA

(Motorsport-Total.com) - Nach KCMG (2015) führte in diesem Jahr Alpine ein Oreca-05-Chassis zum Sieg in der LMP2-Klasse bei den 24 Stunden von Le Mans. Der Hersteller aus Signe nahe der südfranzösischen Strecke Le Castellet plant nun schon den nächsten Coup. Der neue Oreca 07, der auf Grundlage der neuen LMP2-Regeln für 2017 entsteht, soll den Kunden weitere Erfolge ermöglichen. Im großen Interview mit 'Motorsport-Total.com' spricht Oreca-Boss Hugues de Chaunac auch über Interesse von potenziellen LMP1-Einsteigern.

Stephane Sarrazin

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Frage: "Hugues de Chaunac, Gratulation zum Klassensieg in Le Mans. Der erfolgreiche Alpine A460 ist schließlich nichts anderes als ein umbenannter Oreca 05. Wie siehst du euch mit dem LMP2-Auto im Wettbewerb gegen Landsmann Jacques Nicolet (Ligier/Morgan) aufgestellt?"
Hugues de Chaunac: "Der Oreca 05 ist schon ein ganz besonderes Auto. Man muss sich das nur mal vorstellen: Die Fertigstellung war im Mai vergangenen Jahres und nicht einmal zwei Monate später hat Nicolas Lapierre damit schon in Le Mans gewonnen. Und jetzt schon wieder!"

"Das Auto hatte von Beginn an nie Zuverlässigkeitsprobleme. Es läuft ohne Sorgen über 24 Stunden und hält somit die Standzeit in der Box äußerst gering. Das ist ein Schlüssel. Ein weiterer Faktor ist, dass wir das Auto seit dem Frühjahr 2015 immer besser kennengelernt haben und es somit besser auf die Strecken abstimmen können. Nicht zuletzt spielt mit hinein, dass wir großartige und tolle Teams haben, die unsere Orecas einsetzen. Neben Alpine sind dies Mannschaften wie Manor, Jota oder TDS."

Frage: "Der Oreca 05 ist erst in seinem zweiten Jahr, aber zur kommenden Saison kommt schon euer neues LMP2-Auto. Läuft bei der Entwicklung des Oreca 07 alles glatt?"
de Chaunac: "Ja, bisher können wir nicht klagen. Anfang Oktober sollten wir das Auto erstmals auf der Strecke testen können, dann natürlich schon mit dem neuen Einheitsmotor von Gibson. Wenn wir uns die Werte so anschauen, dann dürfen wir sehr zuversichtlich sein. Das neue Auto sollte ein guter Fortschritt sein."


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"Mit dem neuen Gibson-Motor (V8-Saugmotor GK428; Anm. d. Red.), der 600 PS leisten soll, werden die Autos natürlich schneller. Wir werden dann in Le Mans bestimmt Rundenzeiten unterhalb der 3:30-Minuten-Marke fahren können, also ungefähr acht Sekunden pro Runde schneller als bisher. Das ist ein riesiger Schritt, ab dieser Rundenzeiten-Marke wird es richtig lustig. Unser Auto wird das mitmachen und viel Freude bereiten. Ich gehe davon aus, dass acht bis zehn unserer neuen Oreca 07 im kommenden Jahr in Le Mans fahren werden. Das Interesse von Kunden ist groß."

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Frage: "Ab 2017 gibt es nur noch vier LMP2-Chassishersteller: Oreca, Ligier, Dallara und Riley/Multimatic. In der LMP3-Klasse gibt es ein ähnliches System mit fünf Herstellern, aber in der Realität fahren eigentlich nur Ligiers. Kann in der LMP2-Klasse ein ähnliches Monopol entstehen?"
de Chaunac: "Sehe ich nicht so. In der LMP2 haben wir in Dallara, Ligier und Riley/Multimatic drei Konkurrenten, die wirklich auf Augenhöhe agieren können. Der Markt wird unter allen Herstellern aufgeteilt sein. Es wird hier und dort Unterschiede geben, aber einen klaren Marktführer erwarte ich nicht. Nicht so wie in der LMP3-Klasse - ganz sicher nicht."

Frage: "Oreca hat eine sehr erfolgreiche Motorsport-Tradition in den USA. Vor zwei Jahren hast du mir gesagt, dass dein Traum von einer Rückkehr nach Amerika sehr stark sei. Was ist aus diesem Traum geworden?"
de Chaunac: "Den träume ich immer noch ständig. In der IMSA-Serie kommen die neuen DPi-Autos. Unser Wunsch ist es, ein solches Auto zu produzieren. Allerdings schaffen wir das wahrscheinlich nicht für 2017. Die Zeit reicht nicht. Als führender Hersteller in der LMP2-Klasse wollen wir aber 2018 ein DPi-Chassis bereit haben. Wir müssen dort drüben in der DPi-Klasse fahren."


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Frage: "Wer ein DPi-Auto hat, ist nicht mehr weit entfernt von einem Fahrzeug für die private LMP1-Klasse..."
de Chaunac: "Da hast du vollkommen recht. Aktuell fährt Rebellion den R-One, also ein Chassis, das wir entwickelt haben. Mit den neuen LMP2-Regeln ab 2017 gibt es die Chance, das weitere Teams in die Riege der privaten LMP1-Mannschaften aufsteigen. Erst einmal führen wir Gespräche mit Rebellion über ein Update von deren Auto. Es gibt aber Interesse von anderer Seite - also potenzielle Kunden, die in die LMP1 kommen wollen. Ich sehe dort gutes Potenzial für uns."

