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Reifen-Debakel auf der Nordschleife: Der Indianapolis-Moment des WTCR

Der Tourenwagen-Weltcup WTCR erlebte auf dem Nürburgring ein Debakel: Nach mehreren Reifenschäden mussten die Rennen auf der Nordschleife abgesagt werden

(Motorsport-Total.com) - Die Rennen im Rahmen des 24-Stunden-Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife sind einer der Höhepunkte in der Saison des Tourenwagen-Weltcups WTCR. Eigentlich. Am vergangenen Wochenende erlebte die Serie dort allerdings einen Tiefpunkt in ihrer Geschichte.

Rennfahrzeuge des WTCR auf der Nürburgring-Nordschleife

WTCR-Autos sah man am Samstag nicht mehr auf der Nordschleife Zoom

Aus Sicherheitsgründen mussten die beiden Rennen am Samstag kurzfristig abgesagt werden. Reifenlieferant Goodyear konnte nach mehreren Reifenschäden in den Trainingssitzungen nicht für die Sicherheit der Pneus garantieren. Um 9:45 Uhr und damit gerade einmal 15 Minuten vor dem geplanten Start des ersten Rennens teilte Promoter Discovery Sports Events mit, dass die Rennen ausfallen.

In der Mitteilung der Sportkommissare, die am Samstag um 10:24 Uhr veröffentlicht wurde heißt es: "Seit Beginn der zweiten Veranstaltung auf dem Nürburgring gab es während des freien Trainings und des Qualifyings mehrere Probleme mit den Reifen an verschiedenen Fahrzeugen."

Vor allem Lynk & Co und Honda betroffen

"Nach einem Treffen am Samstag, den 28. Mai um 08:00 Uhr morgens mit dem Management von Goodyear, FIA-Offiziellen und Vertretern von [Promoter] Discovery wurde von Goodyear erklärt, dass die Sicherheit der Reifen nicht garantiert werden kann, was in einer offiziellen Erklärung von Goodyear am 28. Mai um 09.45 Uhr bestätigt wurde. Daher haben die Rennkommissare beschlossen, den Wettbewerb aus schwerwiegenden Sicherheitsgründen abzubrechen."

Vom ersten Freien Training an gab es am Nürburgring Probleme mit den Pneus, immer wieder sah man Fahrer mit platten Reifen im langsamen Tempo um die Strecke fahren. Allerdings war nicht das gesamte Feld gleichermaßen davon betroffen. Gehäuft traten die Probleme bei den Fahrezugen von Lynk & Co sowie bei den Hondas der deutschen Teams Münnich und Engslter auf. Cupra und Audi meldeten einzelne Reifenschäden, die Hyundais hatte keine Probleme mit den Pneus.

Dies weckte bei Goodyear den Verdacht, dass die Abstimmung der Lynk & Co und Hondas für die Defekte ursächlich wäre und die Reifen außerhalb der von Goodyear vorgebenen Parameter betrieben werden - was von den Teams jedoch vehement bestritten wurde.

Yvan Muller: "Ich möchte nicht sterben"

Im Versuch eine Lösung für das Problem zu finden, stellte Goodyear den Teams pro Auto acht zusätztliche Reifen zur Verfügung. Zudem wurde das Qualifying am Freitag auf 30 Minuten verkürzt und vorher eine 15-minütige Test-Session in den Zeitplan eingefügt. Doch das half wenig.

TCR-Fahrzeug von Lynk & Co auf der Nürburgring Nordschleife

Yvan Muller machte sich große Sorgen um seine Sicherheit Zoom

Gleich in der ersten Qualifying-Runde fing sich Lynk & Co-Pilot Yvan Muller einen Reifenschaden ein. "Also entschieden wir uns für den zweiten Versuch. Aber ich hatte die ganze Zeit über eine Vibration", so der viermalige Weltmeister. Im Anschluss entschied sich Lynk & Co, die anderen Autos nicht mehr auf die Strecke zu schicken.

Hinter den Kulissen kochten die Diskussionen hoch, ein Boykott der Rennen durch einzelne Teams stand im Raum, wie Muller schon am Freitag äußerte: "Wir müssen den morgigen Tag [Samstag] überleben, aber im Moment muss ich sagen, dass ich nicht sicher bin, ob ich das Rennen fahren werde. Ich möchte nicht sterben."

Erinnerungen an Indianapolis 2005

Beobachter fühlten sich längst an den Formel-1-Grand-Prix der USA 2005 erinnert. Damals waren die Michelin-Pneus der Belastung der Steilkurve in Indianapolis nicht gewachsen. Versuche, die Strecke beispielsweise durch eine Schikane aus Reifenstapeln zu entschärfen und so die Belastung der Reifen zu reduzieren, scheiterten damals am Widerstand der Bridgestone-Teams, was zum denkwürdigen Rennen mit nur sechs Autos führte.

