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Maßnahmenpaket-Nordschleife: Gut gemeint, aber...

Redakteur Markus Lüttgens erklärt in seiner Kolumne, warum das Maßnahmenpaket für die Nürburgring-Nordschleife für ihn nicht der Stein der Weisen ist

Christian Menzel, Lance David Arnold, Jeroen Bleekemolen

Die Nordschleife soll sicherer werden, aber wie? Zoom

Liebe Freunde des Karussells,

fünf Prozent weniger Leistung für die schnellsten Fahrzeugklassen, einige gesperrte Zuschauerbereiche und ein Tempolimit an vier Stellen der Nürburgring-Nordschleife: Mit diesen Maßnahmen reagiert der Deutsche Motorsportbund (DMSB) auf den tragischen Unfall beim Saisonauftakt der VLN, bei dem ein Zuschauer ums Leben kam. Durch das am Dienstag beschlossene Maßnahmenpaket ist das Startverbot für GT3- und andere schnelle Autos erst einmal vom Tisch, und das 24-Stunden-Rennen kann mit dem ursprünglich geplanten Starterfeld über die Bühne gehen.

Das ist zunächst einmal eine gute Nachricht, denn ein 24-Stunden-Rennen ohne die GT3-Boliden von Audi, BMW oder Mercedes, die Armada der GT3- und Cup-Porsche oder die von vielen Fans schon jetzt heiß geliebten Glickenhaus SCG003C wäre eine ziemlich trübe Veranstaltung geworden. Wer wie ich die Rennen Mitte der 1990er-Jahre miterlebt hat, weiß, was ich meine. Daher ist es zu begrüßen, dass das Startverbot für die schnellen Autos wieder von Tisch ist. Aber zu welchem Preis?

Niemand wird freiwillig Leistung opfern

GT3, Start

Die Verbannung der GT3-Boliden wurde aufgehoben - unter Auflagen Zoom

Zugegeben: Als ich am Dienstag die Pressemitteilung des DMSB gelesen habe, war mein erster Gedanke: "Ein guter Kompromiss in der Kürze der Zeit." Doch je länger ich mich mit diesen Maßnahmen befasse, umso mehr muss ich meine erste Meinung revidieren.

Es fängt schon mit der Leistungsreduzierung der Motoren an. Fünf Prozent weniger, aber von was? Die genaue Motorleistung der Fahrzeuge dürfte auch der DMSB nicht kennen, also wird man in diesem Punkt den Angaben der Hersteller vertrauen müssen. Und da freiwillig sicherlich niemand mehr PS als notwendig opfern wird, dürfte die Versuchung groß sein, den Ursprungswert etwas höher anzugeben, womit die Leistungsreduzierung unter dem Strich kaum ins Gewicht fällt.

Viel höhere Wellen schlägt jedoch vor allem bei vielen Fans das Tempolimit - und das sicherlich zurecht, denn hier wird an den Grundfesten des Motorsports gerüttelt. Die Vorstellung, dass die Piloten ohne von außen erkennbaren Grund in die Eisen steigen und mit "Tempomat" um einige Teile der Strecke fahren, ist ziemlich befremdlich - und gefährlich, auch wenn der DMSB darauf hofft, dass plötzliches Bremsen durch die Leistungsreduzierung kein Thema sei.

Tempolimit alleine verhindert Abheben nicht

Dann ist da die Frage der Überwachung. Die soll wie im Fall der Code-60-Zonen über GPS erfolgen. Ich hoffe sehr, die Veranstalter überheben sich damit nicht. Ich erinnere nur an den VLN-Lauf im vergangenen Jahr, der erst mit zwei Stunden Verspätung gestartet werden konnte, weil die Rennleitung mit dem Auswerten und Aburteilen von Gelb-Verstößen nicht hinterher kam. Wenn nun auch noch in jeder Runde an vier Stellen der Nordschleife ein Tempolimit überwacht werden muss, sind endlose Diskussionen vorprogrammiert.

Auch der Sicherheitsgewinn dieser Geschwindigkeitsbegrenzung ist bei genauerer Betrachtung durchaus fragwürdig. Unstrittig ist, dass es für die Sicherheit des Fahrers keine großen Unterschied macht, ob er mit 220 oder "nur" mit 200 km/h in die Leitplanke kracht. Beides tut ziemlich weh.

Doch darum geht es ja auch gar nicht. Vielmehr wurde diese Maßnahme getroffen, um Zitat "ein gefährliches Abheben zu verhindern." Dabei wird in meinen Augen jedoch außer acht gelassen, dass nicht alleine die pure Fahrzeuggeschwindigkeit eine Rolle spielt, sondern immer auch die äußeren Umstände. Die Bilder der fliegenden Mercedes bei den 24 Stunden von Le Mans im Jahr 1999 sind sicherlich vielen noch präsent.