Frage: "Wie viele Interessenten sind das? Und wer hat angefragt?"
de Chaunac: "Es gibt bislang zwei sehr ernsthafte Anfragen von Leuten, die ein Auto einsetzen möchten. Es ist nicht so einfach, in der LMP1-Klasse ein starkes und konkurrenzfähiges Auto zu bauen und dieses einzusetzen. Deswegen fragen diese Menschen bei uns an. Alle wissen, dass wenn wir ein LMP1-Auto für die private Klassen bauen, es definitiv konkurrenzfähig sein wird."

"Diese Autos tragen dann den gewünschten Namen des Kunden - wie es bei Rebellion aktuell auch der Fall ist. Das ist der Unterschied zur LMP2, wo das mit Ausnahme von Alpine niemand macht. Nicht falsch verstehen: Ich sage nicht, dass es riesiges Interesse gibt an einem LMP1-Auto, aber es gibt ernsthaftes Interesse von einigen wenigen. Realisieren können wir so etwas ohnehin erst zur Saison 2018."

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Frage: "Wie wichtig sind aus deiner Sicht die privaten LMP1-Teams für die Veranstaltung 24 Stunden von Le Mans?"
de Chaunac: "Wichtig ist, dass der ACO die Augen öffnet und darauf hört, was sich potentielle Kunden denn überhaupt wünschen. Es gibt halt einige - wie jetzt beispielsweise Rebellion -, die nicht in die LMP2-Klasse wollen. Gleichzeitig sind sie kein Automobil-Hersteller, wollen aber trotzdem in die LMP1. Diesen Teams muss man auf konkrete Fragen doch wenigstens konkrete Antworten liefern. Sobald einer der Hersteller ein Problem am Markt hat und aussteigt, wird ein gutes Feld an Privatteams sehr, sehr wichtig."

Frage: "Wie teuer wäre denn ein Chassis für die Privatklasse der LMP1, wenn ich es von Oreca bauen lasse? Mal im Vergleich zu einem LMP2-Auto, das einer Kostenobergrenze unterliegt."
de Chaunac: "Das hängt alles davon ab, was für ein Aerodynamikpaket du haben möchtest. Die Kosten werden ganz klar durch den Aufwand beim Design bestimmt. Wenn du für dich ganz exklusiv ein eigenes Paket haben möchtest, dann musst du auch für dessen Entwicklung bezahlen."


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"Wenn man das Design für ein exklusives Paket mal weglässt, dann wird solch ein Auto bei uns zwischen 700.000 und 800.000 Euro kosten. Das ist gar nicht mal so weit von einem LMP2-Auto entfernt, das immerhin als Komplettpaket auch um die 500.000 Euro kostet. Also: Für ungefähr 250.000 Euro mehr kannst du ein ganz eigenes Auto haben - allerdings wie gesagt muss das Design extra bezahlt werden. In der LMP2-Klasse können wir dies halt auf ganz viele Kunden, also auf viele Schultern verteilen."

"Das Businessmodell zwischen LMP1 und LMP2 ist komplett unterschiedlich. Aus meiner Sicht ist es in beiden Klassen nicht sonderlich attraktiv für einen Hersteller wie Oreca. Wir machen es, weil wir mit Leidenschaft dabei sind. Wir wollen unbedingt Konstrukteur von Rennfahrzeugen sein. Unser Geschäft kann man generell nicht mit einem normalen Business vergleichen. Ich muss meinem Finanzchef das jede Woche wieder erklären (lacht)."

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Frage: "Warum macht ihr es dann? Wirklich nur Leidenschaft?"
de Chaunac: "Nein, nicht ganz. Es ist wichtig für das Image unseres Unternehmens, dass wir uns auf diesem Markt bewegen. Und du glaubst gar nicht, welche Wirkung es innerhalb und außerhalb der Firma hat, wenn die Leute sehen, dass in Le Mans zehn Orecas am Start stehen. Es ist wichtig, so etwas darzustellen."

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Frage: "Wird man eigentlich irgendwann mal ein Comeback des Teams Oreca sehen?"
de Chaunac: "Würde ich sehr gern. Können wir aber derzeit in der LMP2-Klasse keinesfalls machen. Wir wollen natürlich nicht in den direkten Wettbewerb mit unseren Kunden treten. In der LMP1-Privatklasse hängt es davon ab, was aus dem Interesse von potenziellen Kunden wird. Wenn wir dort Kunden im Einsatz haben, dann werden wir als Team auch dort nicht fahren. Generell hängt es sowieso davon ab, ob man das richtige Budget zusammenbekommt. Wenn wir so etwas starten, dann immer mit dem Ziel, zu gewinnen. Und dafür braucht man das passende Kleingeld."

Frage: "Wo siehst du dein Unternehmen in fünf Jahren? Was soll bis dorthin passieren?"
de Chaunac: "Zuallererst wollen wir gemeinsam mit Toyota in Le Mans gewinnen! Das steht ganz oben auf der Liste. Dann wollen wir uns als Hersteller von Prototypen weiter etablieren. Und als dritten Punkt möchte ich nennen, dass wir uns mal genau anschauen, in welchen Bereichen wir uns in Zukunft herumtreiben könnten. Welche Autos? Welche Serien? Nur Langstrecke, oder auch Formelautos? Mal schauen."

Frage: "Also habt ihr immer noch die IndyCars im Visier?"
de Chaunac: "Schauen wir mal (lacht). Ich mag Indy..."

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