Auch am Nürburgring wurden ungewöhnliche Maßnahmen erwogen, um die Rennen des WTCR sicher durchzuführen. Ein Gedanke war, in den Streckenabschnitten der Nordschleife, in denen die Reifen am stärksten belastet werden, während der Rennen permanente Code-60-Zonen zu errichten. Doch wie seinerzeit in Indianapolis wurde auch hier keine Einigung erzielt.

Am Samstagmorgen veröffentlichte Honda dann eine Mitteilung, die harmlos klang, aber politischen Sprengstoff enthielt. "Die beiden Honda-Kundenteams Munnich und Engstler haben während des Qualifyings zum Deutschland-Rennen des WTCR auf der Nürburgring-Nordschleife Reifenschäden gemeldet, die ihre Leistung gefährden."

Brisantes Statement von Honda am Samstagmorgen

"Honda hat ein ureigenes Interesse am WTCR, in dessen Mittelpunkt der Wunsch steht, die Integrität der Meisterschaft zu bewahren, und bedauert daher, dass es zu dieser Situation gekommen ist. In dieser Angelegenheit hat Honda absolutes Vertrauen in seine Kunden-Rennteams, dass sie sich an alle technischen Empfehlungen halten, die ihnen von Goodyear für die WTCR-Saison 2022 gegeben wurden, insbesondere für das WTCR-Rennen von Deutschland auf der Nürburgring-Nordschleife."

Goodyear-Reifen

Der Stein des Anstoßes: Die Goodyear-Reifen des WTCR Zoom

Übersetzt heißt das nichts anderes: Wir haben alles in unserer Macht stehende getan. Wenn es nun zu Reifenschäden und Unfällen kommt, liegt dies in der Verantwortung von Goodyear. Das Risiko, für zerstörte Autos oder gar verletzte Fahrer an den Pranger gestellt zu werden, war den Verantwortlichen des Reifenherstellers, einem der Hauptsponsoren der Serie, dann doch zu hoch. Und so entschied man sich zur Ultima ratio und sagte die Rennen ab.

Anschließend äußerte sich Goodyear in einer Mitteilung wie folgt: "Während des Qualifyings und der Freien Trainings zum Deutschland-Rennen des WTCR auf der Nürburgring Nordschleife meldeten mehrere Teams Reifenschäden. In den verschiedenen Sessions wurden Reifen aus unterschiedlichen Produktionschargen verwendet. Es gab keinen Unterschied in der Leistung oder Haltbarkeit zwischen den Chargen."

Goodyear verspricht umfassende Analyse

"Aufgrund der Erfahrungen mit den Reifen, der während der verschiedenen Sessions in dieser Woche gemacht wurden, haben wir eine vorläufige Überprüfung der Rückverfolgbarkeit der gemeldeten Produktionschargen durchgeführt. Die bisherige Analyse und die Inspektion der zurückgegebenen Reifen mit der Spezifikation haben keine Herstellungsprobleme ergeben. Weitere Analysen der gemeldeten Erfahrungen sind in Zusammenarbeit mit den Teams erforderlich, bevor wir die weitere Verwendung dieser Spezifikation im aktuellen WTCR-Rennformat empfehlen können."

"Wir werden alle Reifen für weitere Analysen einsammeln. Die Sicherheit steht für uns an erster Stelle, und wir wissen, wie wichtig es ist, den Fahrern das Vertrauen zu geben, das sie brauchen, um auf einer Strecke mit den spezifischen Anforderungen der Nürburgring-Nordschleife zu bestehen. Wir verpflichten uns, eine umfassende technische Analyse des Produkts sowie der Reifennutzung unter Rennbedingungen im Hinblick auf die zukünftigen WTCR-Rennen der Saison durchzuführen."

Warum die im Vergleich zum Vorjahr unveränderten WTCR-Reifen der Belastung der 25,378 Kilometer langen Strecke offensichtlich nicht gewaschsen waren, wird von Goodyear untersucht. Keine Probleme gab es mit den Goodyear-Reifen, die in der TCR-Klasse des 24h-Rennens verwendet wurde, die aber einer anderen Spezifikation entsprechen.

Transparenzhinweis: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir behauptet, die Reifenmischung der WTCR-Reifen von Goodyear sein 2022 im Vergleich zum Vorjahr verändert worden. Dies war jedoch nicht richtig.

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