Mit Tempomat über die Nordschleife

David Jahn

Die Sprungkuppen der Nordschleife bleiben ein Risiko Zoom

Viele Runden fuhren die CLR ohne große Probleme um den Kurs, aber irgendwann hoben Mark Webber und Peter Dumbreck plötzlich ab. Sei es, weil durch den Windschatten eines vorausfahrenden Fahrzeugs der Abtrieb reduziert war, oder weil, wie vermutlich auch im Fall von Jann Mardenborough, der Wind eine Rolle spielt (und nicht dessen Werdegang als Sieger der GT-Academy!).

Eine Böe von vorne kann an einer Sprungkuppe wie am Flugplatz schon ausreichen, um die Vorderachse über die kritische Höhe anzuheben. Und kommt erst einmal genügend Luft unter den Unterboden, wirkt sie dort wie ein Keil, der das Fahrzeug aufstellt, und der Abflug ist nicht mehr zu vermeiden - auch bei Tempo 200 nicht. Und viel schneller waren die Fahrzeuge auch bisher am Flugplatz nicht.

Geradezu kontraproduktiv wirkt aber das Tempolimit von 250 auf der Döttinger Höhe. Nicht nur, dass man damit eine der wenigen Überholmöglichkeiten auf der Nordschleife eliminiert hat, man greift indirekt auch in die Abstimmung der Fahrzeuge ein und schafft so neue Risiken. Denn bisher hat die Döttinger Höhe diktiert, wie steil die Teams den Heckflügel stellen konnten, denn niemand wollte dort von einem schnelleren Konkurrenten überholt werden.

Motorsport bleibt gefährlich

Da nun aber keiner mehr schneller als 250 km/h fahren darf, ist vorhersehbar, was passieren wird: Die Flügel werden steiler eingestellt, womit in schnellen Kurven das Tempo und auch die Reifenbelastung steigt. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was passiert, wenn einem Fahrer in der "Mutkurve" der rechte Hinterreifen um die Ohren fliegt...

Markus Lüttgens

Redakteur Markus Lüttgens hat auch kein Patentrezept für die Nordschleife Zoom

Bei aller Kritik muss man dem DMSB und seinem Expertengremium, das dem Vernehmen nach auch aus bekannten Piloten und Vertretern der Hersteller bestand, aber zu Gute halten, dass sie enorm unter Druck standen. Denn ein "weiter so" wäre nach dem tragischen VLN-Unfall ein falsches Signal gewesen. Ich möchte nicht in der Haut der Verantwortlichen stecken, wenn ein weiterer Unfall geschieht.

Motorsport ist gefährlich, daran wird man auf jeder Eintrittskarte erinnert. Jeder Fahrer, der an einem Rennen, egal wo, teilnimmt, weiß, dass ihm niemand garantieren kann, dass er am Abend wieder gesund nach Hause kommt. Auch ich als Journalist darf mich nicht beschweren, wenn ich während des Trainings in der Boxengasse aus mangelnder Vorsicht einem Auto vor den Kühlergrill laufe. Das ist Berufsrisiko.

Zuschauer müssen geschützt werden

Wenn allerdings Zuschauer zu Schaden kommen, muss alles getan werden, um eine Wiederholung eines solchen Zwischenfalls zu vermeiden. Und klar ist auch, dass bis zum 24-Stunden-Rennen, das schon in gut einem Monat stattfindet, große bauliche Veränderungen nicht möglich sind. Daher ist die Sperrung einiger Zuschauerbereiche eine vollkommen richtige Entscheidung.

Alles andere wirkt auf mich allerdings wie Aktionismus, mit dem die breite Öffentlichkeit beruhigt werden soll. Allerdings habe auch ich und wohl auch die meisten Experten auf die Schnelle kein Patentrezept, wie man die Rennen auf der Nordschleife sicherer machen kann, ohne die spektakulärsten und beliebten Autos zu verbannen.

Es bleibt daher zu hoffen, dass die weiteren Rennen in diesem Jahr ohne große Zwischenfälle über die Bühne gehen, damit die weiterhin tagenden Expertenrunden des DMSB in Ruhe über die Zukunft des Rennsports auf der Nordschleife beraten können. Fakt ist jedoch auch eines: Hundertprozentige Sicherheit kann und wird es leider nie geben.

Ihr

Markus Lüttgens

P.S.: Was halten Sie vom Maßnahmenpaket des DMSB? Wie kann man die Nordschleife sicherer machen? Schreiben Sie mir bei Twitter unter @MST_MarkusL.

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